KOMMENTAR

- 23.11.2021

Wurden die Vereinigten Staaten von Amerika in Afghanistan besiegt?

 

Afghanistan ist nun offiziell Amerikas Vietnam des 21. Jahrhunderts. Trotz dessen richten die USA ihre Präsenz neu aus, um ihre regionalen strategischen Interessen zu sichern.

Etwa zum 20. Jahrestag des 11. Septembers und der anschließenden Invasion in Afghanistan neigte sich die US-Präsenz in dem gebirgigen Land ihrem unrühmlichen Ende zu. Vor wenigen Monaten erst verließen die US-Streitkräfte im Schutze der Nacht ihren wichtigsten Luftwaffenstützpunkt, die Bagram Air Base im Norden Afghanistans, und mussten diesen aufgeben. Trotz der zwei Jahrzehnte währenden Besatzung hatten die Amerikaner kein Vertrauen in die von ihnen ausgebildeten Streitkräfte und übergaben den Stützpunkt nicht einmal offiziell an diese. Die Taliban kontrollieren inzwischen de facto das Land. Nach dem blamablen Abzug der US-Streitkräfte sieht es so aus, als ob die USA nun das jüngste Opfer auf dem Friedhof der Imperien sind.

Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Invasion und Besetzung durch die USA aus militärischer Sicht ein völliges Desaster waren. In den 1990er Jahren hatten die USA ein Auge auf die zentralasiatische Energieversorgung geworfen, denn alle neuen Pipelines aus der Region würden durch Afghanistan und nach Pakistan und Indien zu den internationalen Märkten führen. Da die Taliban aber nicht kooperierten, sahen die USA einen Regimewechsel als notwendig an, um sich die Kontrolle über die Energieversorgung Zentralasiens zu sichern. Solche Regimewechsel wurden für die Neokonservativen zur Strategie, um das 21. Jahrhundert zum amerikanischen Jahrhundert zu machen. In ihrer Wahnvorstellung von der Stärke der Vereinigten Staaten glaubten sie arroganter weise, sie könnten Regime für ihre eigene Agenda beseitigen. Obwohl Pakistan Afghanistan verwaltete und mit den USA gegen die sowjetische Invasion in den 1980er Jahren zusammenarbeitete, glaubten die Neokonservativen, dass sie Pakistan nicht bräuchten um Afghanistan im 21. Jahrhundert zu bändigen. Die Neokonservativen waren so arrogant, dass sie 2003 einen weiteren Krieg im Irak begannen, als das Taliban-Regime innerhalb eines Monats nach der US-Invasion fiel. Die USA errichteten ein neues Regime, das nie dazu in der Lage war, seine Macht über die Grenzen der Hauptstadt hinaus durchzusetzen und das gesamte Land zu sichern. Als die Taliban 2005 zurückkehrten und ihre Kontrolle über das Land ausweiteten, mussten die USA 2009 einsehen, dass es ihnen nicht gelungen war, das Land zu pazifizieren. Niemals würden sie in der Lage sein, die Taliban zu besiegen und die afghanische Armee und das Regime dazu zu bringen, sich den Taliban entgegenzustellen. Ab 2010 begannen die USA, die Taliban miteinzubeziehen und einen facettenreichen Ansatz zu verfolgen, um sie an den Verhandlungstisch zu bringen. Die Verhandlungen begannen indirekt, wurden dann an neutrale Orte verlegt, gingen anschließend in formelle Verhandlungen über, die schließlich in direkte Verhandlungen übergingen und unter Präsident Trump zum innerafghanischen Friedensprozess führten. Die Tatsache, dass die USA sogar mit dem Feind verhandelten, zu dessen Beseitigung sie in das Land einmarschiert waren, zeugte davon, wie sehr die US-Invasion gescheitert war. Doch die Taliban, die sich in einer Siegerposition befanden und nicht verhandeln mussten, da sie auf dem Schlachtfeld siegten, verhandelten mit den USA. Sie erklärten sich schließlich sogar dazu bereit, die Angriffe auf die US-Streitkräfte einzustellen, unter der Bedingung, dass diese das Land verlassen. Die Amerikaner kamen dieser Forderung nach, solange Afghanistan nicht für Angriffe gegen die USA genutzt werden würde. Die Taliban akzeptierten dies und haben seitdem keine Angriffe auf die US-Streitkräfte mehr verübt, wohl aber die afghanische Armee und die Regierung angegriffen. Die Taliban von heute unterscheiden sich stark von den Taliban der Vergangenheit. Heute treffen sich die Taliban regelmäßig zu Gesprächen mit dem iranischen Regime in Teheran und mit russischen Regierungsvertretern in Moskau, was vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar war. Taliban-Sprecher Suhail Shaheen erklärte kürzlich: „Wir heißen sie (China) willkommen. Wenn sie Investitionen tätigen, sorgen wir natürlich für ihre Sicherheit. Wir waren schon viele Male in China und haben gute Beziehungen zu ihnen.“ Der Taliban-Sprecher erklärte zudem, seine Gruppierung werde keiner „separatistischen Gruppe, einschließlich der Islamischen Bewegung Ostturkestans erlauben, in Afghanistan zu operieren.“ Für die Strategie der USA, Afghanistan zu nutzen, um Zentralasien zu sichern, war eine stabile Regierung in Afghanistan erforderlich. Das Regime, das die USA 2001 mit den Kriegsherren und der Nordallianz errichtet haben, war ein völliger Fehlschlag. Wenn es den Taliban also gelingt das Land zu stabilisieren, entspricht dies den Interessen der USA, zumal die Taliban keine regionalen Ambitionen hegen und zudem nicht in der Lage sind, ihre Macht über Afghanistan hinaus auszudehnen. Obwohl die Taliban das ganze Land übernommen haben, stellen sie keine Bedrohung für die strategischen Interessen der USA dar.

Die USA hätten die Kosten, Verluste und Demütigungen vermeiden können, wenn sie Pakistan 2001 dazu gedrängt hätten, Afghanistan für sie zu sichern. Das pakistanische Militär und der zentrale Geheimdienst Pakistans („Inter-Services Intelligence“, kurz ISI) unterstützten in den 1990er Jahren die Mullahs entlang der Durand-Linie, aus denen die Taliban hervorgingen. Diesen verhalfen sie schließlich 1996 zur Übernahme von Kabul und zur Übernahme der Regierung. Die Neokonservativen, die im Jahr 2000 die Regierung von George W. Bush dominierten, waren jedoch der Ansicht, dass die Überlegenheit der USA bedeutete, dass es nicht notwendig sei, sich über Pakistan in der Region einzubringen, sondern diese schwere Aufgabe selbst bewältigen zu können. 2005 sahen sich die USA jedoch dazu gezwungen, Pakistan miteinzubeziehen, als der Widerstand in Afghanistan die USA ausbluten ließ. Sie wandten sich erneut an Pakistan und zwangen das Land, Operationen in den Stammesgebieten einzuleiten und die Unterstützung für den Widerstand in Afghanistan einzustellen. Dies destabilisierte Pakistan und kostete zahlreiche Menschenleben, da die Angriffe auf die Opfer der pakistanischen Operationen im Stammesgürtel innerhalb Pakistans begannen. Die USA kritisierten Pakistan dafür, nicht genug zu tun, während der Widerstand in Afghanistan weiter zunahm. Nach zwei Jahrzehnten haben die USA die Verantwortung für Afghanistan an Pakistan zurückgegeben.

Die obersten Militärs Pakistans sind trotz ihrer oft umstrittenen Beziehungen zu den USA der Meinung, dass sie nun den Respekt und die Bedeutung erhalten, die ihnen ihrer Meinung nach zu stehen. Sie glauben, dass sie es waren, die Afghanistan stabilisiert und aufrechterhalten haben und dass die US-Invasion im Jahr 2001 die Ursache für die Instabilität war. Es war Pakistan, welches die Taliban an den Verhandlungstisch gebracht hat, damit sie einem Friedensabkommen mit den USA direkt zustimmen. Es scheint, dass diese neue Rolle Pakistans zur Stärkung der strategischen Interessen der USA in Afghanistan und der Region der Grund für all das Gerede über regionale Verbindungen und das geoökonomische Potenzial Pakistans ist. Die Rede von General Bajwa im April 2021 über die Einbeziehung der wirtschaftlichen Sicherheit als Teil des umfassenden Sicherheitssystems und die Umwandlung Pakistans in ein wirtschaftliches Zentrum stand in diesem Zusammenhang. Diese Konnektivität, die in verschiedenen Reden von Militärs und Politikern Pakistans angesprochen wurde, beinhaltet die Anbindung Zentralasiens an die pakistanischen Südhäfen Gwadar und Karatschi („Nord-Süd-Konnektivität“) und die Erleichterung des Handels zwischen Indien, dem Iran, Afghanistan und darüber hinaus („Ost-West-Konnektivität“). Obwohl dies Pakistans und Chinas CPEC-Initiative untergraben würde, macht es dennoch den Anschein, dass Pakistans wahre Machthaber - die obersten Militärs - dies bevorzugen, da es Pakistan ins Zentrum der Region rückt. General Bajwas Äußerungen vom April 2021, die Vergangenheit zu begraben und die Beziehungen zu Indien zu normalisieren, deuten darauf hin. Auch die Erklärung von Premierminister Imran Khan, dass er nach dem Abzug der USA aus Afghanistan keine US-Stützpunkte in Pakistan zulassen werde, lässt darauf schließen, dass die wirklichen Machthaber Pakistans mit der neuen Regionalstrategie einverstanden sind. Denn solche nationalen Sicherheits- und Strategieentscheidungen werden nicht von den Politikern des Landes getroffen, sondern von den wirklichen Machthabern im Militär, welche bisweilen zu den US-Stützpunkten schweigen.

Als die USA einsahen, dass sie in Afghanistan nicht gewinnen konnten, bezogen sie regionale Nationen mit ein, die im letzten Jahrzehnt damit begannen, die Verantwortung und die schweren Bürden in Afghanistan zu übernehmen. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, dass sie diese Rolle auch weiterhin übernehmen werden. Der Iran stabilisierte den Norden Afghanistans und überzeugte die Nordallianz erfolgreich davon, Hamid Karzai als Präsidenten zu unterstützen, welcher wiederum von den USA unterstützt wurde. Indien hat sich am Wiederaufbau Afghanistans beteiligt, während China eine Reihe von Investitionen in die unerschlossenen Mineralvorkommen des Landes getätigt hat. Auch Russland hat sich den USA in Afghanistan nicht widersetzt, sondern sie in jeder Hinsicht unterstützt, indem sie ihnen logistische Hilfe für den Nachschub und nachrichtendienstliche Informationen zur Verfügung stellten. Russland organisierte sogar Friedensgespräche zwischen den von den USA aufgebauten Strukturen in Kabul und den Taliban. Die USA arbeiten seit fast einem Jahrzehnt mit diesen Ländern zusammen, um Afghanistan zu verwalten.

Die Vorgänge in Afghanistan und die politischen Ereignisse, die sich dort abspielen werden, sind darauf zurückzuführen, dass Afghanistan nun offiziell Amerikas Vietnam des 21. Jahrhunderts ist. Da das gebirgige Land jedoch nur ein Mittel zum Zweck und kein eigenständiges Ziel war, haben die USA ihre Präsenz neu ausgerichtet und die schwere Bürde an Pakistan und einige regionale Staaten abgegeben. Intern war man sich einig, dass die Taliban zurückkehren sollten, denn nach zwei Jahrzehnten können nur sie für Stabilität sorgen, effektiv regieren und damit den Interessen der USA dienen. Die Vereinigten Staaten setzen auf Pakistan, für den Fall, dass die Taliban zu weit gehen sollten. Gemäß ihrer eigenen Aussage sind die Taliban jedoch pragmatisch und haben ihre Forderungen reduziert. In seiner Rede im Weißen Haus im April 2021 über den Abzug des US-Militärs aus Afghanistan machte Präsident Biden eine interessante Bemerkung, die auf den Punkt bringt, was in Afghanistan vor sich geht: „Es gibt viele, die lautstark darauf pochen, dass Diplomatie ohne eine robuste US-Militärpräsenz, die als Druckmittel dienen soll, keinen Erfolg haben kann. Wir haben diesem Argument ein Jahrzehnt lang Zeit gegeben. Es hat sich nie als richtig erwiesen.... Unsere Diplomatie hängt nicht davon ab, dass wir Stiefel in der Schusslinie haben.“

(A. K.)