VERLAUTBARUNG VON KALIFAT.COM

- 29.12.2016

Verlautbarung von Kalifat.com zum Angriff auf den Berliner Weihnachtsmarkt vom 19.12.2016

Am 19.12.2016 fuhr in Berlin ein LKW in eine Menschenmenge, die sich auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz befand. Bei dem Vorfall wurden 12 Menschen getötet und weitere 48 zum Teil schwer verletzt. Den offiziellen Angaben zufolge wurde der zu einer polnischen Spedition gehörige Vierzig-Tonner samt Fahrer gekapert und als tödliche Waffe bei dem Anschlag benutzt. Bei dem Tatverdächtigen soll es sich um den 24-jährigen Tunesier Anis Amri handeln, der vor 17 Monaten in Deutschland eingereist ist, um in der Bundesrepublik Asyl zu beantragen. Obwohl Amri den Behörden als „Gefährder“ bekannt war und zeitweise unter polizeilicher Beobachtung stand, konnte er den Anschlag durchführen und sich ins Ausland absetzen. Tage darauf wurde er den Polizeiangaben zufolge in Mailand von Sicherheitskräften bei einer Routinekontrolle erschossen.

Nachdem es in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren bereits zu mehreren Attentaten kam, hat es nun die Hauptstadt an einem symbolträchtigen Ort getroffen und entsprechende Reaktionen aus Politik und Medien hervorgerufen. Neben den üblichen Trauerbekundungen zeichnet sich wenige Tage später eine erneute Grundsatzdebatte über das Verhältnis der Muslime und der deutschen Mehrheitsgesellschaft ab, aus der die beteiligten Akteure politisches Kapital zu schlagen suchen. Während AfD und CSU mit ihren Angriffen auf die Regierung polarisieren, versucht die Bundesregierung durch gemeinsame Veranstaltungen mit muslimischen Verbänden geschickt von verschärfter Sicherheitspolitik und einer generell härteren Gangart abzulenken. So beschloss das Kabinett am 21.12.2016 nach Londoner Vorbild eine Ausweitung der öffentlichen Kameraüberwachung. Ebenso bestärkt die derzeitige Verunsicherung die konsequente Abschiebepolitik Angela Merkels, bei der Flüchtlinge gar in Krisen- und Kriegsgebiete wie Afghanistan deportiert werden. Vor diesem Hintergrund und angesichts der kommenden Bundestagswahlen im Jahre 2017 ist mit einer Intensivierung der Islamdebatte und einer weiteren Zuspitzung der Integrations- und Assimilationspolitik zu rechnen.

Die in Europa lebenden Menschen erleben auf diese Weise ein immer wiederkehrendes Déjà-Vu, in dem sich die Beteiligten einer Kriegslogik folgend gegenseitig von einer Eskalationsstufe zur nächsten hochschaukeln. Beginnend mit der nach dem 11. September 2001 formulierten „uneingeschränkten Solidarität“ mit den Vereinigten Staaten und der deutschen Partizipation am „Krieg gegen den Terror“, hat sich die Bundesrepublik zugunsten einer blutigen und neokolonialistischen US-Nahostpolitik positioniert. In diesem Zuge entsendete Deutschland Truppen an den Hindukusch, koordinierte durch Awacs-Besatzungen den Bombenkrieg im Irak und stellte den eigenen Boden für die amerikanische Kommandozentrale zur operativen Umsetzung des sogenannten Drohnenkriegs in Pakistan zur Verfügung. Auch im Jahre 2016 unterstützte die Bundesregierung kurdische Milizen mit Kriegsgerät, Logistik und taktischer Beratung und verhalf der internationalen Koalition durch den Tornadoeinsatz, den Syrienkonflikt zum Nachteil der islamischen Revolution zu verzerren. Spätestens seit dem 19.12.2016 muss sich die deutsche Gesellschaft mit dem Gedanken auseinandersetzen, Teil einer verheerenden Gewaltspirale geworden zu sein, in deren Zuge der Wunsch nach Vergeltung für die Millionen Toten im Nahen und Mittleren Osten stärker zu werden scheint.

Die Bilanz aus 15 Jahren „Krieg gegen den Terror“ ist ernüchternd: Während die islamische Welt in Flammen steht, greift im Westen die Angst vor Anschlägen um sich und fördert ein gesamtgesellschaftliches Mistrauen gegenüber den in Europa lebenden Muslimen. In diesem Fahrwasser operiert unlängst ein außer Kontrolle geratender Rechtspopulismus, der sich nicht nur gegen ethnische Minderheiten richtet, sondern alle Andersdenkenden als Volksverräter brandmarkt und in letzter Konsequenz die gesamte EU zu zersetzen droht! Ist es nicht an der Zeit angesichts dieser Bestandsaufnahme die eigene Politik zu überdenken?

Wir rufen die Bundesregierung dazu auf, sich aus dem von 1,7 Milliarden Muslimen als Krieg gegen den Islam empfundenen Konflikt zurückzuziehen und die destruktive Kriegslogik mit all ihren Folgen zu beenden. Das deutsche Volk hat genau wie die islamische Umma ein Recht darauf, ein Leben in Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit führen zu können. Die Öffentlichkeit sollte sich nicht durch eine Verdrehung der Tatsachen und perverse Kriegsrhetorik täuschen lassen, die die Toten vom 19. Dezember als tragisches aber notwendiges Opfer bezeichnet und als „Preis der Freiheit“ verhöhnt. Denn die unschuldigen Menschen vom Breidscheidplatz wurden in Wahrheit nicht der Freiheit, sondern der US-amerikanischen Kolonialpolitik geopfert! Wir rufen die Menschen in Deutschland dazu auf, sich in ihrer Trauer und Wut nicht gegen ihre muslimischen Mitbürger zu richten und dadurch Teil der Gewaltspirale zu werden. Anstatt den sozialen Frieden zu zerstören und das eigene Land in Weimarer Verhältnisse zu katapultieren, sollte das Volk von seinen politischen Entscheidungsträgern das einfordern, was diese ihm und der ganzen Welt nach zwei Weltkriegen schulden: Frieden, Stabilität und nie wieder eine Politik, die das eigene Land in den Abgrund führt.

Ebenso richten wir uns an die Muslime und im Speziellen an die muslimische Jugend: So sehr wir eure Wut über das vergossene muslimische Blut in al-Quds, Kabul, Bagdad und Aleppo verstehen und teilen, so sehr wir euer Gefühl der Ohnmacht und euer Verlangen nach radikaler Veränderungen nachempfinden und so sehr uns all dies ebenso mit Schmerz erfüllt, dürfen Gefühle jedoch nicht über unser Handeln entscheiden. Denn Allah, der Erhabene, hält unmissverständlich fest:

(وَمَا كَانَ لِمُؤْمِنٍ وَلَا مُؤْمِنَةٍ إِذَا قَضَى اللَّـهُ وَرَسُولُهُ أَمْرًا أَن يَكُونَ لَهُمُ الْخِيَرَةُ مِنْ أَمْرِهِمْ)

Keinem gläubigen Mann und keiner gläubigen Frau bleibt, wenn Allah und Sein Gesandter eine Sache entschieden haben, in ihrer Angelegenheit noch eine Wahl. [33:36]

Die islamischen Gesetze des ğihād – im Gegensatz zu dem, was die „zivilisierten“ westlichen Staaten an Verbrechen begehen – verbieten den Verrat und das Töten nicht kämpfender Personen. Sie verbieten Übergriffe auf Frauen und Kinder und das Töten von Personen mit einem Schutzvertrag. Dies alles in Erfüllung folgender Aussage des Propheten (s):

«... وَلاَتَغْدِرُوا، وَلاَتَغُلُّوا، وَلاَتُمَثِّلُوا، وَلاَتَقْتُلُوا وَلِيدًا»

[…] Begeht keinen Verrat, reißt nicht unrechtmäßig Beute an euch, schändet die Leichen nicht und tötet keine Kinder!

 

«... فَلَا تَقْتُلُوا ذُرِّيَّةً، وَلَاعَسِيفًا»

[…] So tötet keine Nachkommenschaft und keinen unbeteiligten Mietling.

Auch wird von ibn ʿUmar berichtet, dass er sprach: In einer der Schlachten des Gesandten Allahs (s) fand man eine getötete Frau. Daraufhin untersagte der Gesandte Allahs (s) das Töten von Frauen und Kindern. Und bezüglich der Person mit einem Schutzvertrag führt aš-Šāfiʿī aus: Wenn sie [die Nichtmuslime] ihm Schutz gewähren, so bedeutet ihr Schutz für ihn, dass sie auch vor ihm geschützt sind. Er darf sie nicht hinterrücks meucheln und keinen Verrat an ihnen begehen. Ibn Maudūd al-Ḥanafī stellt hierzu fest: „Wenn der Muslim mit einem Schutzvertrag in die Stätte des Krieges einreist, darf er ihr Blut nicht vergießen und ihr Vermögen nicht antasten.“ Denn dies wäre ein Verrat an ihnen, was verboten ist. Das sind die Rechtssprüche des Islams bezüglich des ğihāds und des Krieges und ebenso bezüglich der Personen mit einem Schutzvertrag (mustaʾminūn). Es ist ein nobles, großartiges Regelwerk.

Anstatt euch der Kriegslogik hinzugeben und euch von dieser verführen zu lassen, laden wir euch ein, den Weg des Gesandten (s) zu gehen, der seinerzeit der mekkanischen Mehrheitsgesellschaft mit Mut, Entschlossenheit und Überzeugungskraft die Stirn bot.

(قُلْ إِن كُنتُمْ تُحِبُّونَ اللَّـهَ فَاتَّبِعُونِي يُحْبِبْكُمُ اللَّـهُ وَيَغْفِرْ لَكُمْ ذُنُوبَكُمْ ۗ وَاللَّـهُ غَفُورٌ رَّحِيمٌ)

Sag: „Wenn ihr Allah liebt, so folgt mir, auf dass Allah euch liebe, und euch eure Sünden vergebe“, und Allah ist allverzeihend, barmherzig. [3:31]

 

(ادْعُ إِلَىٰ سَبِيلِ رَبِّكَ بِالْحِكْمَةِ وَالْمَوْعِظَةِ الْحَسَنَةِ ۖ وَجَادِلْهُم بِالَّتِي هِيَ أَحْسَنُ ۚ إِنَّ رَبَّكَ هُوَ أَعْلَمُ بِمَن ضَلَّ عَن سَبِيلِهِ ۖ وَهُوَ أَعْلَمُ بِالْمُهْتَدِينَ)

Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung auf, und disputiere mit ihnen auf die beste Art. Wahrlich, dein Herr weiß am besten, wer von Seinem Wege abgeirrt ist; und Er kennt jene am besten, die rechtgeleitet sind. [16:125]

Ferner fordern wir von den muslimischen Verbänden ein entschlossenes Vorgehen. Die Verbände müssen sich ihrer Verantwortung stellen und dieser gerecht werden. Dies geschieht nicht durch symbolpolitische Distanzierungen, sondern nur, indem Wahrheiten furchtlos ausgesprochen werden. Die Vertreter aller Muslime dürfen nicht zulassen, dass sich der Diskurs zu einer Anklageschrift entwickelt, in welcher der Islam für alle Missstände dieser Welt verantwortlich gemacht wird. Stattdessen muss die islamische Gemeinschaft mit vereinter Stimme eine sachliche Debatte einfordern, in der die politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Zusammenhänge der derzeitigen Gewaltspirale aufgedeckt und schonungslos thematisiert werden; eine Debatte auf Augenhöhe, in der eine Abkehr von der konfliktbringenden Islampolitik gefordert und die Weichen für ein neues Verhältnis gelegt werden. Auf diese Weise können die Identität und die Interessen der Muslime gewahrt und das derzeitige Spannungsverhältnis, welches die europäischen Gesellschaften auseinander zu reißen droht, überwunden werden.

(إِنَّ فِي هَـٰذَا لَبَلَاغًا لِّقَوْمٍ عَابِدِينَ)

Hierin liegt wahrlich eine Verkündung für ein Volk, das (dem Erhabenen) dient. [21:106]

 

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25. Rabīʿ al-Auwal 1438 n. H.

24. 12. 2016