HISTORISCHES

- 24.02.2011

Die Eröffnung Konstantinopels – ein Manifest islamischer Toleranz

Der Fall Konstantinopels im Jahr 1453 gehört zu den unvergessenen historischen Ereignissen sowohl für Muslime als auch für Nichtmuslime. Für Europa war es ein tiefer Schock, denn mit der islamischen Eröffnung Konstantinopels endete das Byzantinische bzw. Oströmische Reich, das von Konstantinopel aus regiert wurde. Obwohl Byzanz bereits im 7. Jahrhundert unter dem zweiten rechtgeleiteten Kalifen Umar ibn ul-Khattab Gebiete wie Syrien und Palästina an die Muslime verloren hatte, bedeutete die Einnahme Konstantinopels, das immer als uneinnehmbar galt, das Ende der Geschichte Ostroms, das zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch ein Kleinstaat war.

Zwar war Westeuropa bestürzt über den Fall Konstantinopels, doch die vorausgegangenen Hilferufe Kaiser Konstantins XI. an die christlichen Machthaber verhallten. Sie unternahmen mit Ausnahme italienischer Städte wie Venedig und Genua nichts, um die Eröffnung Konstantinopels durch die Muslime zu verhindern.

Byzanz war so verzweifelt, dass es sogar zu einer Vereinigung der Kirchen des Ostens und des Westens bereit war. Trotz der jahrhundertealten Kluft zwischen griechisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche unterzeichnete die Ostkirche 1439 ein Einigungsabkommen im Rahmen des 17. ökumenischen Konzils. Dem widersetzte sich aber die byzantinische Bevölkerung. Sie zog, wie es heißt, den Sultansturban dem Kardinalshut vor. Die islamische Herrschaft war für die Byzantiner die erste Wahl. Die Erfahrung hat nämlich gezeigt, dass die Christen unter islamischer Herrschaft ihrem Glauben unbehelligt nachgehen konnten, denn der Islam lässt ihnen Spielraum in ihrem Glauben. Im Gegensatz dazu hätte eine Kirchenunion bedeutet, sich den römisch-katholischen Überzeugungen anschließen zu müssen.

Für die Muslime war der Fall Konstantinopels die Erfüllung eines bereits vom Propheten (s) angekündigten Ereignisses: "Wahrlich, Konstantinopel wird eröffnet; welch großartiger Amir ist ihr Amir und welch großartige Armee ist diese Armee." (Musnad Ahmad) Sultan Muhammad II. war es schließlich, der mit seiner Armee Konstantinopel eröffnete, so dass er als „Muhammad al-Fatih" (der Eröffner) in die islamische Geschichte einging.

[Muhammad II. - Al-Fatih (Der Eröffner)] Muhammad II. machte dem byzantinischen Kaiser noch vor dem entscheidenden Angriff auf die Stadt das Angebot, unbehelligt aus der Stadt abziehen zu dürfen. Kaiser und seine Gefolgschaft sollten samt ihrem Vermögen einen freien Abzug erhalten. Konstantin XI. traf eine unkluge Entscheidung und weigerte sich, obwohl das Schicksal Konstantinopels bereits besiegelt war. Der Fall der Stadt und der Sieg der Muslime stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest. Es wäre also nur der Stadtbevölkerung zugute gekommen, wenn der byzantinische Kaiser das Angebot Muhammads II. angenommen hätte. Dann hätten die Muslime Leben und Vermögen der Byzantiner nicht antasten dürfen, weil die Stadt in diesem Fall nicht durch Kampfhandlung eingenommen worden wäre.

Aber bereits kurz nach der Eröffnung Konstantinopels gab Muhammad II. folgenden Befehl: "Hiermit erkläre ich mich und zeichne meinen Erlass für meine Anhänger auf. Meine Worte betreffen die Christen [...] Ob Priester oder Mönche an einem Berg Unterschlupf finden, oder ob sie in der offenen Wüste, in einer Stadt, einem Dorf oder in einer Kirche wohnen – ich persönlich verbürge mich mit meinen Armeen und Gefolgsleuten für sie und verteidige sie gegen ihre Feinde. Jene Priester gehören zu meinem Volk. Ich nehme Abstand davon, ihnen irgendeinen Schaden zuzufügen. Es ist verboten, einen Bischof von seinen Pflichten abzuhalten, einen Priester von seiner Kirche fern zu halten und einen Eremiten von seiner Unterkunft. Ein Muslim darf eine Christin, die er geheiratet hat, nicht daran hindern, in ihrer Kirche Gott zu verehren und den Schriften ihrer Religion Genüge zu tun. Wer sich gegen diese Anordnungen stellt, soll als Feind Allahs und seines Gesandten betrachtet werden. Muslime sind verpflichtet, sich bis ans Ende der Welt an diese Anordnungen zu halten."

Es war auch Muhammad II., der auf die Wahl eines Patriarchen bestand, denn das Amt war durch die Eröffnung nicht mehr besetzt. Die Wahl fiel schließlich auf Georgios Scholarios, der ein gutes Verhältnis zu Muhammad II. hatte. Auf dessen Wunsch verfasste er eine Schrift, die die Hauptpunkte des christlichen Glaubens darlegen sollte. Diese wurde zur bekanntesten theologischen Schrift dieses bedeutenden byzantinischen Theologen. Auf diese Weise konnte sich die griechisch-orthodoxe Kirche unter islamischer Herrschaft organisieren und fortbestehen. Im Gegensatz dazu hätte eine Kirchenunion wohl das Ende der Ostkirche bedeutet.

Die Vernichtung der Christenheit und Zwangsbekehrungen durch die Muslime sind, die historischen Fakten belegen es, reine Ammenmärchen. Sowohl Christen als auch Juden verwalteten ihre religiösen Angelegenheiten ohne Einmischung des Staates selbst. Das Entsetzen Europas, für das Byzanz nur noch symbolischen Charakter hatte, war im Prinzip unbegründet. Es kam niemand Konstantinopel ernsthaft zu Hilfe. Auch wurde das Christentum nicht durch die Muslime vernichtet. Das Gegenteil war der Fall, denn die Ostkirche erfuhr durch die islamische Herrschaft Schutz. Noch heute ist der Sitz ihres Patriarchen in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel.