KOMMENTAR

- 26.11.2021

Der Umgang der Medien mit Nemi el-Hassan

 

Kaum hatte der WDR seine zwei neuen Moderatorinnen für die Wissenschaftssendung „Quarks“ vorgestellt, wurde Nemi el-Hassan, eine der beiden vorgesehenen Moderatorinnen, durch den medialen Fleischwolf gedreht. Angeführt von der BILD, griffen die Medien zu Fackel und Heugabel und trieben El-Hassan vor sich her, bis sich der WDR schließlich entschied, ihr die Moderation wieder zu entziehen und sich vollständig von ihr zu trennen. Nun stimmte das islamfeindliche WeltBILD der Medien wieder.

Die BILD plante von Anfang an einen Vernichtungskampf gegen El-Hassan und bauschte die Moderation einer Wissenschaftssendung durch eine Muslimin als terroristische Gefahr auf. Als die BILD am 13. September „Islamismus-Skandal beim WDR“ titelte und andere Medien das Thema auf die gleiche Weise aufgriffen, war im Grunde schon klar, dass das nur der Anfang sein konnte und El-Hassan chancenlos war, ihre Stelle beim WDR zu behalten. Wenn erst einmal der Begriff Islamismus gefallen ist, ist man für alle sichtbar gebrandmarkt. Dass der WDR sich zunächst auf die Seite El-Hassans stellte, machte es für sie im Grunde nur noch schlimmer, weil die BILD sich da erst recht auf El-Hassan stürzte genau wie alle anderen Medien, bis der WDR El-Hassan nicht nur die Moderation entzog, sondern auch jegliche journalistische Arbeit im Hintergrund ausschloss.

Eigentlich hätte man erwarten müssen, dass El-Hassan von den Medien bejubelt wird. Sie ist eine ehemals verschleierte Muslimin, die das Kopftuch abgelegt hat und sich „modern“ gekleidet in der Öffentlichkeit zeigt. Ist sie nicht ein Beispiel für gelungene Integration? Genau das dachte sich wahrscheinlich der WDR. El-Hassan passte gut in das Konzept von Diversität. Der WDR hatte sich eine Muslimin ins Boot geholt, der man den Islam jedoch nicht ansah. Nur der Name konnte noch Aufschluss über den religiösen Hintergrund geben. Das war perfekt, um sich als offener Sender zu präsentieren. Der BILD schien das aber immer noch zu viel Islam zu sein für die Rolle einer Moderatorin des WDR.

Die BILD konfrontierte El-Hassan mit dem Vorwurf des Antisemitismus. Damit wurde „die Atombombe“ auf El-Hassan abgeworfen und ihr Image als seriöse Journalistin vernichtet. Sie ist damit für immer verstrahlt. Diesen Vorwurf wird man nie wieder los. Es ging der BILD hierbei nicht um eine Stellungnahme El-Hassans, sondern darum, sie aus dem öffentlich-rechtlichen Sender zu schmeißen und ihre journalistische Karriere zu zerstören. Die BILD machte ihrem Namen alle Ehre und zeigte Bilder von El-Hassan auf einer Al-Quds-Demonstration im Jahr 2014. El-Hassan schrieb in einem Gastbeitrag bei der BERLINER ZEITUNG, dass die Bilder zunächst in rechten Foren aufgetaucht seien und die BILD sie dann für ihre Kampagne aufgegriffen habe. El-Hassan hatte sich, als die Vorwürfe aufkamen, von ihrer Einstellung, die sie vor Jahren hatte, distanziert: „In meiner Erinnerung habe ich lange geglaubt, nur Dinge wie ‚Free Gaza‘ gerufen zu haben. Jetzt, wo ich diese Zeit meines Lebens reflektiere, kann ich nicht ausschließen, Dinge gesagt zu haben, die antizionistisch sind und Israelfeindlichkeit bedienen. All das tut mir sehr leid. Ich schäme mich für diese Zeit.“ Doch El-Hassans Reue und Beteuerungen, heute eine andere Meinung zum Thema „Israel“ zu vertreten, nutzten ihr nichts. Das öffentliche MeinungsBILD, dass sie eine Antisemitin sei, ist irreversibel. Aber es steht noch ein anderer Vorwurf im Raum, nämlich ihre „Verharmlosung“ des Dschihad. In einem Video der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2015 erklärte El-Hassan den Begriff Dschihad. Mit der islamischen Bedeutung des Begriffes hatte ihre Erklärung nichts zu tun und wahrscheinlich wollte sie das Bild vermitteln, dass der Dschihad nichts mit Kampf zu tun habe. Aber genau das machte die BILD ihr zum Vorwurf.

Das äußere Erscheinungsbild El-Hassans stimmt nicht überein mit all den Vorwürfen des Antisemitismus und des Islamismus. Wie gesagt, hat El-Hassan ihr Kopftuch abgelegt. Der BILD ist das aber egal. Sie zeigt überwiegend Bilder von El-Hassan, die sie noch mit Kopftuch zeigen, damit die Bilder mit dem konstruierten Image einer antisemitischen Islamistin zusammenpassen. Damit will die BILD erreichen, dass man El-Hassan in erster Linie mit dem Islam assoziiert und nicht mit einer Muslimin, die integriert ist und dem westlichen Frauenbild entspricht.

Im Grunde spielt es keine Rolle, ob El-Hassan zu ihrer Vergangenheit steht oder ob sie sich davon distanziert. Denn ihre Distanzierung wird ihr nicht abgenommen. So wurde sie in einem SPIEGEL-Interview gefragt: „Woher wissen wir, dass das nicht alles nur Lippenbekenntnisse sind, weil Sie Ihren Job retten wollen?“ Das Interview vom 16. September kam einem Verhör gleich. DER SPIEGEL war also kein Stück besser oder objektiver als die BILD. Wenn man das Interview liest, hat man die Assoziation, dass El-Hassan in einem Verhörraum sitzt und jemand ihr mit einer Lampe ins Gesicht leuchtet, um die gewünschten Antworten aus ihr herauszupressen, bis sie gesteht. Sie wurde gefragt, ob sie auf weiteren Veranstaltungen gewesen sei, was sie auf der Veranstaltung gewollt habe, ob sie gewusst habe, was eine Al-Quds-Demonstration sei, wie sie die Stimmung wahrgenommen habe, ob sie von der „antisemitischen Stimmung“ nichts mitbekommen habe, wann ihr klar geworden sei, auf was für einer Veranstaltung sie gewesen sei usw. Diese Fragen stellte DER SPIEGEL El-Hassan zu einer Veranstaltung, auf der sie vor sieben Jahren war. Das SPIEGEL-Verhör passt zur gesamten medialen Hetze gegen El-Hassan. Die Medien haben an El-Hassan geradezu ein Exempel statuiert.

(U. A.)