KALIFAT

- 22.02.2014

Wissenschaft im Islamischen Staat - Teil II

Einen tieferen Einblick in die unnachahmlichen Leistungen der Muslime gibt das 5 bändige Werk von Professor Fuat Sezgin „Wissenschaft und Islam", das das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe Universität im Jahre 2003 herausgegeben hat.

Folgerichtig war jahrhundertelang die Wissenschaftssprache im Mittelalter das Arabische, weil sämtliche Forschungsergebnisse und bedeutende Werke der Menschheit in der arabischen Sprache verfasst wurden. Die Europäer haben daraufhin im 12. Jahrhundert die bekannte Übersetzungsschule von Toledo ins Leben gerufen, die sich mit der Übersetzung der arabischen Texte ins Lateinische befasste und somit den Europäern Zugang zu modernem und für sie essentiellem Wissen bedeutete.

Ein Relikt des sprachlichen und zivilisatorischen Einflusses auf die europäische Geistesentwicklung sind viele sogenannte Lehnwörter, die dem Arabischen entstammen und Bestandteile der europäischen Sprachen geworden sind. Insgesamt hat der Westen aber zu jeder Zeit versucht, die wissenschaftlichen Errungenschaften der Muslime klein zu reden und den in der Realität vorhandenen Einfluss auf die westliche Zivilisationsgeschichte zu leugnen. In diesem Rahmen finden viele muslimische Wissenschaftler keine Erwähnung in der Literatur des Westens, obwohl sie Wegbereiter der modernen Wissenschaften gewesen sind. Ihre Namen wurden latinisiert während ihre Werke nicht mehr zitiert werden. Auf diese Weise ist es zum größten Wissenschaftsdiebstahl in der Menschheitsgeschichte gekommen.

Deutsch/Arabisch - Anmerkungen

Admiral ‏امير البحر‎ über das Französische und mehrere Zwischenstufen entlehnt von arabisch amīrامير – „Befehlshaber".

Alkohol ‏الكحول‎ siehe Chemische Bezeichnungen

Arsenal ‏دار الصناعة‎ über das Italienische aus arabisch dar ṣināʿa = „Fabrik", „Werft".

Artischocke ‏أرضي شوكي‎ über das Italienische und Spanische letztlich aus arabisch al-hursufa

Beduine ‏بدوي‎ von arabisch: بدوي badawī (= "Wüsten-" bewohner), Adjektiv zu "badiya", "Wüste, Wildnis"

Borretsch ‏أبو عرق‎ über das Lateinische aus mittelalterlich-arabisch abūʿaraq „Vater des Schweißes" oder abūhurāsch „Vater der Rauheit"

Elixir ‏الإكسير‎ aus arabisch Al-Ikseer „Quintessenz, Stein der Weisen"

Giraffe ‏زرافة‎ über das Italienische aus arabisch zurāfa „die Liebliche"

Haschisch ‏حشيش‎ ḥaschīsch bedeutet Gras, Rasen, Kraut, Unkraut oder eben die Droge.

Havarie ‏عوار‎ über das Italienische, Französische und Niederländische aus arabisch ʾawār = Schaden bzw. ʾawārīya = beschädigte Güter

Kadi ‏قاض‎ Qāḍī bedeutet Richter. Das Wort wurde Ende des 17. Jahrhunderts aus der Märchensammlung Tausendundeine Nacht entlehnt. Der Begriff des Kadi wurde durch die Redewendung „vor den Kadi ziehen/gehen" in die deutsche Sprache übernommen.

Karaffe ‏غرافة‎ über das Französische, Italienische und Spanische aus arabisch gharrāfa „Wasserheberad mit Schaufeln"

Kismet ‏قسمة‎ über das Türkische aus arabisch qisma(t) = Teil, Anteil, Anteil am Leben = „Schicksal"

Laute ‏العود‎ über das Französische und Spanische aus arabisch al-'ud = „das Holz"

Makaber ‏مقابر‎ über das Französische bzw. Englische eventuell aus arabisch maqābir (Gräber) oder hebräisch m(e)qabber (begrabend)

Makramee ‏مقرمة‎ Das Wort Macramé stammt vom Arabischen miqrama ab und bedeutet so viel wie „geknüpfter Schleier".

Magazin ‏مخزن‎ über das Italienische aus arabisch machzan, Plural machāzin. Die Bedeutung 'bebilderte Zeitschrift' nach englisch magazine als 'Sammelstelle von Information'.

Matratze ‏مطرح‎ über das Französische und Italienische aus arabisch maṭraḥ "Bodenkissen"

Mokka ‏مخا‎ über das Französische oder Englische aus arabisch Muchā, einer Stadt im Jemen

Monsun ‏موسم‎ über das Englische und Portugiesische aus arabisch mausim. Arabische Seefahrer beschrieben mit dem Wort ‏موسم‎ (mausim), das auf Deutsch „Jahreszeit" bedeutet, das Phänomen eines Windes im Arabischen Meer, der mit der Jahreszeit wechselt. Vergleiche Hindi/Urdu mausam - "Wetter"

Safari ‏سفر‎ Kommt von "safar" und bedeutet "Reise"

Safran ‏الزعفران‎ über das Französische und Spanische aus arabisch az-zaʿfarān "Krokus"

Sahara ‏صحراء‎ vom arabischen Wort ṣaḥrāʾ, das heißt "Wüste"

Schachmatt ‏شاه مات‎ Der Ausdruck schāhmāt (= „der König ist tot") kommt ursprünglich aus dem Persischen. Genauer: "schāh", "König", ist persisch, "māt" = "starb" ist arabisch.

Tamarinde ‏تمر هندي‎ von tamrhindī „indische Dattel"

Tarif ‏تعريفة‎ von ta´rifa „Bekanntmachung, Preisliste"

Ziffer ‏صفر‎ Siehe Mathematische Begriffe

Algebra ‏الجبر‎ al-dschabr („das Zusammenfügen gebrochener (Knochen)-Teile"), aus dem Titel des Rechen-Lehrbuchs Hisab al-dschabr wa-l-muqabala des Mathematikers al-Chwarizmi, eigentlich abgeleitet vom Lehrbuch des indischen Mathematikers Aryabhata.

Algorithmus ‏الخوارزمي‎ nach al-Chwarizmi (Mathematiker, ca. 780-850)

Ziffer ‏صفر‎ sifr = „Null"

Alkohol ‏الكحل‎ Aus dem spanischen alcohol, feines, trockenes Pulver aus al-kahl „Antimonpulver", „Augenschminke". Alkohol war die „geistige Essenz".

Azur لاژورد‎ über das Französische, Lateinische, Arabische aus persisch lāžuwärd

Chemie (Alchemie) ‏الكيمياء‎ über das Lateinische, Spanische, Arabische aus griechisch chymeía, chēmeía 'Beschäftigung mit der Metallumwandlung'

Elixier ‏الإكسير‎ entweder über das Lateinische, Französische, Spanische, Arabische (al-iksīr' Stein der Weisen') aus griechisch xēríon „Trockenpulver" oder aus einer Nebenform zu lateinisch ēlixātūra 'Absud'

Aldebaran ‏الدبران‎ al-dabarān „Der Nachfolgende", weil er den Plejaden am Himmel zu folgen scheint.

Algol ‏الغول‎ ra's al-ġūl „Haupt des Dämons", gemeint ist das Medusenhaupt, das Perseus trägt. Der Name ist aus dem Griechischen ins Arabische übertragen.

Almanach ‏المناخ‎ al-manāḫ „das Klima", im weiteren Sinne: Liste der klimatischen und astronomischen Ereignisse eines Jahres. Das arabische Wort ist aber möglicherweise eine Arabisierung von Mittellatein almanachus, und dieses aus Griechisch alemenichiaka, das nach Eusebius (um 300 n.Chr.) Bezeichnung der ägyptischen Kalender ist. Das Wort ist dann nicht arabisch sondern wohl koptisch.

Altair ‏النسر الطائر‎ al-nasr al-ṭā'ir „der fliegende Adler", im Gegensatz zur Wega.

Azimut ‏السمت‎ al-samt; Plural: al-sumut „der Weg" Die auf Norden bezogene horizontale Richtung zu einem Gestirn oder zu einem Punkt auf der Erdoberfläche. Vergleiche auch Zenit.

Beteigeuze ‏باط الجوزاء‎ ... al-Ǧawzā'. Der erste Teil des Namens ist unklar und scheint schon früh verderbt. Der Name des Orion lautet al-Jauza.

Deneb ‏ذنب الدجاجة‎ ḏanab al-daǧāǧa „Schwanz des Huhns" - Der arabische Name des Sternbildes Schwan ist Huhn.

Enif ‏أنف الفرس‎ anf al-faras „Nase des Pferdes" - Der arabische Name des Sternbildes Pegasus ist Pferd.

Fomalhaut ‏فم الحوت‎ fam al-hūṭ „Maul des Fischs"

Nadir ‏نظير السمت‎ naẓīr al-samt „symmetrisch gegenüber dem Zenit" Der Himmelspunkt genau senkrecht unter dem Beobachter, Gegenüber dem Zenit.

Rigel ‏رجل الجوزاء‎ riǧl al-ǧawzā' „Fuß des Orion"

Theodolit verballhornt von englisch "thealhidade", von arabisch al-idhâdah - Zeige-/Teilkreis

Wega ‏النسر الواقع‎ al-nasr al-wāqīˤ „Der herabstürzende Adler" - Gegensatz zu Atair, dem fliegenden Adler.

Zenit ‏سمت الرأس‎ samt ar-ra's „Weg des Kopfes" - Der Himmelspunkt genau senkrecht über dem Kopf des Beobachters. Vergleiche Azimut.

III. Einige Gründe für den Erfolg auf dem Gebiet der Wissenschaften:

• Die Motivation durch die islamische Lebensordnung und die Gründung des Staates durch den Propheten (s.)• Unterstützung der Wissenschaften auch von den späteren Dynastien den Ummayyaden und Abbassiden• Der Reichtum des Islamischen Staates und die privaten Initiativen von Stiftungen zur finanziellen Unterstützung der Bildung, Forschung und Entwicklung• Die Muslime haben nach den Eröffnungen (Futuhat) nicht getrennt zwischen Eroberern und Eroberten, sondern auch das Potenzial der neuen Gebiete und ihrer Menschen ausgenutzt, sofern es mit dem Islam vereinbar war• Wissenschaftliche Unterweisung und eine ausgeprägte Tradition von Schüler-Lehrerverhältnis, wie es in Europa nicht üblich war• Alle Berufsgruppen hatten Zugang zur Bildung, und nicht nur eine bestimmte Schicht, wie der europäische Klerus im Mittelalter. Die bibliographische Literatur der meisten muslimischen Wissenschaftler trägt zumeist Berufsbezeichnungen wie Schneider, Bäcker, Tischler, Schmied, Kameltreiber oder Uhrmacher• Moscheen fungierten bereits im 1. islamischen Jahrhundert als öffentliche Lehranstalten für die verschiedensten Wissenschaftszweige• Die Errichtung von Universitäten und Lehrstühlen zu Beginn des 2. Islamischen Jahrhunderts ermöglichte die weitere produktive Entwicklung• Das Potenzial der arabischen Sprache ermöglichte eine schnelle Verbreitung des Wissens, samt Entwicklung einer neuen Fachsprache• Übersetzungszentren wurden eingerichtet, die Werke anderer Kulturen ins Arabische übersetzten und Zugang zum antiken Wissen ermöglicht• Schon im 1. islamischen Jahrhundert wurde die Papyrusindustrie aufgebaut und später durch die Gründung von Fabriken zur Herstellung des von den Chinesen übernommenen Papiers als Schreibmaterial eingeführt• Die Entwicklung einer besseren und beständigeren Tinte im 4. islamischen Jahrhundert führte dazu, eine tiefschwarze Schrift zu verwenden, die farbecht und haltbar war, ohne im Lauf der Zeit blass oder braun zu werden

Hinzuzufügen ist, dass die Ausbildung der muslimischen Wissenschaftler ein umfassendes Studium beinhaltete. Das Studium der klassischen islamischen Wissenschaftler beinhaltete ein umfangreiches Studium der islamischen Texte, des Fiqh, des Tafsir und weiterer Werke muslimischer Gelehrter und zugleich die Lehre der Wissenschaften mit entsprechender Spezialisierung. Daher spricht man generell von Universalgelehrten, weil damit verdeutlicht werden soll, dass der Wissenschaftler erleuchtend gedacht hatte und seine intellektuelle Kapazität auf Grundlage seiner islamischen Aqida ausgeschöpft hat.

Den muslimischen Wissenschaftlern ging es in ihrem Wirken nicht um Ehre, Ruhm, Profit oder andere selbstsüchtige Motivationen, sondern allein darum, Allah (t.) zu dienen und damit Sein Wohlgefallen zu finden. Den Muslimen war von Anbeginn an klar, dass Allah (t.) der Schöpfer des Universums und des Lebens ist. Im Quran heißt es hierzu:

„Euer Gott ist wahrlich ein Einziger, Der Herr der Himmel und der Erde und dessen, was dazwischen ist [...]!" (37;4-5)

Im Quran wird der Mensch eindringlich aufgefordert, über die Schöpfung nachzudenken und Allahs (t.) Allmacht zu erkennen. Der Quran sagt uns diesbezüglich:

„Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde in ihrer schönsten Form. Und wenn Er eine Angelegenheit bestimmt, so sagt Er zu ihr nur: „Sei!" und so ist es."(2;117)

Bereits mit der ersten Offenbarung zeigt sich der Aufruf des Schöpfers, durch seine Gesetzmäßigkeiten Seine Erhabenheit zu erkennen. Es wird an den Menschen appelliert, durch das Nachdenken über die Zeichen Allahs (t) auf seine Existenz zu schließen, wenn es heißt:

„Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat, den Menschen erschaffen hat aus einem Anhängsel geronnenen Blutes. Lies, und dein Herr ist der Edelste, Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste." (96;1-5)

Über die nach Wissen strebenden heißt es auch:

„[...] Allah wird diejenigen von euch, die glauben und jene, denen Wissen gegeben wurde, um Rangstufen erhöhen."(58;11)

Diese und andere Ayat waren den muslimischen Wissenschaftlern Aufruf genug, um Allah (t) zu dienen, Seine Existenz zu beweisen und das Potenzial des Islam auszudrücken. Der Islamische Staat unterstützte von Anbeginn das Streben, auf allen Gebieten Perfektion zu erlangen. Dadurch war das Forttragen der Da'wa gewährleistet, während die Staaten der damaligen Welt sich mit dem Fortschritt der Muslime nicht messen konnten. Die Zentren des Wissens waren die bekannten Städte des Islamischen Staates, wie Cordoba, Kairo, Damaskus, Bagdad, Jerusalem, Buchara usw. Der Islamische Staat repräsentierte Fortschritt und Entwicklung und war der dominierende Staat in der Welt.

Als die Muslime jedoch abließen, am Islam als unerschütterliche Lebensordnung festzuhalten und sich geistiger Stillstand im Staat ausbreitete, war der Keim für den Zerfall des Islamischen Staates gelegt. Die Umma befand sich in einem Zustand des Niedergangs, der gleichzeitig die Europäer anspornte, dem Islamischen Staat den Todesstoß zu versetzen. Mit dem Aufstieg der säkularen Idee und der Dekadenz, der die Umma befallen hatte brach eine Zeitenwende an, die wir bis heute in ihren vollen Zügen erleben. Die Muslime sind seither nur noch eine Randerscheinung und Spielball der Weltpolitik. Sie sind von einem aktiven Staat zerfallen in Nationalstaaten, die - jeder für sich - schwach und abhängig von fremder Hilfe geworden sind.

Auch in den Wissenschaften zeigt sich der Verfall im Denken der Muslime. So hat der Westen auf dem islamischen Erbe die Wissenschaften ausgebaut und dominiert seither durch Forschung und Entwicklung die Realität. Die Zentren des Wissens stellen heute die Universitäten und Forschungseinrichtungen des Westens dar. Durch die Kolonialisierung und Fremdherrschaft der muslimischen Länder versucht der Westen ein rückschrittliches Bild vom Islam zu vermitteln und leugnet die Kraft der islamischen Lebensordnung, die durch die korrekte Anwendung ein Segen für die gesamte Menschheit gewesen ist.

Obwohl die Muslime über hervorragende Denker verfügen und die Umma nach wie vor ein gewaltiges wissenschaftliches Potenzial besitzt, kommt dieses Potenzial nicht ausreichend zum Ausdruck. Dies liegt an der Tatsache, dass es den Islamischen Staat nicht mehr gibt, der die Umma aus den Finsternissen zum Licht führen könnte. Nur der Islamische Staat mit seiner identitätsstiftenden Ideologie ist in der Lage, die Rahmenbedingungen für Bildung und Wissenschaftsentwicklung für seine Bürger dergestalt zu erschaffen, dass die Muslime aus reiner Überzeugung und fern von kapitalistischen Erwägungen ihre ganze Kraft in die Sicherung und das Fortbestehen eben diese Staates investieren.

Der Quran ermahnt uns, am Islam festzuhalten und keine anderen Lebensordnungen zu befolgen. Nur so ist der Erfolg der Muslime garantiert und nur so kann die Ehre und die Würde dieser Umma wieder hergestellt werden.

„Wer einen anderen Din als den Islam sucht, so wird er von ihm nicht angenommen, und im Jenseits gehört er zu den Verlierern."(3;85)