ANALYSE

- 24.08.2014

Tadarruj: Die stufenweise Abweichung vom graden Weg – Teil 2

Bewegungen, die den Tadarruj anpreisen und als islamische Methode proklamieren, stützen sich auf folgende Qur’an-Verse:

 ((وَقُرْ‌آنًا فَرَ‌قْنَاهُ لِتَقْرَ‌أَهُ عَلَى النَّاسِ عَلَىٰ مُكْثٍ وَنَزَّلْنَاهُ تَنزِيلًا))

„Und Wir haben den Qur`an in Abschnitten offenbart, damit du ihn den Menschen in Ruhe vorlesen mögest; und Wir sandten ihn nach und nach hinab.“ [Al-Isra‘: 106]

((وَقَالَ الَّذِينَ كَفَرُ‌وا لَوْلَا نُزِّلَ عَلَيْهِ الْقُرْ‌آنُ جُمْلَةً وَاحِدَةً ۚ كَذَٰلِكَ لِنُثَبِّتَ بِهِ فُؤَادَكَ ۖ وَرَ‌تَّلْنَاهُ تَرْ‌تِيلًا))

„Und diejenigen, die ungläubig sind, sagen: ‚Wäre doch der Koran auf ihn als Ganzes herab gesandt worden!‘ So (geschieht es aber), damit Wir dein Herz mit ihm festigen. Und Wir haben ihn Abschnitt für Abschnitt vorgetragen.“ [Al-Furqan: 32]

Daneben wird folgende Aussage der Mutter der Gläubigen Aisha (ra) angeführt:

 »عن أم المؤمنين عائشة ,رضي الله عنها :إنما نزل أوَّل ما نزل منه - أي القرآن - سورة من المفصل فيها ذكر الجنة والنار ، حتى إذا ثاب الناس إلى الإسلام نزل الحلال والحرام ، ولو نزل أول شيء لا تشربوا الخمر لقالوا : لا ندع الخمر أبدًا ، ولو نزل لا تزنوا لقالوا : لا ندع الزنا أبدًا»

„Das Erste, was von ihm – dem Qur’an – offenbart wurde, war eine Sure aus dem letzten Siebtel, in der an das Paradies und das Feuer erinnert wird. Als die Menschen den Islam annahmen, wurden die erlaubten und verbotenen Dinge offenbart. Wäre zuerst offenbart worden: ‚Trinkt keinen Alkohol‘, so hätten sie gesagt: ‚Niemals werden wir vom Alkohol ablassen.‘ Und wäre offenbart worden: ‚Begeht keine Unzucht‘, so hätten sie gesagt: ‚Niemals werden wir von der Unzucht ablassen!‘“ (Sahih Bukhari)

Es bedarf keines tiefgründigen Studiums, um zu erkennen, dass diese Verse und diese Überlieferung keine islamrechtlichen Belege zur Begründung des Tadarruj als Methode zur Umsetzung der Sharia darstellen. Vielmehr handelt es sich um beschreibende und nicht etwa um juristische Belege (!), die die Weisheit hinter der abschnittsweisen Offenbarung des Buches und hinter der Festigung des Iman vor der Einführung der Ge- und Verbote offenlegen. Zumal eine Aussage unserer verehrten Mutter Aisha (ra) nicht den Status einer Aussage des Gesandten (saw) im Sinne eines verbindlichen Rechtsbeleges einnehmen kann. Ausschließlich die Aussagen, Taten oder das stillschweigende Dulden des Propheten (saw) im Sinne der Sunna Qawliyya, Fi’liyya und Taqririyya (respektive) sind islamrechtliche Belege.

Von anderen wird wiederum das Waffenstillstandsabkommen von Hudaibiyah, das der Gesandte (saw) in seiner Eigenschaft als Führer des islamischen Staates von Medina im Jahr 6 nach der Hidjra mit den Mekkanern abschloss, zum Versuch der Legitimierung der Kompromissbereitschaft im Sinne des Tadarruj herangezogen. So wird die politische Weitsicht des Gesandten (saw), die zudem noch von Allah (swt) angeordnet war, schamlos als Kompromittieren des Islam gegenüber den Kuffar ausgelegt. Als Aufhänger hierfür wird jene Abkommensklausel herangezogen, durch die der Gesandte (saw) zustimmte, dass zwar jeder Muslim Medina Richtung Mekka verlassen dürfe, um zu seinem Stamm zurückzukehren. Dass es jedoch andersherum den in Mekka verbliebenen Muslimen ohne Zustimmung ihrer Stammesleute nicht erlaubt sei, Richtung Medina auszureisen. Die politische Weitsicht des Gesandten (saw), die ihm von Allah (swt) eingegeben und zu der er von Ihm verpflichtet worden war, bildete den Grundstein der immensen Stärkung der Muslime und ihres Staates und wurde dennoch selbst von einigen Sahaba nicht auf Anhieb verstanden. Und so regte sich Unbehagen gegen das als ungerecht empfundene Abkommen, bis der Gesandte (saw) den göttlichen Ursprung seiner Entscheidung und den versteckten Sieg der Muslime hinter dem Abkommen offenlegte. So berichtet Umar (ra), dass er sich mit folgenden Worten an den Propheten (saw) wandte:

«ألست نبي الله حقا؟ قال: بلى . قلت: ألسنا على الحق وعدونا على الباطل؟ قال: بلى. قلت: فلم نعطي الدنية في ديننا؟ قال: إني رسول الله ولست أعصيه، وهو ناصري

„‘Bist du nicht wahrlich der Prophet Allahs?‘ Er (saw) sagte: ‚Doch.‘ Ich sagte: ‚Sind nicht wir im Recht und unser Feind im Unrecht?‘ Er sagte: ‚Doch.‘ Ich sagte: ‚Warum lassen wir dann unseren Din erniedrigen?‘ Er sagte: ‚Ich bin der Gesandte Allahs und werde Ihm nicht ungehorsam sein, und Er ist es, der mir zum Sieg verhilft.“ (Sahih Bukhari)

Und so offenbarte Allahs (swt) zum Anlass dieses Abkommens:

((إِنَّا فَتَحْنَا لَكَ فَتْحًا مُّبِينًا))

„Wahrlich, Wir haben dir einen offenkundigen Sieg beschieden“ [Al-Fath: 1]

Der Gesandte Allahs (saw) kompromittierte durch keine der Klauseln des Abkommens von Hudaibiyah die Gesetze des Islam, vielmehr führte er sie vorgabengetreu durch ebendiese Klauseln aus! Denn Allah, der Erhabene, ermöglichte den Muslimen so nur zwei Jahre später die Einnahme Mekkas ohne Blutvergießen. Möge Allah jenen verzeihen, die dem Gesandten (saw) den Ungehorsam gegenüber seinem Herrn und das Kompromittieren der islamischen Gesetzgebung unterstellen, um ihren Einzug in die Parlamente oder ihre Teilnahme an demokratischen Wahlen im Zuge des Tadarruj zu legitimieren.

Schließlich wird die Geschichte des Propheten Yusuf (as) als vermeintliche Rechtfertigung des Tadarruj missbraucht. Die Verfechter der graduellen Methode führen an, Yusuf (as) sei doch unter dem König in dessen Regierung eingetreten und habe somit ebenfalls an einer menschengemachten Gesetzgebung teilgehabt. Man richte sich also bei der Teilnahme am demokratischen Wahnsinn nur nach dem Vorbild eines Propheten Allahs.

Zunächst einmal ist es bekannt, dass Allah (swt) allen Propheten und Völkern unterschiedliche Gesetzgebungen offenbarte. So sagt Allah (swt) im Qur‘an: …

(letzter) Teil 3 folgt…