INTERVIEW

- 21.02.2021

Interview mit einem Vertreter des Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum zum hundertsten Jahrestag der Zerstörung des Kalifats – Teil 2

Bei dem folgenden Interview handelt es sich um den zweiten Teil einer Interviewreihe anlässlich des hundertsten Jahrestages der Zerstörung des Kalifats. Die Interviews sind Teil der globalen Kampagne von Hizb-ut-Tahrir, die ins Bewusstsein rufen soll, dass es sich bei dem Kalifat um eine Schicksalsfrage für die Umma handelt. Die Kampagne soll einen Impuls aussenden und bei den Muslimen das Begehren wecken, sich nach Kräften für die Wiedererrichtung des rechtgeleiteten Kalifats einzusetzen.

 

Kalifat.com: As-salamu aleykum wa rahmatullahi wa barakatuh. Ich begrüße dich zu unserem zweiten Interview anlässlich des hundertsten Jahrestages der Zerstörung des Kalifats.

Mediensprecher: Wa aleykum us-salam wa rahmatullahi wa barakatuh. Vielen Dank, ich freue mich auf unser Gespräch.

Kalifat.com: Heute möchte ich damit beginnen, noch einmal auf den islamrechtlichen Aspekt einzugehen, den du in unserem ersten Interview als grundlegende Prämisse bezeichnet hast. Obwohl du bereits erwähntest, dass die diesbezüglichen Belege eindeutig und die Gelehrten sich über den obligatorischen Charakter stets einig waren, scheint das Thema in unserer heutigen Zeit dennoch für Kontroversen zu sorgen. Wie erklärst du das?

Mediensprecher: Gut, zunächst sollten wir etwas stärker auf die Belege und die Aussagen der Gelehrten eingehen, um unmissverständlich aufzuzeigen, dass diese Kontroverse völlig unbegründet ist. Allah (t) sagt:

﴿فَاحْكُمْ بَيْنَهُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ ۖ وَلَا تَتَّبِعْ أَهْوَاءَهُمْ عَمَّا جَاءَكَ مِنَ الْحَقِّ

So richte unter ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen, von der Wahrheit abzuweichen, die zu dir gekommen ist. (5:48)

Und Er (swt) sagt:

﴿وَأَنِ احْكُمْ بَيْنَهُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ وَلَا تَتَّبِعْ أَهْوَاءَهُمْ وَاحْذَرْهُمْ أَنْ يَفْتِنُوكَ عَنْ بَعْضِ مَا أَنْزَلَ اللَّهُ إِلَيْكَ

Und richte unter ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen. Und nimm dich in Acht vor ihnen, dass sie dich nicht von einem Teil dessen abbringen, was Allah zu dir herabgesandt hat. (5:49)

Es handelt sich hier um eine Ansprache an den Gesandten (s), um einen Befehl, der in apodiktischer Weise erfolgt ist. Gemäß der bekannten Rechtsregel richtet sich diese Ansprache ebenso an die Gesamtheit der Muslime, da kein Rechtsbeleg ergangen ist, der die Ansprache auf den Gesandten (s) beschränkt. Der Umma wurde also die Pflicht auferlegt mit dem Gesetz Allahs (swt) zu richten bzw. die Scharia zu implementieren. Praktisch bedeutet dies, dass wir eine ausführende Struktur benötigen, um den hier formulierten Geltungsanspruch zu materialisieren. Hier greift die bekannte Rechtsregel: Was zur Erfüllung einer Pflicht unerlässlich ist, wird ebenso zur Pflicht. Anders ausgedrückt, geht es um eine autorisierte Instanz, welche die Scharia in kollektiv verbindlicher Form zur Anwendung bringt.

Kalifat.com: Wer oder was ist diese autorisierte Instanz? Was ist damit gemeint?

Mediensprecher: Auch das geht aus den Rechtsbelegen hervor. Allah (swt) sagt:

﴿يَاأَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا أَطِيعُوا اللَّهَ وَأَطِيعُوا الرَّسُولَ وَأُولِي الْأَمْرِ مِنْكُمْ

Ihr, die ihr glaubt! Gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und denjenigen, die unter euch die Befehlsgewalt innehaben. (4:59)

In diesem Vers ist also die Rede von exekutiv Bevollmächtigten, denen wir Gehorsam entgegenbringen müssen. Dieses Gebot impliziert die Einsetzung eines Befehlshabers, da dessen Existenz die notwendige Voraussetzung für den Gehorsam ihm gegenüber darstellt. Wir sind also dazu angehalten, eine natürliche Person als Oberhaupt und Staatsführer einzusetzen, die die Angelegenheiten des gesellschaftlichen Lebens gemäß den islamischen Rechtssprüchen betreut. In der islamischen Staatslehre kann diese Funktion nur durch die Aufstellung eines Kalifen – also durch die baiʿa – realisiert werden. Auch dies geht aus den Rechtsbelegen deutlich hervor. So sagte der Gesandte (s):

«كَانَتْ بَنُو إسْرَائِيلَ تَسُوسُهُمُ الأنْبِيَاءُ، كُلَّما هَلَكَ نَبِيٌّ خَلَفَهُ نَبِيٌّ، وإنَّه لا نَبِيَّ بَعْدِي، وَسَتَكُونُ خُلَفَاءُ فَتَكْثُرُ، قالوا: فَما تَأْمُرُنَا؟ قالَ: فُوا ببَيْعَةِ الأوَّلِ، فَالأوَّلِ، وَأَعْطُوهُمْ حَقَّهُمْ، فإنَّ اللَّهَ سَائِلُهُمْ عَمَّا اسْتَرْعَاهُمْ»

„Das Volk Israel ist stets von Propheten betreut worden. Immer wenn ein Prophet starb, folgte ihm ein anderer. Nach mir wird es aber keinen Propheten mehr geben. Es werden aber Kalifen kommen und deren Zahl wird groß sein.“ Sie fragten: „Was befiehlst du uns?“ Er antwortete: „Erfüllt die baiʿa des jeweils Ersteren und gebt ihnen ihr Recht, denn Allah wird sie über das zur Rechenschaft ziehen, was Er in ihre Obhut gelegt hat.“ (Von Muslim überliefert)

An dieser Stelle möchte ich auf den Wortlaut des Hadith aufmerksam machen, um zu verdeutlichen, dass es hier nicht um eine rein spirituelle Betreuung der Angelegenheiten geht. Denn das Verb tasūsuhum deutet auf die umfassende Betreuung aller gesellschaftspolitischen Relationen hin und wird in den klassischen arabischen Wörterbüchern explizit mit den Begriffen des Gebietens und des Verbietens erläutert. So und nicht anders haben es auch die ersten Empfänger dieser Ansprache – nämlich die Gefährten des Propheten (ṣaḥāba) – verstanden und setzten dies in die Tat um. Nicht ohne Grund spricht die Umma vom rechtgeleiteten Kalifat und es gibt doch niemanden, der dessen historische Existenz ernsthaft in Abrede stellt. Zusammengefasst haben wir also klare Belege aus dem Koran, der Sunna und durch den Konsens der ṣaḥāba.

Kalifat.com: Du hattest in unserem ersten Gespräch ibn Taimiya zitiert. Haben sich auch andere Gelehrte zum Kalifat geäußert?

Mediensprecher: Selbstverständlich haben sie das. Die Gelehrten waren sich über den obligatorischen Charakter des Kalifats einig, genauso wie alle relevanten Strömungen des Islam. So sagte ibn Ḥazm: Über die Verpflichtung des Imamats ist sich die Gesamtheit der ahl as-sunna einig sowie die Gesamtheit der murğiʾa, die Gesamtheit der šīʿa (Schiiten), und die Gesamtheit der ḫawāriğ. Und in der richtungsweisenden Schrift al-aḥkām as-sulṭānīya von al-Māwardī heißt es: Das Imamat (al-imāma) bezeichnet die Nachfolge (Kalifat) des Prophetentums zum Schutz der Glaubensordnung (dīn) und der Betreuung der diesseitigen Angelegenheiten. Die vertragliche Einsetzung desjenigen, der dies in der Umma umsetzt, stellt per Konsens eine Pflicht dar. Zu der umfassenden Funktion und gesellschaftspolitischen Relevanz des Kalifats erklärte an-Nasafī: Die Muslime müssen einen Imam haben, der die Gesetze implementiert, die ḥudūd (von Allah festgelegte Strafen, Anm.) aufrechterhält, die Grenzen überwacht, die Armeen ausrüstet, die Almosen eintreibt, Aufständische, Diebe und Wegelagerer bekämpft, das Freitagsgebet und die beiden Festtage aufrechterhält, den Rechtsstreit unter den Menschen beilegt, Beweise und Rechtsansprüche erfasst, die Heirat von jungen Männern und Frauen ermöglicht, die über keinen Vormund und Vertreter verfügen und die Verteilung der Kriegsbeute sicherstellt. Auch war den Gelehrten bewusst, welch katastrophalen Folgen es hätte, wenn diese politische Struktur abhandenkommt. So warnte al-Ġazālī davor, dass mit der Auflösung des Kalifats der Verlust der islamischen Rechtspflege einhergehen und der Schutz des Lebens, der körperlichen Unversehrtheit, der Ehre und des Vermögens nicht mehr gewährleistet sein würde. Und um noch einmal den normativ-verpflichtenden Charakter sowie den diesbezüglichen Konsens zu verdeutlichen, möchte ich auf an-Nawawī verweisen, der sagte: Die Gelehrten waren sich darüber einig, dass die Muslime einen Kalifen aufstellen müssen; dies verlangt das Gesetz, nicht die Ratio. In der Summe all dieser Rechtsbelege und Aussagen der Gelehrten kann man also zu gar keinem anderen Schluss kommen. Das Kalifat stellt ohne Zweifel eine islamrechtliche Pflicht dar.

Kalifat.com: Gut, das klingt tatsächlich sehr eindeutig. Aber wie kommt es dann zu den gegenwärtigen Kontroversen? Weshalb wird der verpflichtende Charakter des Kalifats in Abrede gestellt?

Mediensprecher: Die sogenannte Kontroverse um das Kalifat ist natürlich etwas komplex, daher sollten wir zunächst ein wenig abschichten. Auf der einen Seite haben wir Anhänger fremder Ideologien, die aus ihrer politischen Philosophie heraus dem Kalifat und der politischen Dimension des Islam grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen. Ich spreche hier von säkularen Nationalisten, Liberalen oder Sozialisten in der islamischen Welt, die das Kalifat aus ideologischen Gründen ablehnen. Auf der anderen Seite gibt es Muslime, die mit ihrer Glaubensordnung, ihrem dīn, einfach nicht vertraut sind und aus Unwissenheit einen verengten Religionsbegriff übernehmen, der den Islam auf spirituelle Kultushandlungen beschränkt. Die Argumente beider Gruppen haben aus islamrechtlicher Perspektive natürlich keine Relevanz – dennoch handelt es sich um gesellschaftliche Phänomene, die wir einordnen bzw. erklären müssen. Strukturell betrachtet ist die Existenz solcher Positionen der kulturellen Hegemonie des Westens geschuldet. Bei der ersten Personengruppe erkennt man das anhand ihrer Vorstellungen von Staat und Gesellschaft ganz deutlich. Ich meine, sie selbst bezeichnen sich doch als Säkulare, Liberale, Demokraten, Sozialisten, Marxisten und so weiter. Sie identifizieren sich auf semantischer Ebene also offenkundig mit westlichen Anschauungen und brechen mit der eigenen Kulturgeschichte. Aber auch Muslime, die einen falschen – oder genauer gesagt – unpolitischen Begriff vom Islam haben, sind dem säkularen Zeitgeist anheimgefallen. Phänomene dieser Art gab es bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert, da sich das osmanische Kalifat im Niedergang befand und den hybriden Strategien westlicher Kolonialstaaten nicht mehr viel entgegensetzen konnte. Darüber hatte ich in unserem ersten Gespräch bereits referiert, als es um den Nationalismus und den europäischen Volksbegriff ging. Durch die Zerstörung des Kalifats und die anschließende Neuordnung der islamischen Welt haben sich westliche Gedankensysteme in gesellschaftspolitische Strukturen niedergeschlagen und dadurch natürlich eine noch größere Verbreitung gefunden.

Kalifat.com: Verstehe, aber was ist mit den islamischen Bewegungen und ihren Vordenkern? Auch im innerislamischen Diskurs scheint das Kalifat ja zur Disposition zu stehen.

Mediensprecher: So würde ich das nicht ausdrücken. Denn zwischen Ablehnung und einer pragmatischen Aufarbeitung oder Herangehensweise gibt es schon einen sehr großen Unterschied. Diejenigen, die den obligatorischen Charakter des Kalifats tatsächlich ablehnen, sind wenige und bilden auch keine islamischen Positionen ab. Der erste, der das Kalifat in solch expliziter Form abgelehnt hat, war Ali Abdurraziq in seiner Streitschrift al-Islam wa Usul al-Hukm. Darin negiert er die Rechtsbelege aus dem Koran und der Sunna sowie den diesbezüglichen Konsens der Gefährten (ṣaḥāba). Das war eine extreme Zäsur, was auch die entschlossene Reaktion der al-Azhar erklärt. So befasste sich im Jahre 1925 das höchste Gremium der Universität mit den Behauptungen Abdurraziqs und erklärte seinen Gelehrtenabschluss – also die al-shahada al-alamiyya – für ungültig. Auf praktischer Ebene enthoben sie ihn damit auch seines Richteramtes in Mansoura. Gegen sein Werk spricht neben den methodischen Fehlern auf islamrechtlicher Ebene aber auch seine historische Rezeption des Kalifats, das seiner Auffassung nach aus strukturellen Gründen der Ungerechtigkeit, Despotie und Tyrannei Tür und Tor geöffnet hätte. Natürlich gab es in 1300 Jahren islamischer Geschichte auch immer wieder Missstände und Verfehlungen – darum geht es hier aber nicht. Denn seine Kritik war von einem säkularen Liberalismus beseelt, der alle anderen Gesellschaftsformen ohnehin als tyrannische Struktur abwertet. Seine dahingehende Prägung ist eindeutig; so wurde Abdurraziq stark durch die Vorlesungen des italienischen Orientalisten Carlo Nallino beeinflusst, der auf Geheiß von König Fuad an der ersten säkularen Universität Ägyptens unterrichtete. Auch sollten wir nicht vergessen, dass sein unmittelbares Umfeld aus wichtigen Akteuren der säkular-liberalen Bewegung in Ägypten bestand. So war schon sein Vater Hasan Abdurraziq an der Gründung der sogenannten Hizb al-Umma beteiligt – der ersten säkular-nationalistischen Partei Ägyptens. Sein Bruder Mahmud war Mitbegründer der Hizb al-Ahrar ad-Dusturiyyin, einer Partei, die sich explizit für die Schaffung einer liberalen Verfassung und die Trennung von Staat und Religion einsetzte. Ferner zählten Personen wie Qasim Amin, Ahmad Lutfi Sayyid, Muhammad Hussein Haikal und Taha Hussein zu seinem Umfeld – wir haben es also mit einem Milieu zu tun, das von westlichen Anschauungen geradezu durchdrungen war und in diesem Kontext müssen wir das Wirken von Ali Abdurraziq begreifen. Und ja, auch die sogenannten Gelehrten, die in der heutigen Zeit gegen das Kalifat polemisieren, sind durch fremde Gedankensysteme und politische Loyalitäten völlig vereinnahmt. Ich meine, was erwartet man denn beispielsweise von einem Hassoun in Syrien, dem Großmufti eines säkularen Massenmörders? Natürlich ist er ein regimetreuer Verräter, der seinem Dienstherrn niemals die Legitimität absprechen würde!

Kalifat.com: Hier spielt die geistig-strukturelle Vereinnahmung also eine ganz wesentliche Rolle. Aber wie sieht es mit der pragmatischen Herangehensweise aus? Worin unterscheidet sich diese?

Mediensprecher: Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Pragmatiker den obligatorischen Charakter des Kalifats in der Regel nicht ablehnen. Sie betrachten das Kalifat viel mehr als Ideal, auf das es hinzuarbeiten gilt, beschreiten auf diesem Weg jedoch gefährliche Pfade. Das erkennt man bereits bei ihren Vordenkern, die in derselben Zeit im politisch umbrüchigen Ägypten gewirkt haben. Auch sie waren von der westlichen Geistesbildung affektiert und übernahmen bewusst oder unbewusst fremde Denkfiguren. So zeigten sich beispielsweise Muhammad Abduh und Jamal ad-Din al-Afghani von der liberalen Historiographie eines Francois Guizots beeindruckt, der die Geschichte als progressive Bewegung verstand, die sich auf die Entfaltung persönlicher Freiheitsrechte hinbewegt. Etwas allgemeiner formuliert, entstand hier ein Milieu islamischer Denker, das mit dem Freiheitsbegriff operierte und in Teilen auch in nationalstaatlichen Strukturen dachte. Anstatt die durch die Kolonialstaaten oktroyierten Unterdrückungsinstrumente – also die säkularen Nationalstaaten – radikal abzulehnen, verstanden sie diese als Vehikel, durch die islamische Interessen transportiert und verwirklicht werden könnten. So hegte beispielsweise Rashid Rida die Hoffnung, dass das laizistische Parlament in der Türkei seine Entscheidung zur Abschaffung des Kalifats revidieren und dem Amt seine politische Autorität wiederverleihen könnte. Bezugnehmend auf die englische Kolonialherrschaft in Indien empfahl er den Muslimen, Regierungstätigkeiten zu übernehmen, um den Einfluss des Islam zu stärken und die Interessen der Muslime zu wahren. Hier erkennt man sehr deutlich, was ich als pragmatischen Ansatz beschreibe. Das langfristige Ziel dieser Akteure besteht in der Wiedererrichtung des Kalifats; auf dem Weg dorthin müsste man sich jedoch mit den politischen Realitäten arrangieren und diese möglichst geschickt nutzen.

Kalifat.com: Und wo ist das Problem bei diesem Ansatz?

Mediensprecher: Das zentrale Problem besteht darin, dass eine solche Herangehensweise islamrechtlich nicht gedeckt ist. Die politische Partizipation an unislamischen Systemen ist verboten und widerspricht grundlegend dem islamischen Ansatz, eine Gesellschaft zu verändern. Der machiavellistische Grundsatz „Der Zweck heiligt die Mittel“ ist zurückzuweisen, denn der Islam gibt nicht nur die Ziele vor, sondern auch konkrete Handlungsanweisungen, was den Weg dorthin anbelangt. Abgesehen davon möchte ich aber noch auf zwei Aspekte fokussieren, die von zentraler Bedeutung sind. Die Vorstellung, der Nationalstaat sei eine neutrale Struktur, die als Vehikel für religiöse Weltanschauungen genutzt werden kann, ist ein fataler Irrglaube. Wie wir in unserem ersten Gespräch konstatiert haben, besteht der Sinn und Zweck des Nationalstaates doch gerade darin, religiöse Weltanschauungen in die private Sphäre zu verbannen und ihnen den öffentlichen Geltungsanspruch zu entziehen. Er ist das Ergebnis und die politische Manifestation der Säkularisierung und in diesem Sinne eine direkte Antithese zum Kalifat. Der Ansatz ist also schon auf konzeptioneller Ebene zum Scheitern verurteilt, da er durch die Übernahme eines fremden semantischen Netzwerks voller Widersprüche ist. Auf praktischer Ebene führt das dazu, dass man sich extrem verbiegen muss, um überhaupt an diesem System partizipieren zu können – das ist der zweite Aspekt, auf den ich hinweisen möchte. Je länger man in eine fremde Rolle schlüpft, die man nach außen hin auch glaubwürdig vertreten will, desto stärker wächst man tatsächlich in diese Rolle hinein. Man wird sozusagen durch das fremde System vereinnahmt, sodass am Ende das ursprüngliche Ziel völlig abhandenkommt. Ich spreche hier nicht über eine abstrakte Theorie oder ein psychologisches Modell – vielmehr ist das die bittere Realität. So wagen ehemalige Befürworter des Kalifats nicht einmal mehr den Begriff in den Mund zu nehmen und haben sich in aller Öffentlichkeit vom „politischen Islam getrennt“. Auf diesem Wege – das sollte uns klar sein – werden wir das Ziel nicht erreichen. Der Weg zum Kalifat und zur Wiedererlangung unserer politischen Handlungsfähigkeit besteht darin, sich auf die eigenen Ressourcen zu stützen und unser gesamtes Vertrauen in diese zu setzen. Nur wenn wir unser gesamtes Denken und Handeln auf die islamische ʿaqīda stützen, werden wir in der Lage sein, den Zustand in der islamischen Welt fundamental zu verändern. So sagt der Erhabene:

﴿إِنَّ اللَّهَ لَا يُغَيِّرُ مَا بِقَوْمٍ حَتَّى يُغَيِّرُوا مَا بِأَنْفُسِهِمْ

Allah ändert den Zustand eines Volkes nicht, ehe sie ändern, was in ihnen ist. (13:11)

Und Er (t) sagt:

﴿وَعَدَ اللَّهُ الَّذِينَ آمَنُوا مِنْكُمْ وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ لَيَسْتَخْلِفَنَّهُمْ فِي الْأَرْضِ كَمَا اسْتَخْلَفَ الَّذِينَ مِنْ قَبْلِهِمْ وَلَيُمَكِّنَنَّ لَهُمْ دِينَهُمُ الَّذِي ارْتَضَى لَهُمْ وَلَيُبَدِّلَنَّهُمْ مِنْ بَعْدِ خَوْفِهِمْ أَمْنًا ۚ يَعْبُدُونَنِي لَا يُشْرِكُونَ بِي شَيْئًا ۚ وَمَنْ كَفَرَ بَعْدَ ذَلِكَ فَأُولَئِكَ هُمُ الْفَاسِقُونَ

Verheißen hat Allah denen, die von euch glauben und gute Werke tun, dass er sie gewiss zu Nachfolgern auf Erden machen wird, wie Er jene, die vor ihnen waren, zu Nachfolgern machte; und dass Er ihnen gewiss ihre Glaubensordnung festigen wird, die Er ihnen gutgeheißen hat; und dass Er ihren Stand nach ihrer Furcht in Sicherheit verwandeln wird, auf dass sie Mich verehren und Mir nichts zur Seite stellen. Wer sich aber hernach abwendet, so sind dies die Frevler. (24:55)

Kalifat.com: Vielen Dank lieber Bruder, das möchte ich als heutiges Schlusswort stehen lassen. In unserem nächsten Gespräch können wir an dieser Stelle ansetzen und auf die intellektuellen und politischen Potenziale der Umma eingehen.

 

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