KOMMENTAR

- 19.08.2015

Das Todenhöfer-Syndrom

„Jürgen Todenhöfer konvertiert zum Islam!“ Diese Schlagzeile scheinen viele Muslime nur für eine Frage der Zeit zu halten, während sie für viele Vertreter der deutschen Politik und Öffentlichkeit nur dem schaurigen Abschluss einer schon länger währenden Nestbeschmutzung gleichkäme. Spätestens mit seinem Besuch des IS in Mossul und dem Video seines Interviews mit dem deutschen IS-Kämpfer Abu Qatada schaffte Todenhöfer den journalistischen Durchbruch und erlangte auch bei Politikfaulen Bekanntheit. Einen Platz im Herzen vieler Muslime sichert er sich seit Längerem mit griffigen Facebook-Formeln wie „Islam und IS sind wie Himmel und Hölle“.

Todenhöfer ist promovierter Jurist, war Abgeordneter der CDU im Bundestag, mit den Mudjahidin in Afghanistan, viele Jahre Vorstandsmitglied des Medienkonzerns Burda und schrieb inzwischen mehrere Bücher, mit denen er sich nicht nur als Gegner amerikanischer Nahost-Politik profilierte, sondern überhaupt als Gegner eines westlichen Rassismus gegen Islam und Muslime, der sich auch in einer gescheiterten deutschen Innen- und Außenpolitik manifestiere. Man kommt nur schwer umhin, den für 74 Jahre überraschend fitten und in Interviews mit angenehm ruhiger Stimme sprechenden Todenhöfer sympathisch zu finden. Seine politischen Positionen, seine Visionen für den Weltfrieden sowie seine behaupteten Kenntnisse der islamischen Theologie, Koranexegese und Geschichte werfen dagegen Fragen auf, die in diesem Artikel weniger seiner Person gelten, als vielmehr die Widersprüchlichkeiten und Heuchelei der Medien und Öffentlichkeit aufdecken sollen.

Todenhöfer setzt sich nach eigener Aussage für eine Aussöhnung zwischen Iran und den USA ein und würde selbst mit dem „Vorzimmer von Putin oder Obama flirten, um dem Frieden im Nahen Osten zu dienen.“ Deshalb forderte er Verhandlungen mit Assad, welcher – wie Todenhöfer Assads Medianberaterin Sheherazade Jaafari im Januar 2012 schrieb – der einzige Führer sei, der Syrien „eine moderne, demokratische und stabile Zukunft, ohne ausländische Dominanz“ geben könne. Der IS dagegen beschreibt er als ideologisch verseuchte Mörderbande, deren erklärtes Ziel es ist, alle Menschen, die nicht Juden, Christen oder Muslime nach IS-Verständnis sind, auszurotten. Todenhöfers Interviews mit dem IS dienen also keiner politischen Annäherung, wie sie ihm im Fall Assads zwingend erscheint. Interviews mit dem IS führt er, um dessen bösartige Ideologie der Weltöffentlichkeit vorzuführen. Mit Recht darf der syrische Flüchtling da fragen: „Welchen Unterschied macht es denn, ob wir vergast oder geköpft werden?“ Dass keine andere Terrorgruppe so erbarmungslos und brutal wie der IS gegen Muslime und Nicht-Muslime vorgeht, kann man nur konstatieren, wenn man wie Todenhöfer lange nach Ausbruch der syrischen Revolution Assad noch immer für den legitimen Präsidenten Syriens hält und dessen Shabbiha deshalb keinen Platz auf der internationalen Liste von Terrororganisationen einräumt. Es kann kein schlüssiges Argument geben, dass die IS zu Mördern, Sklaventreibern und Frauenfeinden erklärt, die politische Verhandlung mit Assad aber befiehlt, dessen Banden genauso massakrieren, Frauen vergewaltigen, ja sogar Kinder scharenweise vergasen. Sollte sich jemand tatsächlich erdreisten und zu diesem Zweck den Weltfrieden anführen, so sei ihm gesagt: Noch lange bevor der IS im Irak und Syrien wütete, gab es nicht nur einen Bashar, sondern einen ganzen Assad-Clan, der dem Weltfrieden im Nahen Osten wenn überhaupt in seinen unterirdischen Folterkellern diente. Kann man von redlichem Journalismus sprechen, wenn Assad in Interviews weiterhin als „Herr Präsident“ angesprochen wird, obwohl sein Volk ihm die politische Legitimation in öffentlichen Massendemonstrationen und damit der direktesten Form der Demokratie entzogen hat? Darf man für sich journalistischen, ja sogar persönlichen Anstand beanspruchen, wenn man die unbestreitbare Brutalität des IS der Menschheit in Interviews und Büchern vorführt, Assads anhaltendes Massenmorden aber als „dramatische Fehler“ abtut?

Im Sinne nicht nur der journalistischen Glaubwürdigkeit, sondern auch der menschlichen Integrität, gilt in dieser Frage: Wer „IS“ sagt, muss auch „Assad“ sagen, oder sogar: Erst wer „Obama“, „Netanjahu“, „Cameron“, „Hollande“ und „Assad“ gesagt hat, darf auch „IS“ sagen.

Immerhin, Kritik an Obama und Netanjahu wird von Todenhöfer geübt. Die westliche Nahost-Politik entlarvt er als Terror-Zuchtprogramm. Auch kritisiert er den anti-muslimischen Rassismus, den man als Muslim latent, inzwischen immer häufiger aber auch ganz offensiv zu spüren bekommt. Ein scheinbar unüberwindbares Manko haftet Todenhöfers Kritik jedoch an: Sie richtet sich – wie bei allen Vertretern von Aufklärung und Säkularisation – immer nur gegen einzelne Politiker, nie gegen den Kapitalismus mit seinen systemischen Fehlern als solchen. Es ist lächerlich, einem Netanjahu zuzutrauen, im Alleingang seine schändliche Gaza-Politik zu betreiben. Wie sonst kann ein einzelner Mann mit so viel Ungerechtigkeit durchgekommen, wenn nicht ein Netz aus internationaler Politik, intriganter Zusammenarbeit und brutaler Weltordnung ihn auffängt? Wer glaubt ernsthaft an einen „unstoppable“ Netanjahu, dessen Drangsalierung der Palästinenser den Amerikanern ein echter Dorn im Auge ist, den sie aufgrund Israels unangefochtener Weltmachtstellung stillschweigend hinweg zu blinzeln versuchen? Nicht nur bietet man sich gegenseitige Hilfestellung in der Ausbeutung und Unterdrückung der Völker dieser Welt, sondern man bewegt sich auch – mal mehr, mal weniger gesetzestreu – im Rahmen einer Weltordnung, die erst an zweiter Stelle den Terror der Unterdrückten, doch primär und ganz vorsätzlich den Terror der Unterdrücker züchtet. Gaza, Syrien, Srebrenica, Hiroshima und Nagasaki… alles bedauert Todenhöfer auf seiner Facebook-Seite. Gern möchte man unter jeden Post schreiben: „Lieber JT, du trauerst um die Opfer einer Weltordnung, zu deren Überleben du mit deinen humanistischen Reparaturversuchen einen Beitrag leistest!“

Todenhöfer spricht ganz offen in Kategorien, die man sich als Muslim in jeder Diskussion zunächst zu verkneifen versucht, um nicht schon vor Austausch der eigentlichen Argumente als Anhänger einer Weltverschwörungstheorie abgetan zu werden: der Islam und der Westen. Wenn der Muslim sich quasi erdreistet, einen Satz mit „der Islam“ zu beginnen, tönt es lauthals aus den Reihen der Islamversteher und -kritiker: „Aber bitte, den Islam gibt es nicht.“ Wenn man in seiner Kritik an der Nahost-Politik mit „der Westen“ ansetzt, so fängt man sich schnurstracks den Tadel ein: „Bitte beschwören Sie doch keinen Kulturkampf herauf!“ Todenhöfer hingegen spricht immer wieder von dem Islam und dem Westen, sowohl in der politischen, als auch in der kulturellen Gegenüberstellung. Da zeigt sich, dass der Allgemeinheit ein Dualismus von westlicher und islamischer Welt eine klammheimliche, nur dem Muslim auszusprechen untersagte Selbstverständlichkeit ist. Denn aus dem muslimischen Mund hat derlei Feststellung entweder den unliebsamen Beigeschmack berechtigter Kritik oder der überzeugter Ablehnung.

Wenn man Todenhöfers Facebook-Posts durchforstet, sich eines der zahlreichen Interviews mit ihm anschaut oder in seinen Büchern liest, kann man die Tränen häufig nur schwer zurückhalten. Zu oft schildert er die menschlichen Schicksale, die muslimischen Schicksale, die Schicksale muslimischer Kinder, die einem das Herz vor Trauer ganz schwer werden lassen. Todenhöfer richtet sich mit solchen Schilderungen an den Mainstream, das bezeugen sein simples Sprachniveau, seine direkte Anrede mit „liebe Freunde“ und das von ihm am Ende seiner Posts verwendete, fast schon neckische „JT“. Die Motive seiner zeit- und kostenintensiven Arbeit können zahlreich sein und müssen einander nicht ausschließen: sich als Journalist und Politiker, vor allem aber als nächster Scholl-Latour zu profilieren, ein ganz besonders perfider Geschäftssinn oder die echte Überzeugung von Werten wie Humanismus, Pazifismus und Weltfrieden. Was auch immer Todenhöfer antreibt, vor allem Muslime sollten seine Thesen nicht ungeprüft übernehmen. In seinen politischen Analysen und Ansichten spricht er manche Wahrheit aus, verfälscht bewusst oder unbewusst andere und bewegt sich doch immer auf der Ebene bloßer Symptomatik. Sein Wissen über den Islam aber ist ganz einfach erschreckend falsch. Obwohl er in Interviews immer wieder sein grobes Unwissen in den Bereichen der Koran-Exegese, der islamischen Rechtswissenschaft und vor allem der islamischen Geschichte offenbart, wird Todenhöfer nicht müde, den Muslimen „ihren Allah“ und ihren Islam zu erklären. Seine immer gleichen Behauptungen serviert Todenhöfer in mundgerechten Formeln in den sozialen Medien. Deshalb wird seine Arbeit inzwischen vor allem von Muslimen verfolgt und kommentiert, von denen viele ihm einen Platz im Himmel schon zugesichert haben. Dass trotz aller Unwissenheit und Plattheit die Reaktion der Muslime so heftig ausfällt, liegt am titelgebenden Todenhöfer-Syndrom: Jürgen Todenhöfer hat es in den letzten Monaten wie kein anderer geschafft, das muslimische Gefühl der Ungerechtigkeit, der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu verbalisieren und durch seine Aussagen und Thesen zumindest oberflächlich zu lindern. Das Todenhöfer-Syndrom hat also nicht den Namensgeber, sondern vielmehr die Muslime befallen. In ihrer Ohnmacht gegenüber der himmelschreienden Ungerechtigkeit, die ihnen und ihren Geschwistern, regional und global, jeden Tag widerfährt, werfen sie sich jedem um den Hals, der ihren geschundenen Seelen auch nur durch ein gutes Wort Linderung verschafft. Diese verständliche Reaktion ist jedoch sehr gefährlich, weil sie unter vielen Missständen auch den folgenden fortsetzt: den Verbleib der Deutungshoheit über den Islam bei Nicht-Muslimen. Solange wir uns Todenhöfers um den Hals werfen, werden wir keine Notwendigkeit von Vertretern aus unserer Community verspüren und deshalb keine hervorbringen, die den Islam verbal gekonnt und inhaltlich korrekt verteidigen. Todenhöfers Islam-Verständnis ist krude und das sollte schon reichen, um ihn als Sprecher für Islam und Muslime zu disqualifizieren. Vor allem aber – und das scheinen viele im Eifer des Gefechts schon vergessen zu haben – ist er Kafir! Es kann doch nicht sein, dass ein Nicht-Muslim uns und der Welt den Islam erklärt und ihn im Alleingang gegen die niederträchtigen intellektuellen und materiellen Angriffe der westlichen Politik verteidigt. Über so wenig Eifersucht der Muslime für ihren eigenen Din kann man nur staunen, vor so viel Unbedachtheit und Fremdbestimmung muss man warnen! Die Deutungshoheit über den Islam und die Verteidigung seiner Werte gehören in die Hände würdiger muslimischer Vertreter, die dem Islam angehören, ihn, seine Kultur und seine Geschichte kennen sowie ihre Motivation allein aus dem Streben nach Allahs (swt) Wohlgefallen schöpfen.

Als Muslim wünscht man Todenhöfer von Herzen den Übertritt zur einzig legitimen Lebensordnung bei Allah (swt). Ob seine Konversion einer echten Wiederbelebung des Islam zugute käme oder dafür notwendig ist oder es überhaupt irgendeinen triftigen Grund für derlei Annahme gibt, bleibt eine ganz andere Frage.

(Umm Al-‘Aynayn)