PERSÖNLICHKEITEN

- 29.05.2021

Sulaimān al-Qānūnī (Teil 1)

 

Die Vorstellung, die die meisten von dem Kalifen Sulaimān al-Qānūnī haben, setzt sich zusammen aus Dichtung und Wahrheit. Die historisch belegte Größe der Muslime während seiner 46-jährigen Regierungszeit will man weitgehend aus dem Gedächtnis der Umma streichen. Mit genau dieser Intention machte die türkische Serie „Das prächtige Jahrhundert“ eine wertlose Seifenoper aus seiner Regentschaft, in der es nicht um historische Fakten geht, sondern darum, was das Publikum sehen will: Palastintrigen, Haremsfrauen, die freizügig gekleidet sind, Bauchtanz, Schlachtenszenen, ein Sultan, der Wein und Frauen zugeneigt ist, und Kostüme mit historischem Touch. Trotz der Verunglimpfung des historischen Sulaimān al-Qānūnī lief die Serie in vielen islamischen Ländern sehr erfolgreich. Wenn man aber ein richtiges Bild von jenem Kalifen gewinnen will, der das Kalifat auf den Höhepunkt seiner politischen und militärischen Stärke und seiner territorialen Ausdehnung brachte, kommt man nicht umhin, sich an die Geschichtsschreibung zu wenden. Drehbücher sind keine Geschichtsbücher und haben keinen historischen Wert, zumal Filmemacher kein Interesse an der Wahrheit haben, sondern nur an Publikumswirksamkeit. Sie dürfen unsere Vorstellung von islamischen Persönlichkeiten, wie Sulaimān al-Qānūnī eine war, und von der islamischen Geschichte nicht prägen.

Im Westen kennt man Sulaimān I. als Sulaimān den Prächtigen. In der islamischen Geschichtsschreibung wird er jedoch als al-Qānūnī charakterisiert. Übersetzt wird dieser Zusatz mit „der Gesetzgebende“, was jedoch so nicht stimmt, denn der Kalif gilt aus islamischer Sicht nicht als Gesetzgeber – dies ist ausschließlich Allah (t.). Der Kalif kann Gesetze im Rahmen des ihm islamisch Erlaubten erlassen und genau dies tat Sulaimān al-Qānūnī in ausgeprägter Form, etwa im Bereich Landrecht. Er ließ ein umfassendes Gesetzeswerk ausarbeiten, das im gesamten Kalifat galt. Grundlage blieb hierbei die Scharia. Selbst im US-amerikanischen Kapitol in Washington ehrt man Sulaimān al-Qānūnī neben 23 anderen Personen mit einem Relief als einen der größten „Gesetzgeber“ der Geschichte. Deshalb ist der Beiname „al-Qānūnī“ treffender als die Bezeichnung „der Prächtige“. Der Name Sulaimān der Prächtige, der ihm von den Europäern gegeben wurde, suggeriert zu sehr eine auf Prunk ausgerichtete und oberflächliche Kalifengestalt aus einem orientalischen Märchen. Sein politisches Wirken geht dadurch unter.

Sulaimān I. ist der Urenkel Mehmeds II., der für das erste große Trauma Europas verantwortlich war. Vom Propheten (s.) als Muḥammad al-Fātiḥ angekündigt, eröffnete dieser im Jahr 1453 Konstantinopel für den Islam und versetzte Europa in Schockstarre. Konstantinopel war das Zentrum der Christenheit und bedeutendste Stadt Europas, die durch gewaltige Mauern geschützt war. Die Hilfsgesuche des byzantinischen Kaisers an die Mächte Europas, ihn in der Verteidigung Konstantinopels zu unterstützen, wurden ignoriert. Muḥammad al-Fātiḥ eröffnete Konstantinopel mit einer Kriegsmaschinerie, die weltweit einzigartig war, wozu eine acht Meter lange und tonnenschwere Kanone zählte, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte. Die Eröffnung Konstantinopels bedeutete nicht nur das Ende des Byzantinischen Reichs, sondern auch die Wahrnehmung des islamischen Staates als ebenbürtige Großmacht, von der Europa geographisch nicht mehr durch ein Meer getrennt war. Sulaimān trat in die Fußstapfen seines Urgroßvaters und versetzte Europa mit der Belagerung Wiens im Jahr 1529 das zweite große Trauma, das der Westen nie verarbeitet hat und das bis heute nachwirkt. Die Türken vor Wien lassen noch immer Angstschweiß auf die Stirn Europas treten.

Als Sulaimān im Jahr 1520 das Kalifenamt übernahm, wiegte sich Europa in Sicherheit. Er wurde von den Europäern völlig unterschätzt. Der zeitgenössische Historiker Paolo Giovio charakterisierte ihn wie folgt: „Alle Menschen sind sich darüber einig, dass ein sanftes Lamm einem wilden Löwen gefolgt ist.“ In einem Geheimbericht an Rom beschrieb ein Gesandter Venedigs den neuen Kalifen wie folgt: „Er ist nicht älter als fünfundzwanzig Jahre, groß und sehnig, er hat einen langen Hals und ein mageres, sehr bleiches Gesicht. Er hat nur den Anflug eines Schnurrbartes und bemerkenswert angenehme Umgangsformen. Man sagt von ihm, dass er ein weiser Herrscher ist, sehr den Wissenschaften ergeben, und Menschen aller Art erhoffen sich von seiner Regierungszeit viel Gutes.“ Papst Leo X. dankte Gott und war erfreut über diese Botschaft, die eine völlige Fehleinschätzung war, und er ahnte nicht, dass das vermeintlich sanfte Lamm seinen Vater Salīm I. übertreffen und Europa noch Jahrhunderte das Fürchten lehren sollte.

Der Zustand des islamischen Staates ist mit jenem europäischer Staaten nicht vergleichbar, als Sulaimān 1520 Kalif wurde. Während in Europa die Untertanen der grausamen Willkür ihrer Regenten und des Adels ausgeliefert waren, die niemandem Rechenschaft schuldeten und sich ihre eigenen Gesetze machten, existierte im islamischen Staat auf der Grundlage des islamischen Systems eine feste gesetzliche Ordnung, an die sich nicht nur die Bürger des Kalifats halten mussten, sondern auch der Kalif selbst. Das islamische System schützt die Menschen grundsätzlich vor der Willkür der Herrscher. Jeder Bürger konnte im Osmanischen Reich Beschwerde einlegen und sich direkt an den Großherrlichen Diwan wenden, wenn er seine Rechte durch den Staat und seine Vertreter beschnitten sah. Es war also keineswegs ein Barbarenstaat, wie ihn sich manch ein Europäer vorstellt. Sulaimān übernahm bei seinem Amtsantritt einen gut funktionierenden islamischen Staatsapparat mit einer starken Armee und einer guten Wirtschaft. Auch den nichtmuslimischen Bürgern ging es unter islamischer Herrschaft gut. Vor allem ging es ihnen besser als in den europäischen Staaten. Sie konnten ihre Konfession ausleben und hatten als Ersatz für den Kriegsdienst, zu dem sie nicht verpflichtet waren, eine Abgabe (Ğizya) zu zahlen, deren Höhe keine Belastung darstellte und nur für Männer galt. Sie konnten nicht nur unbehelligt im Osmanischen Reich leben, sondern waren Schutzbefohlene des Staates.

Der islamische Staat erstreckte sich bereits über ein riesiges Gebiet, doch Sulaimān ruhte sich nicht auf den Lorbeeren seiner Vorgänger aus, sondern setzte die Ausdehnung fort und brachte sie auf einen Höhepunkt, so dass das Kalifat eine Weltmacht wurde. Das Kalifat wurde zu einem entscheidenden europäischen Machtfaktor und bestimmte die europäische Politik des 16. Jahrhunderts. Im gleichen Jahr, als Sulaimān die Regentschaft übernahm, wurde der Habsburger Karl, der König von Spanien war, zum mächtigsten Herrscher Europas, als er 1520 als Karl V. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs ernannt wurde. Die Auseinandersetzungen spielten sich daher hauptsächlich zwischen dem Kalifat und den Habsburgern ab. Zehn seiner dreizehn Feldzüge unternahm Sulaimān nach Europa, womit er schon am Anfang seiner Regierungszeit begann. Er führte die Feldzüge in der Regel persönlich an, was bedeutete, dass er dann über Monate nicht in Konstantinopel war. Feldzüge, d. h. der ğihād, prägten seine gesamte Zeit als Kalif, die er bis zu seinem letzten Atemzug durchführte. Im Jahr 1566 brach er mit über 70 Jahren ein letztes Mal nach Ungarn auf und starb bei der Belagerung von Szigetvár im Lager seiner Armee. Die Festung dort diente den Habsburgern als Bollwerk gegen die Muslime. Bis zuletzt hatte Sulaimān die Intention, noch einmal nach Wien vorzudringen und es einzunehmen.

Sulaimān kannte so gut wie keine Niederlagen. Die gescheiterte Belagerung Wiens 1529 war eine Ausnahme. Die islamische Streitmacht, die zur Zeit Sulaimāns die weltweit stärkste war, war gewohnt zu siegen. Dies wussten auch die Europäer. Ogier Ghislain de Busbecq war Gesandter Karls V. und lebte mehrere Jahre im Osmanischen Reich, um einen Waffenstillstand mit diesem auszuhandeln. Er beschrieb in seinen „Türkenbriefen“ die hoffnungslose Lage der Europäer wie folgt: „So kämpfen die Türken gegen die äußersten Schwierigkeiten mit Geduld, Nüchternheit und Sparsamkeit an und erhalten sich durch das Nahrhafteste; ganz anders als unsere Soldaten, die im Lager mit ihrem täglichen Essen herumtrödeln, die weichliche Speisen, Amseln, Drosseln, Schnepfen und verschwenderische Gelage verlangen. Bekommen sie das nicht, so machen sie Aufruhr und gehen zugrunde. Bekommen sie es aber, gehen sie dennoch zugrunde. Denn jeder ist sich selbst der gewisseste Feind und hat keinen gefährlicheren Widersacher als sein Unmaß. Wenn der Feind es nicht tut, bringt das ihn um. Dies bedenkend und diese Weise mit jener vergleichend, erschrecke ich vor der Zukunft. Notwendig müssen die einen siegen, die anderen untergehen; gewiss können nicht beide unversehrt bleiben. Auf jener Seite stehen die unendlichen Mittel des Türkenreiches, ungebrochene Kräfte, Waffenkunst und -übung, langgediente Soldaten, Siegesgewohntheit, Ausdauer, Eintracht, Ordnung, Disziplin, Anspruchslosigkeit, Wachsamkeit. Auf unserer Seite Armut des Staates, Verschwendung des Privatmannes, verminderte Kräfte, gebrochener Mut, mangelnde Gewöhnung an Anstrengung und Waffen, trotzige Soldaten, habgierige Offiziere, Verachtung der Disziplin, Ausschweifung, Leichtsinn, Trunkenheit, Völlerei. Und das Schlimmste ist: sie sind gewohnt zu siegen, wir besiegt zu werden.“ Der Ruf der islamischen Armee eilte ihr immer voraus. Auch wenn die Habsburger es geschafft hatten, die Erstürmung Wiens abzuwenden, mussten sie eine dauerhafte Präsenz des islamischen Staates an ihren Grenzen hinnehmen, nachdem Sulaimān den größten Teil Ungarns eröffnet hatte und so weit in Europa vorgedrungen war, wie es kein Kalif vor ihm geschafft hatte. Doch der Blick europäischer Herrscher auf Sulaimān war nicht nur durch Hass und Angst geprägt. Sie bewunderten den Kalifen auch. Diese Bewunderung schwingt bis heute mit, wenn es um die Darstellung seiner Person geht.

(U. A.)