KONZEPTION

- 28.09.2021

Der Koran: Rhetorik in unnachahmlicher Perfektion

 

Die intensive Auseinandersetzung mit der Sprache des Koran löscht jeden Zweifel an der Echtheit der Offenbarung aus. Trotzdem gab es schon zur Zeit des Propheten (s.) Menschen, die die Wahrheit nicht akzeptieren wollten, obwohl sie alle sprachlichen Kompetenzen mitbrachten, um zu erkennen, dass die Koranverse göttlichen Ursprungs sind. Ihre Ablehnung hatte aber nichts mit dem Koran selbst zu tun, sondern damit, dass der Islam ihren alten Glauben für falsch erklärte, dem sie bis dahin blind gefolgt waren, weil es der Glaube ihrer Vorväter war, und weil sie um ihre Macht und ihren Einfluss bangten, den der neue Glaube hinwegzufegen drohte und ihnen ein Leben nach eigener Lust und Laune nicht mehr erlauben würde. Dies waren ihre einzigen Beweggründe. Es war also eher eine Ablehnung aus ihrem verletztem Stolz und ihren Leidenschaften heraus und weniger aus Überzeugung. Denn widerlegen konnten sie die Echtheit des Koran nicht. Seine Rhetorik ist so einzigartig, dass man sich bereits bei der Analyse weniger Verse eingestehen muss, dass ein Mensch zu so einer sprachlichen Perfektion nicht in der Lage ist. Deshalb kamen die Araber auch nicht auf die Idee, dass Muḥammad (s.) der Verfasser des Koran sei.

Wenn man sich mit dem Wunder des Koran auseinandersetzen will, muss man sich mit der Genauigkeit des Ausdrucks, d. h. mit der präzisen Ausdrucksweise Allahs (t.), befassen. Die Sprache des Koran sprengte bei seiner Offenbarung alles bisher Bekannte bei den Arabern.

Allah (t.) spricht in klarer arabischer Sprache zu den Menschen, aber Er (t.) nutzt sie anders als sie. So sagt Er (t.):

﴿قُلْ سِيرُوا فِي الْأَرْضِ

„Sprich: Reist in (fī) der Erde umher“. (29:20)

Allah (t.) verwendet die Präposition (in), und nicht etwa ʿalā (auf). Die Koranübersetzungen sind diesbezüglich irreführend, denn sie geben diese Stelle in der Regel mit „Reist auf (ʿalā) der Erde“ wieder, wodurch dieses bedeutende Detail verloren geht. Man muss sich an dem arabischen Offenbarungstext orientieren und fragen, weshalb Allah (t.) explizit „“ sagt und nicht ʿalā, obwohl man an dieser Stelle im normalen arabischen Sprachgebrauch die Präposition ʿalā verwenden würde. Bei genauer Betrachtung wird die Genauigkeit des Ausdrucks deutlich. Die Erde besteht nicht nur aus dem Boden, auf dem man gehen und reisen kann. Mit dem Flugzeug kann man von A nach B fliegen und befindet sich während des Flugs nicht mehr auf der Erde. Aber man hat die Erde auch nicht verlassen und hält sich weiterhin in dem Bereich auf, der zur Erde zählt. Diese ist eine Kugel und von Atmosphären umgeben. Die Erdatmosphäre ist ebenfalls Teil der Erde, so dass ein Spaceshuttle die Erde erst verlassen hat, wenn es sich nicht mehr in der Erdatmosphäre befindet. In dem Fall wäre der Astronaut weder auf noch in der Erde. Als Allah (t.) diesen Vers offenbarte, wussten die Menschen nichts von der Erdkugel und den Atmosphären, doch da Er (t.) der Schöpfer des Universums ist, weiß Er (t.) um dessen Geheimnisse, die sich in der Sprache widerspiegeln. Das Verständnis einiger Verse entfaltet sich daher mit zunehmendem Wissen über das Universum. Die Präposition ʿalā wäre nicht präzise genug, denn der Mensch bleibt nicht zwingend auf der Erde, wenn er reist und umherzieht.

Das Wissen Allahs (t.) beschränkt sich nicht auf das Universum, sondern umfasst den Menschen und seinen Seelenzustand. Niemand kennt die Psyche des Menschen besser als Allah (t.), Der ihn erschaffen hat. Er (t.) geht mit rhetorischer Perfektion auf die Psyche des Menschen ein, wie das folgende Beispiel zeigt. Allah (t.) sagt:

﴿يَاأَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا إِنَّمَا الْمُشْرِكُونَ نَجَسٌ فَلَا يَقْرَبُوا الْمَسْجِدَ الْحَرَامَ بَعْدَ عَامِهِمْ هَذَا

Ihr, die ihr glaubt, die Götzendiener sind fürwahr unrein. Darum sollen sie sich nach diesem ihrem Jahr der Heiligen Moschee nicht mehr nähern. (9:28)

In diesem Vers ergeht das Verbot für die Götzenanbeter, sich der Kaaba zu nähern und sie zu umkreisen. Die Pilgerzeit, in der die Araber von überall nach Mekka kamen, war ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor, denn sie kamen nicht nur als Pilger, sondern auch, um Handel zu treiben. Ein Verbot musste folglich wirtschaftliche Sorgen und Ängste bei den Menschen auslösen. Daher greift Allah (t.) in diesem Vers vor, noch bevor diese Ängste aufkommen und der Mensch sich die Frage stellen kann, wie es um die wirtschaftlichen Konsequenzen steht. Aus diesem Grund sagt Allah (t.) in demselben Vers direkt im Anschluss an das Verbot:

﴿وَإِنْ خِفْتُمْ عَيْلَةً فَسَوْفَ يُغْنِيكُمُ اللَّهُ مِنْ فَضْلِهِ إِنْ شَاءَ

Und falls ihr dadurch Armut befürchtet, so wird Allah - wenn Er will - euch aus Seiner Fülle versorgen.

Noch bevor die Frage bei den Menschen Form annehmen kann, bietet Allah (t.) im Vers die Lösung, die – und das ist wichtig – unmittelbar auf das Verbot folgt. Das ist rhetorische Perfektion, denn Allah (t.) weiß, was die Menschen beschäftigt, noch bevor sie es selbst wissen. Die Lösung erscheint in diesem Vers noch vor dem Problem.

Immer wieder fasziniert der Koran mit Beispielen für eine Rhetorik, die auf die Psyche des Menschen exakt abgestimmt ist. So heißt es:

﴿وَلَا تَقْتُلُوا أَوْلَادَكُمْ مِنْ إِمْلَاقٍ نَحْنُ نَرْزُقُكُمْ وَإِيَّاهُم

Und tötet eure Kinder nicht aus Armut; Wir werden euch und sie versorgen. (6:151)

Ein anderes Mal sagt Allah (t.):

﴿وَلَا تَقْتُلُوا أَوْلَادَكُمْ خَشْيَةَ إِمْلَاقٍ نَحْنُ نَرْزُقُهُمْ وَإِيَّاكُمْ

Und tötet eure Kinder nicht aus Furcht vor Armut; Wir werden sie wie euch versorgen. (17:31)

Das eine Mal heißt es also „Wir werden euch und sie versorgen“ und das andere Mal „Wir werden sie wie euch versorgen“. Was genau macht den Unterschied aus? Im ersten Fall ist eine Person tatsächlich arm und nur damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ihre Sorge ist ihre bestehende Armut. Allah (t.) weist darauf hin, dass man seine Kinder nicht aus Armut töten soll, denn Er (t.) versorgt „euch und sie“. „Euch“ steht an erster Stelle, weil die Gedanken eines Menschen, der arm ist, nur darum kreisen, wie er den Unterhalt in erster Linie für sich und seinen Ehepartner bestreiten kann. Hier wird der Mensch beruhigt, dass Allah (t.) für seinen Unterhalt sorgt und natürlich für den Unterhalt seiner Kinder. Beide Verse sprechen die Armut an, doch im zweiten Fall ist eine Person zwar nicht arm, aber sie fürchtet Armut durch ihre Kinder. Allah (t.) weist darauf hin, dass man seine Kinder nicht aus Furcht vor Armut töten soll, denn Er (t.) versorgt „sie wie euch“. Die Gedanken dieser Person drehen sich folglich nicht um den Unterhalt, da sie ausreichenden Unterhalt hat, sondern darum, dass Kinder diesen Unterhalt schmälern könnten. Aus diesem Grund wird der Mensch beruhigt, dass Allah (t.) für ihren Unterhalt sorgt. „Sie“, also die Kinder, stehen daher zuerst. Darüber hinaus wird in beiden Versen zwischen „euch“ und „sie“ unterschieden, weil verdeutlicht werden soll, dass jeder seinen eigenen Unterhalt hat, ohne dass der eine dem anderen etwas wegnehmen kann. Allah (t.) spricht in diesen Versen die Menschen von heute in gleicher Weise an wie die Menschen zur Zeit der Offenbarung, als das Töten der Töchter normal war in der Gesellschaft. So hängt die Familienplanung der Menschen in den westlichen Industriestaaten mit der Einstellung zusammen, dass Kinder viele Kosten verursachen und den eigenen Wohlstand gefährden. Das Ergebnis sind niedrige Geburtenraten mit bedrohlichem Ausmaß für die Gesellschaft.

Kein Wort im Koran ist austauschbar, denn Allah (t.) verwendet keine beliebigen Synonyme. Manche Wörter im Koran erscheinen uns von gleicher oder ähnlicher Bedeutung und erst ein genauer Blick auf den Kontext lässt erkennen, dass Allah (t.) mit der Wahl eines Begriffes eine bestimmte Bedeutung bezweckt. Der Mensch ist in seinem eigenen Sprachgebrauch zu so einer präzisen Differenzierung synonymer Begriffe gar nicht in der Lage. Das eine Mal sagt Allah (t.):

﴿وَسَقَاهُمْ رَبُّهُمْ شَرَابًا طَهُورًا

Und ihr Herr wird sie von einem reinen Trank trinken lassen. (76:21)

An anderer Stelle sagt Er (t.):

﴿وَأَنْ لَوِ اسْتَقَامُوا عَلَى الطَّرِيقَةِ لَأَسْقَيْنَاهُمْ مَاءً غَدَقًا

„Wenn sie nun den rechten Weg einhalten, werden Wir ihnen sicherlich Wasser im Überfluss zu trinken geben." (72:16)

Im Arabischen heißt es im ersten Vers „saqāhum“ und im zweiten Vers „asqaināhum“, was man in beiden Fällen mit „zu trinken geben“ übersetzen kann. Führt man beide Ausdrücke auf ihre Grundform zurück, dann leitet sich saqāhum von saqā ab und asqaināhum von asqā. Saqā und asqā sind Synonyme, doch im Koran sind sie nicht austauschbar und damit keine Synonyme, d. h., man kann im ersten Vers nicht asqāhum sagen und im zweiten Vers saqaināhum, ohne dabei die Bedeutung zu verändern, die sie durch den Kontext im jeweiligen Vers erhalten. Allah (t.) sagt „saqāhum“, das auf saqā zurückgeht, weil es um den Trank geht, den Er (t.) den Menschen im Paradies zu trinken gibt. Der Trank wird den Menschen zur Verfügung gestellt, ohne dass es sie eine Anstrengung kostet. Denn im Paradies wird jeder Wunsch sofort erfüllt. Anders verhält es sich, wenn Allah (t.) „asqaināhum“ sagt, dessen Grundform asqā ist. Hierbei gibt Allah (t.) den Menschen zwar Wasser im Überfluss, aber es steht ihnen nicht sofort zur Verfügung. Sie müssen beispielsweise einen Brunnen bauen oder das Wasser aus dem Brunnen holen. Das Grundwasser fließt auch nicht von selbst aus dem Wasserhahn. Es entstehen Arbeit und Kosten, um das Wasser nutzen zu können, dass Allah (t.) im Überfluss bereitgestellt hat. Das heißt, es besteht ein gravierender Unterschied, wenn Allah (t.) das eine Mal „saqāhum“ sagt und das andere Mal „asqaināhum“. Für den gesamten Koran gilt, dass Allah (t.) niemals unterschiedliche Begriffe verwendet, um das Gleiche auszudrücken. Was uns scheinbar synonym im Koran erscheint, birgt in Wahrheit einen Bedeutungsunterschied.

Allah (t.) sagt das zu Beschreibende mit Worten, die es am treffendsten ausdrücken, wie im folgenden Beispiel. Er (t.) sagt:

﴿وَإِذَا قِيلَ لَهُمُ اتَّبِعُوا مَا أَنْزَلَ اللَّهُ قَالُوا بَلْ نَتَّبِعُ مَا أَلْفَيْنَا عَلَيْهِ آَبَاءَنَا أَوَلَوْ كَانَ آَبَاؤُهُمْ لَا يَعْقِلُونَ شَيْئًا وَلَا يَهْتَدُونَ۝وَمَثَلُ الَّذِينَ كَفَرُوا كَمَثَلِ الَّذِي يَنْعِقُ بِمَا لَا يَسْمَعُ إِلَّا دُعَاءً وَنِدَاءً صُمٌّ بُكْمٌ عُمْيٌ فَهُمْ لَا يَعْقِلُونَ

Und wenn man zu ihnen spricht: „Befolgt, was Allah herabgesandt hat!“, dann sagen sie: „Wir befolgen vielmehr das, was wir bei unseren Vätern vorfanden.“ Wenn aber ihre Väter nichts begriffen und nicht rechtgeleitet waren? Die Ungläubigen gleichen dem, der etwas anruft, das nichts hört als Laute und Rufe. Taub, stumm, blind, so haben sie keinen Verstand! (2:170-171)

In einem anderen Koranvers sagt Allah (t.):

﴿وَإِذَا قِيلَ لَهُمْ تَعَالَوْا إِلَى مَا أَنْزَلَ اللَّهُ وَإِلَى الرَّسُولِ قَالُوا حَسْبُنَا مَا وَجَدْنَا عَلَيْهِ آَبَاءَنَا أَوَلَوْ كَانَ آَبَاؤُهُمْ لَا يَعْلَمُونَ شَيْئًا وَلَا يَهْتَدُونَ۝يَا أَيُّهَا الَّذِينَ آَمَنُوا عَلَيْكُمْ أَنْفُسَكُمْ لَا يَضُرُّكُمْ مَنْ ضَلَّ إِذَا اهْتَدَيْتُمْ

Und als zu ihnen gesprochen wurde: „Kommt her zu dem, was Allah hinabgesandt hat, und zum Gesandten!“, antworteten sie: „Uns genügt, was wir bei unseren Vätern vorfanden.“ Wenn aber ihre Väter nichts wussten und nicht rechtgeleitet waren? Ihr, die ihr glaubt! Ihr seid euch selbst Genüge; wer irrt, kann euch nicht schaden, solange ihr rechtgeleitet seid. (5:104-105)

Im ersten Vers sagt Allah (t.) „lā yaʿqilūn“ und im zweiten „lā yaʿlamūn“. Yaʿqilūn und yaʿlamūn scheinen oberflächlich gesehen synonym zu sein. In der deutschen Übersetzung wird manchmal nicht differenziert, so kann es im ersten Fall heißen: „Wenn aber ihre Väter nichts wussten“ und im zweiten Fall ebenso: „Wenn aber ihre Väter nichts wussten“. Das „Nichtwissen“ ist jedoch hier nicht dasselbe, denn, wie schon erwähnt, verwendet Allah (t.) niemals unterschiedliche Begriffe, um das Gleiche zu beschreiben. Wenn Allah (t.) „lā yaʿqilūn“ sagt, dann meint Er (t.) damit, dass sie etwas deshalb nicht wissen, weil sie ihren eigenen Verstand nicht eingesetzt und nicht nachgedacht haben. Das arabische Wort ʿaql heißt nämlich Verstand. Denn hätten sie über das Universum nachgedacht, wären sie zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Schöpfer existieren muss. Sie haben sich also keine Gedanken über die Zeichen im Universum gemacht. Die Ungläubigen setzten folglich ihren Verstand nicht ein und begnügten sich mit dem, was sie bei ihren Vorvätern fanden. Lā yaʿlamūn bedeutet hingegen, dass jemand nicht nur kein Wissen hat, weil er seinen Verstand nicht einsetzt, sondern dass er jegliches Wissen ablehnt. Das arabische Wort ʿilm bedeutet nämlich Wissen. Die Person hat also weder ihren Verstand eingesetzt, um Wissen zu erlangen, noch akzeptiert sie das Wissen anderer, das auf dem Denken anderer beruht. Doch ist es normal, ja unerlässlich, dass sich der Mensch das Wissen anderer aneignet und sich darauf stützt, etwa im Studium und in allen anderen Bereichen des Lebens. Der Mensch wendet dabei seinen Verstand auf das Wissen anderer an. Doch die Ungläubigen, die Allah (t.) hier mit „lā yaʿlamūn“ beschreibt, haben kein Wissen und lehnen jedes Wissen anderer ab.

Anhand dieser Beispiele erkennt man, wie genau Allah (t.) die Verse formulierte. Die Genauigkeit Seiner Rhetorik ist unnachahmlich. Sie ist ein Teil des Wunders des Koran, das nachvollziehbar ist für alle, die die arabische Sprache ausreichend beherrschen. Je tiefer man in die Materie eindringt, desto deutlicher wird, dass der Mensch niemals in der Lage sein wird, den Koran nachzuahmen.

(U. A.)