KOMMENTAR

- 28.12.2016

Westliche Werte und ihre Verbindlichkeit

Was haben westliche Werte und Hosen mit Schlag gemeinsam? Sie sind eine Frage des jeweiligen Trends. Der Maßstab von IN und OUT gilt für die Werte westlicher Staaten genauso wie für die Hose mit Schlag. Das Beständige an ihnen ist, dass sie unbeständig und der jeweiligen Mode unterworfen sind. Man muss stets darauf achten, im Trend zu sein. Denn wer will schon eine Hose mit Schlag tragen, wenn diese nicht angesagt ist, oder politisch korrekt sein, wenn der Populismus den politischen Trend vorgibt.

Die Mode des Populismus und der politischen Inkorrektheit fand ihren vorläufigen Höhepunkt in der Wahl des neuen US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Nahezu alle westlichen Werte, die die USA vermeintlich vertreten und verteidigen, hat Trump während seines Wahlkampfs außer Kraft gesetzt. Was wie der Wahlkampf eines Größenwahnsinnigen mit miesem Charakter wirkte, traf den sogenannten Nerv der Zeit.

Trump demonstrierte, wie einfach es ist, die für absolut erklärten westlichen Werte zu untergraben. Der Zuspruch der Massen zeigt, dass die Menschen diese Werte nie wirklich verinnerlicht haben und ihre Relevanz nur eine Frage der jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Lage ist.

Die ganze Welt konnte in einem Videomitschnitt eines Gesprächs zwischen Trump und Billy Bush, dem Moderator einer US-amerikanischen Unterhaltungsshow, mitanhören, was Trump von der Selbstbestimmung der Frau hält. In dem Video von 2005 brüstete er sich mit sexuellen Übergriffen auf Frauen, während Bush zu den Äußerungen lachte. Schlimmer aber als die Einstellung Trumps ist die Tatsache, dass das US-amerikanische Volk ihn zum Präsidenten wählte, selbst nachdem seine Ansichten öffentlich wurden. Wie beständig und verbindlich sind also die Werte, die der Westen bezüglich der Frau formuliert hat?

Trump hat wesentliche Werte der sogenannten zivilisierten Welt ausgehebelt. Nachdem die USA acht Jahre lange von einem Schwarzen regiert wurden, scheint die schwarze Bevölkerung nun wieder vor den Pforten der Apartheid zu stehen. Jetzt kann der Weiße die Fesseln seiner Unterdrückung endlich abstreifen und mit seinem Rassismus so richtig loslegen, hat ihn doch die Gleichstellung der Menschen in seiner rassistischen Selbstverwirklichung eingeschränkt. So schrieb die Mitarbeiterin einer Entwicklungsgesellschaft in Clay County bei Facebook über Michelle Obama: „Ich habe es satt, einen Affen mit Stöckelschuhen zu sehen.“ Und die Bürgermeisterin pflichtete ihr auch noch bei. Der Rassismus ist in den USA wieder gesellschaftsfähig geworden.

Die Würde des Menschen ist nicht mehr ganz so unantastbar im Westen geworden. Als Muslime sind wir es gewohnt, dass man dieses Prinzip nicht auf uns anwendet. Die ständigen Diskussionen über das Kopftuch und über ein Burkaverbot hängen uns zum Hals raus. Aber mit dem gegenwärtigen Trend werden die Angriffe gegen die Würde der Muslime immer heftiger. Anders kann man beispielsweise den Vorfall in Nizza nicht verstehen, als eine muslimische Frau am Strand von der Polizei dazu gezwungen wurde, ihren Burkini auszuziehen. Auch in den USA weht jetzt ein anderer Wind. So hatte Trump ein Einreiseverbot für Muslime gefordert und in einem solchen Maße gegen sie gewettert, dass er die feigen Islamhasser aus ihren Löchern gelockt hat. Sie fühlen sich jetzt am Zug, ihre Meinung rausschmettern und muslimischen Frauen sagen zu können, sich an ihrem Kopftuch aufzuhängen.

Ach ja, und da wären noch die Mexikaner, die alle Vergewaltiger, Drogendealer und Kriminelle seien, vor denen Trump die USA durch den Bau einer Mauer schützen will. Und der Vollständigkeit halber machte er sich natürlich auch über Behinderte lustig. Man könnte schnell dazu neigen, das alles auf die Spinnereien des Exzentrikers Trump zu schieben. Gäbe dies alles nur die Meinung und Einstellung eines einzelnen Individuums wieder, müsste man sich gar nicht mit der Thematik beschäftigen. Der große Zuspruch zeigt jedoch, dass wir hier nicht von einem Einzelphänomen sprechen. Weil im Westen nämlich das Prinzip des Pragmatismus herrscht, hat die Politik insgesamt diesen Trend aufgegriffen.

Blicken wir auf Deutschland, so ist es nicht mehr nur die AfD, die durch ihre politisch inkorrekten Aussagen und durch ihre Einstellung jenseits der hochgepriesenen westlichen Werte hervorsticht. Um sich Wählerstimmen zu sichern, dürfen auch die anderen Parteien diesen Trend nicht verpassen. So sagte der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer über die Rhetorik Trumps: „Mir gefällt, dass er die Menschen direkt anspricht und ihre Lebensrealität berücksichtigt. Nicht abstrakt, nicht verschwurbelt, sondern mit konkreten Antworten.“ Es gibt auch in Deutschland keinen festen Wertemaßstab, sondern nur das, was die Mehrheit will oder zu wollen scheint. Wenn die Mehrheit auf die westlichen Werte pfeift, dann muss man ihr ihren Willen lassen. Das ist Demokratie. Nur so ist Seehofers folgende Aussage zu verstehen: „Die Menschen haben die ausdruckslose Lyrik satt, die in Deutschland verwendet wird, nur damit man keine hohen Wellen schlägt.“ Die westlichen Werte werden so zu einer Frage von Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage nicht da ist, dann ändert man das Angebot.

Trumps Wahlsieg hat natürlich zu der Überlegung geführt, dass man in Deutschland das Angebot der Nachfrage anpassen muss. Seehofer ist da nicht der Einzige. So sagte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU): „Ja, die Political Correctness ist überzogen worden. Der soziale Druck, homogen zu antworten, war zu hoch.“ Auch andere hochrangige Politiker unterschiedlicher Parteien vertreten diese Meinung und fordern ein Ende der Political Correctness. So sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident und Grünenpolitiker Winfried Kretschmann: „Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben!“ SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht in der Political Correctness gar die Ursache für die Kluft zwischen Politik und Bürgern und die fehlenden Erfolge der SPD. Man solle laut Gabriel nicht auf den RTL-Zuschauer herabblicken und ihn verurteilen, wenn er den Begriff „Ausländer“ verwende. Da ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man auch „Kanacke“, „Kümmeltürke“ oder „Spaghettifresser“ sagen darf, solange es dem Mehrheitswillen entspricht und man damit die Kluft zwischen Politik und Bürger schließen kann. Das klingt bestimmt bürgernäher als „Mensch mit Migrationshintergrund“.

Die Politik ist abgerückt von einem Konsens auf bestimmte Werte. Alles scheint nun erlaubt zu sein. Bloß nicht politisch korrekt sein und die Menschen damit zu Tode langweilen. Sie verlangen nach einer rücksichtslosen Politik. Sie brennen beispielsweise darauf, dass den Muslimen die Religionsfreiheit entzogen wird und das Burkaverbot kommt. Am besten schmettert die Politik dann noch ein Kopftuchverbot hinterher und schmeißt alle Flüchtlinge aus dem Land. Das könnte ein ordentlicher Befreiungsschlag gegen diese ekelhafte Political Correctness sein, die die Menschen an Werte bindet und ihnen verbietet, so richtig ihre Meinung zu äußern. Man will endlich sagen können, was man von Muslimen, was man von Ausländern und von Flüchtlingen hält.

Das Problem des Westens ist mit Sicherheit nicht, dass den Menschen mit der Political Correctness ein Maulkorb angelegt wurde. Schließlich haben sie die Meinungsfreiheit. Meinungsfreiheit heißt nicht nur, dass man seine Meinung frei äußern kann, sondern auch, dass man seine Meinung einfach so ändern kann. Auf diese Weise kann man auch mit Leichtigkeit seine Meinung zu bestimmten Werten ändern, wenn sie dem politischen Interesse im Wege stehen. Wenn sie irgendwann wieder einen Zweck erfüllen, dann kann man sie auch wieder vertreten und propagieren.

Wenn man tiefer bohrt und wissen möchte, was man denn genau unter westlichen Werten zu verstehen hat, dann erkennt man schnell, dass ein Konsens und eine Beständigkeit fehlen. Der eine spricht von christlichen Werten, ohne den Widerspruch zum herrschenden säkularen System zu erkennen, der andere von Werten der Aufklärung. Bestünde Einigkeit, hätten die Parteien beispielsweise keine sogenannten Wertekommissionen. Auf Wikipedia heißt es zu dem Begriff „Wert“: „Die Bedeutung des Wertbegriffs verändert sich, je nachdem ob die Wertzuschreibung von Einzelnen, von sozialen Akteuren oder von einer Gesellschaft erfolgt und ob sie als objektive Erkenntnis oder subjektive Haltung verstanden werden.“ Im Westen weiß man also um den fehlenden Absolutheitsanspruch westlicher Werte, denen es an Klarheit und Definition fehlt.

Fast möchte man meinen, dass der Westen den Islam als Definitionshilfe westlicher Werte benötigt, weil sie nur dann definierbar scheinen, wenn man sie im Kontrast zum Islam sieht. Westliche Werte werden auf diese Weise zu Vorstellungen, die dem Islam widersprechen. Bezeichnend hierfür ist die Pegida, die das christliche Abendland vor der Islamisierung schützen will. Das einzig Konkrete hierbei ist die antiislamische Haltung, nicht aber, was man vor der Islamisierung so genau schützen will.

Wenn der Mensch seine Werte selbst formuliert, dann können sie natürlich immer nur das Abbild einer bestimmten Zeit und bestimmter politischer und gesellschaftlicher Zustände sein. Das bedeutet dann auch, dass sie dem Wandel der Zeit und der jeweiligen Einstellung sowie dem Trend unterworfen sind. Zudem kann der Mensch jederzeit auch das wieder zurückziehen, was er selbst formuliert hat. Daraus erklärt sich, warum westliche Werte das eine Mal zu gelten scheinen und das andere Mal ignoriert und sogar als störend empfunden werden. Ausschlaggebend ist immer das jeweilige politische Interesse. Ändert sich das Interesse, ändert sich auch die Relevanz westlicher Werte.

(Autor: Umm Ahmad)