KOMMENTAR

- 10.09.2021

Welche Schlüsse lassen sich aus dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan ziehen?

 

Es ist kein Geheimnis, dass die USA Jahre vor dem Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan Gespräche mit den Taliban führten, mit ihnen verhandelten und am Ende ein Abkommen mit ihnen schlossen. Oberflächlich betrachtet, haben die Taliban die US-amerikanischen Truppen und ihre internationalen Anhängsel nicht vertrieben, sondern konnten erst aufgrund des 2020 geschlossenen Abkommens mit den USA die Macht in Afghanistan auf die erfolgte Weise übernehmen. Aus diesem Blickwinkel wirkt der Abzug der US-Truppen als selbstbestimmte Entscheidung der USA und die Machtübernahme der Taliban als lange gehegter US-amerikanischer Plan, um Marionetten auszutauschen, wie man es sonst von der Kolonialpolitik der USA kennt. Zwischen den Taliban und den USA existiert zwar ein Abkommen, das diesen Eindruck erweckt, aber in diesem Fall muss die Frage gestellt werden, welche Umstände dazu geführt haben, ein solches Abkommen nach zwanzig Jahren abzuschließen. Die Antwort auf die Frage, was die USA gezwungen hat, mit den Taliban zu verhandeln und als offensichtlich gescheiterte Weltmacht Afghanistan nach so langer Zeit bis auf den letzten US-Soldaten zu verlassen, wirft ein anderes Licht auf die Taliban, die nicht einfach nur gegen den korrupten afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani ausgetauscht wurden, um seine Vasallenrolle einzunehmen. Man findet die Antwort weniger in der Selbstdarstellung der Taliban als vielmehr in den Äußerungen, die von westlicher Seite kommen.

Der Krieg der USA gegen Afghanistan war von Anfang an ein ungleicher Kampf. Denn die internationalen Truppen waren mit den modernsten Waffen ausgestattet und hatten alle finanziellen Möglichkeiten. Die Summe von zwei Billionen Dollar, die allein die USA in den Krieg investiert hatten, liegt jenseits jeder Vorstellungskraft. Beurteilt man den Widerstandskampf der Taliban gegen die Invasoren allein auf der Grundlage ihrer Ausrüstung, hätte dieser scheitern müssen. Deutsche Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, beschreiben die Ausrüstung der Taliban sogar als primitiv. Dennoch zwangen die Taliban die Weltmacht USA zum Rückzug. Der deutsche Elitesoldat Robert Sedlatzek-Müller, der ein Buch über seine Afghanistanerfahrungen und sein Trauma geschrieben hatte, beschrieb in einem DW-Interview, wie Soldaten mit einer Topausbildung und sehr gutem Equipment auf Taliban-Kämpfer stießen, „die oft nur Badelatschen anhatten, leicht bekleidet, keine Winter- oder Sommerausrüstung“ hatten, aber „mit einer Ideologie besetzt waren und die Überzeugung hatten, das Richtige zu tun“. Für Sedlatzek-Müller war abzusehen, dass man diesen Kampf nicht werde durchhalten können. Es ist die Erkenntnis, dass die Stärke der Taliban bei diesem Krieg in ihrer Glaubensüberzeugung lag, gegen die modernste Waffen und bestausgebildete Soldaten nicht ankamen. Der SPIEGEL-Journalist und Afghanistan-Korrespondent Christoph Reuter sagte im SPIEGEL-Talk „Spitzengespräch“ Ähnliches: „Die Taliban sind die Stärkeren, nicht, weil sie die besseren Waffen haben, sondern weil sie an etwas glauben, ob wir das mögen oder nicht, aber die glauben an etwas. Die sind bereit, dafür zu sterben.“ Während er die Soldaten der afghanischen Armee als „Resterampe der Werktätigen“ bezeichnete, „die keinen anderen Job gefunden hatten“ und nicht an die Sache glaubten, für die sie kämpfen sollten, charakterisierte er die Taliban-Kämpfer als „hochmotiviert“, die im Zuge ihres Trainings auch ohne professionelle Armee „zu durchaus komplizierten Operationen“ in der Lage waren. Ohne Hightech-Waffen konnten sich die Taliban gegen die USA durchsetzen. Der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Lüders sagte in einer Stellungnahme zur Machtergreifung der Taliban: „Die Taliban haben sich gegen die stärkste Militärmacht der Welt behauptet. Das ist ja zunächst einmal eine gewisse Ungeheuerlichkeit, dass diese schlichten Gemüter der Taliban, und sie sind schlichte Menschen mehrheitlich, sie haben es geschafft, eine Weltmacht vorzuführen.“ Die westlichen Invasoren haben ganze zwei Jahrzehnte gebraucht, um zu erkennen, dass ihre Waffen gegen die islamische Überzeugung der Menschen in Afghanistan machtlos sind. Solche Äußerungen sind keine Sympathiebekundungen für die Taliban, sondern Bekenntnisse, dass die islamische Einstellung die wesentliche Rolle gespielt hat.

Die USA sind nicht die erste in Afghanistan gescheiterte Großmacht. Afghanistan haftet das Image des Friedhofs der Invasoren an. Zuvor waren schon Großbritannien und die ehemalige Sowjetunion aus den gleichen niederen Beweggründen wie die USA in Afghanistan einmarschiert und mussten es ähnlich erniedrigt wieder verlassen. In Afghanistan, das zum größten Teil aus gebirgiger Landschaft besteht, sind viele Regionen schwer zugänglich. Die Menschen leben dort ohne Infrastruktur zum Teil ohne Strom und fließendes Wasser. Man kann sogar sagen, dass in einigen Regionen die Lebensverhältnisse heute die gleichen sind wie zur Zeit der britischen Invasion im 19. Jahrhundert. Und obwohl die Invasoren wechselten und mit immer moderneren Waffen kamen und sogar einen Drohnenkrieg führten, waren sie nicht imstande, Afghanistan einzunehmen.

Was immer die Invasoren für Argumente vorbrachten, um ihren Krieg gegen Afghanistan moralisch zu rechtfertigen, ging es immer nur um Unterwerfung, Ausbeutung und um geopolitische Ziele. So hatten die USA in eine korrupte afghanische Regierung und Armee investiert, um das afghanische Volk zu unterdrücken, statt das Geld der Bevölkerung zukommen zu lassen, etwa durch den Ausbau der Infrastruktur, womit sie die Sympathie der Afghanen vielleicht hätten gewinnen können. Regierung und Armee nahmen nicht nur das Geld, das für ihren Verrat am afghanischen Volk bestimmt war, sondern auch jenes Geld, das dem Volk hätte zugeführt werden sollen. Das passiert, wenn man korrupte Menschen einsetzt, deren Loyalität nur dem Geld gilt. Anders verhält es sich mit den Muslimen, die schon zur Regierungszeit von ʿUṯmān ibn ʿAffān nach Afghanistan kamen. Als sie 650/51 n. Chr. dorthin vorstießen, um das Gebiet für den Islam zu eröffnen, hieß es noch Chorasan. Der Unterschied ist aber nicht allein auf den Namen beschränkt. Während der Name Afghanistan mit Invasion, Krieg und Unterdrückung assoziiert wird, steht der Name Chorasan für die islamische Blütezeit. Der wesentliche Unterschied zu den Kolonialmächten ist der, dass die Muslime nicht als Invasoren kamen und die Menschen nicht ausbeuten wollten, sondern die Botschaft des Islam an sie herantrugen. Dass sie damit Erfolg hatten, zeigt sich daran, dass die islamische Herrschaft nicht als Fremdherrschaft betrachtet wurde und die Menschen zu Bürgern des Kalifats und einem Teil der Umma wurden, zu der sie bis heute gehören. Die Briten, Russen und Amerikaner sind in Afghanistan gescheitert, weil sie kein Interesse an dem Wohl der Menschen hatten, sondern ausschließlich an den Bodenschätzen und der strategischen Lage des Landes interessiert waren. Auch nachdem die Kolonialmächte das Kalifat zerstört hatten, blieb der Islam in Afghanistan bestehen. Die Präsenz der Taliban zeugt davon, wie stark die Menschen noch heute am Islam festhalten, der ihre Identität geprägt hat. Die Taliban sind ebenfalls ein Teil der muslimischen Bevölkerung Afghanistans und keine Eindringlinge, die das Land okkupieren wollen.

Die USA haben zwar ihre Truppen abgezogen, aber sie werden mit Argusaugen auf Afghanistan blicken und ihren Einfluss auf anderem als dem militärischen Weg aufrechterhalten wollen. Sie werden vor allem darüber wachen, dass es in Afghanistan nicht zur Anwendung des islamischen Systems und zur Entstehung eines Kalifats kommt. Das wäre für sie schlimmer als ihr schmählicher Abzug aus Afghanistan. Hierbei geht es ihnen weniger um die „Freiheit“ der Afghanen als vielmehr um die Sorge, mit der Einführung einer islamischen Herrschaft in allen Bereichen des Lebens keinen Zugriff mehr auf das Gebiet zu haben. Mehr noch, es wäre für die Kolonialmächte das Ende ihres Einflusses in der islamischen Welt. Die Machtübernahme der Taliban bedeutet nämlich noch nicht, dass Afghanistan islamisch regiert wird. Das ist erst dann der Fall, wenn in allen Bereichen die islamischen Gesetze angewendet werden und nicht nur in Teilbereichen. Darin besteht die wahre Herausforderung für die Muslime. Der Abzug der Invasoren ist ein Erfolg, aber es ist nur der erste Schritt zum Ziel.

(U. A.)