KOMMENTAR

- 21.09.2021

Fāṭima al-Fihrīya: Die Gründerin der ersten Universität der Welt

 

Der Westen schürt die Angst, dass die Mädchen in Afghanistan nicht mehr in die Schule gehen und Frauen nicht mehr arbeiten dürfen, wenn die Taliban – nach westlichem Verständnis – die Scharia einführen. Bei all den gravierenden Problemen des Landes, die hauptsächlich der Kolonialismus und die ständigen Invasionen zu verschulden haben, sorgt sich die westliche Welt allein darum, dass die afghanische Frau mit der Einführung eines islamischen Systems unterdrückt werde und ihr der Zugang zu Bildung und Wissen verwehrt werde. Dass z. B. Regionen in Afghanistan existieren, in denen es gar keine Schulen gibt und weder Mädchen noch Jungen Zugang zu Bildung haben, prangert der Westen nicht an und wirft es Ashraf Ghani, dem ehemaligen afghanischen Präsidenten, nicht vor, dem die USA das Geld nur so in den Rachen geschoben haben. Angesichts der Priorisierung des Themas Frau seit dem Abzug der US-Truppen aus Afghanistan müsste man meinen, die USA hätten in den zwanzig Jahren ihrer Militärpräsenz dort nichts anderes getan, als die afghanische Frau zu schützen und zwei Billionen Dollar in den Bau von Mädchenschulen und Frauenprojekten zu investieren. Die muslimische Frau sollte wachsam sein und sich nicht dazu instrumentalisieren lassen, für eine moralische Rechtfertigung der Verbrechen der Kolonialmächte in der islamischen Welt herzuhalten.

Der Westen stellt es als unumstößliche Tatsache hin, dass mit der Umsetzung des Islam die Unterdrückung der Frau einhergehe, obwohl die Geschichte das Gegenteil belegt und die Rechte der Frau erst mit der richtigen Anwendung des Islam gewahrt werden. Im Islam muss die Frau ihr Recht auf Bildung nicht einfordern, weil sie dieses Recht schon hat. Ein Problem entsteht erst dann, wenn der Islam nicht umgesetzt wird. Selbst für jene, die keine Ahnung von den Rechten der Frau im Islam haben, gibt es zahlreiche historische Beispiele, die das belegen. Die islamische Geschichte kennt viele muslimische Frauen, die entweder selbst Gelehrte und Wissenschaftlerinnen waren oder aber Schulen gründeten. Sie stellten keine Ausnahmen dar und hatten auch nicht den Ruf, emanzipierte Frauen zu sein, die gegen gesellschaftliche Konventionen verstießen. Sie handelten im Rahmen des Islam und wurden von diesem angetrieben. Doch in der westlichen Welt will man solche Beispiele nicht kennen, weil sie dem negativen Islambild widersprechen, das man für die eigenen politischen Interessen zwingend aufrechterhalten muss.

Fāṭima al-Fihrīya ist ein solches Beispiel, das ganz und gar nicht in das westliche Bild von der muslimischen Frau passt und dem gängigen Klischee widerspricht. An ihr wird deutlich, dass der Islam nicht als Hindernis zwischen Frau und Bildung steht, sondern der Grund für das Streben nach Wissen ist. Der Name Fāṭima al-Fihrīya ist in der westlichen Welt so gut wie unbekannt, obwohl er angesichts der Bedeutung dieser Muslima für die gesamte Welt zum Allgemeinwissen gehören sollte. Denn Fāṭima al-Fihrīya ist die Gründerin der ältesten Universität der Welt, die wissenschaftliche Lehrstühle hatte und in der man einen akademischen Abschluss erhalten konnte, unter anderem in Medizin, und die noch heute in Betrieb ist. Die UNESCO hat bestätigt, dass es sich um die älteste Hochschule der Welt handelt. Das heißt, die erste Universität, die 859 n. Chr. gegründet wurde, wurde unter islamischer Herrschaft gegründet und zudem von einer muslimischen Frau. Es ist eine Zeit, in der die Scharia herrschte und die islamischen Gesetze in allen Bereichen des Lebens angewendet wurden. Wie kann es sein, dass ausgerechnet in einer Hochphase islamischer Herrschaft eine muslimische Frau die erste Universität gründet, wenn der Islam tatsächlich so frauenfeindlich ist, wie der Westen es darstellt? Warum haben der islamische Staat und männliche Rechtsgelehrte dies nicht unterbunden? Die Antwort liegt auf der Hand: Fāṭima al-Fihrīya hat gegen kein islamisches Gebot verstoßen, als sie die Universität al-Qarawīyīn im heutigen Marokko in Fès ins Leben rief. Das Gegenteil ist der Fall, denn sie ermöglichte anderen den Zugang zu Wissen und Bildung und war selbst eine gebildete Frau. Es handelt sich um eine renommierte Universität, aus der in den Jahrhunderten ihres Bestehens viele einflussreiche Gelehrte hervorgingen.

Die Universität al-Qarawīyīn wurde als Moschee mit angeschlossener Schule auf einem Grundstück von Fāṭima al-Fihrīya errichtet, die mit ihrem Vermögen das Wohlgefallen Allahs anstrebte und es deshalb für die Bildungsstätte einsetzte, welche auch nach ihrem Tod bestehen und ihr den Lohn Allahs sichern sollte. Das heißt, es waren islamische Beweggründe, die Fāṭima al-Fihrīya veranlasst hatten, einen Ort für Bildung und Wissenschaft zu schaffen. Denn grundsätzlich ist es die Aufgabe des islamischen Staates, für die Bildung all seiner Bürger zu sorgen und Bildungsstätten zu bauen. Die Universität al-Qarawīyīn wurde im Laufe der Zeit zur bedeutendsten Universität im Maghreb, an der auch Nichtmuslime studieren konnten. Jede Universität dieser Welt, ob Harvard oder Oxford, hat ihr historisches Vorbild in der Universität al-Qarawīyīn der Fāṭima al-Fihrīya. Dass Fāṭima al-Fihrīya im Westen unbekannt ist, ist eine vorsätzliche Bildungslücke.

(U. A.)