INTERVIEW

- 27.11.2015

Interview mit einem Sprecher des Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum bezüglich der Angriffe in Paris

Kalifat.com: As-salamu aleykum wa rahmatullahi wa barakatuh. Herzlich willkommen Bruder. Es freut mich dich erneut bei uns begrüßen zu dürfen.

Mediensprecher: Waaleykum as-salam wa rahmatullahi wa barakatuh. Die Freude ist ganz meinerseits.

Kalifat.com: Bevor wir mit unserem heutigen Gespräch beginnen, möchte ich die Leser auf unser Interview aufmerksam machen, das am 05.02.2015 auf Kalifat.com >>Link hier<< veröffentlicht wurde. Aufgrund gewisser Ähnlichkeiten mit der momentanen Situation empfehle ich unseren Lesern, sich das vergangene Interview erneut durchzulesen, da dort bereits relevante Fragen beantwortet wurden, auf die heute nicht näher eingegangen wird. So, kommen wir nun zur ersten Frage. Die letzten Tage waren sehr ereignisreich. Insbesondere die Angriffe in Paris mit über hundert Toten sind in aller Munde. Wie schätzt du die allgemeine Lage ein, Bruder?

Mediensprecher: Die Lage ist schon sehr brisant. Die letzten Tage haben gezeigt, dass in Europa keine sachliche Debatte mehr stattfindet, sondern die Emotionen das Ruder übernommen haben. Dies gilt für beide Seiten. Wir sehen wie Muslime unreflektiert dazu übergehen sich zu entschuldigen, zu distanzieren, sich zu rechtfertigen und den sogenannten radikalen Kräften den Kampf anzusagen. Auf der anderen Seite sehen wir Übergriffe und Anfeindungen gegenüber allem, was islamisch aussieht. Wir sehen Politiker und Regierungen, die von Krieg sprechen, sogar den Bündnisfall diskutieren und dabei Bögen zu den Themen Integration, Flüchtlinge und dem Islam in Europa schlagen. Wir sehen den Mob auf den Straßen, der wie selbstverständlich Rache fordert und den französischen Bomberstaffeln zujubelt. Die Lage spitzt sich also immer weiter zu.

Kalifat.com: Wie sollten wir angesichts dieser extremen Situation am besten reagieren?

Mediensprecher: Grundsätzlich gilt erst einmal, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen und auf gar keinen Fall aus der Hüfte zu schießen. Insbesondere der muslimischen Community möchten wir hier ans Herz legen, nicht in blinden Aktionismus zu verfallen und unseren Feinden dadurch in die Hände zu spielen. Bevor zu Trauerfeiern aufgerufen wird, Rosenkränze niedergelegt und Kondolenzschreiben verfasst werden, sollten sich die Muslime über die Natur und die Dimension dieses Konflikts bewusst werden. Deshalb fordern wir die Muslime dazu auf, das Ereignis als Chance zu begreifen, sich neu zu positionieren und eine vernünftige und fundierte Agenda zu entwickeln.

Kalifat.com: Was meinst du damit genau? Kannst du das bitte erläutern?

Mediensprecher: In der Vergangenheit lag der Fokus der hiesigen Community auf lokalen Ereignissen und Umständen, die das Leben der Muslime in Europa prägten. Konflikte zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft wurden stets als Randerscheinung und völlig isoliert betrachtet. Diese Interpretation - an der einige Verbände leider noch krampfhaft festhalten - wurde längst von der Realität eingeholt. Langsam aber sicher kann niemand mehr behaupten, es gäbe keine globalen Zusammenhänge. Der Nahostkonflikt, die Revolution in Syrien und auch die militärische Intervention des Westens führen zu Verwerfungen in den islamischen Gemeinden Europas und prägen die Sichtweise der jungen Generation. Doch diese Tatsache wird von einigen leider immer noch als unsinniges Geschwätz abgetan. Sie ignorieren die verkündeten Motive derjenigen, die sich für den militanten Weg entschieden haben und flüchten in realitätsfremde Erklärungsmodelle, anstatt das Kind beim Namen zu nennen. So heißt es immer wieder, es handle sich um gescheiterte Persönlichkeiten, die sich aufgrund psychologischer Labilität, sozialen Missverhältnissen und einem unstillbarem Bedürfnis nach Anerkennung radikalisiert hätten. Am Ende all dieser Erklärungen wird das Ganze als individuelles Problem ausgemacht und offensichtliche Zusammenhänge marginalisiert. Tatsächlich jedoch hat eine globale, ideologische Auseinandersetzung die gesamte Generation junger Muslime erfasst. Und damit meine ich natürlich nicht, dass jetzt jeder zur Waffe greift, aber die große Mehrheit der Muslime sieht die Angriffe in Paris und ähnliche Ereignisse im internationalen Kontext. Wer sich davon ein Bild machen will, muss nur einmal die Debatten in Gebetshäusern und in den sozialen Netzwerken verfolgen. Er wird sehen, dass sich junge Muslime gegen die einseitigen Stellungnahmen der Gemeinden und Verbände auflehnen und lautstark fordern, die unterwürfige Haltung gegenüber der westlichen Politik endlich aufzugeben.

Kalifat.com: Und warum ist das eine Chance? Und wie könnte die von dir erwähnte Agenda aussehen?

Mediensprecher: Wir haben nun die große Chance gemeinsam die tatsächlichen Ursachen für solche Ereignisse zu erkennen. Sowohl die Angriffe auf Charlie Hebdo im Januar, als auch die neuerlichen Angriffe sind nur Symptome einer viel größeren und umfassenderen Problematik. Wir müssen uns endlich die Frage stellen, wie das Phänomen der Freischärlerei und der verschiedenen Kampfgruppen zu erklären ist. Ist es denn nicht an der Zeit zuzugeben, dass sich Muslime dazu verpflichtet fühlen drastische Mittel zu ergreifen, weil die Umma den Machenschaften der Großmächte schutzlos ausgeliefert ist? Jeden Tag sehen unsere Jugendlichen die Bilder der Weisen, der Witwen, von zerstückelten Kindern, verbrannten Städten, besetzten Ländern und all das ohne, dass sich dafür jemand verantwortlich fühlt. Wir sehen Staaten wie Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei, die mit ihrem Militärbudget protzen und vorgeben im Interesse der Muslime zu handeln, dann aber zuschauen, wie an ihren Grenzen Geschwister ermordet werden. Die Muslime sehen die modernen Kampfjets dieser Staaten, wie sie über den Palast Assads vorbeifliegen und ihre tödliche Bombenlast im Auftrag ihrer Herren aus London und Washington stattdessen auf die Kampfgruppen und den dort lebenden Zivilisten abwerfen. Dann sehen sie iranische Generäle, die von der Befreiung Jerusalems maulen, stattdessen aber gegen die Umma - welche die Flagge des Propheten (saw) hochhält - in die Schlacht ziehen. Sie sehen ihre Geschwister in Syrien, dem Irak und Afghanistan, für die der Tod täglich in Form amerikanischer, britischer und russischer Bomber am Himmel lauert. Sie sehen diesen brutalen Vernichtungskrieg, geführt von westlichen Gesellschaften, in denen sie selbst leben. Es sind jene Gesellschaften, die unverhohlen ihre Hasstiraden gegenüber dem Propheten (saw) und den Qur’an hinausschreien. Und dann gibt es immer noch Leute, die die Nerven haben zu fragen, welcher Teufel unsere Jugendlichen geritten hat, als sie ihre „barbarischen und perfiden Aktionen in Paris“ durchgeführt haben, wie es kürzlich ein sogenannter Vertreter der Muslime formulierte. Wir hingegen rufen die islamische Gemeinschaft dazu auf, endlich eine schonungslose Bestandsaufnahme über den Zustand der Umma vorzunehmen. Die grundlegende Erkenntnis, dass es niemanden gibt, der die vitalen Interessen der Umma schützt, muss sich endlich durchsetzen und zur Triebfeder unserer Bemühungen werden. Anstatt sich voneinander zu distanzieren und unsere Jugendlichen als gewalttätige Versager darzustellen, sollten sich die Verbände fragen, wer hier wirklich versagt hat. Wenn sie sich ernsthaft als Vertreter der Muslime betrachten, dann müssen sie sich nach Kräften für die Einheit der Umma einsetzen. Gerade in der jetzigen Situation wird diese Einsicht immer stärker und wir rufen die Muslime im Westen dazu auf, gemeinsam zu stehen, auf Basis von Qur’an und Sunna ihre Interessen zu formulieren und selbstbewusst für diese einzutreten. Dies ist die von mir erwähnte Agenda, die es jetzt umzusetzen gilt.

Kalifat.com: Klingt wie eine Drohung. Heißt das, dass wir hier in Europa eine verschärfte Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft suchen sollten? Es heißt in letzter Zeit immer öfter, wir würden durch solche Ausführungen Angriffe wie die in Paris relativieren und dem IS dadurch Schützenhilfe leisten.

Mediensprecher: Damit eins klar ist, es gibt viele Gründe und Motive für Anschläge im Westen. Aber dies bedeutet nicht automatisch, dass sich daraus ein Recht ergibt, diese auch tatsächlich ausführen zu dürfen. Hizb-ut-Tahrir hat bezüglich des Tötens von unbeteiligten Zivilisten eine ganz klare Meinung. Es kann nicht sein, dass uns unsere ehrliche und schonungslose Aufarbeitung der Ereignisse als Unterstützung angelastet wird. Die eigentliche Bedrohung kommt doch von jenen, die die tatsächlichen Zusammenhänge ignorieren und uns verbieten wollen über diese zu sprechen! Durch eine Vertuschung von Ursachen werden soziopolitische Probleme nicht gelöst, sondern nur weiter verschärft. Die Verbände meinen durch Trauer und Kondolenzschreiben Spannungen abzubauen, dabei verstärken sie sie zusätzlich. Denn durch die Verdrängung der wahren Gründe, wird die Wut unter den muslimischen Jugendlichen nur größer. Auch die Gewaltbereitschaft der Mehrheitsgesellschaft wächst, wenn keine Ratio hinter den Anschlägen erkannt werden kann. Denn den Menschen in Europa wird suggeriert, dass die Muslime sie ohne Grund hassen, sie ohne Grund attackieren, sie ohne Grund töten wollen. Was wird in dieser Situation wohl eher helfen? Kerzen anzuzünden oder über Zusammenhänge und Ursachen zu sprechen? Durch unsere Aufklärung suchen wir also keine verschärfte Auseinandersetzung mit der Mehrheitsgesellschaft. Es geht uns viel mehr darum, den europäischen Bürgern – die ja nun auch einen Blutzoll zahlen mussten – die Kausalität des Konflikts vor Augen zu führen. Erst wenn die Menschen in Europa begreifen, welches Leid die Außenpolitik ihrer Staaten der ganzen Welt und nun auch der eigenen Nation zugefügt hat, werden sie gegen die Kolonialpolitik opponieren. Für uns ist die Wahrheit das einzige Rezept! Sie ist der Schlüssel, der den Perspektivwechsel zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft eröffnet. Gibt es einen anderen Weg als den ehrlichen Umgang miteinander, um ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten?

Kalifat.com: Da kann man nur hoffen, dass diese Botschaft Gehör findet. Möchtest du dem noch etwas hinzufügen?

Mediensprecher: Ich möchte zuerst an die deutsche Nation appellieren, sich nicht von Frankreich und anderen Groß- und Regionalmächten vereinnahmen zu lassen. Der momentan diskutierte Bundeswehreinsatz in Syrien ist ein fataler Fehler. Auch Aufklärungstornados bedeuten eine direkte Beteiligung und werden von der islamischen Umma so verstanden! Wir raten Deutschland, seine islamfeindliche Haltung aufzugeben und seinen eigenen Weg im Umgang sowohl mit den hier ansässigen Muslimen, als auch mit der islamischen Welt zu gehen. Selbst wenn es zu einer ähnlichen Eskalation wie in Frankreich auf deutschem Boden kommen sollte, darf sich die Bundesrepublik nicht verführen lassen, selbst zu einem Vorkämpfer im Krieg gegen den Islam zu werden. Wir wissen sehr wohl, dass sich Deutschland bereits nach dem 11.September in den sogenannten Krieg gegen den Terror hineinziehen lassen hat. Weder dieser Krieg noch die gesetzliche Diskriminierung der hier lebenden Muslimen haben sich für die deutsche Nation ausgezahlt. Anstatt ihre Reputation in der islamischen Welt für die Interessen der Amerikaner, Franzosen und Engländer vollends zu verspielen, sollte die BRD im langfristigen Interesse des eigenen Volkes handeln und einen fried- und respektvollen Umgang mit der islamischen Welt einleiten. Die islamische Welt wird früher oder später wieder zu alter Stärke zurückfinden und damit die Karten der Weltpolitik neu mischen. Deutschland sollte sich bereits jetzt strategisch geschickt positionieren.Meine abschließende Botschaft richtet sich an die islamische Gemeinschaft in Europa: Wir müssen verstehen, dasses keine unüberwindbaren Risse zwischen den Verbänden, den sogenannten Radikalen, den Militanten und uns gibt. Wir sind trotz aller Differenzen Teil derselben Umma, ob es uns nun passt oder nicht! Hizb-ut-Tahrir ruft alle Aufrichtigen und Gottesfürchtigen unter euch zur Einheit auf! Zur Einheit auf der Basis von Qur’an und Sunna, gemäß der Methode des Propheten (saw). Niemals dürfen wir uns einschüchtern oder dazu hinreißen lassen, verdorbene und faule Kompromisse einzugehen. Nur gemeinsam werden wir in der Lage sein, uns für die Interessen der Umma in Europa und auf der ganzen Welt effektiv einzusetzen. Allah (swt) sagt in Sura al-Mu’minun, Vers 52 in ungefährer Bedeutung:

„Und diese eure Gemeinschaft ist eine einheitliche Gemeinschaft und Ich bin euer Herr. So fürchtet Mich.“.

Auch sagt Er (swt) in Sura al-`Imran, Vers 110 in ungefährer Bedeutung:

„Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen entstand. Ihr gebietet das, was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrecht, und ihr glaubt an Allah.“.

Möge Allah (swt) die Umma hinter einem aufrichtigen und wahrhaftigen Imam vereinen, auf dass das Blut der Muslime geschützt ist und jedweder Aggression unserer Feinde islamrechtlich korrekt entgegengetreten werden kann.

Kalifat.com: Amin. Vielen Dank Bruder wa jazak Allahu khairan.

Mediensprecher: Wa iyyaak.