Inland Chronik der Islamfeindlichkeit (Teil 2): Der Reformator

Wenn man eine Person besonders hervorheben müsste, die die Islamfeindlichkeit in Deutschland gesellschaftsfähig gemacht hat, dann ist sicherlich Thilo Sarrazin zu nennen.

Wenn man eine Person besonders hervorheben müsste, die die Islamfeindlichkeit in Deutschland gesellschaftsfähig gemacht hat, dann ist sicherlich Thilo Sarrazin zu nennen. Er war es, der eine moralische Mauer zum Einsturz brachte und die bürgerliche Mitte des Landes nach rechts rücken ließ. Islamfeindlichkeit und Rassismus erschienen mit seiner Hilfe von nun an im Tarnanzug der Kritik, welche avantgardistisch schien. Im Herbst 2009 gab der damalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin dem Magazin Lettre International sein Interview mit dem Titel „Klasse statt Masse“. Dort brachte er seine Besorgnis zum Ausdruck, dass die Elite des Landes, die sogenannte Klasse, über die Jahre hinweg von den ökonomisch Unbrauchbaren, der Masse, verdrängt werde. Dazu zählten Hartz IV-Empfänger, Migranten und vor allem Muslime. „Die Türken“ und „die Araber“, hätten keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, so Sarrazin. In diesem Interview offenbarte sich Sarrazins Abscheu und Ekel vor den Muslimen. Ganz nach nationalsozialistischer Manier entmenschlichte und objektifizierte er eine gesamte Religionsgemeinschaft. Frauen mit Kopftuch bezeichnete Sarrazin geringschätzend als „Kopftuchmädchen“, die ständig „produziert“ werden. Der geachtete Volkswirt in Anzug und Krawatte, ein Mitglied der SPD, verfügte über das außerordentliche Talent, das NPD-Gedankengut des ungebildeten Nazis in Bomberjacke und Springerstiefel für die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ sprachlich aufzuwerten. Luther übersetzte das Neue und Alte Testament ins Deutsche, weil er beseelt war von der Idee, dem einfachen und weniger gebildeten Volk den Zugang zur Bibel zu vereinfachen. Sarrazin hingegen übersetzte die menschenverachtenden Stammtischparolen des einfachen Rassisten in ein sachliches Deutsch. Er war beseelt von dem Gedanken, der Elite und dem gebildeten Volk in Deutschland den Zugang zur Islamfeindlichkeit zu erleichtern. Er war der Reformator der gebildeten Islamhasser, unter dem Deutschland nun noch islamfeindlicher wurde. Nachdem er nun die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime als wirtschaftlich nutzlosen Fremdkörper beschrieb, der nichts anderes täte, als laufend „kleine Kopftuchmädchen“ in die Welt zu setzen bzw. zu „produzieren“, war die Empörung zunächst groß. Doch gleichzeitig war schon Beifall für Sarrazins Pöbeleien zu hören. Er war zu dem Zeitpunkt lediglich noch nicht so laut.

Nur ein Jahr später veröffentlichte er sein berühmtestes Buch „Deutschland schafft sich ab“. Mit der Veröffentlichung seines Buches konnte der SPD-Politiker seine kruden Thesen über muslimische Einwanderer, die er zuvor im Lettre-Interview 2009 veröffentlichte, nun einem breiteren Publikum zu Verfügung stellen. Sarrazin zeichnete für Deutschland eine düstere, apokalyptische Bevölkerungsvision: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.“ So nährte der Volkswirt die ohnehin präsente Angst vor dem Islam und bot den Islamhassern in der Sprache seines Buches die nötige Zuflucht. So schreibt er: „Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird.“ Dank der vorangegangenen medialen Inszenierung und diverser Vorabdrucke im SPIEGEL und in der BILD war die Erstauflage innerhalb weniger Stunden vergriffen. „Deutschland schafft sich ab“ erreichte beinahe Auflagenzahlen wie „Harry Potter“ und übt bis heute nachhaltig Wirkung aus.

Ungeachtet der Tatsache, dass sich Sarrazin in seinem Buch im Grunde zum Sozialdarwinismus und zur Eugenik bekennt, fiel die Kritik im Lande doch recht mild aus. So beruft er sich beispielsweise auf Francis Galton, dem Gründungsvater der Eugenik: „Jeder Hunde- und Pferdezüchter lebt davon, dass es große Unterschiede im Temperament und im Begabungsprofil der Tiere gibt und dass diese Unterschiede erblich sind. Das heißt auch, dass manche Tiere schlichtweg dümmer oder wesentlich intelligenter sind als vergleichbare Tiere ihrer Rasse.“ Im gleichen Atemzug rühmt er Galton als „Vater der frühen Intelligenzforschung“ und verschweigt gleichzeitig, dass dieser sogenannte „Intelligenzforscher“ das Fundament baute, auf dessen Grundlage Jahrzehnte später Menschen ermordet oder zwangssterilisiert wurden. Sarrazin spricht in seinem Buch ganz ungeniert von „Auslese“ und „Zuchtwahl“ und man hätte in der Tat einen Aufschrei der Entrüstung vermuten müssen, aber der blieb aus. Nein, Deutschland diskutierte darüber, ob Sarrazin ein Rassist sei oder ob er mit seinem Buch nicht nur einen Beitrag zur Integrationsdebatte leisten wolle. Es wurde tatsächlich die Frage aufgeworfen, welche Äußerungen im Rahmen der Meinungsfreiheit noch akzeptabel seien. Sarrazin präsentierte der Gesellschaftsmitte ihre muslimischen Nachbarn nicht mehr nur als Menschen, denen man nicht trauen könne, sondern als intelligenzverminderte, wesensfremde Lebewesen, die man an der Fortpflanzung hindern sollte, da sie sonst die ganze Zucht gefährden würden. Sarrazins Diffamierung des Islam und die Stigmatisierung der Muslime stieß auf eine aufnahmebereite Stimmungslage bei der gutbürgerlichen Mittelschicht. Der Philosoph Peter Sloterdijk und der Blechtrommel-Regisseur Volker Schlöndorf äußerten sich lobend oder gar zustimmend. Der verstorbene Mitherausgeber der FAZ Frank Schirrmacher, der Martin Walser Jahre zuvor Antisemitismus bescheinigte, weigerte sich, in Sarrazin einen Rassisten zu sehen. Natürlich soll das nicht heißen, dass die Veröffentlichung des Buches nicht folgenlos für Sarrazin blieb. Er wurde beispielsweise als Bundesbank-Vorstand entlassen und ein Parteiausschluss aus der SPD wurde nach drei Anläufen 2020 erreicht, aber summa summarum wuchs sein Bankkonto proportional zu seiner Popularität. Er wurde zum „Märtyrer der Meinungsfreiheit“ gekürt und jede noch so berechtigte Kritik wurde als „Hexenjagd“ abgewertet. Dank Sarrazin mischte sich zu den üblichen Ressentiments gegen den Islam die Einstellung „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“.

Es war sogar von einem Sarrazin-Effekt die Rede, denn die Debatte über die Muslime zeigte bei der Bevölkerung Wirkung. Nach einer Studie der Universität Leipzig fanden im Herbst 2010 mehr als ein Drittel der Befragten Deutschland ohne Islam besser. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung habe die Islamfeindlichkeit nach Sarrazin sogar deutlich zugenommen. Obwohl Sarrazin nicht im Geringsten daran interessiert, war die SPD zu verlassen oder sich von dieser ausschließen zu lassen, geisterte in der Medienlandschaft das hartnäckige Gerücht, er wolle eine eigene Protestpartei gründen, die sogenannte Sarrazin-Partei. Jeder fünfte Deutsche, also ca. 18 %, hätte laut einer Umfrage der BILD AM SONNTAG vom September 2010 eine solche Sarrazin-Partei auch theoretisch gewählt. Ganz egal, ob es tatsächlich zu diesem hohen Ergebnis gekommen wäre, hatte Sarrazin die politische Landschaft längst massiv verändert, denn er hatte die Parteien sukzessiv nach rechts geleitet. Damals kämpfte die CDU ähnlich wie heute mit schlechten Umfragewerten und die Werte des damaligen Koalitionspartners FDP befanden sich im Keller. Die Volksparteien schielten verstohlen auf die Heimatlosen am rechten Rand und passten ihr Vokabular adäquat an.

Vor diesem Hintergrund entwickelte sich für die Muslime zunehmend eine verschärfte politische Drohkulisse. Diese Situation wurde kurzfristig durch die sich überschlagenden Ereignisse in der islamischen Welt entschärft. Durch den sogenannten Arabischen Frühling wurde diese Form der Islamdebatte für eine gewisse Zeit unterbrochen. Aber es war nur eine Frage der Zeit, wann die erste Partei den rechtspopulistischen Zug wieder zum Fahren bringt. Inzwischen sind all die heimatlosen Rechten bei der AfD sesshaft geworden, die sich bei den anderen Volksparteien nie so recht beheimatet fühlten. Konnten die Bürger dieses Landes die Sarrazin-Partei nur theoretisch wählen, ist das bei der AfD auch praktisch möglich. Was sich noch vor einem Jahrzehnt niemand in Deutschland so wirklich vorstellen konnte, dass nämlich eine Partei, die mit offen rechtem und antisemitischem Gedankengut auffällt, irgendwann im Bundestag sitzt, wurde dank des Reformators Sarrazin Realität. „Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden dieses Land nicht retten“. Dies verkündete Alice Weidel, die Fraktionsvorsitzende der AfD, während einer Bundestagsdebatte am 16. Mai 2018. Zwar wurde sie dafür gerügt, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass im Bundestag die Sprache Sarrazins gesprochen wird und sich ein Begriff wie Kopftuchmädchen in den Köpfen und im Wörterbuch der Öffentlichkeit festsetzen konnte.