KOMMENTAR

- 20.05.2021

„Höre, Israel“

 

Einem Juden muss man nicht sagen, wie es ist, wenn barbarisches Unrecht geschieht und die ganze Welt dabei zusieht und die Verbrecher gewähren lässt. Er musste am eigenen Leib erfahren, zu welchen Gräueltaten der Mensch in der Lage ist, sobald Recht außer Kraft gesetzt ist. Doch das Blatt hat sich gewendet und der Zionist profitiert heute davon, dass die kapitalistische Welt diesen Charakterzug des schweigenden Beobachters hat und Menschen- und Völkerrechtsverbrecher unterstützt. Mehr noch, die kapitalistische Welt hat die Weichen für die zionistischen Verbrechen gelegt und einen zionistischen Staat mitten in die islamische Welt gepflanzt, wo bereits Palästinenser – mehrheitlich Muslime – seit Jahrhunderten leben. Selbst den Namen Palästina erklärte der Westen zum politischen Tabu. Palästina hat eine islamische Geschichte und auch die Geschichte Palästinas vor der Eröffnung durch die Muslime ist nicht jüdisch. Als der Kalif ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb im Jahr 637 n. Chr. die Schlüssel der Stadt Jerusalem überreicht bekam, war es der Patriarch von Jerusalem, der sie ihm übergab und ihn durch die Stadttore führte. Davon will der Zionist aber nichts wissen und eifert den Verbrechern nach, unter denen einst die Juden leiden mussten.

Als die Zionisten und ihr Wortführer, Theodor Herzl, Palästina zu ihrem Ziel erklärten und den Kalifen ʿAbdulḥamīd II. bedrängten, ihnen das Gebiet zu überlassen, war Adolf Hitler noch ein Kind. Die Judenverfolgung unter den Nationalsozialisten war also allenfalls ein Katalysator für die Auswanderung von Juden, die vorher gar nicht mit dem Gedanken gespielt hatten zu emigrieren. Viele waren assimiliert und wurden teilweise erst durch die Nationalsozialisten darauf aufmerksam, dass sie jüdische Vorfahren hatten. Deshalb darf der Holocaust nicht als Argument für einen zionistischen Staat dienen und schon gar nicht als jüdisches Anrecht auf Palästina, das, anders als die Zionisten es propagierten, keineswegs menschenleer war. Der Boden Palästinas war bereits im Besitz eines Volkes, auch nachdem das Kalifat, zu dem Palästina über ein Jahrtausend gehörte, zerstört wurde. Was viele ausblenden, ist die Tatsache, dass Palästinas Geschichte nicht erst mit dem Holocaust beginnt. Wer bei dem Thema mitreden will, sollte deshalb seinen historischen Horizont erweitern und jenseits des Jahres 1948 zurückblicken und sich nicht auf die eindimensionale Berichterstattung über den sogenannten Nahostkonflikt verlassen.

Die Dimension des Unrechts wird am Grad der Tabuisierung deutlich, das Unrecht auszusprechen und Kritik zu üben, nachdem „Israel“ 1948 ausgerufen wurde. Je weniger man über das Unrecht und die damit einhergehenden Verbrechen sprechen oder schreiben darf, desto größer ist das Unrecht, das man vor den Augen der Öffentlichkeit verbergen will. Dieses Tabu ist so groß, dass selbst Juden keine „Israel“-Kritik üben dürfen und von Zionisten sogar als Antisemiten gebrandmarkt werden, wenn sie die Verbrechen „Israels“ gegen die Palästinenser anprangern. Die Zionisten können gegen einen Juden, der „Israel“ kritisiert, zwar nicht die Holocaustkeule schwingen, aber sie erklären ihn zum Nestbeschmutzer und zur Persona non grata, denn gerade von Juden erwarten sie ein uneingeschränktes Bekenntnis zu „Israel“ und ein loyales Totschweigen seiner Verbrechen.

Der jüdische Lyriker Erich Fried, der 1938 vor den Nationalsozialisten aus Österreich fliehen musste, war ein intellektueller Kritiker „Israels“, der den Einschüchterungsversuchen widerstand und deutliche Worte fand, wodurch er sich den Hass der Zionisten zuzog. Unter dem Deckmantel der Kunst, so lehrt uns der Westen, darf normalerweise alles kritisiert, beschimpft und beleidigt werden. Die Kunst kennt keine Tabus und schont niemanden. Das bekommen die Muslime regelmäßig zu spüren. Doch „Israel“ ist auch für die Kunst eine rote Linie und die meisten halten sich daran aus Furcht, als Antisemiten gebrandmarkt zu werden. Fried stellte sowohl als Jude als auch als Künstler eine Ausnahme dar und musste viel Hass und Kritik einstecken. In seinem Gedicht „Höre, Israel“, dessen Titel Bezug nimmt auf das wichtigste Gebet im Judentum, scheut er sich nicht davor, die Zionisten und ihre Verbrechen gegen die Palästinenser mit den Nazis und deren Verbrechen zu vergleichen. Es ist ein doppelter Tabubruch, den Fried begeht: Er kritisiert nicht nur „Israels“ Politik, sondern zieht den Vergleich mit den Nationalsozialisten. In „Höre, Israel“ heißt es:

Eure Sehnsucht war

wie die anderen Völker zu werden

die euch mordeten.

Nun seid ihr geworden wie sie.

Fried verdeutlicht seinen Standpunkt in der Einleitung zu seinem viel kritisierten Gedichtband „Höre Israel – Gedichte gegen das Unrecht“: „Seit dem Judenmord des Hitlerfaschismus hat in Westeuropa ein begreifliches kollektives Schuldgefühl oft dazu geführt, dass man sich jede Kritik an Juden verbietet, wobei man noch dazu Juden und Zionisten meist kurzerhand gleichsetzt.“

Gerade in Deutschland dominiert dieses Schuldgefühl und verhindert jeden objektiven Blick auf die Realität und die politischen Zusammenhänge. Angesichts der aktuellen politischen Lage in Jerusalem und in Palästina insgesamt zeigt sich Deutschlands Wiedergutmachungsmentalität wieder einmal im Schweigen zu jeglichem Unrecht, das „Israel“ an den Palästinensern begeht, und in der Verdrehung der politischen und historischen Realität durch die Medien. Die Berichterstattung ist in peinlichem Grad einseitig und stempelt die palästinensischen Muslime wie üblich als Terroristen ab, während „Israels“ Gewalt gegen die Palästinenser durchweg als reine Selbstverteidigung dargestellt wird. Die journalistische Leistung besteht nicht in Recherche, sondern im Hervorkramen von Klischees zum Nahostkonflikt. Der Unterschied zwischen der Berichterstattung jetzt und jener aus den vergangenen Jahren fällt gar nicht auf. Um auch die Muslime zum Schweigen zu bringen, deren Geschichte davon geprägt ist, dass sie verfolgten Juden Zuflucht gewährten, und die jetzt nichts weiter fordern, als bei der Wahrheit zu bleiben, brandmarkt man sie als Antisemiten und Terroristen, sofern sie sich nicht von dem Anliegen der Unterdrückten und dem Widerstand ihrer Geschwister in Palästina distanzieren. Die Welt schweigt nicht nur, sondern sorgt auch für Schweigen und reinigt ihr Gewissen gegenüber Juden auf Kosten der Palästinenser.

Auch die Zionisten und ihre Besatzungsmacht sorgen für Schweigen mit ihrer Instrumentalisierung des Holocausts. Fried kritisierte diesen Aspekt in seinem Gedicht „Eure Toten – Die Palästinenser an die Toten“ mit den Worten:

Darum beruft euch lieber nicht mehr auf eure Toten,

um die Welt schweigen zu machen jedes Mal, wenn ihr tötet.

Dieses Instrument soll die Tatsache aus dem historischen Gedächtnis löschen, dass die Gründung „Israels“ nicht ohne die Massaker und die Massenvertreibung von Palästinensern erfolgen konnte, und es soll künftige Verbrechen legitimieren. Solche Menschenrechtsverbrechen waren nämlich die Voraussetzung für die Staatsgründung. Die toten und vertriebenen Palästinenser bilden das Fundament „Israels“, aber keiner soll diese Tatsache kritisieren und mit dem Finger auf „Israel“ zeigen. Mit barbarischen Methoden und der Unterstützung der Kolonialmächte setzten sich die Zionisten durch. Weil das Verbrechen so schwerwiegend war, setzten die Zionisten von Anfang an den Holocaust als Instrument ein und schlachteten ihn aus. Er dient nicht nur dazu, vergangene Verbrechen totzuschweigen, sondern auch die aktuellen. Das, was die meisten für Siedlungspolitik halten, ist in Wahrheit eine gnadenlose Vertreibungspolitik. Denn wo Juden siedeln wollen, müssen zuvor Palästinenser enteignet und vertrieben werden. Dazu gehört auch die Vertreibung der Palästinenser aus ihren Häusern in Ostjerusalem, was unter anderem der Auslöser des gegenwärtigen Konflikts war. Es soll nur niemand aussprechen, dass es so ist.

Erich Fried beging einen weiteren gewaltigen Tabubruch in „Eure Toten“, indem er die palästinensischen Opfer mit den Holocaustopfern gleichsetzte. Darin heißt es aus der Perspektive der Palästinenser, die das ganze Gedicht einnimmt:

Glaubt ihr denn eure Toten würden euch wiedererkennen

versteckt in eure Panzer und Kampfflugzeuge?

Eure Toten sind übergegangen zu uns

Opfer zu Opfern

Verfolgte zu Verfolgten.

Und einige Strophen weiter heißt es:

Eure Toten sind nun zu Gast bei unseren Toten.

Das gesamte Gedicht ist eine scharfe Verurteilung der Verbrechen „Israels“:

Jetzt aber seid ihr Machtanbeter und Mörder geworden,

und werft Bomben auf eure Opfer, wenn sie sich wehren

Ihr vertreibt die Machtlosen aus ihren niederen Hütten.

Ihr kommt rasselnd in rasenden Panzern.

Ihr lasst das Sprühgift

aus euren Flugzeugen regnen,

nieder auf unsere Felder

und euer Napalm auf unsere Frauen und Kinder.

Vor allem der Sechstagekrieg 1967 und die damit einhergehende Barbarei der Zionisten gegen die Palästinenser ließen Fried endgültig mit „Israel“ brechen. Er solidarisierte sich mit den Unterdrückten, wodurch er sich viele zionistische Feinde machte und von ihnen diffamiert wurde. Sein Werk wird bis heute nicht in „Israel“ verlegt.

Der amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky, der die Politik der Besatzungsmacht „Israel“ immer wieder kritisiert, beschreibt diese wie folgt: „Israels Pläne für die Palästinenser haben sich an den von Mosche Dajan formulierten Leitsätzen orientiert, die er vor 30 Jahren […] äußerte: Israel solle den Flüchtlingen klarmachen, dass: ‚wir keine Lösung haben, und ihr wie Hunde weiterleben werdet, und wer gehen will, kann gehen‘. Auf Kritik antwortete er mit einem Satz Ben-Gurions: ‚Wer das zionistische Problem von einem moralischen Standpunkt aus angeht, ist kein Zionist.‘ Er hätte auch den ersten Präsidenten Israels, Chaim Weizmann, zitieren können, der das Schicksal von ‚einigen hunderttausend Negern‘ in der Heimat der Juden für ‚eine bedeutungslose Angelegenheit‘ hielt. Seit langem erdulden die Palästinenser Folter, Terror, Zerstörung von Eigentum, Verschleppung, Besiedelung ihres Territoriums und die Übernahme grundlegender Ressourcen, deren wichtigste das Wasser ist.“

Das ist der Kern der Politik „Israels“. Die aggressive Vertreibungspolitik, die als Siedlungspolitik bekannt ist, soll Fakten schaffen, die dann nicht mehr rückgängig zu machen sind und die Situation verkomplizieren. Darüber hinaus will man die natürlichen Ressourcen in den besetzten Gebieten unter zionistische Kontrolle bringen und die demographischen Verhältnisse zugunsten der Zionisten und zum Nachteil der Palästinenser verschieben. Chomsky geht davon aus, dass „Israel“ mit seiner Siedlungspolitik bewusst auf einen Konflikt mit den Palästinensern aus ist. Tatsächlich verhält es sich so. Jeder Widerstand der Palästinenser „rechtfertigt“ noch härtere Maßnahmen, die der Weltöffentlichkeit als reine Verteidigung verkauft werden. Das Vertreiben, Foltern und Morden erscheint dann sogar als Terrorbekämpfung, wie es auch heute der Fall ist. Es ist Teil von „Israels“ Eskalationspolitik, wenn Palästinenser in Ostjerusalem aus ihren eigenen Häusern vertrieben werden sollen, damit Juden dort einziehen. Auf welchem Planeten dieses Universums versteht man ein solches Vorgehen als rechtmäßig und welcher geistig gesunde Mensch fügt sich widerstandslos einem solchen Unrecht? Auf genau diesen Widerstand hat „Israel“ spekuliert.

Wenn die westliche Welt endlich ihr Büßerhemd ablegen könnte, würde sie das Unrecht gegen die Palästinenser anerkennen und die Konsequenzen ziehen. Doch vielleicht will sie in der Rolle des Büßers bleiben, um eigene Interessen zu verwirklichen. Sie streitet zwar nicht ab, dass es sich um besetzten und annektierten Boden handelt, unterstützt aber die Besatzungsmacht und ihre Verbrechen und hält ihre Tyrannei aufrecht, um ihren eigenen Kampf gegen den Islam und die Muslime voranzutreiben. Denn das ist der Hauptgrund für die Existenz „Israels“ mitten in der islamischen Welt. Das heißt, der Westen instrumentalisiert die Juden und ihr Schicksal für sich, nachdem er jahrhundertelang den Antisemitismus pflegte und die Juden verfolgte. Nach einer so langen Tradition des Antisemitismus in Europa sollen wir ernsthaft glauben, dass die Unterstützung „Israels“ nur um der Juden willen geschieht?

Ihre beste Zeit hatten Juden ohnehin unter islamischer und nicht etwa unter zionistischer Herrschaft. Das sagen nicht die Muslime, sondern die Juden selbst. Der einzige Ort, an dem sie in Europa sicher waren, war das islamische Spanien. Sie bezeichnen diese Phase als ihre Goldene Zeit. Ihre Ermordung und Vertreibung setzte ein, als die islamische Herrschaft in Spanien 1492 endete. Und um die Juden zu retten, entsandte der Kalif Beyazid II. Schiffe und nahm die Juden im Kalifat auf. Diese Sicherheit, die sie unter islamischer Herrschaft erfahren hatten, konnte ihnen bislang keine einzige Regierung „Israels“ bieten. Das friedliche Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen ist, das hat die Geschichte bewiesen, nur unter der Gerechtigkeit des Islam realisierbar und nicht etwa durch die Nahostpolitik der Kolonialmächte, die das Problem überhaupt erst in die Welt gesetzt haben.

 

(U. A.)