Inland Die Aufregung um den islamischen Gebetsruf

Die Aufregung um den islamischen Gebetsruf ist rational nicht nachvollziehbar, sondern liegt in einer grundsätzlichen antiislamischen Haltung der Mehrheitsgesellschaft begründet.

Die Aufregung um den islamischen Gebetsruf ist rational nicht nachvollziehbar, sondern liegt in einer grundsätzlichen antiislamischen Haltung der Mehrheitsgesellschaft begründet. Politik und Medien sorgen nämlich regelmäßig dafür, dass die Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft einen bestimmten Level nie unterschreitet. Die Empörung kam auf, nachdem vor einigen Wochen die Stadt Köln Moscheen den Gebetsruf erlaubt hatte, der freitags für wenige Minuten unter Einhaltung der Lärmschutzverordnung über Lautsprecher erklingen darf. Bislang hat niemand ein rationales Argument vorbringen können, das dagegenspräche. Alle angeführten Argumente beziehen sich nicht direkt auf den Gebetsruf, sondern greifen den Islam an. Dass hinter der Kritik am islamischen Gebetsruf in Köln eine tief verwurzelte islamfeindliche Einstellung steckt, wird daran ersichtlich, dass Köln nicht die erste Stadt in Deutschland ist, die den Gebetsruf erlaubt hat. Man tut aber so, als wäre es etwas Neues, das noch nicht erprobt wäre und von dem eine Gefahr ausginge. Das Beispiel Köln wird von den islamfeindlichen Protagonisten dazu genutzt, gegen den Islam zu hetzen und das islamfeindliche Klima weiter aufzuheizen. Für sie war es im Grunde ein willkommener Anlass, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen und ihre Hetze gegen den Islam zu platzieren. Die hetzerische Frage, ob nach Köln bald in ganz Deutschland der islamische Gebetsruf ertönen werde, hat nur den Zweck, Ängste vor einer islamischen Gefahr heraufzubeschwören und zu suggerieren, dass die Muslime Oberhand gewönnen und die christliche Tradition überschatten würden.

Tatsache ist, dass Köln in Sachen Gebetsruf gar keine Vorreiterstellung einnimmt, sondern aktuell das Schlusslicht der Liste von Städten bildet, die schon lange den Gebetsruf erlauben. In Köln handelt es sich außerdem nur um ein Modellprojekt, das auf zwei Jahre befristet ist. In Düren darf der Muezzin bereits seit mehr als dreißig Jahren nicht nur einmal die Woche zum Gebet rufen, sondern dreimal täglich. Dort steht die erste Moschee, die in Deutschland mit Lautsprecher zum Gebet rufen durfte. Was aber macht den Unterschied zwischen Köln und Düren aus? Damals war der Rechtspopulismus in der politischen Landschaft noch nicht so weitflächig ausgeprägt und in Deutschland lebende Muslime standen nicht so stark im Fokus wie heute. Die heute weit verbreitete islamfeindliche Einstellung führt dazu, dass schon allein der islamische Gebetsruf für viel Aufregung und Widerstand sorgt. Die Erlaubnis bedeutet nicht automatisch, dass jede Moschee mit Lautsprecher zum Gebet rufen wird. Die meisten Moscheen nehmen die Möglichkeit zum Gebetsruf gar nicht in Anspruch. Doch allein die Erlaubnis reicht schon aus, dass sich ganz Deutschland aufregt.

Eine der Ersten, die sich beschwerten, war die selbsterklärte Islamexpertin und Hüterin nichtislamischer Positionen Necla Kelek. Ihr Hass auf den Islam geht so weit, dass sie sogar den takbīr grundsätzlich verbieten möchte. So sagte sie bei BILD LIVE: „Eigentlich gehört der Ruf ‚Allahu Akbar‘ mittlerweile in unserem Wortschatz verboten. Sie dürfen das überhaupt nicht mehr benutzen, weil es von Attentätern, Islamisten und Terroristen benutzt wird.“ Damit stempelt Kelek alle Muslime als Terroristen ab, denn es gibt keinen Muslim, der den takbīr nicht mehrmals täglich spricht. Da könnte sie auch gleich sagen, dass der Islam in Deutschland verboten werden müsse. Kelek kramte wieder einmal Argumente aus ihrer Mottenkiste hervor und stellte den islamischen Gebetsruf als Instrument der Unterdrückung der Frau durch den Mann dar und behauptete: „Wenn Allahu Akbar gerufen wird, kommen Männer zusammen. Die Männer, die ihre Frauen zuhause haben.“ Kelek sagte „Wenn Allahu Akbar gerufen wird“ und nicht „Wenn zum Gebet gerufen wird“, weil es ihr in Wahrheit nicht um den Gebetsruf geht, sondern um den Islam. Sie warf Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker vor, dass sie ausgerechnet als Frau die Männer darin bestätige, „dass dieses Gesellschaftsbild in Ordnung ist“. Ihr abgedroschenes Argument ist völlig haltlos. Erstens ist die Moschee ein Ort für alle Muslime, ob Mann oder Frau, und zweitens gibt es nicht die Realität der Muslime wieder, dass nur der Mann in die Moschee geht und die Frau zuhause bleibt. Vielmehr hat der Mann freitags die Pflicht, in die Moschee zu gehen, während es für die Frau eine freiwillige Handlung darstellt. Wenn beim Freitagsgebet Platzmangel herrscht, weil es zu wenig Moscheen in Deutschland gibt, dann ist es naheliegend, dass diejenigen einen Gebetsplatz erhalten, die eine Pflicht zu erfüllen haben. Hier wäre also eine Forderung nach mehr Moscheen angebracht als nach einem Verbot des Gebetsrufs, wenn man das Problem darin sieht, dass den Frauen kein Platz in den Moscheen eingeräumt werde. Keleks Seelenverwandter Ahmad Mansour unterstellte den Muslimen, den Gebetsruf als „Machtdemonstration“ und Triumpf über die Nichtmuslime zu feiern. Lale Akgün, die ehemalige Islambeauftragte der SPD, deutete die Erlaubnis zum Gebetsruf sogar als Einknicken vor dem türkischen Präsidenten Erdoğan, den sie fälschlicherweise für einen Verteidiger des Islam hält.

Die Argumente der Islamhasser gehen am islamischen Gebetsruf vollkommen vorbei. Dass es sich um reine Hetze gegen die Muslime handelt, zeigt sich daran, dass es gar nicht um den Inhalt des Gebetsrufs geht, sondern um das, was Islamgegner da mit Gewalt hineininterpretieren. Inhaltlich geht es beim Gebetsruf, wie der Name schon sagt, nur um das Gebet, d. h. um die Ankündigung der jeweils angebrochenen Gebetszeit und dem Aufruf zum Gebet, bei dem am Anfang der takbīr erfolgt und das Glaubensbekenntnis gesprochen wird. Wenn eine Mehrheitsgesellschaft nicht in der Lage ist, das zu akzeptieren, und dem einfachen islamischen Gebetsruf eine Gefährdung unterstellt, legt sie offen, wie ausgeprägt ihre Feindseligkeit gegenüber dem Islam tatsächlich ist. Am Grad der Aufregung um den Gebetsruf kann man den Islamhass in der Gesellschaft messen.