KOMMENTAR

- 14.01.2022

Chronik der Islamfeindlichkeit (Teil 1): Die Meilensteine

 

Das Thema Islam hat sich irgendwann wie Nebelschwaden über den politischen und öffentlichen Diskurs gelegt und dort festgesetzt. Aus der Auseinandersetzung erwuchs Islamfeindlichkeit in der breiten Masse und aus der Feindlichkeit entsteht Hass. Mit einer Trendwende darf nicht gerechnet werden. Retrospektiv betrachtet, gibt es zwar mehrere Zäsuren, aber die Entwicklung geht nur in eine Richtung.

In Deutschland ist der Motor der Islamfeindlichkeit nicht erst durch den Marsch der PEGIDA des nachts im Oktober 2014 durch Dresdens Gassen in Gang gesetzt worden. Auch als die AfD die politische Bühne betrat, musste sie bloß den Fußspuren folgen, die die sogenannten Volksparteien ihr hinterlassen haben. Die obskure Weltsicht der besorgten Bürger ist keine Merkwürdigkeit, die aus dem Nichts erwuchs. Sie sind die Symptomträger einer längst aufgeflammten Krankheit, mit der sie in den letzten Jahren systematisch infiziert wurden.

Mit dem 11. September 2001 wurde der Islam international als Ideologie in die politische Agenda aufgenommen. Der Westen schrieb den sogenannten „Kampf gegen den Terrorismus“ auf seine Fahne. Danach war es um ein Vielfaches einfacher geworden, in die Länder der Muslime einzumarschieren. Inzwischen ist es schon gar kein Skandal mehr, wenn bei einem „gezielten“ Drohnenangriff nicht nur der „Terrorist“, sondern auch Zivilisten ums Leben kommen. Ein afghanisches Kind mehr oder weniger, wen soll es kümmern? Wenigstens müssen sich die Eltern dann nicht mehr bemühen, in den Westen zu flüchten. Außerdem entstand nach dem Zusammensturz der Türme ein Misstrauen gegen die muslimischen Nachbarn, die zwar unbescholten wirken, aber allesamt Schläfer sein konnten. Die Vorstellung erwuchs, dass jeder Muslim ein potentieller Terrorist sein könnte.

Im September 2005 wurde dann der „Kampf gegen die Würde des Islam“ eingeläutet: Damals wurden in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten erstmalig Kurt Westergaards Karikaturen des Propheten (s.a.s) veröffentlicht. Die Karikaturen erschienen am 30. September 2005 auf einer ganzen Seite im Kulturteil von Jyllands-Posten mit der Überschirift „Das Gesicht Mohammeds“. Eine Zeichnung verunglimpft den Propheten (s.a.s) mit einem Krummsäbel und zwei verängstigten, fast vollständig verschleierten Frauen. Eine andere Karikatur stellte den Propheten (s.a.s) als eine Art Petrus am Himmelstor dar. Er hält eine Gruppe von Selbstmordattentätern zurück und ruft ihnen zu, dass im Himmel die Jungfrauen ausgegangen seien.

Die Veröffentlichung dieser künstlerisch fragwürdigen Bilder in der bis dato unerheblichen Zeitung hatte lediglich die Funktion, die Muslime bis ins Mark zu treffen. Vor allem rechnete man damit, dass Muslime eine solche Beleidigung des Propheten niemals hinnehmen würden. Entsprechend den Erwartungen kam es zu Protesten und in verschiedenen Staaten stürmten Muslime dänische Botschaften. Dies führte wiederum zu Debatten, in denen die Frage aufgeworfen wurde, wie viele Zugeständnisse man den Muslimen noch machen dürfe, ohne dabei die „hohen Werte des Westens“ zu verlieren. Der Kulturredakteur Flemming Rose erklärte den Lesern in einem zu den Karikaturen zugehörigen Text, warum Jyllands-Posten es für erforderlich gehalten habe, Mohammed-Karikaturen zu drucken: „Die moderne, säkularisierte Gesellschaft wird von einigen Muslimen abgelehnt. Sie verlangen eine Sonderbehandlung, indem sie auf einer besonderen Rücksichtnahme auf ihre eigenen religiösen Gefühle bestehen. Das ist unvereinbar mit einer weltlichen Demokratie und der Meinungsfreiheit, in der man damit klarkommen muss, sich Hohn, Spott und Häme auszusetzen.“ Die Veröffentlichung hatte also nur ein Ziel: Die Muslime sollten schließlich dahingehend erzogen werden, dass sie in Zukunft jegliche noch so abscheuliche Beleidigung als Beweis ihrer Achtung der Meinungsfreiheit hinnehmen müssen.

Auch in Deutschland führte man diese Debatte, hielt sich aber bei der Veröffentlichung der Karikaturen noch vornehm zurück. Zwar verwies man auf die Pressefreiheit, verzichtete aber weitgehend auf einen Abdruck. Doch fünf Jahre später war von dieser vornehmen Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. 2010 wurde der Karikaturist Westergaard in Deutschland mit einem Medienpreis ausgezeichnet. Ihm zu Ehren hielt Angela Merkel persönlich eine Rede auf der Veranstaltung in Potsdam. Dort sagte sie Folgendes: „Es geht darum, ob er [also Westergaard] in einer westlichen Gesellschaft mit ihren Werten seine Mohammed-Karikaturen in einer Zeitung veröffentlichen darf – egal, ob wir seine Karikaturen geschmackvoll finden oder nicht, ob wir sie für nötig und hilfreich halten oder eben nicht.“ „Darf er das? Ja, er darf“, so die Kanzlerin. Die Aussage der Kanzlerin sollte nicht verwundern, denn sie entsprach dem damaligen Zeitgeist. Islamfeindlichkeit war da schon längst salonfähig. Außerdem erwuchs das Gefühl, dass man den Kübel von Häme und Spott über Muslime gießen konnte.

Im Jahr 2010 war der moralische Staudamm in Bezug auf den Islam schon längst gebrochen. Im Grunde wurde er bereits im Herbst 2009 nahezu gesprengt. Der damalige Berliner Finanzsenator und Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank Thilo Sarrazin gab dem Magazin Lettre International sein wohl bekanntestes Interview mit dem Titel „Klasse statt Masse“. Zur Erinnerung: Sarrazin stellte in diesem fragwürdigen Interview zwei Gruppen konträr gegenüber, nämlich die sogenannte Elite, die in der Alltagssprache „Klasse“ genannt wird, und die „Masse“. Die Masse, das sei der unproduktive, wertlose und somit unnütze Teil der deutschen Gesellschaft. Das sind all jene Menschen, die laut Sarrazin ökonomisch nicht gebraucht werden, wie Hartz IV-Empfänger, Migranten und Muslime. Die „Türken“ und die „Araber“, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen habe und die keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel hätten, stellten für Sarrazin ein gesamtgesellschaftliches Problem dar. Dieser Teil müsse sich „auswachsen“, lautet seine Problemlösung. Das Wort auswachsen ist ein offener Verstoß im öffentlichen Sprachgebrauch. Es war lange her, dass ein Mann der Elite ein Wort wie „auswachsen“ so unverhohlen und unkontrolliert in aller Öffentlichkeit in den Mund nahm. Der Begriff „auswachsen“ ist zweifelsohne das Pendant zur faschistischen Vokabel „ausmerzen“. Darin verbirgt sich der gleiche psychopathologische Grad an Entmenschlichung, den man von den Nationalsozialisten kennt. Sarrazin widerstrebt es ganz und gar, Muslime als Menschen zu betrachten, und so bringt das Interview seine ganze menschenverachtende Ideologie zum Vorschein: „Kein Zuzug mehr, und wer heiraten will, sollte dies im Ausland tun. Ständig werden Bräute nachgeliefert.“ Es dürfe auch nicht mehr sein, dass „ständig neue Kopftuchmädchen produziert“ werden, so Sarrazin. Da Muslime in seiner Welt nicht der Kategorie Mensch zugeordnet werden, bekommen sie keine Kinder. Nein, sie „produzieren“ sie und vergrößern die ihm verhasste Masse in solch einem Ausmaß, dass die Klasse auf bedrohliche Art und Weise verdrängt werde. Mit seinem Wort „produzieren“, das für gewöhnlich in Zusammenhang mit Sachen verwendet wird, bringt er seinen tiefen Ekel vor den Muslimen zum Ausdruck. Frauen, die Kopftuch tragen, existieren in Sarrazins Welt nicht als Individuen, sondern lediglich als Produkt in Form eines „kleinen Kopftuchmädchens“. Wenn Muslime versachlicht werden, dann sollen sie als Objekte wahrgenommen werden. Wer im anderen nur einen Gegenstand sieht, verliert schneller seine Skrupel zu misshandeln oder misshandeln zu lassen. Natürlich weiß ein Sarrazin, dass auch Muslime irgendwie zur Kategorie Lebewesen gehören müssen, aber ihre Herabwürdigung und „Objektifizierung“ sind ein effektives Mittel der Gewalt, ohne dass man dabei selbst mit dem Schlagstock in der Hand erwischt wird.

(U. B.)