KALIFAT

- 10.03.2021

Das Kalifat hat eine einzigartige Staatsform

 

Der folgende Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Die Zerstörung des Kalifats von Scheich ʿAbd al-Qadīm Zallūm.

 

Die Idee des Kalifats ist nicht bloß eine nostalgische Traumreise in eine märchenhafte Vergangenheit, sie stellt eine der größten göttlichen Pflichten dar, die Allah (t) den Muslimen in ihrem irdischen Dasein auferlegt hat. Sie bildet die umfassende Staats- und Regierungsform, innerhalb der allein alle islamischen Gesetze und Lebenssysteme realisiert werden können. Denn die zahlreichen Gebote in der Offenbarung, die das Wirtschafts-, Gesellschafts-, Staats- und Strafrecht betreffen, können und dürfen nur durch den Kalifen, als Regent und islamisches Staatsoberhaupt, vollzogen werden. Er allein hat das Recht und die Pflicht, das Gesetz Gottes auf Erden zu implementieren. So hat der Gesandte Allahs (s) gesprochen: „Das Volk Israel wurde von Propheten betreut, immer wenn ein Prophet starb, folgte ihm ein anderer. Nach mir aber wird kein Prophet mehr kommen. Es werden aber Kalifen folgen, und deren Zahl wird groß sein.“ Man fragte ihn: „Und was befiehlst du uns?“ Er antwortete: „Erfüllt die baiʿa (Treueeid) des jeweils ersteren und gebt ihnen ihr Recht, denn Allah wird sie (hernach) ausfragen über das, was er ihnen als Treuhand übergeben hat!“ (Muslim)

Das Regieren allein nach den islamischen Gesetzen stellt ein eindeutiges und klares göttliches Gebot dar. So hat Allah (t) befohlen:

﴿فَٱحْكُم بَيْنَهُم بِمَآ أَنزَلَ ٱللَّهُ ۖ وَلَا تَتَّبِعْ أَهْوَآءَهُمْ عَمَّا جَآءَكَ مِنَ ٱلْحَقِّ ۚ لِكُلٍّۢ جَعَلْنَا مِنكُمْ شِرْعَةًۭ وَمِنْهَاجًۭا

Und richte unter ihnen nach dem, was Allah zu dir herabgesandt hat, und folge ihren Neigungen nicht. Und nimm dich vor ihnen in Acht, dass sie dich ja nicht von einigem abbringen, was Allah zu dir herabgesandt hat! (5:48)

Dieser göttliche Befehl, der an den Propheten (s) ergangen ist, stellt in gleicher Weise einen Befehl an uns dar. Denn jeder Befehl, der von Allah (t) an den Propheten ergeht, ergeht in gleicher Weise an seine Umma, solange es dafür keine Beschränkung gibt. Hier gibt es aber keine noch so geartete Beschränkung, deshalb ist es ein klarer Befehl an uns, nach den Gesetzen Allahs zu regieren. Da wir als Einzelpersonen und Gemeinschaft, gar nicht in der Lage sind, geschweige denn das Recht haben, die göttlichen Gesetze willkürlich anzuwenden, haben wir die Pflicht, jene Person aufzustellen, die von uns autorisiert wird, das Gesetz Allahs zu vollziehen. Diese Person eben ist der Kalif.

Das Kalifat ist aber nicht irgendeine Regierungsform mit einem Kalifen an der Spitze. Sie stellt vielmehr ein einzigartiges Staatssystem dar, das mit keinem anderen auf dieser Welt vergleichbar ist. Es ist kein Königreich, denn der Kalif steht nicht wie der König über dem Gesetz, er hat keinerlei Immunität und kann genauso gesetzlich geahndet werden wie jeder andere Bürger auch. Der Kalif kann nicht nach eigener Willkür regieren, wie es vor allem bei Königen früherer Zeit und teilweise heute noch (siehe Jordanien, Saudi-Arabien und Marokko) der Fall ist, vielmehr ist er den Gesetzen des Islam unterworfen. Der Kalif hat auch keine Privilegien wie ein König. Es gibt auch keine Thronfolge im Islam, sondern jene Person wird zum Kalifen, die von den Muslimen dafür die baiʿa erhalten hat.

Das Kalifat ist auch keine Republik. Denn das republikanische System basiert auf dem demokratischen Prinzip, bei dem das Recht (die Gesetzgebung) vom Volk ausgeht. Deswegen gibt es in jeder Republik ein Parlament als Volksvertretung mit gesetzgeberischer Funktion. Im

Islam geht das Recht allein von Allah (t) aus. Er ist der Gesetzgeber:

﴿فَٱحْكُم بَيْنَهُم بِمَآ أَنزَلَ ٱللَّهُ

Und richte unter ihnen nach dem, was Allah zu dir herabgesandt hat (5:48)

Auch gibt es im republikanischen System eine Regierung mit Ministern, wo jeder Minister in Eigenverantwortung für ein bestimmtes Ressort zuständig ist. Im Islam hat der Kalif die Gesamtverantwortung inne. Er hat Assistenten (muʿāwinūn), die ihn bei seinen Aufgaben unterstützen. Sie agieren aber nicht in einem eigenen Ressort unabhängig, sondern sind ihm für all ihre Tätigkeiten Rede und Antwort schuldig. Es gibt im Kalifat zwar eine Ratsversammlung (maǧlis al-umma), sie hat aber nur Kontroll- und Beratungsfunktion, und ist keinesfalls eine gesetzgeberische Institution.

Auch hat das Kalifat mit einem Imperium nichts gemein. Denn in einem Imperium sind nicht alle Völker und Herrschaftsgebiete gleichgestellt. Vielmehr kommt dem Zentrum des Imperiums mit seinem Kerngebiet eine politische, wirtschaftliche und finanzielle Sonderstellung zu. Beispiele dafür sind das Römische Imperium der Antike und das Britische Kolonialimperium der Neuzeit. So eine Sonderstellung gibt es im Kalifat keine. Vielmehr steht das Regierungssystem im Islam konträr dazu. Denn alle Bürger des Staates sowie alle Staatsgebiete haben die gleichen Rechte. Weder die Hauptstadt, noch sonst irgendein Kerngebiet genießt politische, wirtschaftliche oder anders geartete Sonderrechte. Demzufolge macht das Kalifat seine Staatsgebiete nicht zu Kolonien, die nach Strich und Faden ausgebeutet werden, damit irgendein versnobtes Kerngebiet im wahrsten Sinne des Wortes zu einer „Insel der Seligen“ wird, während andere Teile in bitterster Armut dahinsiechen. Vielmehr hat der Kalif für das Wohl aller Bürger zu sorgen, auch wenn sie Nichtmuslime sind. „Der Imam (Kalif) ist ein Hüter, und er ist verantwortlich für seine Pflegschaft!“, wie es der Prophet (s) formulierte.

Das Kalifat ist auch kein föderativer Bundesstaat, in dem jedes Bundesgebiet eine gewisse Form von Unabhängigkeit oder Autonomie besitzt. So sind die Finanzen des gesamten Staates einheitlich. Die Gelder werden gemäß den islamischen Gesetzen vom Staat eingehoben und nach Bedarf für das Allgemeinwohl der Bürger auf die verschiedenen Gebiete verteilt. Der Umstand, dass aus einem Gebiet dem Staat mehr Geld zugeflossen ist, bedeutet nicht, dass diesem Gebiet deswegen ein Mehr an staatlichen Zuwendungen zusteht. Die Ausschüttungen stehen nicht in Relation zu den Einnahmen, sondern sind eine reine Funktion des Bedarfs.

Auch gibt es keine gesetzgeberische Autonomie im Kalifat, wie es bei Bundesstaaten der Fall ist. Dort kann es durchaus üblich sein, dass in einem Bundesstaat die Todesstrafe gilt, wohingegen sie im Nachbarstaat abgeschafft wurde, oder für die gleichen Delikte verschieden Strafen festgesetzt sind. Im Kalifat ist die Regierungsform zentralistisch, wo der Kalif die volle Kontrolle über jeden Winkel des Staates hat und die Einheit des Staates in keiner Weise gefährdet werden darf. Zur besseren und effektiveren Betreuung der Bürgerangelegenheiten kann die Verwaltung aber dezentral angelegt sein, solange es der Einheit des Staates keinen Abschnitt macht.

Es zeigt sich also, dass das Kalifat eine einzigartige Staatsform ist, die mit den heute existierenden Staatsformen nicht zu vergleichen ist. Sie muss auch einzigartig sein, weil sie keinem fehlbaren menschlichen Geist entspringt, sondern das reine Ergebnis göttlicher Offenbarung ist.