KOMMENTAR

- 01.04.2021

Die Umma und ihre Verantwortung für Gegenwart und Zukunft

 

Die islamische Geschichte ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie endete nicht mit der Abschaffung des Kalifats durch Mustafa Kemal Atatürk und der Ausrufung der Türkischen Republik. Die Geschichte der Umma geht weiter. Der desolate Zustand der islamischen Welt ist keineswegs irreversibel, denn Mustafa Kemal hatte zwar das Kalifat abgeschafft, nicht aber die islamische Überzeugung der Muslime. Den Islam konnte er trotz seiner intensiven Bemühungen nicht vernichten. Die Zukunft der islamischen Geschichte liegt daher in unseren Händen. Wir dürfen die Gestaltung unserer Zukunft nicht jenen überlassen, deren Ziel eine Zukunft der Muslime ohne islamische Identität und ohne eigene islamische Schutzmacht ist.

Die Umma ist einzigartig in der Menschheitsgeschichte und nicht vergleichbar mit irgendeiner anderen Form von Gemeinschaft. Sie ist kein Volk und keine Nation und die Zugehörigkeit zur Umma hängt weder von der Abstammung ab noch davon, innerhalb welcher territorialen Grenzen ein Mensch geboren wurde. Es ist keine Frage des Zufalls oder äußerer Umstände, sondern der Überzeugung, auf die der Mensch bewusst Einfluss hat. Der Islam verbindet die Menschen über die Volkszugehörigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer Nation hinaus. Menschen mit unterschiedlicher Nationalität, Sprache und Geschichte sind, sobald sie die islamische Überzeugung annehmen, ohne Abstriche Teil der islamischen Umma. Es gibt keine Hierarchie der Menschen innerhalb der Umma, wie man es aus anderen Gemeinschaften kennt, in denen Rassismus und eine Herrenmenschenmentalität dominieren. Der geborene Muslim hat keine Privilegien gegenüber dem konvertierten Muslim. Als die Menschen den Islam auf der Arabischen Halbinsel annahmen, beendete der Islam die grausamen Stammeskriege der Araber um Macht und Dominanz und verband sie auf Basis ihres Glaubens. Nichts in der Geschichte ist vergleichbar. Wie sehr beispielsweise die alten Römer ihr Reich ausdehnten und wie viele Völker sie auch beherrschten, konnten sie die Menschen nicht zu einer Gemeinschaft zusammenschweißen, was auch nicht ihre Intention war. Die Verbindung der Völker, die unter der Herrschaft der Römer standen, besteht heute einzig aus archäologischen Funden, die von der römischen Herrschaft zeugen. Im Gegensatz dazu existiert die Verbundenheit der Muslime als Umma, auch wenn sie unterschiedlichen Völkern angehören, bis heute. Jedes Volk, das in der Vergangenheit den Islam annahm, hält noch immer am Islam fest, obwohl die islamische Herrschaft abgelöst wurde von einer kapitalistischen oder kommunistischen. Nur in jenen Gebieten des ehemaligen Kalifats, in denen die Muslime vertrieben oder getötet wurden, verschwand die muslimische Bevölkerung, etwa auf der Iberischen Halbinsel. Dort findet man nur noch zugewanderte Muslime vor.

Zum einen sticht die Umma dadurch hervor, dass sie eine Gemeinschaft ist, deren Zusammenhalt ausschließlich auf der gemeinsamen Überzeugung ihrer Individuen basiert, zum anderen hebt sie sich durch die Verantwortung, die sie den Menschen gegenüber trägt, von anderen Gemeinschaften ab. Die Ausbreitung des Islam war nie mit der Unterdrückung und Ausbeutung anderer Völker verbunden, sondern immer nur mit der Verkündung der Botschaft des Islam. Wir als islamische Umma tragen die Verantwortung dafür, dass die Menschen die Gelegenheit bekommen, die Botschaft des Islam in ihrer reinen Form – unverfälscht und ohne politische und mediale Diffamierung durch andere – kennenzulernen. Solange das konstruierte Islambild von der unterdrückten Frau und dem islamistischen Terroristen dominiert und der Islam nicht die Gelegenheit hat, die Menschen im Rahmen seiner praktischen Umsetzung zu überzeugen, geht die Mehrheit auf Distanz zum Islam und begegnet ihm zwangsläufig mit Hass. Die Wahrnehmung des Islam ändert sich daher erst mit seiner vollständigen Umsetzung. Das kann aber nur ein Staat vollbringen.

Die Menschen leben weltweit in einem Zustand kapitalistischer Ungerechtigkeit, den sie für den unveränderlichen Normalzustand halten. Es ist keine von Gott, sondern eine vom Kapitalismus gewollte Ordnung. Der Kapitalismus hat die Menschen in Unterdrücker und Unterdrückte eingeteilt und versucht diese Unterteilung mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten. Der Islam beabsichtigt das Gegenteil, denn er hebt die herrschende Ungerechtigkeit zwischen den Menschen auf. Er greift nicht auf leere, abgedroschene Worthülsen zurück wie die Menschenrechte, die den Kolonialmächten dazu dienen, ihre globalen Raubzüge zu tarnen. Seine Gerechtigkeit ist echt und umfasst nicht nur die Muslime, sondern erstreckt sich auch auf Nichtmuslime. Die Gerechtigkeit des Islam entfaltet sich aber erst in seiner Anwendung und seine Anwendung ist nur dann vollständig, wenn sie in allen Bereichen erfolgt. Ohne einen Staat, der den Islam umsetzt, bleiben wesentliche Bereiche aus.

Weil die kapitalistischen Kolonialmächte um ihre Macht fürchten, mit der sie sich in der ganzen Welt an den Ressourcen und der Arbeitskraft von Menschen willkürlich bedienen, waren sie nicht nur verantwortlich für die Zerstörung des Kalifats. Sie haben Barrieren aufgebaut, um die Muslime daran zu hindern, zu dieser Staatsform zurückzukehren. Man hat den Muslimen das Kalifat nicht nur mit Gewalt entrissen, man hindert sie daran, ihr Recht wahrzunehmen, ihre Staatsform selbst zu wählen. Ihnen wurden Diktatoren vorgesetzt, die sie im Auftrag der Kolonialmächte an der Umsetzung des Islam hindern sollen. Als Mustafa Kemal das Kalifat zerstörte, die Türkische Republik ausrief und seine sogenannten Reformen durchpeitschte, wurde nichts davon vom Volk getragen. Es gab keine Volksbewegung, die gegen die islamische Herrschaft aufbegehrte, sondern eine kollaborierende Minderheit – eine Handvoll Verräter –, die die Pläne der Kolonialmächte mit deren Unterstützung umsetzte. Der Wechsel von der islamischen zur säkularen Herrschaft vollzog sich gegen den Willen der Umma. Es war nicht ihre Wahl und man verwehrt den Muslimen bis heute das Recht, ihr Staatsoberhaupt selbst zu wählen und sich für eine islamische Herrschaft und einen Kalifen zu entscheiden, der sich auf der Grundlage des Islam um ihre Belange kümmert und nicht um jene der Kolonialmächte. Sobald auch nur im Ansatz zu erkennen ist, dass die Wahl der Muslime auf eine Partei fällt, die islamische Ambitionen zeigt, greifen die Kolonialmächte ein. Als sich beispielsweise 1991 bei den Wahlen in Algerien abzeichnete, dass die Islamische Heilsfront (FIS) im zweiten Wahlgang mit deutlicher Mehrheit siegen würde, griff das algerische Militär, unterstützt durch Frankreich, ein und verhinderte die Machtübernahme. Die FIS wurde anschließend verboten. In Syrien blickte man mit Sorge auf die islamischen Parolen des syrischen Volkes während des Arabischen Frühlings und hinderte es daran, den Diktator Bashar al-Assad in die Wüste zu schicken. Nach Plan der USA, die sich als Initiator bedeckt halten, mischten sich mehrere Mächte ein und führen bis heute einen Krieg gegen die Syrer, um ihren politischen Willen zu unterdrücken und einen Machtwechsel zu verhindern. Der Westen ist stolz darauf, sich seiner absolutistischen Herrscher entledigt und das Recht auf freie Wahlen erkämpft zu haben. Warum sollen ausgerechnet wir Muslime nicht das Recht haben, unseren Herrscher frei zu wählen? Wir brauchen nicht den Segen des Westens, wenn wir unserer islamischen Pflicht nachkommen und uns für das Kalifat als Staatsform und den Kalifen als Staatsoberhaupt entscheiden. Weder sind wir den islamfeindlichen Diktatoren, die uns tyrannisieren, verpflichtet noch den Kolonialmächten, die sie auf uns gehetzt haben.

Die Muslime sind ohne den Kalifen Freiwild für alle, wie man aktuell an den muslimischen Uiguren sehen kann, an denen China vor allen Augen einen Völkermord begeht. Natürlich ist die Aufstellung eines Kalifen aus westlicher Sicht ein Worst-Case-Szenario, denn er fungiert als Schutzschild der Umma und der islamischen Welt. An ihm müssten die Kolonialmächte erst einmal vorbeikommen, wenn sie sich an den Bodenschätzen der Muslime bedienen und deren Blut vergießen wollen. Sie wissen aus ihrer historischen Erfahrung heraus, welches Potential in der Umma steckt, wenn es von einem Kalifen angeführt wird. Die muslimischen Herrscher der Vergangenheit haben es bereits bewiesen, etwa Muḥmmad al-Fātiḥ, als er 1453 Konstantinopel eröffnete und das Byzantinische Reich einstürzen ließ. Er schaffte gemeinsam mit der Umma, was die Welt für unmöglich hielt, denn die Eröffnung Konstantinopels wurde vom Gesandten Allahs (s) prophezeit, was Muḥammad al-Fātiḥ dazu anspornte, derjenige zu sein, der die Prophezeiung verwirklicht. Spätestens da nahmen die europäischen Großmächte den islamischen Staat als ebenbürtige Großmacht wahr. Das Kalifat stieg in der Vergangenheit zur Weltmacht auf, die ihre Bürger schützte, und es war kein Selbstbedienungsladen für andere.

Die Relevanz des Kalifen für den Islam und die Umma wurde von den Gelehrten immer wieder hervorgehoben. Ibn Taimīya hielt fest: „Man muss wissen, dass die Vertretung der Angelegenheiten der Menschen zu den größten Pflichten des Glaubens zählt. Die Verwirklichung der Glaubensordnung und der Angelegenheiten des Lebens erfolgt nur durch sie. Das Interesse der Menschen ist erst in der Gemeinschaft realisiert, weil sie aufeinander angewiesen sind, und wenn die Menschen eine Gemeinschaft bilden, so brauchen sie einen Anführer. Denn der Prophet (s) sagte:

«إذا خرجَ ثلاثةٌ في سفَرٍ فليؤمِّروا أحدَهُم»

Wenn drei Personen zu einer Reise aufbrechen, so sollen sie einem unter sich die Führung übertragen. (Bei Abū Dāwūd tradiert) Wenn bereits bei einem Zusammenschluss von nur drei Personen die Wahl eines Anführers islamisch verpflichtend ist, so trifft dies erst recht auf eine Gemeinschaft von Hunderten, Tausenden oder Millionen zu. Bei al-Māwardī heißt es: Das Imamat ist festgelegt als Nachfolge der Prophetenschaft in der Wahrung der Religion und der Regelung der Angelegenheiten des Lebens. Und der Vertrag mit demjenigen, der diese Aufgabe in der Umma wahrnimmt, ist auf Grundlage des Konsenses Pflicht. Al-Nawawī konstatierte: Sie stimmten darin überein, dass die Aufstellung eines Kalifen eine Pflicht für die Muslime darstellt. Alle namhaften und seriösen islamischen Gelehrten sind sich – so uneinig sie in vielen anderen islamischen Aspekten sein mögen – absolut einig darüber, dass die Aufstellung eines Kalifen eine Pflicht darstellt, der die Muslime nachkommen müssen. Sie stellen klar, dass die Realisierung des Islam ohne die Existenz eines Kalifen unvollständig ist. Die islamische Beweislage in dieser Angelegenheit ist eindeutig und bietet keinen Spielraum für unterschiedliche Rechtsmeinungen. So sind die islamischen Rechtsbelege unmissverständlich in der Feststellung, dass es einen Kalifen geben muss:

«وَمَن مَاتَ وَليسَ في عُنُقِهِ بَيْعَةٌ، مَاتَ مِيتَةً جَاهِلِيَّةً»

[…] Und wer stirbt und im Nacken keine baiʿa trägt, der stirbt einen Tod der ğāhilīya. (Muslim)

Es liegt in der Verantwortung der heutigen islamischen Gelehrten, Position zu diesem Thema zu beziehen und den islamischen Standpunkt der breiten islamischen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, etwa in den Sozialen Medien. Die Rahmenbedingungen könnten nicht besser sein, um die Umma zu erreichen und sie darüber aufzuklären, dass ihr Schicksal an der Verwirklichung des Kalifats hängt. Im Arabischen Frühling versagten die Gelehrten und hinkten der Umma hinterher. Sie zeigten sich erst, nachdem die Menschen längst auf den Straßen gegen das Unrecht ihrer diktatorischen Regenten demonstrierten. Sie schlossen sich den Menschen an, statt sie anzuführen und ihnen die Methode aufzuzeigen, die das Unrecht aufhebt. Was nützt das islamische Wissen zwischen zwei Buchdeckeln, wenn es keinen Effekt in der Realität hat und die Menschen keinen Nutzen daraus ziehen können? Was die Gelehrten in der Vergangenheit verpasst haben, können Sie jetzt wiedergutmachen.

Man muss aber kein Gelehrter sein, um ein Unrecht als Unrecht zu erkennen. Gerade in den islamischen Ländern konzentriert sich das Unrecht, unter dem die Muslime am meisten zu leiden haben. Folter, Tod und Vertreibung sind dort an der Tagesordnung. Der Islam akzeptiert kein Schweigen und verpflichtet dazu, das Unrecht zu benennen und das Rechte zu gebieten. Denn Allah (t) sagt:

﴿وَلْتَكُنْ مِنْكُمْ أُمَّةٌ يَدْعُونَ إِلَى الْخَيْرِ وَيَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ ۚ وَأُولَئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ

Möge aus euch eine Gemeinschaft entstehen, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Unrecht anprangert, und dies sind die Erfolgreichen. (3:104) Es muss also wenigstens eine Gruppe von Muslimen geben, die diese Aufgabe wahrnimmt, und es sollte angesichts der gegenwärtigen Lage der Muslime einleuchten, dass eine Unterstützung dieser Gruppe durch die Umma erforderlich ist, weil die Aufgabe, die Allah (t) festgelegt hat, nur durch gegenseitige Unterstützung realisiert werden kann. Selbst der Prophet (s) war auf die Unterstützung seiner Gefährten angewiesen, und es waren vor allem junge Muslime, die sich engagierten. Viele waren nicht einmal zwanzig, als sie den Islam annahmen. Es waren keine alten, weißbärtigen Männer, die sich um den Propheten (s) scharten, sondern die junge Generation, die ein beeindruckendes Potential an den Tag legte.

Heute hat weder Jung noch Alt das Kalifat bewusst erlebt. Nach islamischer Zeitrechnung liegt sein Ende inzwischen 100 Jahre zurück. Das bedeutet, dass wir seit 100 Jahren unsere islamische Pflicht nicht erfüllt haben. Für eine nicht erfüllte Pflicht ist das ein sehr langer Zeitraum, an den wir uns nicht hätten gewöhnen dürfen. Die letzten 100 Jahre waren für die Umma die schlimmsten ihrer Geschichte. In Relation zur Zeitspanne, in welcher das Kalifat existiert hat, sind die 100 Jahre ein „kurzer“ Ausnahmezustand islamischer Geschichte. Das Kalifat ist hingegen der Normalzustand für die Umma, zu dem die Muslime unbedingt zurückkehren müssen.

(U. A.)