ANALYSE

- 18.08.2014

Tadarruj: Die stufenweise Abweichung vom graden Weg – Teil 1

Betrachtet man sich das Bild der Muslime im Jahr 2013, so sind weitreichendes Chaos, nicht einkehrender Frieden und riesige Aufruhen in fast allen islamischen Gebieten zu verzeichnen. In Syrien hält der Bürgerkrieg seit 2011 mit größter Brutalität an und forderte schon weitaus mehr Tote, als offizielle Zahlen offenlegen. Schreckliche Foltervideos und unzählige Bilder tausender toter Frauen und Kinder lassen das Blut in den Adern der Muslime weltweit kochen.

Wendet man den Blick ab von Syrien nach Ägypten, so präsentiert sich dort politisches Chaos. Das ägyptische Volk warf im Januar 2011 seinem Präsidenten Hosni Mubarak Amtsmissbrauch vor und erzielte schon im Februar dessen Rücktritt. Ein Erfolgserlebnis, ein klarer Sieg, möchte man meinen – doch fand dieser ein abruptes Ende. Die jahrelang von der Mubarak-Regierung kontrollierte und drangsalierte Muslimbrüderschaft sah nun erstmals ihre Möglichkeit, den ägyptischen Präsidenten selbst zu stellen. Mursi versprach, den Islam in die Regierung einzubringen. Schritt für Schritt sollte er, nach Meinung der Muslimbrüderschaft, die Shari'a statt des westlichen Regierungssystems in Ägypten einführen.

Vergegenwärtigt man sich die Lage der Türkei, so stellt man schnell fest, dass auch Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Fahnen in Richtung Islam wehen lässt. Schließlich dürfen nun endlich auch islamisch bedeckte Frauen an den Universitäten studieren oder sogar im Parlament sitzen. Nationalfeiertage, die zu Ehren Atatürks veranlasst wurden, werden ausgesondert und seit Neuestem sind Ansätze der schrittweisen Einführung eines Alkoholverbotes zu erkennen.

Vermeintlich große Schritte in Richtung Islam, Kalifat und Shari'a. Denn einem großen Teil der Muslime ist offensichtlich klar, dass das Kalifat die einzig praktische Lösung darstellt, diese Unruhen und das Elend zu beenden, von der islamischen Pflicht zur Gründung des Kalifats ganz zu schweigen. Bei der Umsetzung dieser Lösung bzw. auf dem Weg zur Gründung des islamischen Staates klaffen nun die Meinungen über die korrekte Vorgehensweise weit auseinander.

Viele Verfechter Mursis und Erdogans sind fest davon überzeugt, dass diese das Kalifat durch eine stufenweise Implementierung der islamischen Gesetze in Ägypten oder der Türkei zu errichten suchen. „Wie soll man heute auch anders vorgehen, da die Muslime sich so weit vom islamischen Leben entfernt haben und der Westen dem islamischen Projekt in bitterer Feindschaft gegenübersteht?" Dass weder Mursi noch Erdogan die Errichtung des Kalifats – weder stufenweise noch auf einen Schlag – anstreben, sondern im politischen Programm Erdogans bisher nur die „islamisch angehauchte" Demokratie stand und im Falle Mursis jedwede Forderung nach dem Islam der Forderung nach dem säkularen Zivilstaat gewichen ist, scheint vielen Muslimen im Eifer des Gefechts leider entgangen zu sein.

Dabei scheint die Frage, ob es sich bei der stufenweisen Einführung des Islam, durch die graduelle Implementierung einzelner Gesetze, überhaupt um die islamrechtlich vorgegebene Methode handelt, vollkommen unterzugehen! Noch bevor überhaupt eine Untersuchung der korrekten, islamrechtlich vorgeschriebenen Methode aus den islamischen Quellen angestellt wurde, sind die Muslime schon mit Lösungen zur Klärung der Schicksalsfrage der Ummah zur Hand! Die graduelle Einführung des Islam wird als ultimative, weil einzig vorstellbare Lösung präsentiert. Ungeklärt bleibt allerdings, ob diese Methode sich im Rahmen der islamischen Gesetzgebung befindet oder in sich nicht schon in absoluter Diskrepanz zum Islam steht. Halten die Verfechter der graduellen Methode die ultimative Lösung in Händen oder sind sie auf dem Meer der falschen Verständnisse schon zu weit hinausgerudert?

Das Phänomen der schrittweisen Einführung der islamischen Gesetzgebung, der Shari'a, bezeichnet man als Tadarruj oder Marhaliyyah. Diese Methode sieht vor, islamische Gesetze schrittweise zu implementieren und steht im Kontrast zum „radikalen" Vorgehen, bei dem der Islam vollständig, in seiner Gesamtheit implementiert wird. Der Tadarruj legitimiert also in einem ersten Schritt zumindest die vorübergehende Existenz unislamischer, menschengemachter Gesetze. Sodann soll nach der Vorstellung der Verfechter dieser Methode das unislamische Gesetz schrittweise dem Hukm Shar'i angenähert werden, solange, bis aus dem säkularen Gesetz das Gesetz Allahs hervorgehe. Diese Vorstellung nimmt praktische Form an, wenn die Muslime sodann aufgerufen werden, sich an den politischen Systemen und Regierungen ihres jeweiligen Landes zu beteiligen, so beispielsweise zu wählen oder sich selbst ins Parlament wählen zu lassen, um langfristig die Herrschaft zu übernehmen. Das bedeutet folglich, dass man bei der Anwendung der Methode des Tadarruj nicht um die Kufr-Regierung herumkommt, im Gegenteil, man verschmilzt mit ihr.

Es ist relativ einfach zu erklären, wie einige Muslime auf den Pfad dieser Verwirrung gelangen konnten. Seit die Ummah auf ihrem niedrigen intellektuellen, politischen und materiellen Niveau angelangt ist, passt sie sich und ihren Islam den vorgefundenen Gegebenheiten an. Da der Westen als Leitkultur die Zügel der Muslime politisch wie intellektuell in Händen hält, war es für ihn ein durchweg leichtes Spiel, sein nicht nur unislamisches, sondern auch kulturell und historisch spezifisch westliches Gedankengut als universell zu verkaufen. Dem Westen gelang es, den Muslimen die eigenen Werte und Maßstäbe aufzuzwingen. Er kleidete seine Ideologie in augenscheinlich islamische Gewänder und brachte sie so nicht nur in „Harmonie" mit dem Islam. Es gelang ihm sogar, die Muslime glauben zu lassen, es handle sich um originär islamische Verständnisse. Vielmehr noch, man brachte die Muslime sogar dazu, dies allerorts und zu jederzeit lauthals zu propagieren!

Nicht anders steht es um das Konzept des Tadarruj. Im besten Fall wird es von jenen Muslimen verteidigt, die zwar eine aufrichtige Absicht zur Etablierung des Kalifats haben, sich jedoch der islamrechtlich hierfür vorgeschriebenen Methode nicht bewusst sind. Man möchte ihre Unwissenheit fast schon entschuldigen, ist es doch tatsächlich so, dass viele Gelehrte der Gegenwart zwar eingängige Vorträge über die Methode zur Verrichtung des Gebets, des Fastens im Ramadan, des Zustandebringen eines Ehevertrages usw. halten und verbreiten, die Methode zur Lösung der Schicksalsfrage der Ummah jedoch geflissentlich totschweigen. Im schlimmsten Fall wird der Tadarruj von Muslimen verteidigt, die sich zwar bewusst sind, dass das Hervorbringen der Shari'a aus säkularem Recht praktisch unmöglich und islamrechtlich verboten ist, somit den Status quo nur zu verlängern suchen und dabei noch die so wertvolle Energie des einfachen Muslims absichtlich verschwenden, sodass er sie bloß nicht auf dem rechten Weg einsetzen möge.

Bewegungen, die den Tadarruj anpreisen und als islamische Methode proklamieren, stützen sich auf folgende Qur'an-Verse: ...

Teil 2 folgt...