KOMMENTAR

- 05.12.2021

Königliche Intrige in der Wüste

 

Die Kluft innerhalb der haschemitischen Königsfamilie Jordaniens trat mit Gesprächen über einen Staatsstreich gegen den König im Frühjahr 2021 an die Öffentlichkeit. Und dies zu einer Zeit, in der das Königreich zahlreichen ökonomischen Problemen gegenübersteht. Das Zerwürfnis zwischen dem haschemitischen König, ʿAbdullāh II. und dem ehemaligen Kronprinzen, Ḥamza bin Ḥusein, kam mit Gesprächen über Putschpläne gegen den derzeitigen König zustande. Palastfunktionäre berichten über einen komplexen und weitreichenden Plan, der weitere Mitglieder des Königshauses, Stammesführer und den Sicherheitsapparat des Königreichs miteinbezieht. Die Haschemiten überstanden in der Vergangenheit bereits zahlreiche Putschversuche. Was diesen jedoch von Bisherigen unterscheidet, ist der in die Öffentlichkeit getragene Bruch innerhalb der Königsfamilie, etwa durch die Kritik der Stiefmutter des Königs ihm gegenüber, in der sie ihm boshafte Verleumdung vorwarf. Doch das Königshaus steht weitaus größeren Problemen als familiären Zerwürfnissen gegenüber, etwa der Corona-Pandemie, welche zahlreiche grundlegende ökonomische Probleme aufdeckte.

Das haschemitische Königreich Jordanien war und bleibt ein künstliches Gebilde. Nach der Zerstörung des Osmanischen Kalifats im Jahr 1924 übertrug das Britische Weltreich die Macht der neu geschaffenen Staaten Irak und Transjordanien den Söhnen Šarīf Ḥusein bin ʿAlīs, Faiṣal und ʿAbdullāh. ʿAbdullāh wurde der Herrscher Transjordaniens, eines zuvor nie dagewesenen Gebildes. Jordanien wurde ausschließlich gegründet, um dem britischen Versprechen gegenüber Šarīf Ḥusein von 1916 nachzukommen, für das dieser gegen die Osmanen rebellierte. Die Haschemiten wurden somit Herrscher einer künstlichen Nation. Sie nutzten die ansässigen Beduinen, um die große palästinensische Bevölkerung auszugleichen, welche zuvor aus Palästina vertrieben worden war und sich in Jordanien niederließ. Die eine Partei gegen die andere auszuspielen führte zu zahlreichen Konflikten, bei denen die haschemitische Monarchie als Vermittler auftrat. Die jordanischen Beduinenstämme stellten stets den Kern der haschemitischen Monarchie dar und verliehen ihr Legitimität und Macht durch die haschemitische Herrschaft über den Sicherheitsapparat, wodurch sie eine zentrale Säule der Monarchie wurden.

Die Ressentiments der Beduinenstämme gegenüber der Monarchie wuchsen seit der Krönung König ʿAbdullāh II. im Jahr 1999. Ihre Loyalität sank aufgrund von Verlusten im Agrarsektor, geringeren öffentlichen Geldern, der Privatisierung von im Staatsbesitz befindlicher Unternehmen und Korruption. Als Resultat begann die Unterstützung der Beduinen zu schwinden, nachdem sie über Jahrzehnte die traditionelle Machtbasis des Königs darstellten. Der 41-jährige Prinz Ḥamza bin Ḥusein, welcher der Halbbruder des Königs ist, war seit 1999 der Kronprinz, bis ihm 2004 der Titel entzogen worden ist. Seitdem nutzt Prinz Ḥamza seine Beziehungen zu den Beduinenstämmen, um die Herrschaft des Königs zu schwächen, und die wirtschaftlichen Probleme nutzte er, um regelmäßig an Protesten und Treffen mit einfachen Bürgern teilzunehmen, mit dem Ziel, die Missstände des Königreichs zu auszudiskutieren. Prinz Ḥamza warf der Regierung öffentlich eine „misslungene Verwaltung“ vor, nachdem diese die Steuern für Arbeiter anhob, was tausende Demonstranten auf die Straßen trieb. Während der König seinen Halbbruder für lange Zeit ignorierte, scheint seine Pflege der Beziehungen zu den mächtigen Stämmen zu einer Gefahr herangewachsen zu sein, der es seitens ʿAbdullāh zu begegnen galt.

 

Stabilität in einem Meer von Chaos

Das Haschemitische Königreich hinterließ über einen langen Zeitraum den Eindruck von Stabilität im Nahen Osten, insbesondere während der Entstehung des zionistischen Gebildes und den damit einhergehenden Kriegen, der iranischen Revolution im Jahr 1979 bis hin zum Arabischen Frühling, der im Jahr 2011 seinen Anfang nahm. Diese Ereignisse erschütterten die Region, doch schien Jordanien davon unberührt. Die Haschemiten wurden vom Westen stets als Vermittler und zuverlässiger Akteur in der Region betrachtet.

Der Grund für diese Stabilität hat jedoch weniger mit der Monarchie als mit den Briten zu tun. Britische Diplomatie und Geheimdienste waren entscheidend für die Stabilisierung Jordaniens, seitdem es unter das Mandat der Briten fiel. Es gehörte zur britischen Strategie, Jordanien zu einer Pufferzone in der Region zu machen, insbesondere für regionale Konflikte. Jordanien spielt diese Rolle für den palästinensischen Konflikt seit 1948. Es spielte diese Rolle als Libanon in den 80er-Jahren vom Bürgerkrieg zerrüttet wurde. Seit 1991 wurde es auch zur Pufferzone für den Irak-Konflikt und zum Standort diverser Rebellengruppen des syrischen Aufstandes. Die Beziehung zwischen den Briten und den Haschemiten erlaubte es London, sowohl lokale als auch internationale rivalisierende Truppen davon abzuhalten, Jordanien zu destabilisieren, da eine Pufferzone allen beteiligten Parteien dienlich ist. Die Aufgabe der Haschemiten war es lediglich, dieses künstliche Land intern zu verwalten, um eben diese regionale Rolle zu spielen. Jedoch besitzt Jordanien nur begrenzt Ressourcen und wurde über lange Zeit von den Golfstaaten finanziert. Die Wirtschaftskrise im Jahr 2008 sowie die dauerhafte Korruption und die pandemische Ausbreitung von COVID-19 ließen viele einfache Leute und Beduinenstämme sich gegen die Monarchie wenden.

Die wirtschaftliche Situation im Königreich war schon über einen längeren Zeitraum äußerst ernst. Die Arbeitslosigkeit beträgt 30 Prozent, während jeder fünfte Bürger in Armut lebt. Die fehlenden Einnahmen der Regierung führten zu Steuererhöhungen. All das, während sich der König ein Vermögen durch seine Investitionen im Westen anhäufte. Königin Rania ist seit langem für ihre millionenschweren Ausgaben im Modebereich bekannt, während viele Jordanier unter Armut leiden. Einigen Einschätzungen zufolge leistet sich Königin Rania jährlich Schuhe und Handtaschen im Wert von zwei Millionen US-Dollar. Es ist nicht überraschend, dass viele Nahost-Experten davon ausgehen, dass König ʿAbdullāh diese Krise initiierte, um sowohl seine Kritiker verstummen zu lassen, als auch die zunehmende Abneigung der Öffentlichkeit gegenüber dem Königshaus zu unterdrücken. Während die Verhaftung Prinz Ḥamzas im April dieses Jahres die öffentlichkeitswirksamste Maßnahme darstellt, ließ König ʿAbdullāh viele weitere Personen inhaftieren, die allesamt eine Bedrohung für dessen Herrschaft darstellten. Darunter die zwei berühmten Führer des Al-Maǧālī-Stammes, der lange Zeit ein Grundpfeiler der haschemitischen Herrschaft war, sowie Bāsim ʿAwaḍullah, einen ehemaligen Spitzenberater König ʿAbdullāhs. Dieser war Finanzminister und Abgesandter für Saudi-Arabien und ebenfalls Berater des saudischen Kronprinzen Muḥammad b. Salmāns. Es scheint als hätte Prinz Ḥamza an Unterstützung gewonnen. Letztlich scheiterte er jedoch an den Repressalien gegen ihn. Seit des vermeintlichen Putschplanes vermittelten diverse Onkel König ʿAbdullāhs zwischen dem Königshaus, woraufhin Prinz Ḥamza seine Treue gegenüber König ʿAbdullāh schwor, nachdem einige Tage zuvor zwei Videos veröffentlicht wurden, in denen er die Korruption innerhalb des Staates und schlechte Staatsführung monierte. Diese Vereinbarung entschärfte die Differenzen innerhalb der Herrscherfamilie, die nur sporadisch an die Öffentlichkeit gelangten.

Jordaniens hundertjähriges Bestehen wird von der königlichen Fehde überschattet. König ʿAbdullāh hat nicht auf die Taktiken Muḥammad b. Salmāns zurückgegriffen, um seine Position zu stärken, was vermutlich daran liegt, dass ʿAbdullāh merkte, wie sehr seine Art und Weise, das Land zu führen, seine eigene Position schwächte. In den folgenden Wochen und Monaten wird es interessant sein zu sehen, ob Prinz Ḥamza ausländische Unterstützung genießt und ob diese Intrige Teil einer regionalen oder internationalen Bemühung war, oder aber ob es sich lediglich um königliche Machenschaften zwischen zwei Brüdern handelte.

(M. R.)