PERSÖNLICHKEITEN

- 01.06.2021

Sulaimān al-Qānūnī (Teil 2)

Das erste Ziel Sulaimāns I. als Kalif war Belgrad, dessen Eröffnung bereits Murād II. und nach ihm Muḥammad al-Fātiḥ erfolglos versucht hatten. Sulaimān, der über die Differenzen der europäischen Staaten genau Bescheid wusste und über die politischen Zustände Europas im Bilde war, gelang es im Jahr 1521, Belgrad einzunehmen, das eine strategische Position an der Donau-Save-Linie hatte. Denn solange die Donau-Save-Linie in ungarischer Hand war, waren die islamischen Gebiete auf der Balkanhalbinsel ungeschützt. Dieser Schritt war außerdem die Voraussetzung für den Weg nach Mitteleuropa, der bislang durch die Festung Belgrad blockiert war. Kurz nachdem er Kalif wurde, hatte Sulaimān Ungarns König Ludwig II., der ein Schwager Karls V. war, den Frieden unter der Bedingung angeboten, sich dem Kalifat durch Tributzahlung unterzuordnen. Ungarn lehnte nicht nur ab, sondern verletzte auch das Gesandtschaftsrecht, indem der Gesandte des Kalifen misshandelt und getötet wurde.

Nach Belgrad folgte die Insel Rhodos, die 1522 an die Muslime fiel. Von Rhodos ging eine permanente Gefahr für die Muslime aus, denn die Insel war der Sitz der Johanniter. Der Johanniterorden war vor dem Hintergrund des Ersten Kreuzzugs entstanden. Nachdem die Kreuzfahrerstaaten gefallen waren, hatten sich die Johanniterritter auf Rhodos zurückgezogen. Sie bedrohten immer wieder die Küstenstädte Kleinasiens, Syrien oder Ägypten. Die Ritter unternahmen nicht nur Raubzüge, sondern unterstützten auch christliche Piraten, die auf der Insel Unterschlupf fanden und islamische Städte angriffen. Es ging bei dem Feldzug gegen Rhodos aber auch darum, die Seeverbindung für Muslime zu sichern. Denn Handels- und Pilgerschiffe wurden ständig überfallen. Pilger, die von Konstantinopel über das Meer nach Ägypten fuhren, um von dort aus ihre Reise nach Mekka fortzusetzen, mussten immer mit Angriffen rechnen. Sulaimān wollte diesen Zustand nicht mehr hinnehmen. Mit der Eröffnung von Rhodos beugte Sulaimān gleichzeitig einem neuen Kreuzzug durch die Johanniter vor. Rhodos wurde belagert und die Muslime setzten hierbei erstmals in der Geschichte Bomben und Sprengsätze ein. In einem Brief an den Großmeister des Johanniterordens forderte Sulaimān die Übergabe der Insel und sicherte im Gegenzug zu, dass niemand zu Schaden komme und jeder, der die Insel verlassen wolle, dies mit Familie und Eigentum tun könne. Wer bleiben wolle, könne bleiben und sein gewohntes Leben weiterführen. Sulaimān war fest entschlossen, Rhodos einzunehmen, und ging persönlich auf die Insel, um seinem Entschluss Nachdruck zu verleihen. Nach großen Verlusten auf beiden Seiten stimmte der Großmeister Philippe Villiers de l‘Isle Adam schließlich der Kapitulation zu und übergab die Schlüssel. Damit war der Seeweg für die Muslime sicher. Rhodos blieb bis 1912 in muslimischer Hand.

Die Europäer mussten bereits mit dem Verlust Belgrads an die Muslime erkennen, dass Sulaimān kein Lamm war, wie sie anfangs dachten, und zudem über die modernste und stärkste Streitmacht verfügte. Er machte kein Geheimnis aus seinen Plänen für Europa und die europäischen Mächte wussten, dass er mindestens 200 Kanonen in Belgrad zurückgelassen hatte, die nicht nur dazu dienten, Belgrad zu halten. Dennoch glaubten sie nicht daran, dass Sulaimān I. tatsächlich Krieg gegen das mächtige Königreich Ungarn führen würde, auch wenn er 1524 Ludwig II. wissen ließ, dass er persönlich an die Donau kommen werde, um Buda, die damalige Hauptstadt des ungarischen Reichs, einzunehmen. Ludwig II. erwiderte, Sulaimān solle nur kommen. Zwischen Belgrad und Buda gab es nicht mehr viele größere Festungen. Im April 1526 brach Sulaimān schließlich mit seinem Großwesir Ibrāhīm Pascha von Konstantinopel Richtung Donau auf und führte den Feldzug gegen Ungarn an. Am 29. August 1526 traf die schlagkräftige islamische Armee bei Mohács auf das ungarische Heer. Die Schlacht von Mohács war von historischem Ausmaß, denn der schnelle Sieg der Muslime besiegelte das Schicksal Ungarns, das zum größten Teil unter islamische Herrschaft fiel. Lediglich ein kleiner Teil ging an die Habsburger, die erbberechtigt waren, nachdem Ludwig II. auf der Flucht ertrunken war und keine Nachkommen hatte.

Die Muslime setzten ihren Weg Richtung Buda fort. Als die Menschen dort erfuhren, dass die Muslime sich ihrer Stadt näherten, flohen viele wohlhabende Bewohner. Die einfache Bevölkerung blieb hingegen und übergab schließlich den Schlüssel an Ibrāhīm Pascha vor den Stadtmauern, der ihn Sulaimān überreichte. Viele Handwerker und Kaufleute baten darum, sich unter den Schutz des Kalifen stellen und nach Konstantinopel auswandern zu dürfen. Ihrem Wunsch wurde entsprochen. Sulaimān und seine Armee blieben jedoch nicht in Buda.

Das Osmanische Reich unter der Regentschaft Sulaimāns beeinflusste die Politik der europäischen Mächte in hohem Maße. Nach dem Tod des ungarischen Königs am Tag der Schlacht von Mohács brachen Rivalitäten aus, wer den Platz Ludwigs einnehmen sollte. Neben dem Woiwoden von Siebenbürgen Johann Zápolya machte der Habsburger Ferdinand I., Erzherzog von Österreich und Bruder Karls V, Anspruch auf die Herrschaft. Es kam zur Doppelwahl und Ferdinand I. vertrieb Zápolya aus Buda, woraufhin sich Zápolya an das Kalifat wandte und um seine Anerkennung als König von Ungarn und um Unterstützung gegen Ferdinand I. bat. Sulaimān war bestens informiert über die Streitigkeiten und die Ansprüche, die die beiden Kontrahenten machten. Ibrāhīm Pascha machte dem Gesandten Zápolyas deutlich, dass das ungarische Reich den Muslimen unterstehe. Sulaimān willigte schließlich ein, Zápolya, dem Bedingungen auferlegt wurden, gegen Ferdinand I. zu unterstützen, denn die Habsburger stellten für das Kalifat die größte Gefahr dar, der Sulaimān entgegentreten musste. Hierbei war Ungarn ein wichtiger Faktor. Als Ferdinand I. von dem Erfolg Zápolyas hörte, schickte auch er Gesandte nach Konstantinopel. Er forderte nicht nur seine Anerkennung als König, sondern auch die Rückgabe von Gebieten und Festungen, wie etwa Belgrad. Sulaimān war verärgert über diese Forderung und teilte den beiden Gesandten mit: „Euer Herr hat seither unsere Freundschaft und Nachbarschaft nicht erfahren, er wird sie aber fortan erfahren, und das könnet ihr offen eurem Herrn sagen, dass ich persönlich zu ihm kommen werde mit aller Gewalt und Macht, und in eigener Person seiner Person die Festungen zurückstellen werde, welche er von mir begehrt hat. Erinnert ihn also, dass er alles zubereite und ausrüste, um uns gut empfangen zu können.“ Die Gesandten erwiderten darauf, dass Ferdinand ihn auch als Feind zu empfangen wisse. Österreich betrachtete sich als Bollwerk gegen die Muslime.

Sulaimān brach am 10. Mai 1529 mit seinem Heer Richtung Wien auf. Der Feldzug war beschwerlicher als die Feldzüge zuvor, denn er führte weit in Europa hinein. Zápolya erhielt seine Befehle vom Kalifen und traf im August desselben Jahres bei Mohács auf ihn. Während er mit seinen Truppen Richtung Pest zog, führte Sulaimāns Weg nach Buda, das von den Muslimen erneut eingenommen wurde. Das eigentliche Ziel war jedoch Wien, der Regierungssitz der Habsburger. Der Kalif und seine Armee trafen am 27. September vor Wien ein. Sulaimān forderte auch diesmal die freiwillige Übergabe der Stadt und sicherte im Gegenzug zu, dass kein muslimischer Soldat die Stadt betreten werde und der Vertrag vor den Stadttoren unterschrieben werden solle. Da die Stadt nicht übergeben wurde, versuchte man die Stadtmauer zu durchbrechen, was ein schwieriges Unterfangen war. Aufgrund der großen Distanz konnte das islamische Heer keine großen Geschütze mit sich führen. Die Soldaten versuchten, die Mauer mit Minen zu sprengen. Sie erhielten auch den Befehl, die Stadtmauer zu untergraben. Zwar gelang es am 12. Oktober, Breschen in die Mauer zu schlagen, aber es gelang nicht, die Stadt erfolgreich zu stürmen. Wien blieb weiterhin unter Beschuss, aber am Ende musste Sulaimān die Belagerung abbrechen. Es werden unterschiedliche Gründe angeführt, dass der Kalif zum ersten Mal eine Belagerung abbrechen musste. Da ist zum einen das Problem, dass die schweren Kanonen nicht mitgeführt werden konnten. Zum anderen war der Nachschub von Proviant und Soldaten aufgrund der großen Entfernung nicht gesichert. Aus historischen Überlieferungen geht zudem hervor, dass vor allem das außergewöhnlich schlechte Wetter den muslimischen Soldaten zusetzte und eine erfolgreiche Erstürmung unmöglich machte. Es lag also weniger an den Habsburgern als vielmehr an äußeren Umständen.

Am 15. Oktober zogen die Muslime wieder ab, doch ihr Abzug bedeutete nicht, dass die Habsburger den Sieg davontrugen. Sie waren trotz allem nicht stark genug, sich Ungarns zu bemächtigen, und gezwungen, Verhandlungen mit dem islamischen Staat zu führen, den sie als ebenbürtige Macht anerkennen mussten. Sulaimān nahm immer wieder den Kampf gegen die Habsburger auf, zumal Karl V. seine Feindschaft zum Islam immer wieder öffentlich erklärte.

Obwohl Sulaimān 46 Jahre lang regierte und fast ganz Ungarn unter islamische Herrschaft brachte – als Buda im Jahr 1541 erneut von Sulaimān eingenommen wurde, gab es Ungarn praktisch nicht mehr –, bleibt vor allem die Belagerung von Wien im Gedächtnis, die sich 1683 sogar wiederholen sollte. Der Schrecken sitzt den Europäern bis jetzt so tief in den Knochen, dass ihr Umgang mit den Muslimen noch heute von diesem Ereignis geprägt ist, etwa die Islampolitik Österreichs. Die Türken vor Wien sind das Schreckgespenst Europas, das sie mithilfe der Unterdrückung der Muslime vertreiben wollen.

(U. A.)