KOMMENTAR

- 14.09.2021

Die fatalen Folgen der COVID-19 Pandemie und die Verbreitung von Falschinformationen

 

Vergangenen Juni erklärte der Vizepräsident Indonesiens, Ma‘ruf Amin, dass das Aufkommen bahnbrechender Informationstechnologien negative Einflüsse mit sich brachte, genauso wie die Entstehung von falschen Informationen, Betrug, Verleumdungen, Provokationen als auch Inhalte mit ketzerischen und extremen Lehren. „Infolgedessen, sehen wir, dass viele Menschen aufgrund ihres Misstrauens in die COVID-19-Pandemie und der Einflüsse der Verschwörungstheorien auf sie, zu Opfer geworden sind“, sagte Ma’ruf Amin während eines Zusammenkommens mit den Vorstandsmitgliedern der Mathla‘ul Anwar und Muslimat Mathla‘ul Anwar.

Am Freitag dem 30. April 2021 verzeichnete das Indonesische Ministerium für Kommunikation und Information 1556 Falschinformationen in Bezug auf COVID-19 und 177 Fälle von verbreiteten Falschinformationen in Hinblick auf einen der Impfstoffe gegen das Virus. (Kompas, 25. Juni 2021)

Die Falschinformationen über das Virus, die sich rasch in den sozialen Medien verbreiteten, wurden unverzüglich von der indonesischen Regierung, als auch von einem Teil der restlichen Welt, wie z.B. vom Weißen Haus, bekämpft. Erst kürzlich hat Joe Biden Facebook und andere digitale Plattformen dafür kritisiert, dass sie nichts gegen die Verbreitung solcher Falschinformationen unternehmen.

Laut einem Bericht von Reuters sagte Biden, dass aufgrund dieser Falschinformationen ein Anstieg der Todeszahlen zu verzeichnen sei. „Sie (die digitalen Plattformen) töten Menschen. Die einzige Pandemie die existiert, ist unter den nicht geimpften und sie töten Menschen.“

Diese Aussage tätigte Joe Biden gegenüber den Journalisten, die während einer Fragerunde am 17. Juli zugegen waren.

Das Versagen, die Flut an falschen Informationen zu stoppen, ist in Wirklichkeit auf das Unvermögen der westlichen Welt zurückzuführen, Informationen zu verarbeiten. Das ist an Ironie kaum zu übertreffen, da doch gerade der Westen mit Fortschritten in der Datenverarbeitung, Nutzung von Informationen und Künstlicher Intelligenzen prahlt. Auf der anderen Seite jedoch können Informationen, die dem gesellschaftlichen Klima und der Unversehrtheit des Menschen schaden, problemlos zirkulieren.

Aus Sicht der Informationspolitik zeichnet sich die Belastbarkeit einer Nation dadurch aus, die Kompetenz zu besitzen, Informationen in drei Schritten zu verarbeiten, nämlich: filtern, zuordnen und bewerten, sowie darauf aufbauend die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Dies ist alles auf die Beständigkeit von Informationen zurückzuführen. Sowohl in Hinblick auf die Denkfähigkeit des Einzelnen, als auch auf die ideologische Kapazität eines Landes.

Beim Filtern ist es notwendig, die vertrauenswürdigen Quellen auszumachen. Beim Zuordnen und Bewerten ist es nötig, die Qualität der Information zu bewerten, ob sie schädlicher oder nützlicher Natur ist und infolgedessen die richtigen Entscheidungen in die Wege zu leiten.

Die Unfähigkeit des säkularen Systems, zwischen wahren und falschen sowie nicht schädlichen und schädlichen Informationen zu unterscheiden, lässt sich auf mangelnde Zuordnung und Bewertung von Informationen zurückführen.

Diese Art der Informationsverarbeitung erklärt sich dadurch, dass Giganten im Bereich Social Media und ihre Kooperationen mit Datenverarbeitungsfirmen nur auf die Maximierung ihrer Gewinne ausgerichtet sind. Sie agieren nicht zum Wohle der Menschen. Des Weiteren liegt die Kontrolle der Informationsverarbeitung in den Händen der kapitalistischen Elite.

Daraus erschließt sich, dass die Umma inmitten dieser Flut an Falschinformationen noch anfälliger und verwundbarer ist. Die islamische Umma verfügt zwar über die Fähigkeit, innerhalb des islamischen Rahmens über diese Zustände nachzudenken, gleichzeitig fehlt es ihr allerdings an einem sicheren Zugang zur Informationsaufnahme. Deshalb ist diese Pandemie nicht bloß eine Prüfung, bei der der Ausbruch des Virus im Fokus liegt. Denn auch die mentale Stärke und die Klarheit des Bewusstseins wird auf die Probe gestellt.

In seinem Buch „Das Denken“ (at-tafkīr), beschreibt Scheich Taqī ad-Dīn an-Nabhānī, dass bei der Zuordnung und Bewertung von Informationen, beim vernünftigen Denken und bei der Anwendung der korrekten (Denk-)Methode wichtige Kriterien einzuhalten sind. Der Schlüssel des Ganzen ist, dass die Umma wieder in der Lage sein muss, vernunftbasiert zu Denken. Bei dieser Art des Denkens wird die Wahrnehmung der Realität mit den entsprechenden Vorinformationen verknüpft. Vernunftbasiertes Denken ist kein Werkzeug oder Mittel, das spekulativen Annahmen oder Wunschvorstellungen, ohne dabei Wahres von Falschem zu unterscheiden, Raum bietet. Viel eher wird eine ständige Überprüfung der Faktenlage benötigt.

Im zuvor erwähnten Buch spricht Scheich Nabhānī (r) auch über das politische Denken, das zweifelsohne die komplizierteste Art des Denkens darstellt. Das politische Denken erfordert eine hohe Kapazität in der Tiefenanalyse von Fakten und verschiedene andere analytische Fähigkeiten. Auch liegt dem politischen Denken die Realpolitik zugrunde und keinesfalls fragwürdige oder gar verschwörerische Spekulationen.

Die Falschinformationen, die sich immer weiterverbreiten, verkomplizieren die Situation zunehmend, denn durch das schwindende Vertrauen der Öffentlichkeit in die kapitalistischen Regime wurde deren Inkompetenz offenbart. Das ist das Resultat einer zweideutigen, widersprüchlichen, sporadischen und zurückhaltenden Herangehensweise der aktuellen politischen Führung.

Auf individueller Ebene ist es nicht ausreichend, ein solides Fundament in Hinblick auf die korrekte Denkweise zu besitzen. Vielmehr müssen die öffentlichen Entscheidungsträger das Geschehen stärker beeinflussen und kontrollieren. Tatsächlich ist es aber die Aufgabe des Staates, den Ausbruch von COVID-19 und die Verbreitung unkontrollierbarer Falschinformationen zu stoppen.

Der Islam ist allemal in der Lage korrekte Entscheidungen zu treffen, mit der Fähigkeit auf Informationen zu reagieren und sie zu verarbeiten, egal wie kompliziert sie auch scheinen mögen. In Fragen der Rechtslegung (tasyīr) wird der Koran und die Sunna des Gesandten Allahs (s) herangezogen, genauso wie der Konsens der Prophetengefährten (iǧmāʿ) und der Analogieschluss (qiyās). Auch gültige Rechtsauslegungen (iǧtihadāt) werden miteinbezogen.

Der Islam leitet die Entscheidungsträger einer Gesellschaft dazu an, den Meinungen von Experten in Fragen der Wissenschaft und Medizin Gewicht beizumessen, nicht der Meinung der Mehrheit oder anderer Interessensvertreter. In Bezug auf die experimentelle Wissenschaft gilt die Relativität der Wahrheit, deshalb ist es unabdingbar, dass eine politische Autorität existiert, die in der Lage ist, die stärkste aller vorhandenen Expertenmeinungen zu adoptieren.

Es ist das Recht einer jeden Gesellschaft, von ihrer Regierung eine korrekte Aufklärung hinsichtlich bestimmter Themen zu fordern. Als Beispiel können die Ansichten von verschiedenen Impfstoffexperten herangezogen werden, die für bloße Unruhe in der Gesellschaft sorgten. Aus diesem Grund muss die Führung klare Ziele fokussieren, der stärksten Meinung folgen, dabei die Bevölkerung vernünftig aufklären und nicht diejenigen tadeln, die sich kritisch gegenüber der Regierung äußern.

Aus aktueller Sicht scheinen sich die Entscheidungsträger immer mehr zurückzuziehen. Die Menschen sind dadurch gezwungen, eine große Bürde selbst zu tragen. Die Muslime verlassen sich nun größtenteils auf die Belastungsgrenze des Einzelnen und adoptieren die Ansichten von ehrlichen, aufrichtigen und kompetenten Experten. Sie halten an den Anweisungen rechtschaffener Gelehrter und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens fest.

Möge Allah (t) der islamischen Umma die Türen öffnen; jene Türen, die zur Lösung inmitten dieser schweren Prüfung führen.

Dieses Ereignis sollte uns an den folgenden Hadith unseres geliebten Propheten Muḥammad (s) erinnern:

Von Abū Huraira wurde überliefert, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«سَيَأْتِي عَلَى النَّاسِ سَنَوَاتٌ خَدَّاعَاتٌ يُصَدَّقُ فِيهَا الْكَاذِبُ وَيُكَذَّبُ فِيهَا الصَّادِقُ وَيُؤْتَمَنُ فِيهَا الْخَائِنُوَيُخَوَّنُ فِيهَا الأَمِينُ وَيَنْطِقُ فِيهَا الرُّوَيْبِضَةُ قِيلَ وَمَا الرُّوَيْبِضَةُ قَالَ الرَّجُلُ التَّافِهُ فِي أَمْرِ الْعَامَّةِ ُ»

Über die Menschen werden Jahre der Täuschung kommen. So wird der Lügner als ehrlich angesehen und der Ehrliche als Lügner. Der Betrüger wird als wahrhaftig angesehen und der Wahrhaftige als Betrüger. Die ruwaibiḍa werden offen sprechen können.“Da fragten seine Gefährten nach: „Wer sind die ruwaibiḍa?“ Er (s) antwortete: „Niederträchtige Personen, die über die Angelegenheiten der Allgemeinheit sprechen.“ (al-Ḥākim)

(E. D.)