HISTORISCHES

- 24.02.2011

Der Monat Rajab

Es gibt bedeutende Zeiten in der Geschichte aller Völker, bedeutsame Tage, Wochen und Monate. Dies gilt auch für die Muslime. Die islamische Geschichte ist allerdings im Gegensatz zu anderen reich an Ereignissen und Begebenheiten, die es wert sind, erwähnt und ins Gedächtnis der Menschen gerufen zu werden. Diese Tatsache überrascht insofern nicht, als dass die islamische Zivilisation einen neuen Beginn für die Welt des siebten Jahrhunderts markierte. Zuerst festigte sie sich im Nahen Osten und eröffnete anschließend ein Land nach dem anderen, wobei die neu eröffneten Gebiete vom Wissen und Fortschritt der islamischen Zivilisation profitierten.
Besonderes Augenmerk soll in diesem Zusammenhang auf einen Monat gelegt werden, in dem folgenschwere Ereignisse für die islamische Umma stattfanden und der vor kurzem zu Ende ging. Die Rede ist vom Monat Rajab. Dieser liegt als siebter Monat in der Mitte des islamischen Kalenders und ist einer der von Allah (t) erwähnten vier unverletzlichen Monate. Dazu mahnt uns Allah (t) im Koran: "[...] also tut euch selbst in ihnen (den unverletzlichen Monaten) kein Unrecht an [...]" (9:36). Zwar spricht dieser Vers unmittelbar die Praxis der Araber an, die Unverletzlichkeit eines Monats zu verschieben, um sich gegenseitig bekämpfen zu können, doch generalisieren die Gelehrten die Bedeutung des zitierten Verses und meinen, dass Allah (t) uns auch vor anderen Arten des Unrechts warnt. Diese Ermahnung hat zweifelsohne für alle Zeiten Geltung und ist nicht nur auf diese vier Monate beschränkt. So stellt es ein mögliches Unrecht gegen uns selbst dar, wenn wir uns von den wesentlichen Dingen im Leben ablenken lassen, vorhandenes islamisches Wissen nicht praktisch umsetzen, unsere Pflichten vernachlässigen und zur Herrschaft des Unglaubens in den islamischen Ländern schweigen. In gleichem Maße ist es Unrecht gegen uns selbst, wenn wir ein Leben führen und akzeptieren, ohne dass wir uns dafür einsetzen, dass die islamischen Gesetze in ihrer Gesamtheit zur Anwendung kommen. Der Prophet (s) warnte uns vor den Folgen des Unrechts und sprach: "Unrecht wird tiefste Finsternis sein am Jüngsten Tag." (Buchari).

Da der oben genannte Vers explizit auf die vier unverletzlichen Monate Bezug nimmt, hält er damit unmissverständlich fest, dass das Begehen von Sünden in diesen genannten Monaten schwerwiegender ist – somit schwerer bestraft wird – als in den anderen Monaten, so, wie die guten Taten in ihnen bedeutsamer sind. Ibn Abbas erklärte das Besondere dieser vier Monate folgendermaßen: "Und Er machte die Sünde in ihnen schwerwiegender und das rechtschaffene Tun und die Belohnung gewaltiger." (Tafsir Ibn Kathir).

So befreite beispielsweise Salahuddin al-Ayyubi (im Deutschen als „Saladin" bekannt) am Freitag, dem 27. Rajab des Jahres 583 n. H. (2. August 1187 n. Chr.), Jerusalem von den europäischen Kreuzrittern, die die Stadt eingenommen hatten und für etwa ein Jahrhundert beherrschten. An demselben Tag im zehnten Jahr der Gesandtschaft (620 n. Chr.) fand auch die Nachtreise und Himmelfahrt (al-isra´ wal-mi´raj) des Propheten (s) statt. Dazu sagt Allah (t): "Gepriesen sei Der, Der bei Nacht Seinem Diener von der heiligen Moschee zu der fernen Moschee, deren Umgebung Wir gesegnet haben, hinführte, auf dass Wir ihm einige Unserer Zeichen zeigten. Wahrlich, Er ist der Allhörende, der Allsehende." (17:1) In dieser einzigen Nacht reiste der Prophet (s) von Mekka nach Jerusalem, von wo er aus in den Himmel stieg, das Paradies sah und die Ehre hatte, mit Allah (t) direkt zu sprechen.

Die spirituelle Bedeutung der prophetischen Reise lässt sich an der Wichtigkeit des Zeitpunktes innerhalb der Botschaft des Gesandten (s) messen. Zu dieser Zeit hatte er (s) seinen Onkel Abu Talib, der ihn vor den Angriffen der Quraisch beschützt hatte, und seine Ehefrau Khadija (ra) verloren. Deswegen war er (s) in einer sehr schwierigen Situation. Die Mekkaner erklärten offen den Kampf, folterten und verfolgten die Muslime. In dieser schrecklichen Situation, am Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Islam und Unglaube, entschied Allah (t), Seinem auserwählten Diener einige Seiner großen Zeichen zu zeigen.

Ein weniger erfreuliches Ereignis, das sich am 28. Rajab 1342 n. H. (3. März 1924 n. Chr.) zutrug, versetzte der islamischen Umma einen erschütternden Schlag. Im Gegensatz zu den beiden zuvor genannten triumphalen und ruhmreichen Begebenheiten soll dieses katastrophalen und folgenschweren Ereignisses an dieser Stelle auch gedacht werden. Es ist die Zerstörung des Kalifats durch die Hand von Mustafa Kemal. Diese Institution, die die Muslime vereinte und die Scharia implementierte, wurde an diesem Tage des Monats Rajab abgeschafft. Das Kalifat, das jahrhundertlang als ein schützender Schild für die Muslime fungierte, wurde beseitigt. Die Folgen waren abzusehen: Ohne ein Schild waren die Muslime, ihre Ressourcen und ihre Länder nur noch Kriegsbeute für die ungläubigen Imperialisten, die die Fäden im Hintergrund zogen, um absolut sicherzustellen, dass das Kalifat komplett vernichtet war, um es durch ein säkulares System zu ersetzen. In diesem Zusammenhang stellte der englische Außenminister Lord Curzon Folgendes fest: "Die Sache stellt sich jetzt so dar, dass der osmanische Staat zerstört wurde und sich niemals wieder erheben kann, weil wir seine geistige Stärke vernichtet haben: Das Kalifat und den Islam."

Heute ist die islamische Umma in über 60 künstliche Staaten aufgeteilt, die kaum einen Einfluss in der Weltpolitik besitzen. So stellt es sich für die Muslime gerade jetzt als Schicksalsfrage dar, eine islamische Gesellschaft auf Grundlage von Koran und Sunna aufzubauen und das Kalifat als Staatsform wiederherzustellen. Nur so kann das Kalifat den Muslimen wieder als Schild dienen und ihr Blut, ihre Ehre und ihre Ressourcen schützen. Besonders in dieser anscheinend ausweglosen Situation sollte ein jeder von uns auf Allah (t) vertrauen und sich fragen, welchen Beitrag er zur islamischen Wiederbelebung und zur Wiedererrichtung des Kalifats leistet. Wenn wir als Muslime fest von der Nachtreise und der Himmelfahrt des Propheten, die von einem starken Glauben und einer guten Vorstellungskraft zeugen, überzeugt sind, wieso fällt es dann einigen Muslimen immer noch schwer, sich die Wiederkehr des Kalifats, das der Prophet (s) de facto gegründet hatte und das bis zum letzten Jahrhundert bestand, vorzustellen? Was tun wir, um unserer kollektiven Pflicht, mit dem Islam regiert zu werden, nachzukommen? Zu fragen, wo der Saladin der heutigen Zeit ist, bringt nicht sonderlich viel, wenn man nicht nach dem Islamverständnis eines Saladin strebt, um so Gewaltiges für das Wohl der Umma zu leisten.

Wir müssen uns diese Fragen stellen, um aus der Geschichte Lehren zu ziehen, damit wir maßgeblich Einfluss auf unsere Zukunft nehmen können. Und so verspricht Allah (t) jenem Gläubigen, der sich für Ihn einsetzt, Seine Unterstützung und den Sieg, indem Er (t) sagt:

"O die ihr glaubt, wenn ihr Allahs Sache helft, so wird Er euch helfen und euren Füßen festen Stand geben."