ANALYSE

- 04.12.2014

Der Arabische Frühling und Syrien nach 3 Jahren

Der Tahrir-Platz in der ägyptischen Hauptstadt Kairo

Syrien sorgt weiter für Verwirrung in der Welt, indem seine Bevölkerung trotz aller Widrigkeiten - sei es die Härte des Winters oder die Verwendung von Chemiewaffen durch das Regime – unnachgiebig für eine wahre Veränderung weiterkämpft. Anders als in anderen Nationen, die Aufstände erlebten, hält in Syrien ein wahrer Krieg zwischen al-Assad auf der einen Seite und den Muslimen Syriens,repräsentiert durch eine Vielzahl an Rebellengruppen, auf der anderen Seite, weiter an. Während sich der Aufstand in Syrien rasant auf sein drittes Jahr zubewegt, lassen sich vier klare Trends erkennen, die das dortige Bild prägen. Seit dem Beginn der Revolution vor drei Jahren vollzogen sich in Syrien zwar viele Veränderungen, jedoch haben sich dabei die folgendenvierTrends als beständig erwiesen.

Erstens: Der Westen ist mit seinem Plan gescheitert, eine nach westlichen Standards „moderate" Opposition zu bilden und einen geeigneten Ersatz für al-Assad zu finden.

Dies erreichte seinen Höhepunkt darin, dass die USAihrenicht-tödlichen Hilfslieferungen an den Norden des Landes einstellten, nachdem die Islamische Front die von Amerika mit Equipment versorgten Lagerhäuser unter ihre Kontrolle brachte. Die USA sorgten für die Gründung der Nationalen Koalition und ihres militärischen Flügels, des Obersten Militärrats (SMC), dessen Chef Salim Idris ist. Die Nationale Koalition, welche sich überwiegend aus Dissidenten zusammensetzt, die sich seit Dekaden außerhalb von Syrien aufhalten, ist darin gescheitert, die Kontrolle über die Gruppen im Land zu gewinnen. Die interne gespaltene Haltunginsbesondere in Bezug auf die Frage, ob mit dem Regime verhandelt werden sollte oder nicht, belastet die Oppositionsgruppe weiterhin. Dies fand im März 2013 seinen Ausdruck, als Moaz al-Khatib, der Präsident der Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte zurücktrat und als Hauptgrund die Einmischung internationaler und regionaler Akteure nannte. Die Koalition bildete eine Übergangsregierung, die sich im Exil aufhält und der es an jeglicher organisatorischer Basis innerhalb des Landes fehlt. Der Misserfolg des Westens wurde am sechsten Dezember 2013 bestätigt, als die nördlichen syrischen Hauptquartiere von General Salim Idris durch die Islamische Front übernommen wurden.

Zweitens: Bashar Al-Assad und der Westen waren nicht imstande, den islamischen Charakter des Aufstandes abzuschwächen.

Im Jahr 2013 gelang es der Ummah in Syrien durchgehend die Reinheit ihres Aufstandes zu wahren, trotzt der vielen Versuche ausländischer Kräfte, den Ruf nach dem Islam zu ersticken und die Rebellengruppen zu infiltrieren. Mit dem Fortschreiten des Aufstandes traten eine Vielzahl von islamischen Gruppen und Allianzen auf, die gegenwärtig zahlenmäßig den säkularen und prowestlichen Gruppen in hohem Maße überlegen sind. Die Meldung einer auf dem Islam basierenden Koalition im September 2013, welche sich auf die 11 größten Gruppen in Syrien bezieht, führt vor Augen, wie die Rebellen ihre Ressourcen vereinen und ihre Positionen festigen, während sie Damaskus ins Visier nehmen. Zudem wird der islamische Charakter des Aufstandes von vielen Fraktionen mit bedeutendem Gewicht unterstützt. Dies wurde deutlich in einer Reihe von Al-Jazeera veröffentlichten Interviews mit den Führern wichtiger bewaffneter Fraktionen, die al-Assads Regime in Syrien bekämpfen. Syriens Außenminister, Walid Al-Moallem, bestätigte in einer Pressekonferenz im Juni 2013, worum es im Grunde genommen in diesem Konflikt in dem Land und in der Region geht, als er sagte: „Wir wissen, dass diejenigen, die Übles bezüglich Syrien planen und diejenigen, die die Errichtung des islamischen Kalifatsstaates fordern, nicht an den Grenzen Syriens stoppen werden. Also mit dem, was wir gerade tun, schützen wir sogar Jordanien, Libanon und die Türkei."

Drittens: Trotz des Regimeerfolges in Al-Qusayr, hat das Regime nahezu den ganzen Norden des Landes, den ländlichen Raum und einige südliche Gebiete eingebüßt.

Gegenwärtig verteidigt das Regime lediglich den Korridor von Damaskus nach Latakia. Aus dieser Verzweiflung heraus wurde der Chemiewaffenangriff in Ghuta, einem Vorort von Damaskus, seitens al-Assad verübt. Dies stellt außerdem den größten Chemiewaffenangriff des Regimes dar. In „einem Telefongespräch, das von deutschen Chefspionen abgehört wurde, teilte ein hochrangiger Hisbollah Kommandant der iranischen Botschaft in Libanon mit, dass Bashar Al-Assad den chemischen Angriff, bei dem Hunderte von Menschen getötet wurden, vornahm, weil er in einem Augenblick der Panik seine Nerven verlor und befürchtete, Damaskus würde durch die Rebellentruppen fallen."Er fuhr fort, „dass Syriens Präsident beabsichtigte, im Kampf um die Kontrolle über die Hauptstadt des Landes, das Kräfteverhältnis zugunsten des Regimes zu kippen."

Viertens: Seitden drei Jahren kriegerischer Auseinandersetzunggelingt esdem al-Assad Regime nicht, der Opposition einen vernichtenden Schlag zu versetzen.

Wo auch immer al-Assads Regime kämpfte, zu seiner Strategie gehörte es immer die Opposition durch die Anwendung massiver Gewalt niederzuschlagen. Obwohl das Regime mehr Waffen besitzt, war es nicht fähig, den Marsch der Rebellen nach Damaskus aufzuhalten. Groß angelegte Formationen gegen Rebellenhochburgen konnten durch die Rebellen unter Einsatz asymmetrischer Taktiken zurückgeworfen werden, so dass es dem Regime erschwert wurde, die Rebellen zu vertreiben. Der Vorteil des Regimes, im Besitz von Schwerpanzern zu sein, wurde durch die Nutzung von Panzerabwehrlenkraketen ausgehebelt, womit eine Eliminierung der Tanker und anderer bodengestützter Ausrüstung durch die Rebellen einherging. Dies ermöglichte den Rebellen Flughäfen und andere Ziele der Bodeninfrastruktur anzugreifen. Der Überlegenheit des Regimes im Luftraum traten die Rebellen entgegen, indem sie Militärflugbasen als Angriffsziel wählten und übernahmen, was dem Regime die Möglichkeit der Truppenversorgung nahm. Angesichts des Scheiterns der Taktiken Assads, sah dieser sich zu dem Einsatz von Chemiewaffen gezwungen. Laut eines Hisbollah-Funktionärs stand das al-Assad Regime im Mai 2013 kurz vor dem Zusammenbruch. Hätte die Hisbollah mit Tausenden von Kämpfern nicht eingegriffen, wäre das Regime gefallen.

Trotz der sehr zahlreichen (nicht einheitlichen) Rebellengruppen, waren die Rebellen in der Lage, dem Regime seit nunmehr drei Jahren die Stirn zu bieten. Die einzige Strategie, die durch den Westen verfolgt wurde, bestand darin, eine Gruppe von Loyalisten zusammenzustellen, die mit al-Assad verhandeln und sich letztendlich dem Regime anschließen würden. Dies wird durch die folgenden Worte von General Dempsey, dem Vorsitzenden der US Joint ChiefsofStaff, beschrieben: „Ich bin der Überzeugung, dass die [Rebellen] Seite, die wir wählen, bereit sein muss, ihre Interessen und unsere zu fördern, wenn die Machtverhältnisse sich zu ihren Gunsten ändern. Zum heutigen Zeitpunkt sind sie es nicht." Gegenwärtig ist die USA mit ihrem Plan, ihre Führerschaft dem syrischen Volk aufzudrängen, gescheitert. Der Aufstand in Syrien unterscheidet sich insofern von denen in anderen Ländern des Arabischen Frühlings, als dass die Ummah beharrlich für eine wahre Veränderung kämpft, unabhängig davon, was sich in der Region insgesamt abspielt. Solange die Rebellen ihre Einheit aufrechterhalten, ist das Vorrücken nach Damaskus gewissermaßen unvermeidlich.