ISLAMRECHTLICHE UND INTELLEKTUELLE F&As

- 12.08.2016

Die Pflicht zur Arbeit mit einem islamischen Block

Beim folgenden Artikel handelt es sich um die ausführliche Antwort eines šābs auf die Frage eines Muslims, ob im Westen die Arbeit mit einem Block zur Errichtung des Kalifats verpflichtend sei. Um möglichst vielen die Antwort zukommen zu lassen, haben wir uns entschlossen, sie auf Kalifat.com zu veröffentlichen. 

Assalamu alaikum wa rahmatullahi Wa barakatuhu Akhi kareem, ich habe eine Frage die mich seit längerem beschäftigt und ich hoffe, dass du sie mir beantworten kannst.

Und zwar beschäftige ich mich seit längerem mit der Frage, ob der Muslim (Laie) der im Westen lebt, verpflichtet ist, sich dem Block zu fügen und für die Wiedererrichtung des Kalifates zu arbeiten, wobei es sehr prägnante Beweise gibt, die das Gegenteil belegen.

Zum einen habe ich mich mit den tafāsīr (Koranexegesen) in deutscher und türkischer Sprache auseinandergesetzt und zum anderen eine Person meines Vertrauens, der die arabische Sprache studiert, bezüglich der Inhalte gefragt.

Angegangene tafāsīr von:

Imam Qurtubi rhml

Ibn Arabi rhml

Fahruddin ar Razi rhml

Ibn Kathir rhml

Elmali Hamdi yazar rhml (osm. Reich)

Alle sind sich im Konsens einig, dass der Block bestehen muss. Nur erwähnen Sie alle spezifisch, dass der Block nicht aus Laien, sondern aus ʿulamāʾ (islamischen Rechtsgelehrten) bestehen muss, bzw. eine zweite Meinung ist, dass er aus ʿulamāʾund einflussreichen Personen zu bestehen hat.

Fahruddin ar Razi rhml erwähnt sogar, dass erst recht Frauen und Leute, die dazu nicht in der Lage sind (z. B. Kranke), nicht mit dieser āya gemeint sind.

Punkt 2: Yassir Qadhi beweist mit der sīra anhand der Erzählung über die Muslime, die nach Abessinien ausgewandert sind, dass der Muslim im Westen die gleiche Realität hat und somit nicht verpflichtet ist, im Westen die daʿwa zu tragen. Zumal der Gesandte Allahs ﷺ diese Angelegenheit stillschweigend duldete.

3. Hamza Yusuf belegt mit einem Hadith, in dem Abu Hudaitha (r) den Gesandten Allahs ﷺ fragte, was wir machen sollen, wenn wir keinen Kalifen mehr haben und der Gesandte Allahs ﷺ antwortete: Dann bleibt unter euch und haltet die Gebote und Verbote Allahs ein […], dass es nicht verpflichtend sei, dafür zu arbeiten, da der Gesandte Allahs ﷺ es sonst erwähnt hätte, weil er ﷺ ja aus Offenbarung sprach.

Ich würde niemals daran zweifeln, dass es eine ehrenhafte Arbeit ist, aber mich würde schon interessieren, wie hier argumentiert wird mein lieber Bruder.

Jazak Allahu khairan 

Ehrenwerter Bruder,

wa alaikum as-salam wa rahmatullahi wa barakatuhu. Nun habe ich etwas Zeit gefunden, um deine Frage zu beantworten, danke für deine Geduld:

1. Die Beweise für die Pflicht zur Errichtung des Kalifats und zur Gründung eines Blocks, der diese Tätigkeit übernimmt, ist nicht auf die āya (3:104) beschränkt. Sie ergeben sich zum einen aus den unzähligen Versen im Koran, die uns eindeutig die Pflicht auferlegen, allein nach den Gesetzen Allahs zu regieren. So sagt der Erhabene:

(فَلَا وَرَبِّكَ لَا يُؤْمِنُونَ حَتَّى يُحَكِّمُوكَ فِيمَا شَجَرَ بَيْنَهُمْ ثُمَّ لَا يَجِدُوا فِي أَنْفُسِهِمْ حَرَجًا مِمَّا قَضَيْتَ وَيُسَلِّمُوا تَسْلِيمًا )

Nein, bei deinem Herrn. Sie sind nicht eher gläubig, bis sie dich zum Richter über alles erheben, was unter ihnen strittig ist, sie sodann in ihrem Herzen keinen Zweifel gegen deinen Richtspruch hegen und sich vollends ergeben.(4:65) Auch sagt Er:

(وَأَنِ احْكُمْ بَيْنَهُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ وَلَا تَتَّبِعْ أَهْوَاءَهُمْ وَاحْذَرْهُمْ أَنْ يَفْتِنُوكَ عَنْ بَعْضِ مَا أَنْزَلَ اللَّهُ إِلَيْكَ)

Und richte unter ihnen nach dem, was Allah herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen. Und nimm dich vor ihnen in Acht, dass sie dich nicht von einem Teil dessen abbringen, was Allah zu dir herabgesandt hat. (5:49)

Es existieren noch zahlreiche andere Verse zu diesem Thema, wie z. B. 4:60, 4:61, 4:64, 5:44, 5:45, 5:47, 5:48 und 5:50. Nach den Gesetzen Allahs zu richten bedeutet nichts anderes als die Pflicht, ein Kalifat zu errichten, da nur durch die Aufstellung eines Kalifen diese Gesetze angewandt werden können und die Aufstellung eines Kalifen ja selbst ein Gesetz Allahs darstellt. Beweis dafür sind die Hadithe des Propheten über die Pflicht, einen Kalifen aufzustellen und ihm die baiʿa zu leisten. Dazu zählen:

(ومن مات وليس في عنقه بيعة مات ميتة جاهلية)

[…] Und wer stirbt und im Nacken keine baiʿa trägt, der stirbt einen Tod derğāhilīya. (Muslim, Hadith Nr. 3447) Die baiʿa ist hier eine Metonymie für die Pflicht zur Aufstellung eines Kalifen, da sie nur einem Kalifen geleistet werden darf. Auch sprach der Prophet (s):

(من مات بغير إمام مات ميتة جاهلية)

Wer ohne einen Imam stirbt, der stirbt einen Tod der ğāhilīya. (Imam Aḥmad, Hadith Nr. 28/88/16876 nach der Kategorisierung von Šuʿaib al-Arnaʾūṭ u. Nr. 13/188/16819′ nach der Kategorisierung von Aḥmad Šākir) Der Ausdruck Imam ist bekanntlich ein Synonym für den Kalifen.

Es existieren noch zahlreiche andere Hadithe in dieser Bedeutung.

Und diese Pflicht, die Gesetze Gottes anzuwenden und das Kalifat zu errichten, ist ingenereller Form ergangen und somit grundsätzlich an alle Muslime – egal wo sie leben – gerichtet. Wenn jemand aus Unvermögen entschuldigt ist, weil er zum Beispiel unter Nichtmuslimen lebt, so ist er nur in dem Maße von der Pflicht entbunden, wie er sie nicht erfüllen kann. Wenn er beispielsweise an seinem Ort Tätigkeiten durchführen kann, die für die Muslime anderswo unterstützend wirken, um die kollektive Pflicht der Kalifatsgründung zu erfüllen, so ist er von diesen Tätigkeiten nicht befreit. Er hat diese Tätigkeiten durchzuführen, weil er dazu in der Lage ist und die Pflicht des Kalifats ja auch für ihn gilt. Und dafür erhält er bei Allah einen großen Lohn!

 

Nun kann die Pflicht zur Errichtung des Kalifats nicht durch Einzeltätigkeiten erfüllt werden. Sie bedarf vielmehr einer organisierten Zusammenarbeit in einem muslimischen Block. Denn die Realität von Menschengemeinschaften beweist, dass die Veränderung von Gesellschaften, die Überwindung eines alten Gesellschaftssystems und die Gründung einer neuen Staats- und Gesellschaftsordnung nur durch eine gemeinschaftliche Tätigkeit in einem Block möglich ist. So wurde jede erfolgreiche Veränderung eines Gesellschaftssystems in der Geschichte der Menschheit stets von einem Block angeführt. Dazu können wir die folgenden Beispiele nennen:

Französische Revolution: Klub der Jakobiner um Robespierre.

Amerikanische Unabhängigkeitsbewegung, Loslösung von England und Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika: Amerikanischer Kontinentalkongress u. a. um John Hancock.

Russische Revolution: Kommunistische Partei um Lenin.

Chinesische Revolution: Kommunistische Partei um Mao Zedong.

Vor allem aber und nicht zuletzt: Der Gesellschaftsumbruch in Medina und die Gründung des 1. Islamischen Staates durch den Propheten Muḥammad (s) und den Block seiner Gefährten (aāba).

Entscheidend ist dabei die organisierte Tätigkeit in einer Gemeinschaft, also in einem Block, egal wie dieser bezeichnet wird.

Nun gilt bekanntlich das islamische Rechtsprinzip:

ما لا يتم الواجب إلا به فهو واجب

Was zur Erfüllung einer Pflicht unerlässlich ist, ist ebenso verpflichtend.

Da die Pflicht zur Veränderung der Gesellschaftsordnung und zur Errichtung des Kalifats - wie oben ausgeführt - nur durch eine organisierte, gemeinschaftliche Tätigkeit in einem Block erfüllt werden kann, wird die Gründung eines Blocks ebenfalls zur Pflicht!

Dies allein genügt als Beweis für die Pflicht, in einem Block oder in einer Partei tätig zu werden. Und da die Pflicht zur Anwendung der Gesetze Allahs – d. h. zur Errichtung des islamischen Staates – im Koran an alle Muslime gerichtet ist, ist auch die sich daraus ergebende Pflicht zur Gründung des Blockes an alle Muslime gerichtet und nicht nur an die Gelehrten oder einflussreichen Personen unter ihnen. Und diese Pflicht gilt, solange die Pflicht der Staatsgründung nicht erfüllt ist. Ausgenommen davon sind – wie bei jeder Pflicht - nur solche Personen, die (aus Krankheit oder anderen Gründen) nicht in der Lage sind, dieser Pflicht nachzukommen. Auch sie sind von der Pflicht nur in dem Maße entbunden, wie es ihr Unvermögen vorgibt. Sind sie z. B. nicht in der Lage, Lehrkreise zu geben, dann können sie andere Tätigkeiten durchführen oder zumindest finanzielle Beiträge leisten. Sie sind also weiterhin dazu verpflichtet, das zu leisten, wozu sie imstande sind.

2. Zum anderen ergibt sich die Pflicht zur parteilichen Blockbildung aus der Tatsache, dass der Prophet (s) für uns ein Vorbild ist, das wir als Muslime zu befolgen haben. So sagt der Erhabene:

(لَقَدْ كَانَ لَكُمْ فِي رَسُولِ اللَّهِ أُسْوَةٌ حَسَنَةٌ لِمَنْ كَانَ يَرْجُو اللَّهَ وَالْيَوْمَ الْآخِرَ وَذَكَرَ اللَّهَ كَثِيرًا)

Es ist euch im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild gegeben worden für diejenigen, die auf Allah und den Jüngsten Tage hoffen und Allahs oftmals gedenken. (33:21)

Nachdem der Prophet (s) seine Gefährten zu einem politisch-ideologischen Block zusammengeschlossen hat, um mit ihnen als Block die Gesellschaft zu verändern und den islamischen Staat zu errichten, was ihm ja letztlich in Medina gelungen ist, haben wir in Befolgung seines Vorbilds ebenso einen politisch-ideologischen Block zu gründen und gemäß seiner Sunna mit diesem Block vorzugehen. Auch diese Pflicht ist grundsätzlich an alle Muslime gerichtet. Ausgenommen sind hier ebenfalls nur jene, die eine islamrechtliche Entschuldigung haben (wie z. B. Krankheit, Lähmung, Schwäche, Zwang und Anderes), und wiederum nur in dem Maße, wie es ihrer Beeinträchtigung entspricht.

In allen obigen Fällen handelt es sich um eine Pflicht, die von den Muslimen zur Genüge erfüllt werden muss. Es ist also keine individuelle Pflicht, die jeder einzelne in jedem Fall zu erfüllen hat, sondern eine Pflicht, die der Umma als Ganzes obliegt und von ihr zur Genüge erfüllt werden muss. (Wie die Totenwaschung und das Totengebet zum Beispiel). Wird sie von einigen erfüllt, sodass sie das Kalifat gründen und nach dem Islam regiert wird, dann fällt sie von den restlichen Muslimen ab. Wird sie aber nicht erfüllt, indem die Anstrengungen einiger Muslime nicht ausreichen, dann bleibt die Pflicht für alle Muslime bestehen und alle Untätigen sind sündhaft, solange die Pflicht des Kalifats nicht erfüllt ist. Gleiches gilt natürlich für die Tätigkeit mit dem Block. Auch diese bleibt für jeden Muslim verpflichtend, bis das Kalifat errichtet ist.

Und da die Pflicht zur Gründung des islamischen Staates, des Rechtgeleiteten Kalifats, bis heute nicht erfüllt wurde, bleibt sie für alle Muslime bestehen. Sie sind im Kollektiv sündhaft vor Allah, solange sie dieser Pflicht – wozu auch die Arbeit mit einem Block gehört - nicht nachkommen.

3. Wenden wir uns nun der von dir angesprochenen āya (3:104) und den diesbezüglichen Aussagen der Koranexegeten zu. Wobei noch einmal zu betonen ist, dass die Pflicht zur Blockbildung besteht, auch wenn diese āya gar existieren würde. Die āya lautet:

(وَلْتَكُنْ مِنْكُمْ أُمَّةٌ يَدْعُونَ إِلَى الْخَيْرِ وَيَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ ۚ وَأُولَئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ)

Möge aus euch eine Gruppe entstehen, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Unrecht anprangert, und dies sind die Erfolgreichen.

Hierbei handelt es sich ebenso um eine Pflicht, die von der Umma zur Genüge erfüllt werden muss. Sie ist also an die Muslime im Kollektiv gerichtet. Nun gilt das islamische Rechtsprinzip, dass die Allgemeingültigkeit einer Aussage allgemeingültig bleibt, solange kein spezifizierender Rechtsbeleg vorhanden ist. Für diese āya ist kein spezifizierender Rechtsbeleg ergangen, der ihre Gültigkeit auf eine Gruppe von Muslimen (z. B. nur auf Gelehrte oder einflussreiche Personen) beschränken würde. Als Spezifizierung muss wohlgemerkt ein Offenbarungstext aus Koran oder Sunna herangezogen werden, nicht allein die Aussage eines Gelehrten oder Koranexegeten – und sei dieser noch so wissend und rechtschaffen.

Deshalb sind die Erklärungen der von dir angeführten Koranexegeten, möge Allah ihnen allen gnädig sein und mit ihnen Wohlgefallen haben, nicht als islamrechtliche Einschränkung (taḥṣī) zu verstehen, sondern als beispielhafte Aufzählung von Personen, auf die diese Pflicht im Besonderen zutrifft oder die nach Meinung der Exegeten im Besonderen in der Lage sind, dieser Pflicht nachzukommen (wie eben Gelehrte und einflussreiche Personen). Wie du selbst ausführst, hat Imam Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī die islamrechtliche Einschränkung ja auch erwähnt, als er die Leute, die dazu nicht in der Lage sind, von der Pflicht ausgenommen hat. Auch darf nicht vergessen werden, dass alle diese Gelehrten und mufassirūn in einer Zeit lebten, in der das Kalifat existierte und die islamischen Gesetze zur Anwendung kamen. Die Pflicht war also zu ihrer Zeit in einem gewissen Maße durch Gelehrte und einflussreiche Personen „zur Genüge“ erfüllt.

Ein Umstand, der auf unsere heutige Zeit der Regentschaft des Unglaubens, des umfassenden Unrechts, der allgegenwärtigen Not, Schlechtigkeit, Schandhaftigkeit und Frevelhaftigkeit in keiner Weise zutrifft. Es wäre interessant zu wissen, wie diese großen Exegeten die āya und die Lage der Umma überhaupt interpretiert hätten, wenn sie in unserer heutigen Zeit leben würden. Sie hätten sich wahrscheinlich alle – möge Allah mit ihnen zufrieden sein - Hizb-ut-Tahrir angeschlossen! (Kleiner Scherz am Rande!)

Daran zeigt sich ja auch wie wichtig es ist, dass es zu jeder Zeit Exegeten gibt, die den Koran islamisch korrekt, sachlich und im Lichte der neuen Probleme und gewaltigen Herausforderungen erläutern.

4. Die Behauptung Yassir Qadhis, dass die Auswanderung der Muslime nach Abessinien ein Beleg dafür sei, dass die Muslime im Westen nicht die Pflicht hätten, die daʿwa zu tragen und sich für die Gründung des Kalifats einzusetzen: Diese Behauptung wurde durch die obigen Ausführungen bereits widerlegt. Zudem schießt sie weit über die Interpretierbarkeit der Auswanderung nach Abessinien hinaus und führt Einschränkungen durch, die islamrechtlich nicht haltbar sind.

So sind die oben erwähnten āyāt und Hadithe über die kollektive Pflicht zur Regentschaft nach den Gesetzen Allahs, zur Gründung des Kalifats, zur Verkündung des Islams und zum Gebieten des Rechten und Anprangern des Unrechts in Medina ergangen, lange Zeit nach der Auswanderung einiger Muslime von Mekka nach Abessinien. Wie gesagt, sind diese Texte in genereller und allgemeingültiger Form ergangen. In der mekkanischen Zeit waren diese Verse noch gar nicht offenbart worden und die Muslime demzufolge noch nicht damit beauftragt. Nach deren Offenbarung bleibt ihre Gültigkeit jedoch bis zum Jüngsten Tage bestehen.

Auch ihre Allgemeingültigkeit für das Kollektiv der Muslime bleibt bestehen, solange kein Offenbarungstext sie einschränkt. Die Auswanderung nach Abessinien kann hier nicht als Einschränkung herangezogen werden, weil sie nicht explizit eine Einschränkung für diese Texte ausspricht. Man kann doch nicht die Gültigkeit eines später offenbarten Gebots mit dem Hinweis aussetzen, dass es vorher für eine Gruppe von Muslimen nicht verpflichtend war. Vorher war es nämlich für alle Muslime nicht verpflichtend.

Die Auswanderung nach Abessinien kann nur insofern als Beweis fungieren, als dass sie bei Unterdrückung und Angst um den Glauben die Auswanderung von einem Land ins andere erlaubt. Auch ist sie ein Beleg dafür, dass nicht jeder Ort auf der Welt zum Ziel- bzw. Aktionsgebiet für die Gründung des Kalifats gemacht werden muss. Vielmehr ist es zulässig, sich auf einen oder mehrere Orte zu konzentrieren, um dort das Kalifat zu errichten, und andere Orte – auch wenn Muslime dort leben sollten – nicht zum primären Zielgebiet zu erklären. Auf diese Weise ist auch der Prophet (s) vorgegangen, als er sich zuerst auf Mekka und später auf Medina konzentrierte und andere Orte – obwohl Muslime dort lebten – nicht als Zielgebiet heranzog.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass die andernorts lebenden Muslime von allen möglichen Unterstützungstätigkeiten, die sie für die Staatsgründung leisten können, entbunden sind, zumal die Pflicht zur Staatsgründung an alle Muslime im Kollektiv ergangen ist. So stellt die Aufstellung eines Kalifen auch für sie eine Pflicht dar: Wer stirbt, ohne im Nacken eine baiʿa zu tragen, stirbt einen Tod der ğāhilīya. Die Aussage ist hier generell ergangen und umfasst somit alle Muslime, auch die in der Diaspora. Eine Entbindung von dieser Pflicht bedarf eines expliziten Offenbarungstextes, der aber nicht vorhanden ist.

Auch ist der Befehl, die islamische Botschaft zu verkünden und sich für den Islam und die Muslime einzusetzen – als generelles Gebot an alle Muslime – in Medina offenbart worden. Vorher galt diese Pflicht noch nicht, weder für die Muslime in Mekka noch in Abessinien. Also gilt sie heute für alle Muslime, auch für die in der Diaspora, und kann mit dem Hinweis auf Abessinien nicht beiseitegeschoben werden. Die Pflicht des Fastens im Ramadan, die zakāt-Pflicht und vieles andere ist ebenfalls erst in Medina offenbart worden. Kann nun irgendjemand ernsthaft behaupten, dass all diese Pflichten für die Muslime im Westen - mit Verweis auf die Muslime in Abessinien - keine Gültigkeit hätten??

5. Der von Hamza Yusuf zitierte Hadith mit dem Befehl, dass die Muslime unter sich bleiben und die Gebote und Verbote Allahs einhalten sollen, wenn es keinen Kalifen gibt, gehört zur so genannten „Hadith-Reihe über die Fitna“. Darin heißt es unter anderem, dass sich der aufrichtige Muslim, wenn Streit, Zwietracht und Verwirrung – also fitna - herrscht, sich zurückziehen soll, auch wenn er sich dafür in seinem Haus verschanzen oder auf „einen Baum klettern“ muss. Es wird auch anbefohlen, an den Geboten Allahs und Seinen Verboten unter allen Umständen festzuhalten.

Diese Hadithe behandeln ein anderes Thema. Sie behandeln den Fall, wenn unter den Muslimen Verwirrung herrscht, wo man nicht weiß, was richtig und was falsch ist, und man nicht unterscheiden kann, wer von den Muslimen auf der richtigen und wer auf der falschen Seite steht. In diesem Fall soll man sich vom Streit und von der Zwietracht zurückziehen, auch wenn man dafür „auf einen Baum klettern“ muss. Auch soll man sich nicht einer Gruppe anschließen, wenn man nicht weiß, welche von ihnendie richtige ist. Wenn man aber weiß, was Allah von einem verlangt und die Gebote Allahs einem klar sind, dann hat man diese zu befolgen. Man kann sich doch nicht auf die Verwirrung ausreden, wenn bezüglich der Gebote keine Verwirrung vorhanden ist und Allah sie klar in Seinem Buch formuliert hat.

Auch beinhalten diese Hadithe keinerlei Einschränkung für die Pflicht, sich für das Regieren nach den Gesetzen Allahs und für die Errichtung des Kalifats einzusetzen. So sagen sie z. B. nicht: „Wenn es eine fitna gibt, dann brauchst du dich für das Kalifat nicht einzusetzen.“ Oder: „Wenn Verwirrung herrscht, dann brauchst du das Rechte nicht zu gebieten und das Unrecht nicht anzuprangern.“ Vielmehr bleibt die Pflicht der Arbeit für das Kalifat aufrecht, weil die Texte dazu definitiv in ihrer Bedeutung sind. Sie sind nicht eingeschränkt worden und an das Kollektiv der Muslime gerichtet. Genauso hat man das Rechte zu gebieten und das Unrecht anzuprangern, weil auch hierzu die Befehle in definitiver und kollektiver Form ergangen sind. Befindet man sich aber in einem Zustand, wo man die Wahrheit nicht kennt, fitna herrscht und man verwirrt ist, so soll man sich keiner der Streitparteien anschließen und sich aus der Zwietracht zurückziehen. Weiß man aber anhand von klaren Beweisen aus dem Koran und der Sunna, dass eine Bewegung auf dem richtigen Weg ist und sich für die höchste aller Pflichten einsetzt, welche Entschuldigung hat man dann vor Allah, sich dieser Bewegung nicht anzuschließen?? Der Erhabene sagt:

(وَاتْلُ عَلَيْهِمْ نَبَأَ الَّذِي آتَيْنَاهُ آيَاتِنَا فَانْسَلَخَ مِنْهَا فَأَتْبَعَهُ الشَّيْطَانُ فَكَانَ مِنَ الْغَاوِينَ)

Und trage ihnen die Kunde dessen vor, dem Wir unsere Zeichen gaben und er sich aus ihnen herauswand. So folgte Satan ihm nach, und er wurde einer der Irregegangenen. (7:175)

6. Die heute im Westen lebenden Muslime mit richtigem Islamverständnis können wichtige Unterstützungstätigkeiten für das Kalifat leisten, auch wenn das Kalifat in westlichen Ländern nicht gegründet werden soll. So leben im Westen Millionen Muslime, die über die Pflicht des Kalifats und die Natur des Islams als Lebensordnung aufgeklärt werden müssen. Manche von ihnen werden – wenn sie diese Pflicht als Schicksalsfrage begriffen haben – bereit sein, in die muslimischen Länder zurückzukehren, um auch dort mit Hizb-ut-Tahrir für das Kalifat tätig zu werden. Stellt das nicht alleine schon eine große Unterstützungstätigkeit dar?

Ebenso ist die Verkündung der islamischen Botschaft eine Pflicht, die nicht nur dem Staat, sondern auch den Muslimen als Einzelpersonen und den islamischen Parteien obliegt: Möge aus euch eine Gemeinschaft entstehen, die zum Guten aufruft, d. h. zum Islam. Ist es da nicht unsere Pflicht - soweit es möglich ist - die Botschaft an Nichtmuslime im Westen heranzutragen, um zumindest ihre falschen Vorurteile über den Islam abzubauen? Wenn wir es schaffen würden, den hier lebenden Millionen Muslimen ein richtiges Islamverständnis zu vermitteln, besteht da nicht auch die Chance, das Islambild bei vielen mit ihnen in Kontakt stehenden Nichtmuslimen zu korrigieren und so auch die öffentliche Meinung über den Islam - und vor allem über das Kalifat als zivilisatorisches Projekt - positiv zu beeinflussen? Wäre es nicht bei Gründung des Kalifats in der islamischen Welt von immensem Vorteil, wenn wir unter den hier lebenden Muslimen eine volle Unterstützung für das Kalifat hätten und unter den Nichtmuslimen zumindest ein Verständnis dafür? Wäre es dann für die westlichen Kolonialmächte genauso leicht, gegen das Kalifat die Kriegstrommeln zu rühren und die eigene Bevölkerung dafür zu mobilisieren?

Nicht zu vergessen ist auch der immense Druck, der auf die Muslime hier ausgeübt wird, um sie – mit dem Ziel „Euro-Islam“ – vom Festhalten an den islamischen Geboten abzuhalten und sie letztlich zu assimilieren. Diesem Assimilationsdruck können die Muslime nur begegnen, wenn sie mit einem richtigen Islamverständnisvereint auftreten und mit einer Stimme sprechen. Ihr wirtschaftliches, soziales und gesellschaftliches Potential in geballter Kraft ist dabei nicht zu unterschätzen!

Insbesondere sind die jungen Muslime im Westen diesem Assimilationsdruck ausgesetzt und laufen Gefahr, ihre islamische Identität zu verlieren. Hier sind wir gleichermaßen als Partei gefordert, im Sinne der Wahrnehmung der Interessen der Umma (was ja eine parteiliche Aufgabe verkörpert), diesen Gefahren entgegenzutreten und uns nach Kräften für den Erhalt der islamischen Identität einzusetzen.

Mein Bruder. Darf man angesichts all dieser großen Gefahren im Westen und gewaltigen Herausforderungen untätig sitzen bleiben? Kann das irgendein Muslim, der ehrlich zu sich selbst ist, vor Allah verantworten?

(اسْتَجِيبُوا لِرَبِّكُمْ مِنْ قَبْلِ أَنْ يَأْتِيَ يَوْمٌ لَا مَرَدَّ لَهُ مِنَ اللَّهِ ۚ مَا لَكُمْ مِنْ مَلْجَإٍ يَوْمَئِذٍ وَمَا لَكُمْ مِنْ نَكِيرٍ)

Hört auf euren Herrn, bevor ein Tag kommt, den niemand gegen Allah verwehren kann. An jenem Tage wird es für euch weder eine Zuflucht noch ein Leugnen geben. (42:47)

Auch für die Erfüllung dieser gewaltigen Aufgaben ist es immens wichtig, organisiert als Block vorzugehen. Es ist eine Illusion, wenn man glaubt, durch zerstreute, individuelle Aktionen etwas bewegen zu können. Sogar ganze Vereine mit tausenden von Mitgliedern haben es bis jetzt nicht geschafft, weil ihnen das nötige Islamverständnis fehlt und (vielleicht) auch die notwendige Aufrichtigkeit und Aufopferungsbereitschaft.

In die „offiziellen Islamvertreter“, wie sie sich selbst gerne bezeichnen, kann hier keine Hoffnung gesetzt werden. Sie haben nicht einmal gegen die reihenweise Schließung der islamischen Gebetsräume an deutschen Universitäten etwas unternommen, obwohl diese an manchen Orten bereits seit über 25 Jahren existieren.

Auch an österreichischen Schulen wird den muslimischen Schülern und Schülerinnen die Gebetsmöglichkeit zusehends verwehrt. Und die offizielle „Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich“ (IGGiÖ) - mit direktem Draht zum Stadtschulrat und zum Bundeskanzleramt - schweigt dazu. Im Gegenteil: Ein Wiener „Islamlehrer“, der von einer seiner Schülerinnen gebeten wurde, bei der Direktorin für eine Gebetsmöglichkeit zu intervenieren, gab ihr die „Fatwa“, dass dies „nicht nötig“ sei, weil sie „die Gebete am Abend zu Hause ja nachbeten“ könne!

Mein Bruder, ist von solchen Leuten, die nur auf den eigenen Vorteil, auf die eigene Karriere und Position bedacht sind, irgendetwas zu erwarten? Dürfen wir die Zukunft der Muslime in Europa wirklich in deren Hände legen?

Nein! Zur Bewältigung dieser gewaltigen Aufgaben bedarf es eines aufrichtigen, entschlossenen islamischen Blockes mit klarem Verständnis, der sich seiner Verantwortung vor Allah und den Muslimen bewusst ist und sich systematisch, gezielt und mit Weitblick für die Interessen der Muslime einsetzt.

Wer außer uns, außer Hizb-ut-Tahrir, ist dazu in der Lage? Wer außer uns kann dieser Verantwortung gerecht werden?

Mein Bruder, kann jetzt noch irgendein Zweifel daran bestehen, dass die Arbeit mit Hizb-ut-Tahrir auch im Westen eine unabdingbare Pflicht verkörpert? Kann ein Zögern jetzt noch gerechtfertigt sein?

﴿قُلْ هَذِهِ سَبِيلِي أَدْعُو إِلَى اللَّهِ ۚ عَلَى بَصِيرَةٍ أَنَا وَمَنِ اتَّبَعَنِي ۖ وَسُبْحَانَ اللَّهِ وَمَا أَنَا مِنَ الْمُشْرِكِينَ﴾

Sprich, dies ist mein Weg. Ich rufe auf zu Allah in Erkenntnis, ich, und diejenigen, die mir folgen. Gepriesen sei Allah, und ich gehöre wahrlich nicht zu den Götzendienern. (12:65)

Dein Bruder