SHARIA

- 17.12.2014

Aus der Sprachwissenschaft: Formulierungsformen für Pflichten im Islam am Beispiel des Kalifats

Betrachtet man die Art und Weise, wie Allah (s.w.t.) Seine Befehle und Verbote im Qur’an zum Ausdruck bringt, so wird ersichtlich, dass eine grammatikalische Unterschiedlichkeit vorliegt.

Wenn jemand etwas befiehlt oder anordnet, wird dies in den meisten Fällen mit dem Imperativ (lateinisch: imperare – befehlen) ausgedrückt. Die bekannte Form des Imperativs ist die, bei der kein Personalpronomen verwendet wird und die Aufforderung klar zu erkennen ist. Beispielsweise würde man bei der Aufforderung an eine Person, sich zu entfernen, sagen: "Geh!" oder "Entferne dich!". Im Qur‘an gibt es hierfür zahlreiche Beispiele. So befiehlt Der Erhabene:

"Und verrichtet das Gebet, und entrichtet die Zakat und verbeugt euch (im Gebet) mit den sich Verbeugenden!" (Sura Al-Baqara 2, Aya 43)

Weiterhin sagt Er:

"Dem Dieb und der Diebin schneidet die Hände ab, als Vergeltung für das, was sie begangen haben und als abschreckende Strafe von Allah. Und Allah ist Allmächtig, Allweise!" (Sura Al-Ma’ida 5, Aya 38)

Außer dem Imperativ existieren aber noch andere Formen, um Befehle auszusprechen. Diese finden im Qur’an reichlich Anwendung. So gibt es die Möglichkeit, Gebote bzw. Verbote im Indikativ zu formulieren, wie zum Beispiel:

"[…] Und Allah hat den Handel erlaubt und das Zinsnehmen verboten […]!" (Sura Al-Baqara 2, Aya 275),

oder auch:

"Verboten wurde euch das Verendete, das Blut und das Schweinefleisch und das, worüber etwas anderes als der Name Allahs angerufen wurde. […]!" (Sura Al-Ma’ida 5, Aya 3)

Eine weitere Formulierungsform von Geboten sticht besonders hervor und gilt im islamischen Recht als besonders wichtig. Es handelt sich hierbei um eine Aufforderungsform, die rein grammatikalisch die Negierung einer Tat im Futur I darstellt. Es ist dies die Beschreibung einer Sache als ein Faktum, das auch in Zukunft Gültigkeit hat. So heißt es:

"[...] Und Allah wird niemals den Ungläubigen die Oberhand über die Gläubigen geben!" (Sura An-Nisa‘a 4, Aya 141)

Bei näherer Betrachtung wird jedoch klar, dass der Vers einen Zustand beschreibt, der niemals eintreten darf: Mit der Negierung des im Vers Beschriebenen, drückt Allah (s.w.t.) das absolute Verbot aus, diesen Zustand, in dem die Ungläubigen die Oberhand über die Gläubigen inne haben, zuzulassen. Anders ausgedrückt haben wir Muslime die Pflicht, in einem permanenten Zustand der Souveränität zu leben und diesen nicht abhanden kommen zu lassen.

Dies kann mit der Anordnung eines Vaters an seinen Sohn verglichen werden. Wenn der Vater beispielsweise nicht möchte, dass sich sein Sohn nach 22 Uhr noch draußen befindet, kann er ihm entweder im gängigen Imperativ sagen:

"Sei spätestens um 22 Uhr zuhause!“

oder aber als Tatsache beschreibend:

"Du bist nach 22 Uhr nicht mehr draußen!"

Hierbei handelt es sich um ein grammatikalisch-stilistisches Mittel, um seinem Willen noch mehr Geltung zu verleihen. Denn wenn der Sohn sich bei der ersten Aufforderung nicht an die Anordnung seines Vaters hält, ist es lediglich die Missachtung des Befehls.

Bei der Übertretung der zweiten Aufforderungsform hat der Sohn allerdings nicht nur den Befehl seines Vaters missachtet, sondern gleichzeitig seine Autorität in Frage gestellt bzw. gar seine Person bloßgestellt, da der Vater einen Zustand als ein Faktum beschreibt ("Du bist nach 22 Uhr nicht mehr draußen!") und der Sohn dem von ihm beschriebenen Faktum widerspricht.

Hätte der Vater mit Selbstsicherheit einem Bekannten erzählt:

"Mein Sohn kommt nie nach 22 Uhr nach Hause!",

und dieser käme erst später zurück, würde dies dazu führen, dass er die Anordnung seines Vaters missachtet und ihn darüber hinaus noch vor seinem Bekannten bloßgestellt hätte.

In diesem Kontext muss der zitierte Vers:

"[...] Und Allah wird niemals den Ungläubigen die Oberhand über die Gläubigen geben!"

als zwingende Anordnung verstanden werden, dass Nichtmuslime über Muslime keine Art von Macht ausüben dürfen bzw. die Muslime dafür sorgen müssen, dass dieser Zustand nicht eintritt. Denn ansonsten würde nicht nur die Anordnung Allahs (s.w.t.) missachtet, sondern auch Seine Autorität in Frage gestellt werden, was an Sündhaftigkeit gravierender nicht sein kann. Der Partikel ‘niemals‘ verleiht dem Ganzen Nachdruck.

Ferner zeigen auch die folgenden Verse bei eingehender Betrachtung, was für eine gewaltige Sünde es darstellt, wenn der Muslim sich nicht dafür einsetzt, einen von Allah (s.w.t.) als Faktum erklärten Zustand ins Leben zu rufen. So sagt Allah (s.w.t.):

"Sie wollen Allahs Licht (den Islam) mit ihrem Gerede (ihrer Propaganda) auslöschen. Allah aber will Sein Licht vollenden, auch wenn es den Ungläubigen zuwider ist. Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und dem Din (Lebensordnung) der Wahrheit entsandt hat, um ihn (den Islam) über jeden anderen Din zu erheben, auch wenn es den Götzendienern zuwider ist!" (Sura As-Saff 61, Ayat 8-9)

Allah (s.w.t.) teilt uns in diesen Versen mit, dass die Herrschaft des Islam – das Rechtgeleitete Kalifat – nicht nur existieren, sondern sich auch gegen jede andere Herrschaftsform durchsetzen wird. Allah (s.w.t.) stellt dies als eine Tatsache dar, die heute jedoch nirgends auf der Welt vorzufinden ist. Faktum ist vielmehr, dass der Islam in seiner Gesamtheit gegenwärtig in keinem islamisch geprägten Land die Herrschaft inne hat. Die Abwesenheit der Herrschaft des Islam stellt somit eine der größten Sünden dar, entsprechend der Art und Weise, auf die Allah (s.w.t.) uns Muslime zum Vorhandensein und Erhalt der islamischen Herrschaft verpflichtet. In den darauf folgenden Versen heißt es nämlich:

"O ihr, die ihr Iman habt, soll Ich euch (den Weg) zu einem Handel weisen, der euch vor einer qualvollen Strafe retten wird? Ihr sollt an Allah und an Seinen Gesandten glauben und für Allahs Sache mit eurem Gut und eurem Blut eifrig kämpfen. Das ist besser für euch, wenn ihr es nur wüsstet." (Sura As-Saff 61, Ayat 10-11)

Hier deutet Allah (s.w.t.) darauf hin, dass der von Ihm zuvor beschriebene Zustand von uns Muslimen unterstützt und aufrecht erhalten werden muss. Denn Er beschreibt in den Versen zuerst, wie der Islam die Herrschaft auf Erden erlangen wird, um darauf folgend die rhetorische Frage zu stellen, ob Er uns den Weg zu einem Handel weisen soll, der uns vor einer qualvollen Strafe erretten und zu den Erlauchten gehören lassen wird.

"Er wird euch eure Sünden vergeben und euch in Gärten führen, durcheilt von Bächen, und in schöne Wohnungen in den Gärten Edens. Dies ist die große Glückseligkeit." (Sura As-Saff 61, Aya 12),

und als ob das nicht reichen würde, verspricht uns Allah (s.w.t.) nicht nur den Erfolg im Jenseits, sondern auch den Sieg im Diesseits:

"Und noch etwas anderes, das ihr liebt, (wird euch zuteil sein): Hilfe von Allah und ein naher Sieg. Und so verkünde den Gläubigen die frohe Botschaft." (Sura As-Saff 61, Aya 13)

Dies hat Der Erhabene jedoch an eine Bedingung geknüpft: Wir müssen uns an Seinen Gesetzen festklammern und uns mit Aufrichtigkeit für Seine Sache einsetzen, gemäß der Vorgehensweise des Propheten Muhammad (s.a.s.).

Gegenwärtig vollzieht sich in der islamischen Welt ein Sinneswandel, der immer mehr Einzug unter die Massen findet. Die Idee der Vereinigung der islamischen Welt unter der Herrschaft des Islam scheint heute nicht bloß die Utopie einiger Idealisten zu sein, sondern rückt immer mehr ins Blickfeld der Massen. Für dieses Ziel der Emporhebung des Islam lohnt es sich wahrlich, sich mit seinem Hab und Gut einzusetzen. Allah (s.w.t.) hat unseren Einsatz nicht nötig. Vielmehr ist kann uns die Ehre zuteil werden, uns an Seinem Siegeszug zu beteiligen und noch im Diesseits Zeugen hiervon zu werden.

Jede Epoche hat ihre besonderen Ereignisse zu verzeichnen. So gab es die Zeit der Prophetengefährten und den Aufbau des ersten islamischen Staates, die Zeit der Eröffnungen von Ländern für den Islam, die Zeit der großen Rechtsgelehrten, die Zeit der Kreuzfahrer und der Befreiung Jerusalems. Nun ist die Zeit der Wiedererrichtung des Kalifats gekommen. Diese Aufgabe ist von uns als große Chance zu sehen. Als Chance dem Weg jener zu folgen, die in der Frühzeit des Islam diese Aufgabe erfüllt und uns mit ihrem Einsatz das beste Vorbild gegeben haben.