ANALYSE

- 30.08.2014

Tadarruj: Die stufenweise Abweichung vom graden Weg – Teil 3 (letzter Teil)

Zunächst einmal ist es bekannt, dass Allah (swt) allen Propheten und Völkern unterschiedliche Gesetzgebungen offenbarte. So sagt Allah (swt) im Qur'an:

((لِكُلٍّ جَعَلْنَا مِنكُمْ شِرْ‌عَةً وَمِنْهَاجًا))

"Für jeden von euch haben Wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt." [Al-Ma'ida: 48]

Dieser Vers stellt eindeutig klar, dass Allah (swt) unterschiedliche Gesetzgebungen an unterschiedliche Völker offenbarte. Deshalb ist der vermeintliche Rechtsbeleg der "vorangegangenen Gesetzgebungen" (Shar'a man qablana) unter Usul-Gelehrten hochgradig umstritten und wird mit der stärkeren Meinung abgelehnt, da sich nur die Aqa'id (Überzeugungsinhalte) von einer prophetischen Botschaft zur nächsten fortsetzten, während die Shari'a Muhammads (saw) alle vorangegangenen Shara'i aufhebt. Zumal selbst von den Befürwortern dieses Rechtsbeleges unter den Usul-Gelehrten gefordert wird, dass das Gesetz eines vorangegangenen Propheten der Shar'ia Muhammads nicht widersprechen darf. Und so spricht Allah im Qur'an:

((إِنِ الْحُكْمُ إِلَّا لِلَّـهِ))

"Das Urteil gehört allein Allah." [Al-An'am: 57]

Angenommen die unvorstellbare Tatsache, ein Gesandter oder Prophet hätte menschengemachte Gesetze legitimiert, so wäre spätestens durch die Shar'ia des letzten Gesandten (saw), durch obigen und unzählige ähnliche Qur'anverse, eine solche Vorgehensweise aufgehoben. Jedoch handelt es sich bei einer solchen Aussage um eine dreiste Lüge gegen unsere ehrenwerten Propheten (as), von denen keiner das menschliche Recht zur Gesetzgebung predigte. Denn insbesondere Yusuf (as), dem von den Vertretern des Tadarruj eine solch abscheuliche Haltung unterstellt wird, sagte zu seinen Kerkergenossen:

((مَا تَعْبُدُونَ مِن دُونِهِ إِلَّا أَسْمَاءً سَمَّيْتُمُوهَا أَنتُمْ وَآبَاؤُكُم مَّا أَنزَلَ اللَّـهُ بِهَا مِن سُلْطَانٍ ۚ إِنِ الْحُكْمُ إِلَّا لِلَّـهِ))

"Statt Ihm verehrt ihr nichts anderes als Namen, die ihr selbst genannt habt, ihr und eure Väter; Allah hat dazu keine Ermächtigung herabgesandt. Die Herrschaft liegt einzig bei Allah." [Yusuf: 40]

Diejenigen, die Yusuf (as) der Rechtfertigung menschlicher Gesetzgebung beschuldigen, haben wahrlich Krankheit im Herzen. Denn obwohl der Qur'an keine expliziten Beweise zur Unterstützung ihrer Behauptung liefert, ignorieren sie das eindeutige Bekenntnis Yusufs zur göttlichen Gesetzgebung und Herrschaft!

An keiner Stelle im Qur'an oder in der Sunna wird die Methode des Tadarruj gutgeheißen, geschweige denn legitimiert. Selbst wenn eine islamische Pflicht wie das Kalifat das Ziel oder die Absicht hinter der graduellen Vorgehensweise darstellt, so ist doch der Tadarruj absolut als Methode des Propheten Muhammed (saw) widerlegt. Rasulullah (saw) hat, trotz aller Hindernisse auf dem Weg zur Gründung des islamischen Staates, selbst in den Momenten der Ausweglosigkeit, seine Methode um keine Haaresbreite verändert oder angepasst. Er blieb dem ihm von Allah vorgezeichneten Weg treu und bewies Standhaftigkeit, sogar zu jenen Zeiten, als ihm Erleichterung angeboten wurde. So versuchten die Mekkaner ihn (saw) durch Reichtum, Macht und Frauen zu korrumpieren. Doch Rasulullah (saw) ließ sich nicht umstimmen und ging zielstrebig seiner Methode nach. Und so lautete seine berühmte Antwort auf das Angebot, ihn zum Herrscher der Quraish zu machen, sollte er seine "aufrührerische" Botschaft niederlegen:

((والله لو وضعوا الشمس في يميني والقمر في يساري ما تركت هذا الأمر حتى يظهره الله أو أهلك دونه))

"Bei Allah! Wenn sie die Sonne in meine Rechte und den Mond in meine Linke legen würden, so würde ich nicht von dieser Angelegenheit ablassen, bis Allah seine Sache deutlich gemacht hat oder ich bei meinem Versuch sterbe." (Ibn Hisham)

Den Muslimen erscheint der gegenwärtige Druck dermaßen groß, dass sie unter zwei Übeln das geringere als annehmbar empfinden und dabei vergessen, dass gut und schlecht, richtig und falsch von Allah (swt) durch seine Gesetze festgelegt wurden. Der Tadarruj legitimiert nicht nur die zumindest zeitweise Existenz menschengemachter Gesetzgebung, sondern hat auch den gefährlichen Nebeneffekt, dass die Muslime auf dem ausweglosen Weg der schrittweisen Annäherung unislamischer an islamische Gesetze ihre Motivation und schließlich sogar das Vertrauen in den Islam als Herrschaftssystem verlieren! Allah der Erhabene hat Naturgesetze in dieser Welt verankert und darüber hinaus das Verhalten seiner menschlichen Geschöpfe durch islamrechtliche Gesetze geregelt. Beide Gesetzesformen lassen in dieser Angelegenheit der Umsetzung des Islam nur einen Schluss zu: Das säkular-demokratische System muss an der Wurzel ausgerissen und der Islam an seiner Stelle eingepflanzt werden! Denn wie sollen Gesetze, die auf Basis des Kufur stehen, jemals dem Islam angenähert werden? Und warum sollte Allah uns den Sieg gewähren, wenn wir uns nicht seiner vorgegebenen Tariqa (Methode) bedienen?

(Umm Musa)