POLITISCHE F&As

- 21.07.2016

Antwort auf eine Frage Die Umrisse des gescheiterten Militärputschs in der Türkei

Frage:

Obwohl nur ein Tag oder weniger vergangen sind, hoffe ich doch auf eine Klärung – und sei es nur in groben Zügen – über den Putschversuch in der Türkei. Wer steht dahinter? Ist es tatsächlich die Gülen-Gruppe? Oder sind es britisch-loyale Offiziere in der Armee? Was ist nach dem Putsch zu erwarten? Möge Allah dich dafür belohnen!

Antwort:

Nach Verfolgung und genauer Untersuchung dessen, was in der Türkei am 15. und 16. Juli 2016 passiert ist, kann mit überwiegender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass waghalsige, britisch-loyale Offiziere, die Gefahr liefen, selbst zur Zielscheibe zu werden, den Putschversuch unternahmen. Dies geht aus folgenden Tatsachen hervor:

Dass sie Gefahr liefen, selbst zur Zielscheibe zu werden, ergibt sich aus dem Umstand, dass der Oberste Türkische Militärrat normalerweise Ende Juli bzw. Anfang August jedes Jahres zusammentritt. Die Befugnisse dieses Rates sind ausgedehnt und für die Armee von großer Wichtigkeit. So wird er unter dem Vorsitz des Premierministers im Hauptquartier des Generalstabs in Ankara abgehalten. Der Verteidigungsminister, der Generalstabchef, die Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte, der Luftwaffe und der Marine, der Gendarmerie-Chef, der zweite Generalstabchefstellvertreter sowie andere ranghohe Personen nehmen daran teil. Die Mitglieder des Militärrats zählen zu den obersten Militärkommandanten. Bei dieser jährlichen Zusammenkunft wird Folgendes erörtert: Die Beförderungen ranghoher Offiziere, die Verlängerung der Dienstzeit einiger Kommandanten, Pensionierungsfragen sowie eine Anzahl von Themen, die mit den türkischen Streitkräften in Zusammenhang stehen. Das Treffen dauert mehrere Tage. Die Beschlüsse werden bekanntgegeben, nachdem sie dem Staatspräsidenten vorgelegt werden. Normalerweise enden mit dem Treffen die beruflichen Tätigkeiten mehrerer Armeekommandanten und anderer ranghoher Offiziere. Beim letzten Treffen am 2/8/2015 beispielsweise, war unter jenen Offizieren, deren Tätigkeit beendet wurde, der Luftwaffenchef Akin Öztürk. Über diesen kursieren ja Berichte, dass er den Kopf des Putschversuchs bildete. Auch andere Kommandanten waren darunter.

Es scheint, dass die Offiziere, die den Putschversuch unternahmen, bereits wussten bzw. „die Information zu ihnen durchdrang“, dass beim kommenden Treffen des Obersten Militärrats Maßnahmen gegen sie ergriffen werden sollen, die ihren Verbleib in der Armee in leitender Position gefährden würden. So führten sie ihren Putschversuch durch, um der Sitzung des Militärrats zuvorzukommen.

Dass es sich um waghalsige britisch-loyale Offiziere handelt, ergibt sich aus der Tatsache, dass die englandtreuen Offiziere den Kern der türkischen Armee bildeten. Die USA versuchten seit der Zeit Özals, die Armee zu infiltrieren, aber schafften es nicht. Dann wandten sie sich der Polizei und den inneren Sicherheitskräften zu. Schließlich konzentrierten sie sich in der Zeit Erdogans wieder auf eine Infiltration der Armee und waren bis zu einem gewissen Grad erfolgreich. Doch die Kräfte der Engländer sind immer noch vorhanden. Obwohl Erdogan ihnen die „Flügel stutzte“, konnte er sie nicht gänzlich beseitigen. Zu ihnen zählen die Offiziere, die den Putschversuch unternahmen.

Es sind „waghalsige Abenteurer“ gewesen. Denn die genaue Untersuchung des Putschversuchs lässt es abwegig erscheinen, dass die Engländer den Plan dazu selbst ausgearbeitet haben. Naheliegender ist vielmehr, dass die Offiziere den Umsturz selber planten und die Engländer sie gewähren ließen. Bei genauerer Betrachtung des Putschplans wird nämlich klar, dass er fast bar jeder Tücke und Hinterlist ist, die für die Engländer charakteristisch wäre. So haben sich die Putschisten in ihrer Erklärung auf den Schutz des Laizismus konzentriert, was eine Torheit von ihnen gewesen ist. Denn die islamischen Gefühle sind derzeit unter vielen Türken verbreitet. Die Erwähnung des Laizismus stellt eine Provokation für sie dar und erinnert sie an die Herrschaft Mustafa Kemals und seiner Gefolgschaft, mit all ihren Provokationen gegen den Islam und die Muslime und ihrem ganzen Hass und ihrer Arglist gegen alles, was mit dem Islam und seinen Anhängern in Verbindung stand. Die Erwähnung des Laizismus war eine Torheit, die die Menschen dazu veranlasste, mehr aus Hass auf die Anhänger Mustafa Kemals denn aus Liebe zu Erdogan auf die Straße zu gehen. Zudem gibt es noch einen anderen wichtigen Aspekt: Die ersten Minuten des Umsturzes zur Festnahme der Politiker und Regierungspersonen wurden von den Putschisten nicht sorgfältig geplant. So wurden Erdogan und seine Regierungsleute nicht vor der Putschverkündung festgenommen, vielmehr wurde der Putsch proklamiert, während sie alle noch in ihren Ämtern waren. Die Vorgehensweise war also eher die einer Krawallaktion und eines Zornausbruches ohne wirklicher Massenbasis, ja sogar ohne geordneter Führung an der Spitze des Putsches!

All das macht es wahrscheinlich, dass der Putsch von waghalsigen Abenteurern unter den britisch-loyalen Offizieren durchgeführt wurde, um den Beschlüssen des Militärrats zuvorzukommen, von denen sie annahmen, dass sie ihre Positionen gefährden würden. Es ist auch nicht abwegig, dass es mehr als nur Annahmen waren, weil es unschwer ist, an solche Informationen heranzukommen.

Hingegen ist die Beschuldigung Gülens höchstwahrscheinlich fehl am Platz. Denn die Gülen-Bewegung ist eher auf soziale, zivile und juristische Aktivitäten ausgerichtet. Sie besitzt nicht die militärische Kapazität, um ohne kolonialistische Unterstützung einen Militärputsch durchzuführen. Dies zum einen. Zum anderen wird sie von den USA gesteuert und kann ohne deren Erlaubnis nicht aktiv werden. Nun sind die USA aber der Ansicht, dass Erdogan der fähigere Mann sei, ihre Interessen zu bedienen, insbesondere in der jetzigen Zeit. So ist die Türkei im Hinblick auf die Lösung des Syrienkonflikts der letzte Trumpf in der Hand Amerikas. Erdogan hat den USA dabei einen Dienst geleistet, den unter den jetzigen Umständen niemand außer ihm hätte leisten können. Er hat sich nämlich zu einer Normalisierung der Beziehungen zum syrischen Regime bereiterklärt! So hat der türkische Premierminister verkündet, dass „die Türkei ihre Beziehungen zu Syrien normalisieren“ werde!

Für die USA sitzt Gülen auf der Reservebank und kann bei Bedarf zum Einsatz kommen. So hat Gülen Erdogans AKP von 2002 an bei drei Wahlgängen bis ins Jahr 2013 unterstützt, als sich der Zwist zwischen ihnen durch das Aufwerfen von Korruptionsvorwürfen gegen Erdogan-Vertraute und die Schließung des Derçan-Netzwerks der Gülen-Bewegung entfachte. Gülen ist also ein Reservist für den Notfall. Die Kolonialmächte stört es nämlich nicht, wenn sich an einem Ort mehr als ein Vasall befinden. Es stört sie auch nicht, wenn diese untereinander um die Macht ringen, miteinander konkurrieren, ja sogar gegeneinander kämpfen. Sie unterstützen dann denjenigen, der obsiegt. Dies gleicht dem damaligen Machtkampf zwischen (dem ägyptischen Präsidenten) Sadat und der Gruppe um Ali Sabri. Beide Lager standen im Dienste der USA. Trotzdem gelang es Sadat, die Gruppe um Ali Sabri zu verhaften und zu eliminieren.

Wie gesagt ist es aus den erwähnten Gründen unwahrscheinlich, dass die Gülen-Bewegung den Putschversuch eingefädelt hat. Dies schließt aber nicht aus, dass einige Personen aus der Gülen-Bewegung in ihrer individuellen Eigenschaft am Putsch teilgenommen haben könnten. Hier sind insbesondere Richter zu nennen, die als Reaktion auf die harten Repressalien seitens Erdogans sich eventuell beteiligt haben.

Erdogan ist sicher bewusst, dass die Engländer eine Macht in der Armee besitzen, auch wenn diese zurückgegangen ist. Er weiß auch, dass die Briten-Gruppe in der Armee hinter dem Putschversuch steht. Doch beschuldigt er Gülen, weil ein Gerede über britisch-loyale Kräfte in der Armee diese aufwerten würde. Sie ohne explizite Erwähnung zu eliminieren, schwächt sie und wertet sie ab. Gülen hingegen besitzt nicht so einen hohen Stellenwert wie sie, deshalb will Erdogan die britischen Kräfte in der Armee ohne viel Aufsehen beseitigen. Er will sie totschweigen, damit sie nicht ins Rampenlicht gelangen und sich eventuell ein Block um sie bilden könnte. Im Gegenzug möchte er seinen Konkurrenten Gülen durch viel Lärm weiter schwächen, da die Gülen-Bewegung nicht die Stärke der englischen Kräfte besitzt.

Dies ist die überwiegende Ansicht bezüglich der Ereignisse. Auf jeden Fall handelt es sich dabei weder um einen sorgfältig vorbereiteten noch um einen gut durchdachten Putschversuch. Er gleicht eher einem hitzigen Abenteuer, ohne Gediegenheit und Augenmaß. Wichtig ist aber nicht, bei den Ereignissen selbst innezuhalten, sondern das zu untersuchen, was nach dem Putsch zu erwarten ist.

Es ist zu erwarten, dass der Wirbel um den Putschversuch auf zwei Aspekte Einfluss nehmen wird:

Die USA und Erdogan werden sich nach Kräften bemühen, die Ereignisse dahingehend zu nutzen, um ernste Maßnahmen zur Eliminierung der verbliebenen britischen Kräfte in der Armee zu ergreifen. Zumindest aber soll ihr Einfluss auf ein Mindestmaß reduziert werden. So haben sie den Putschversuch aufgebauscht, um die Verfolgung der britisch-loyalen Kräfte mit aller Intensität und Härte rechtfertigen zu können. Selbstverständlich wird Erdogan die Ereignisse auch dafür nutzen, seinen Kontrahenten Gülen soweit er es vermag zu schwächen, d. h. innerhalb der Grenzen, die ihm von den USA erlaubt worden sind. Und die kolportierte Verhaftung tausender Menschen deutet darauf hin.

Was Großbritannien anlangt, so sind die Ereignisse ihm zuzuordnen, auch wenn es den Plan zum Putsch sowie die Stile und Mittel dafür nicht selbst mit seiner bekannten Arglist und Tücke entworfen, sondern dies seinen dortigen Leuten überlassen hat. Deshalb ist es nicht abwegig, dass England die Situation laufend beobachtet, um zur passenden Zeit eine Gegenaktion durchzuführen, die seinen Leuten etwas von ihrer Geltung zurückgibt. Das erwarten sich auch die USA und Erdogan. Aus diesem Grund hat Obama als Vorsichtsmaßnahme vor etwaigen internationalen Reaktionen den nationalen amerikanischen Sicherheitsrat zur Untersuchung der Türkei-Ereignisse einberufen. So, als ob es sich dabei um etwas handelt, das den „Kern der nationalen amerikanischen Sicherheit“ betrifft! Zudem hat Erdogan die Menschen dazu aufgerufen, weiter auf den Plätzen, den Flughäfen und in den Moscheen auszuharren, um den britischen Kräften und ihren Verbündeten den Weg für irgendwelche Gegenaktionen abzuschneiden.

Abschließend ist zu sagen, dass das Geschehene schmerzt. Denn das vergossene Blut ist unser Blut – nicht das der Engländer oder Amerikaner. Die Zerstörung an den Gebäuden, den Flughäfen und den Plätzen ist in unseren Ländern geschehen – nicht in England und auch nicht in Amerika. Deswegen waren die Stunden dieses Umsturzversuchs von doppelter Finsternis. Sie waren finster für unsere Länder und finster für uns! Es war wirklich eine traurige und schmerzliche Angelegenheit. Doch gibt es einen Lichtblick – auch wenn er noch so klein ist –, der in dieser Finsternis zu erkennen war. So sind die Menschen mit dem Bittruf „Yā Allāh, yā Allāh, Allāhu akbar, Allāhu akbar!“ auf die Straße gegangen. Die Putschisten verkündeten nämlich einen offenen, die Gefühle der Muslime provozierenden Laizismus. Das ließ die Menschen auf die Straße gehen, sich den Panzern entgegenstellen und in Unterstützung ihres Glaubens Bittrufe ausstoßen. Sie traten dem Putschversuch entgegen – mehr aus Hass auf den Laizismus und seine Anhänger denn aus Liebe zu Erdogan und seinem Regime. Sie bäumten sich emotional gegen den Laizismus auf, obwohl dieser sowohl im Regime als auch bei den Putschisten vorhanden ist. Denn wo immer der Laizismus bzw. der Säkularismus sich breitmacht, breitet sich Schlechtigkeit aus.

Die Menschen sahen jedoch, dass der Säkularismus der Putschisten ihre islamischen Gefühle provoziert. So folgte der Putsch den Spuren Mustafa Kemals mit seinen Gefolgsleuten und seiner Anhängerschaft. Den Hass dieser Leute auf den Islam und ihre hinterlistigen Verschwörungen gegen ihn hatten die Menschen schmerzlich zu spüren bekommen. Der Laizismus des Regimes ist dagegen mit etwas Islam umgeben, was ihre Gefühle beruhigt. Wie wäre es dann, wenn die Muslime einen Staat der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit besäßen, ein rechtgeleitetes Kalifat gemäß dem Plan des Prophetentums? Wie wäre es, wenn sie ein rechtgeleitetes Kalifat besäßen, das ihre Angelegenheiten in Güte und Gerechtigkeit betreut, die Gesetze Allahs auf sie anwendet und mit ihnen den ğihād auf dem Wege Allahs vollzieht, sodass sie auf Erden machtvolle Würde erlangen und im Jenseits die großen Gewinner sind? Wie sähe dann die Situation wohl aus? Sie würden diesen Staat mit ihrem Vermögen und ihrem Leben, mit ihren Gefühlen und ihren Ideen, mit ihren Gliedmaßen, ihrem Innersten und mit ihrem ganzen Dasein schützen! Die Muslime sind wahrlich eine Gemeinschaft des Guten, die beste Gemeinschaft, die je den Menschen hervorgebracht wurde:

﴾كُنتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللّهِ﴿

Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je den Menschen hervorgebracht wurde. Ihr gebietet das Rechte und prangert das Unrecht an, und ihr glaubt an Allah. (3:110)

Mit der Erlaubnis Allahs wird die Regentschaft nach Seinen Gesetzen die Muslime bald umgeben. Es wird ein rechtgeleitetes Kalifat sein, das die Muslime unter das Banner des Propheten (s) stellt, denn für Allah ist dies wahrlich ein Leichtes!

12. Šauwāl 1437 n. H.

17/7/2016 n. Chr.