Inland Es waren „nur“ Schüsse

Der Anschlag auf eine Moschee in Halle ist schon wieder vergessen, weil Angriffe auf Muslime grundsätzlich verharmlost werden. Das liegt sowohl an der Politik als auch an den Medien, die Vorfälle wie den in Halle herunterspielen.

Der Unterschied zwischen der Berichterstattung über einen Anschlag auf eine Synagoge und dem auf eine Moschee ist der Unterschied zwischen einem Schrei und einem Flüstern. Jeder noch so kleine Angriff auf eine Synagoge oder eine Person jüdischen Glaubens ist in den Medien präsent und zieht eine breite Debatte über Antisemitismus in der Gesellschaft nach sich. Angriffe auf Muslime tauchen zwar auch in den Medien auf, aber die Berichterstattung ist fast unsichtbar, so dass der Gedanke gar nicht erst aufkommen kann, dass die Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft stetig zunimmt und die zunehmenden Angriffe auf Muslime eine Folge dessen sind. Es soll ja niemand auf die Idee kommen, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus auf eine Stufe zu stellen.

Was war geschehen? Am 23. Januar schoss eine Person während des Mittagsgebets mit einem Luftgewehr auf eine Moschee in Halle. Es war ein gezielter Angriff auf Muslime. Man hatte einen Verdächtigen mit einer entsprechenden Waffe, aber dieser war nach seiner Vernehmung wieder auf freiem Fuß. Der Täter hatte billigend in Kauf genommen, dass jemand verletzt oder getötet wird. Nun ermittelt der Staatschutz, wie es so schön heißt. Damit ist der Fall für die Öffentlichkeit abgehakt, auch wenn es in der Vergangenheit schon einmal einen ähnlichen Angriff auf dieselbe Moschee gab. Die gute Nachricht bei dem Ganzen ist: Es gab keine Toten und Verletzten. Die schlechte Nachricht: Weil es keine Toten und Verletzten gab, interessiert es die Öffentlichkeit nicht.

Das Interesse der Öffentlichkeit hängt stark von den Medien und ihrer Berichterstattung ab. Geht eine Nachricht wie diese unter oder ist sie schnell vergessen, dann liegt das in erster Linie an den Medien. Denn die Mehrheit der Menschen sucht nicht gezielt nach bestimmten Nachrichten, sondern nimmt das, was ihr die Medien vorsetzen. So machte beispielsweise die BILD diesmal nicht Jagd auf den Attentäter, wo sie doch sonst gerne Täter aufspürt und das Gesicht der Öffentlichkeit zeigt. Die Verharmlosung des Angriffs in den Medien beginnt schon mit der Überschrift. Vergeblich sucht man nach der Schlagzeile „Anschlag auf Moschee in Halle“. Die Medien griffen zwar den Vorfall auf, aber sie beschränkten sich durchweg auf „Schüsse auf Moschee“ in den Schlagzeilen. Wenn man von Schüssen auf eine Moschee spricht, hat das natürlich eine ganz andere Wirkung, als wenn von einem Anschlag die Rede wäre. Ein Anschlag auf eine Moschee macht sofort deutlich, dass die Tat islamfeindlich motiviert ist. Bei Schüssen auf eine Moschee denkt man an einen Gestörten, der mit seinem Luftgewehr durch die Gegend ballert und dabei die Moschee gegenüber trifft. Warum sollte sich die Öffentlichkeit darüber Gedanken machen oder sich zu lange mit einer solchen Nachricht beschäftigen? Jeder weiß aber: Wäre die Moschee eine Synagoge gewesen, hätte es ganz andere Reaktionen gegeben und Solidaritätsbekundungen geregnet.

Weil die Berichterstattung so „nachlässig“ ist, weiß kaum jemand, dass Angriffe auf Moscheen in Deutschland so gehäuft vorkommen, dass sie schon Alltag sind. Laut Statistik kommt es jeden zweiten Tag zu Angriffen auf Moscheen oder zu Drohungen gegen sie. Da aber nicht jeder Fall angezeigt wird, liegt die Zahl sogar höher als die in den Statistiken erfassten Zahlen. Die Fälle reichen von islamfeindlichen und rassistischen Schmierereien über eingeschlagene Fenster und abgelegte Schweinsköpfe bis hin zu Bombendrohungen und, wie man an dem aktuellen Beispiel in Halle sehen kann, Schüssen. Doch noch immer wird Islamfeindlichkeit nicht als Problem der Gesellschaft behandelt – weder von den Medien noch von der Politik. Während man sich darüber einig ist, dass der Antisemitismus in der Gesellschaft bekämpft werden muss, weigert man sich, Islamfeindlichkeit als Problem in der Gesellschaft überhaupt anzuerkennen. Von der Bekämpfung eines solchen sind wir also noch Lichtjahre entfernt.

Es hat Prinzip, dass Anschläge auf Moscheen wenig Raum in den Medien finden. Sie werden, wenn man sie überhaupt aufgreift, nur oberflächlich und halbherzig behandelt und schnell abgetan, ohne sie mit der gegenwärtigen Situation der Muslime zu verknüpfen und eine Verbindung zur Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft herzustellen. Denn sonst müsste man im nächsten Schritt fragen, was man gegen Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft tun kann. Womöglich müssten die Medien dann ihre Berichterstattung bezüglich des Islam überdenken und ändern. Aber das widerspricht ihrem Prinzip, denn sie sind es, die ein negatives Islambild verbreiten, gegen den Islam hetzen und an der Islamfeindlichkeit mitwirken. Das negative Islambild ist das Ergebnis mühevoller jahrzehntelanger Journalistenarbeit. Das können die Medien nicht einfach aufgeben, nur weil es immer mehr Anschläge auf Moscheen gibt oder Muslime häufiger angegriffen werden. Die Medien können nicht einfach mit ihrer Tradition, ja mit der ihnen übertragenen Aufgabe, brechen.