HISTORISCHES

- 29.04.2021

Die Geopolitik der Schlacht von Badr

 

Selten hat ein Ereignis einen derartigen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte gehabt. Die Ermordungen von Erzherzog Franz Ferdinand im Jahre 1914 und die von John F. Kennedy im Jahre 1963 sind Beispiele dafür, dass die Geschichte hätte anders verlaufen können, wenn bestimmte Ereignisse nicht stattgefunden hätten. Während die Geschichte niemals klar schwarz oder weiß ist, spielt der Kontext, vor dem ein bestimmtes historisches Ereignis stattfindet, eine zentrale Rolle. Die Schlacht von Badr markiert die erste richtige Schlacht in der Geschichte des Islam. Sie fand am 17. Ramadan des zweiten Jahres nach der Hidschra statt – entsprechend dem 13. März 624 christlicher Jahresrechnung.

Der Einzug des Islam im Hedschas hatte seine eigene politische Realität. Die Römer wurden in den frühen Jahrzehnten nach christlicher Jahresrechnung zu einer regionalen Supermacht entlang der nördlichen Grenzen der Arabischen Halbinsel. Für die arabischen Beduinen bedeutete dies die Existenz eines reichen und mächtigen Handelspartners. Kaufleute durchquerten regelmäßig den westlichen Teil der Arabischen Halbinsel vom Jemen im Süden bis Syrien im Norden. Dabei handelten sie mit Waren, die von weither kamen. Diese stammten beispielsweise aus Indien und Italien. Die Römer begnügten sich damit, sich im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes (Winterregengebiet nördlich der Syrischen Wüste) niederzulassen. Mit dieser Vegetationszone waren sie vertraut. Und so überließen sie den arabischen Nomaden den Handel mit Waren über die weit entfernten Gebiete der Arabischen Halbinsel. Aš-Šām war eine römische Kolonie, in der die römische Kultur und das Christentum vorherrschten.

Im Nordosten befand sich das iranische Plateau, in welchem die sassanidische Dynastie des Persischen Reiches in den 200er Jahren nach Christus ihren Aufschwung erlebte. Ihr Aufstieg bewirkte einen jahrhundertelangen Konflikt zwischen Römern und Persern, welcher ebenso Auswirkungen auf die Araber hatte. Die Grenze zwischen den beiden Reichen wanderte stets, befand sich jedoch größtenteils innerhalb der Syrischen Wüste im nördlichen Teil der Arabischen Halbinsel. Die Römer und die Perser bedienten sich arabischer Stämme, um mittels dieser die Oberhand im Kampf um die regionale Macht zu erlangen. Der anhaltende Krieg zwischen den beiden Reichen schwächte ebendiese zunehmend. In den frühen 600er Jahren waren sowohl die Römer, als auch die Perser von den Jahrzehntelangen Schlachten erschöpft. Die arabischen Stämme jedoch vermieden einen Konflikt mit beiden Parteien und waren darin bestrebt, ihren lukrativen Handel mit den beiden sich bekriegenden Supermächten aufrechtzuerhalten.

Unser Prophet (s) wurde um 570 n. Chr. in Mekka geboren. Nach dem Erhalt der Offenbarung im Jahre 610 n. Chr., führte dies zu einem Kampf mit den ansässigen Quraisch, welche nach 13 Jahren des prophetischen Kampfes gegen ihren Unglauben (kufr) zunehmend intoleranter gegenüber den Muslimen wurden. Aus Angst vor ihrer Religion und vor der Einnahmequelle durch die Pilgerfahrten in Mekka, bekämpften die Mekkaner die Muslime. Im Jahr 622 n. Chr. erlaubte Muḥammad (s) es den meisten Muslimen von Mekka nach Medina, das 200 Meilen von Mekka entfernt lag, auszuwandern. Kurz danach wanderte Muḥammad (s) selbst nach Medina aus. Dieses Ereignis wird als Hidschra bezeichnet.

Der Prophet (s) etablierte einen kleinen Stadtstaat in Medina. Obwohl die Bedrohung durch die Quraisch weiter anhielt, ging der Prophet (s) auf diverse unterschiedliche Wege mit ebendieser um. Er (s) setzte Handelsabkommen mit den nahegelegenen Stämmen, insbesondere mit jenen, welche die Mekkaner zum Nachteil der Muslime nutzen könnten. Der Prophet (s) entsandte kleine Gruppen, um Informationen über die Quraisch und deren Verbündete zu erhalten. Darüber hinaus ermöglichte er (s) es den verbliebenen Muslimen in Mekka, ebenfalls nach Medina nachzuziehen. Am wichtigsten war jedoch das Abfangen mekkanischer Handelskarawanen, die Routen nahe Medina passierten. Die Wirtschaft des Hedschas baute auf den Handel mit Gütern auf. Die Handelsrouten nach Aš-Šām waren daher von entscheidender Bedeutung. Jeglicher Verlust einer solchen Handelsroute hatten einen direkten negativen Einfluss auf die Wirtschaft der Quraisch.

Im September 623 n. Chr. führte der Prophet (s) höchstpersönlich eine Truppe von 200 Männern in einen erfolglosen Überfall einer großen Karawane. Kurz darauf starteten die Mekkaner selbst einen Überfall, angeführt von Kurz bin Ǧābir, gegen Medina. Hierbei konnten sie Viehbestände der Muslime rauben. Diese Überfälle auf Karawanen mündeten in der berühmten Schlacht von Badr. Die Quraisch entsandten ihre eigene Armee um ihre Karawanen vor den Muslimen zu schützen. Durch Wanderungen über den Hedschas und Entsendung von Expeditionen gewann der Gesandte Allahs (s) an Macht, durch welche der Weg für noch größere Schlachten geebnet wurde, da die Überfälle als militärische Übungen für die Muslime dienten. Der Prophet (s) demoralisierte die Quraisch erfolgreich, indem er ihnen stets widerstand.

Im zweiten Jahr nach der Hidschra zog der Prophet (s) am 8. Ramadan mit 305 seiner Prophetengefährten (ṣaḥāba), beritten auf 70 Kamelen, los. Sie ritten der Karawane, geleitet von Abū Sufyān, entgegen. Während des Ritts erhielten sie weitere Informationen über die Karawane, bis sie schließlich das Tal von Dafran erreichten, in welchem sie ihr Lager aufstellten. Dort erhielten sie Informationen darüber, dass die Quraisch von Mekka aus loszogen, um ihre Karawane zu beschützen. Somit änderte sich der Umstand, und es ging nicht mehr länger darum, ob die Muslime die Karawane überfielen, sondern, ob sie den Quraisch entgegentreten sollten oder nicht.

Der Prophet (s) wurde darüber informiert, dass die Armee der Quraisch 900 bis 1000 Mann stark war, und, dass die Adligen der Quraisch dabei waren, um die Karawane zu schützen. Der Prophet (s) realisierte, dass sie einer Armee gegenübertreten würden, die dreimal größer war als die ihre, und zudem, dass ihnen eine erbitterte Schlacht bevorstand. Er (s) informierte die Muslime darüber, dass die Mekkaner ihre besten Männer entsandten und dass sie ihre Entschlossenheit stärken müssten. Die muslimische Armee hielt an der Quelle von Badr, an welcher sie eine Zisterne bauten, sodass sie genügend Wasser unterhalb der Oberfläche hatten. Ihre Feinde hingegen hatten keines. Nachdem die militärische Strategie besprochen wurde, verrichtete der Prophet (s) ein Bittgebet (duʿāʾ):

„O Allah! Dies sind die Quraisch! Sie kommen mit all ihrer Arroganz und Prahlerei, um den Propheten Allahs zu diskreditieren. Ich bitte meinen Herren darum, sie morgen zu erniedrigen. O Allah! Wenn die muslimische Armee morgen untergeht, fürchte ich, dass wir deine Botschaft nicht weitertragen können.“ (Ibn Hišām, „As-Sīra An-Nabawīya“)

Die Quraisch waren gezwungen um das Wasser zu kämpfen und dies führte zur Schlacht von Badr. Einige aḥadīṯ sprechen über die Tatsache, dass die Engel an diesem Tag erschienen und auf der Seite der Muslime kämpften. ʿAbdallāh ibn ʿAbbās sagte:

„Nachdem der Muslim an diesem Tag einem Ungläubigen nachjagte, über sich das Ausholen einer Peitsche und die Stimme eines Reiters vernahm, der sprach: ‚Presche voran, Ḥaizūm!‘, schaute er den Götzendiener an, welcher gerade auf seinen Rücken zu Boden gefallen war. Ein Unterstützer kam zum Gesandten Allahs (s) und berichtete ihm von dieser Begebenheit. Da antwortete der Prophet: ‚Du hast die Wahrheit gesprochen. Diese Hilfe ereilte uns aus dem dritten Himmel.‘“ (Muslim)

Einer der Unterstützer nahm al-ʿAbbās bin ʿAbd al-Muṭṭalib gefangen, der sprach: „O Gesandter Allahs! Bei Allah, dieser Mann hat mich nicht gefangen genommen. Mich nahm ein kahlköpfiger Mann mit unvergleichbar hübschem Gesicht gefangen. Dieser ritt ein geschecktes Pferd. Jedoch kann ich ihn nicht unter deinen Leuten ausmachen.“ Da sprach der Unterstützer: „Ich habe ihn gefangen genommen, o Gesandter Allahs!“ Der Prophet (s) entgegnete: „Schweig! Allah der Allmächtige hat dir einen prächtigen Engel als Verstärkung geschickt.“

Der Prophet (s) ging sehr gewissenhaft mit der politischen Realität um, um die Botschaft des Islam zu stärken. Er baute Handelsabkommen auf, implementierte Policen und führte Kriege, um den Islam in die Welt zu tragen. Die Muslime waren in der Unterzahl, und Allah (t) sprach sie mit folgenden Worten:

﴿وَاذْكُرُوا إِذْ أَنتُمْ قَلِيلٌ مُّسْتَضْعَفُونَ فِي الْأَرْضِ تَخَافُونَ أَن يَتَخَطَّفَكُمُ النَّاسُ فَآوَاكُمْ وَأَيَّدَكُم بِنَصْرِهِ وَرَزَقَكُم مِّنَ الطَّيِّبَاتِ لَعَلَّكُمْ تَشْكُرُونَ

Und gedenkt, als ihr wenige wart und auf der Erde unterdrückt wurdet und fürchtetet, dass euch die Menschen wegschnappen würden! Da hat Er euch Zuflucht gewährt, euch mit Seiner Hilfe gestärkt und euch mit (einigen von) den guten Dingen versorgt, auf dass ihr dankbar sein möget. (8:26)

Die Schlacht von Badr war der Offenbarungsanlass der Sure al-Anfāl („die Beute“).

 

Was waren die Auswirkungen dieses Krieges und des Sieges der Muslime?

Der Islam erhob sich zu Beginn des 7. Jahrhunderts und hatte großen Einfluss auf die umliegenden Gebiete. Schließlich hatte er einen gewaltigen Einfluss auf die gesamte Welt. Der Islam veränderte das Leben der Araber fundamental, indem er viele ihrer kulturellen Praktiken zunichtemachte, die sie als wandernde und kriegerische Nomaden verblieben ließen. Geografie, Klima, Kultur und Politik führten allesamt zu der perfekten Umgebung, in der der Islam aufstreben und zu einer Weltmacht aufsteigen konnte, schneller als jede andere Bewegung oder jedes Imperium in der Geschichte der Menschheit. Er verließ die arabischen Wüsten und kehrte in die stark zerrütteten Reiche Roms und Persiens ein. Dabei wurden neue Gebiete eingenommen und Völker assimiliert, wodurch schon zu Beginn des 8. Jahrhunderts n. Chr. ein gewaltiges Reich gegründet war, das von Spanien bis Indien reichte. Dieses exponentielle Wachstum der muslimischen Zivilisation und ihrer Stärke schien für die Araber zu Beginn des 7. Jahrhunderts n. Chr. unerreichbar. Vielmehr hatten diese mit dem Überleben zu kämpfen. Alles was vonnöten war, war das Erscheinen eines Mannes, der mit einer revolutionären Botschaft an die Menschen herantrat und den Arabern ein neues Schicksal offenbarte: unser Prophet Muḥammad (s).

Die Schlacht von Badr markiert den Beginn des Aufstiegs des Islam. Jene Schlacht, die sich am 17. Ramadan im zweiten Jahr nach der Hidschra ereignete, war nicht bloß eine normale Schlacht, die die Muslime mithilfe der Engel für sich gewinnen konnten. Diese Schlacht hatte entscheidende Auswirkungen, die die Umma zu jener Zeit nie für möglich gehalten hätte.

(E. D.)