Ausland Der Kampf um Kasachstan

Kasachstans Nasarbajew-Ära mag vorbei sein, aber das Patronage-System besteht noch immer. Dies deshalb, weil die Weltmächte weiterhin auf den Mineralienreichtum des zentralasiatischen Landes fixiert sind.

Während sich mehrere tausend Soldaten der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) mit der dazugehörigen Ausrüstung darauf vorbereiten, Kasachstan nach Beendigung ihrer Stabilisierungsmission zu verlassen, spricht das Schweigen westlicher und chinesischer Diplomaten und Politiker Bände. Es scheint ein allgemeiner Konsens unter denjenigen zu herrschen, die in der internationalen Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielen, nämlich darin, dass der Status quo in der Republik Kasachstan aus verschiedenen Gründen beibehalten werden sollte. Das wichtigste für sie ist dabei die Tatsache, dass Kasachstan jedweden Mangel, den es durch seine geringe Population von nur 19 Millionen Einwohnern hat, durch die Mineralien- und Kohlenwasserstoffvorkommen, die sich unter der kargen kasachischen Erde befinden, mehr als wettmacht.

Kasachstan verfügt über beträchtliche Mineralienreserven, die zudem noch weitgehend unerschlossen sind. Die Zahlen verblüffen und unterstreichen den Wunsch der Welt nach geordneten Verhältnissen in Kasachstan. Das Land verfügt über 30% der weltweiten Chromerz-Reserven, 25% des Manganerzes weltweit, 10% des Eisenerzes weltweit, 5,5% aller Kupferreserven, 10% des Bleis und 13% des weltweiten Zinks. Kasachstan produziert 40% des weltweiten Urans und verfügt zudem über bedeutende Gold-, Kohle-, Bauxit-, Phosphat-, Titan- und Wolframvorkommen. Kasachstan ist derzeit der weltweit führende Uranproduzent, der drittgrößte Chromproduzent und der siebtgrößte Zinkproduzent; eine Unterbrechung der Versorgung mit diesen Mineralien würde die Rohstoffpreise in die Höhe schnellen lassen und den Inflationsdruck weltweit erhöhen.

Was die Kohlenwasserstoffe angeht, so gehört Kasachstan zu den weltweit führenden Ländern. Kasachstan ist der größte Ölproduzent in Zentralasien und fördert jährlich etwa 92 Millionen Tonnen (Mt) Öl. Außerdem verfügt es über die zwölftgrößten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Kasachstan ist zudem ein bedeutender Kohleproduzent; jährlich fördert das Land 108 Mio. Tonnen an Kohle. Damit ist Kasachstan der neuntgrößte Kohleproduzent der Welt. Was Erdgas anlangt, so ist Kasachstan mit einer Förderung von 38,7 Mrd. m³ jährlich der 24. größte Produzent der Welt.

Obwohl Kasachstan über enorme natürliche Ressourcen verfügt, gibt es nur wenig Sekundär- oder Tertiärproduktion. Häufig werden Roherze und Rohöl nach Russland und in die Ukraine exportiert und in Kasachstan kaum oder gar nicht weiterverarbeitet, sodass diese Länder den Löwenanteil der Gewinne einstreichen und Kasachstan der Volatilität des Rohstoffmarktes ausgesetzt ist.

Trotz des enormen Reichtums, der geringen Bevölkerungsanzahl und eines Bruttoinlandsprodukts pro Kopf in Höhe von 9000 US-Dollar gibt es ein alarmierendes Maß an Armut in Kasachstan. Dies deutet auf eine große Ungleichheit bei der Verteilung des Reichtums hin. Da das Land zu stark vom Öl abhängig ist, wirken sich Marktschwankungen stark auf die Einnahmen aus. So lag das Bruttoinlandsprodukt Kasachstans im Jahr 2013 bei 237 Milliarden US-Dollar. Aufgrund des Rückgangs des Rohölpreises bis 2016 sank das BIP jedoch auf 134 Milliarden US-Dollar.

Kasachstan stellt auch eine wichtige Transitroute für Chinas Neue Seidenstraße („Belt and Road Initiative“, kurz BRI) dar, vor allem aufgrund der Verbindungen zu den aufstrebenden Märkten im Osten mit Russland und Europa über Straßen, Schienen und Häfen am Kaspischen Meer. Kasachstan grenzt im Norden an Russland an, im Osten an China, im Süden an Kirgisistan und Usbekistan und im Westen an das Kaspische Meer und Turkmenistan, sodass die Stabilität in Kasachstan für Peking eine entscheidende Rolle spielt.

Politisch gesehen ähnelt Kasachstan anderen zentralasiatischen Republiken. In der Regel verkauft ein ehemaliger Sowjetfunktionär sich selbst als Retter und Gründer der Nation und pflegt infolgedessen einen ausgeprägten Personenkult. Der Personenkult um den ersten Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, hat seit seinem vorgetäuschten Rücktritt nur zugenommen, und zwar durch die Aufstellung von Statuen, die Verleihung des Titels „Führer der Nation“ und sogar die Umbenennung der Hauptstadt des Landes, Nur-Sultan, früher bekannt als Astana, was ebenfalls ihm zu Ehren geschah. Sein Rücktritt war nur dem Namen nach, denn seit dem Rücktritt von Nasarbajew im Jahr 2019 sind in Kasachstan zwei Machtzentren entstanden. Das erste ist die Residenz des ersten kasachischen Präsidenten, Nursultan Nasarbajew, auch bekannt als „die Bibliothek“, und das zweite ist die Residenz des derzeitigen Präsidenten Kasachstans, Kassym-Jomart Tokajew, bekannt als „Akorda“. In jeder dieser Residenzen gibt es eine Gruppe von Loyalisten, die um einen Anteil am großen Reichtum Kasachstans wetteifern. Der Chef des Geheimdienstes, Karim Massimow, ehemaliger Ministerpräsident und Leiter der Nasarbajew-Administration, sowie auch dessen Stellvertreter Samat Abisch, Nasarbajews Neffe wohlbemerkt, haben beide einflussreiche Positionen inne und sind überzeugte Nasarbajew-Anhänger.

Die Intervention der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), oder besser gesagt Russlands, regelt die Machtverhältnisse in Kasachstan entscheidend zugunsten von Präsident Tokajew; obwohl Nasarbajews Position und Sicherheit wahrscheinlich weiterhin gewährleistet bleiben, hat die erwartete Säuberung von Nasarbajews Loyalisten unlängst begonnen. Zwei Schwiegersöhne von Nasarbajew wurden aus ihren Positionen in wichtigen staatlichen Unternehmen entlassen. Viele andere Verwandte und Clanmitglieder fliehen mit ihren unrechtmäßig erworbenen Gewinnen aus dem Land. Die Ära Nasarbajew mag vorbei sein, aber das System der Günstlingswirtschaft besteht fort. Die Loyalisten von Präsident Tokajew müssen mit ihren eigenen Positionen besänftigt werden, und man wird wie üblich ein Auge zudrücken, wenn sie sich ungebührlich verhalten.