KOMMENTAR

- 26.03.2021

Der Mann, der die Türkei aus dem Zylinder zauberte

 

Die Geschichte der Muslime war von Anfang an geknüpft an das Kalifat als Staatsform. Muḥammad (s.) gründete 622 n. Chr. den islamischen Staat und regierte mit dem Islam, so dass die Verbindung zwischen Islam und Kalifat schon immer vorhanden war und nicht erst nach dem Tod des Propheten (s.) hinzugedichtet wurde. Diese notwendige Verbindung wurde in der langen Zeit des Bestehens des islamischen Staates von den Muslimen nie angezweifelt und war selbstverständlich. Die Zweifel wurden vielmehr von außen gesät und fielen nur bei einer Minderheit auf fruchtbarem Boden, begünstigt durch eine Zeit, in der das Kalifat vielen Problemen gegenüberstand.

Hinter der Zerstörung des Kalifats steckte ein Team von Mächten, aber die Hauptrolle fiel Mustafa Kemal Atatürk zu, der das Drehbuch der Kolonialmächte entsprechend ihrer Regie umsetzte. Winston Churchill sagte anlässlich des Todes Atatürks: „Der Tod Atatürks, jenes Mannes, der im Krieg die Türkei rettete und danach die türkische Nation zum Leben erweckte, ist nicht nur für sein Land, sondern auch für Europa einer der größten Verluste.“ Churchill brachte damit den großen Nutzen Atatürks für die Kolonialmächte zum Ausdruck. Keiner hat ihnen jemals solche Dienste erwiesen. Seine politische Daseinsberechtigung bestand im Grunde nur darin, den Kolonialmächten den Islam aus dem Weg zu räumen. Was ihn von anderen unterscheidet, die das Ende des Kalifats mit verschuldeten, ist, dass er voll und ganz dahinterstand und tatsächlich die Absicht hatte, das Kalifat zu vernichten. Als Šarīf Ḥusain von Mekka und seine Söhne von Großbritannien angestachelt wurden, einen Aufstand gegen die Osmanen anzuführen, blieben sie in dem Glauben, dass es um die Rettung des Kalifats ginge, das sie für die Araber beanspruchten. Mustafa Kemal hingegen musste wegen des Ziels nicht von den Briten getäuscht werden, denn er wollte wie sie das Kalifat vernichten und mit diesem den Islam. Selbst die nationalistischen Jungtürken, die 1908 eine Militärrevolte anführten und dem islamischen Staat großen Schaden zufügten, hielten an dem Kalifat als Staatsform fest. Sie ersetzten 1909 den Kalifen ʿAbdulḥamīd II. durch einen anderen Kalifen und waren schockiert über das, was durch Mustafa Kemal folgte. Er strebte von Anfang an das Ende des Kalifats an und dazu war ihm jedes Mittel recht. So schreckte er nicht einmal vor der Verfälschung der Geschichte zurück.

Mustafa Kemal ist ein prägnantes Beispiel dafür, wie ein Diktator par excellence vom Westen als Modernisierer gefeiert wird, obwohl oder gerade weil er einen brutalen Feldzug gegen den Islam und die Muslime führte und sie massiv unterdrückte. So gilt das Hutgesetz aus dem Jahr 1925 in westlicher Darstellung als reine Kulturpolitik und nicht etwa als Despotismus. Die Hinrichtungen derjenigen, die sich diesem Gesetz widersetzten, fallen nicht ins Gewicht westlicher Beurteilung Atatürks. So geht es mit der Bewertung seiner gesamten sogenannten Reformpolitik, die er mit unvorstellbar brutalen Methoden gegen allen Widerstand der muslimischen Bevölkerung durchsetzte. Denn alles, was sich gegen den Islam richtet, gilt im Westen als moderner Fortschritt. Mit seinen „Modernisierungen“ ging Mustafa Kemal über die Leichen von Muslimen. Der Westen fasst ihn aber als Revolutionär auf, der von der Französischen Revolution und der Aufklärung beeinflusst gewesen sei. Dieser Einfluss wird immer wieder in Bezug auf Atatürks Person hervorgehoben. Wer die Ideen der Aufklärung trägt und zudem französisch spricht, kann nach westlichem Maßstab kein Diktator sein. Atatürks Regentschaft wird gelegentlich als „eine Art Diktatur“ bezeichnet, womit seine Verbrechen dreist heruntergespielt werden. In Wahrheit war er nicht nur eine Art Diktator, sondern er erfüllte alle Kriterien eines waschechten Despoten. Seine Herrschaft war eine blutige One-Man-Show, die keine Opposition oder Kritik duldete und die nicht im Entferntesten demokratisch war. Doch im Westen hält man hartnäckig an ihm als Reformer fest. Er selbst wollte seinem totalitären Staat einen modernen demokratischen Anstrich nach westlichem Vorbild verpassen. Um diese Außenwirkung zu erzielen, gab er sogar 1930 die Gründung einer Oppositionspartei in Auftrag und forderte die Abgeordneten seiner Republikanischen Volkspartei (CHP) auf, der neu gegründeten Freien Republikanischen Partei (SCF) beizutreten. Sie wurde jedoch im gleichen Jahr wieder aufgelöst, nachdem sie bei den Kommunalwahlen in einigen Gemeinden die Wahlen gewann. Denn Mustafa Kemal wollte nur eine Scheinopposition und kein echtes Mehrparteiensystem, das seine autoritäre Herrschaft gefährden könnte. Die Türkei war unter Mustafa Kemal eine tyrannische Einparteiherrschaft, die westliche Rechtsstaatsprinzipien missachtete. Bis heute ist jede Kritik an ihm in der Türkei verboten, denn die Verfassung legt fest, dass er für immer der „unsterbliche Führer und einzigartige Held“ sei. Sein Bild ziert jedes Amtszimmer in der Türkei.

Am 3. März 1924 schaffte Mustafa Kemal das Kalifat ab und löste in der gesamten islamischen Welt Entsetzen aus. Denn dieser fatale Akt betraf die gesamte islamische Umma und ist hauptsächlich für ihre aktuelle Lage verantwortlich. Es gab viel Ablehnung und Widerstand. Die Muslime demonstrierten vehement dagegen, was Mustafa Kemal mit gnadenloser Brutalität beantwortete. Denn er fürchtete um seinen auf Anatolien beschränkten und auf dem türkischen Nationalismus aufbauenden neuen Staat und um seine Macht und das bestimmte sein brutales Vorgehen gegen die Muslime, die nicht in sein laizistisches Konzept einer nationalistischen Republik passten. Das Kalifat stand für die Einheit der Muslime, während die Republik die Muslime spaltete und ihre islamische Identität gegen eine nationalistische austauschte. Im Jahr 1928 ließ Mustafa Kemal den Satz „Der Islam ist die offizielle Staatsreligion“ aus der Verfassung streichen. Keine Regierung der Türkei hat diese Entscheidung bislang zurückgenommen – auch nicht die aktuelle Regierung Erdoğans.

Die Muslime außerhalb Kleinasiens bzw. Anatoliens waren nicht von Interesse und die Menschen, die in Anatolien lebten, das laut Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923 offiziell das größte Gebiet der Türkei ausmachen sollte, mussten eine neue Identität erhalten, die sie vom Islam und dem Kalifat lösen und mit Anatolien verbinden sollte. Das Problem Mustafa Kemals war jedoch, dass es eigentlich gar kein Volk der Türken gab, das seine Wurzeln in Anatolien hatte. Anatolien hatte bis dahin keine türkische Geschichte. Die Geschichte Kleinasiens war bis zur Gründung der Republik Türkei alles Mögliche, aber sie war definitiv nicht türkisch. Sie war beispielsweise griechisch, sie war byzantinisch und vor allem war sie islamisch, aber sie war historisch betrachtet nicht türkisch im Sinne eines Volkes, dessen Wurzeln in Anatolien liegen. Die Seldschuken kamen erst im 11. Jahrhundert nach Anatolien und sie waren in erster Linie Muslime. Es fehlte Mustafa Kemal folglich das historische Argument und damit die Rechtfertigung für seinen Nationalstaat, denn ein solcher rechtfertigt sich daraus, dass eine Nation existiert, die von sich behauptet, dass sie vor allen anderen da war, und das Territorium für sich beansprucht. Das traf bei den Türken nicht zu. Mustafa Kemal wollte einen Nationalstaat nach westlichem Vorbild, aber ihm fehlte das Wichtigste, nämlich das Volk der Türken, das seine Ursprünge im Lande, also in Anatolien hat. Zudem war Anatolien über Jahrhunderte Teil des islamischen Staates, in welchem die Menschen eine islamische und keine nationale Identität besaßen. Mustafa Kemal umging dieses Problem, indem er Anatolien historisch annektierte. Er schrieb die Geschichte um und behauptete, dass Anatolien seit Tausenden von Jahren türkisch sei – eine erwiesene historische Lüge. Ganz im Zeichen der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, versuchte der Faschist Mustafa Kemal eine „rassische“ Vorstellung zu etablieren. So legte er nicht nur fest, dass Anatoliens Geschichte türkisch sei, er behauptete sogar, dass die gesamte Menschheit türkischen Ursprungs sei und die türkische Sprache, die eigentlich erst durch seine brachiale Sprachpolitik eingeführt wurde, die Mutter aller Sprachen sei, aus der alle anderen Sprachen hervorgegangen seien. Er wollte damit einen Nationalstolz bei einer Nation auslösen, die er selbst erfand und der er einhämmerte, dass sie die beste Nation der Welt sei.

Wie ein Bulldozer überrollte Atatürk unter dem Argument des Fortschritts alles, was er mit dem Islam verband und was nicht westlich war. Doch nicht sein Hang zum Westen und zur Moderne bestimmte seine Politik, sondern sein Hass auf den Islam und die Muslime und der Auftrag, den er von den Kolonialmächten hatte. Der Grad seines Islamhasses wird deutlich an seinen radikalen Maßnahmen, die jeden Rahmen sprengten. Mit ihnen wollte er nicht nur das verbieten, was der Islam vorschrieb, sondern auch das, was zu den zivilisatorischen Erscheinungsformen in der islamischen Welt zählte. Dazu gehörten beispielsweise Fes und Turban, die 1925 per Gesetz verboten wurden. Das Tragen dieser Kopfbedeckungen stellte Mustafa Kemal unter Strafe und schrieb stattdessen das Tragen eines westlichen Hutes vor, so, als würde plötzlich eine westliche Regierung das Basecap verbieten und das Tragen eines Turbans vorschreiben und das Zuwiderhandeln oder die Kritik mit Gefängnis oder Tod bestrafen. Muslime, die sich gegen dieses völlig absurde Gesetz auflehnten, wurden hingerichtet. Mustafa Kemal wollte die Muslime dazu zwingen, sich äußerlich dem Westen zu unterwerfen. Die Bezeichnung Hutreform oder Hutrevolution täuscht darüber hinweg, dass Atatürk den Muslimen die westliche Lebensweise einprügelte, weil er nicht wollte, dass der Islam an ihnen sichtbar bleibt. Er wollte sie auch äußerlich vom Islam wegführen. Atatürk selbst setzte sich einen Zylinder auf und stolzierte durch die Reihen der Muslime, die mit seiner westlichen Verkleidung nichts anfangen konnten.

Im Jahr 1926 führte Mustafa Kemal das Schweizer Zivilrecht ein und ersetzte die islamische Rechtsprechung. Der Islam sollte aus dem Alltag der Muslime vollständig verschwinden, etwa durch die Einführung der standesamtlichen Ehe, um die Gültigkeit und Praktizierung der islamischen Eheschließung in der Gesellschaft aufzuheben. Die Muslime sollten ihre Angelegenheiten nicht mehr islamisch regeln und sie sollten vor allem die Fähigkeit hierzu verlieren. Sie sollten nicht mehr auf die arabischen Offenbarungstexte zurückgreifen können, um ein islamisches Leben führen zu können. Aus diesem Grund nahm Mustafa Kemal 1928 die arabische Sprache ins Visier seiner islamfeindlichen Politik, weil das Verständnis des Islam an die Kenntnis des Arabischen geknüpft ist. Atatürk reichte es nicht, dass die Muslime sich westlich kleideten. Der Kopf, der unter dem westlichen Hut steckte, sollte auch westlich denken.

Die Osmanen hatten das Arabische als Amtssprache bereits abgeschafft und das Osmanische war eine eigene Sprache, d. h., die Osmanen sprachen gar kein Arabisch. Doch ihre Schriftzeichen waren arabisch und darin sah Atatürk eine Gefahr. Wer mit den arabischen Schriftzeichen vertraut ist, ist auch in der Lage, den Koran zu lesen, auch wenn er ihn dadurch nicht automatisch versteht. Für sein Projekt der Substituierung des Kalifats durch einen laizistischen Nationalstaat brauchte Atatürk eine türkische Nationalsprache und bettete die Abschaffung der arabischen Schrift und die Ersetzung arabischer Wörter in seinen vorgegaukelten Befreiungskampf ein. Er verkündete: „Die türkische Nation, die ihr Land und ihre erhabene Freiheit zu schützen wusste, muss auch ihre Muttersprache vom Joch der fremden Sprachen befreien.“ Mustafa Kemal erfand eine türkische Nation und er erfand eine türkische Nationalsprache. Obwohl eine Expertenkommission ihm riet, seine „Sprachreform“ innerhalb von Jahren zu vollziehen, befahl er, sie innerhalb von Wochen durchzuführen – ein überaus brutales Vorgehen gegen eine Gesellschaft. Ein Komitee erarbeitete innerhalb weniger Monate ein Alphabet, das das arabische Alphabet ersetzen sollte. Am 3. November 1928 wurde schließlich das arabische Alphabet per Gesetz verboten und das lateinische Alphabet eingeführt. Weigerten sich Lehrer, die lateinische Schrift zu verwenden, wurden sie einfach entlassen. Der Westen kritisiert Atatürks Brachialmethoden so gut wie gar nicht. Diese Gewalt gegen das Volk wird sogar positiv aufgefasst und als Alphabetisierung der Gesellschaft deklariert. Wäre der Anteil an Analphabeten auf das arabische Alphabet zurückzuführen gewesen, wäre es näherliegend, das arabische Alphabet zu vereinfachen, anstatt es durch ein völlig neues und der Bevölkerung unbekanntes Alphabet zu ersetzen. Oder sollte ein Analphabet in der neuen Republik mit der lateinischen Schrift vertrauter gewesen sein als mit der arabischen, die seit Jahrhunderten in Anatolien in Gebrauch war? Käme irgendein europäischer Staat plötzlich auf die Idee, die lateinische Schrift durch die arabische zu ersetzen und sämtliche Schulbücher mit der neuen Schrift drucken zu lassen, gäbe es einen riesigen Aufschrei und Widerstand in der Bevölkerung. Warum sollte die Reaktion von Muslimen anders sein, wenn man ihnen eine fremde Schrift aufzwingt?

Obwohl Mustafa Kemal ein brutaler Diktator war, der nur die Loyalität gegenüber den Kolonialmächten kannte, die ihn explizit für die Durchsetzung ihrer Interessen zurechtgebogen hatten, hat er bis heute seine Anhänger. Er hat Generationen von Muslimen den größten Schaden zugefügt und die gegenwärtige Situation in der islamischen Welt herbeigeführt. Es ist völlig unverständlich und nicht mit dem Islam vereinbar, ein Befürworter Atatürks zu sein, denn er zerstörte alles, was der Prophet (s.) in Erfüllung einer islamischen Pflicht aufgebaut hatte. Wir dürfen Atatürk nicht nach westlichem Maßstab bewerten – selbst danach käme er bei einer ehrlichen Beurteilung nicht gut weg –, sondern müssen islamische Kriterien anwenden. Aus islamischer Sicht finden sich keine mildernden Umstände, die Atatürk in irgendeiner Form entlasten könnten. Es gibt kein Argument, das für ihn spräche. Was er tat, ist unverzeihlich, und egal, wie viele Verräter nach ihm kamen und nach ihm kommen werden, kann niemand seinen Verrat am Islam und den Muslimen übertreffen. Darin ist er tatsächlich einzigartig. Mustafa Kemal blieb bis zum Schluss ein eingefleischter Feind des Islam, der 1938, passend zu seiner Biographie, an Leberzirrhose starb.

(U. A.)