Beiträge zum Kalifat Die vermeintliche Umstrittenheit des Kalifats

Manche behaupten, dass es historisch betrachtet selten ein einziges und einheitliches Kalifat gab, weswegen der Islamische Staat eine unrealistische und utopische Idee sei. Die Auseinandersetzung mit diesem Argument ist äußerst wichtig. Kurz gefasst lautet der Grundgedanke dieses Argumentes wie folgt: „Es war praktische Realität, dass es mehrere miteinander konkurrierende Kalifen bzw. Sultane gab. Daher ist es weder eine Verpflichtung, noch realistisch, einen einzigen, gemeinsamen Imam aufzustellen.“

Ohne die Prämisse dieses Arguments zu erörtern, welches an sich als historisch problematisch angesehen werden könnte, ist es wichtig zu berücksichtigen, dass sich der Islam mit der Natur des Menschen in allen Aspekten – politisch, sozial und persönlich – auseinandersetzt. Und indem er dies tat, legte er nicht nur ideale und normative Standards fest, sondern gab den Muslimen auch einen Bezugspunkt für Korrekturen – wie beispielsweise das Gebieten des Rechten und Verbieten des Verwerflichen.

Die Anweisung des Gesandten Allahs (s), dass im Falle der Ernennung von zwei Kalifen der Letztere getötet werden solle, ist ein klarer Beweis dafür, dass unter den Muslimen Uneinigkeit herrschen kann und dass es Situationen geben würde, in denen die Autorität eines Kalifen angefochten wird. Diese Anweisung verdeutlicht sowohl die Ernsthaftigkeit der Angelegenheit im Allgemeinen als auch das klare Gebot, dass die politische Einheit der islamischen Umma fortbestehen muss. So erklärte der Prophet (s) den vorsätzlichen Versuch, der politischen Einheit der Muslime zu schaden, zu einem Kapitalverbrechen und ordnete den Tod desjenigen an, der dieses beging, sollte dies zur Beseitigung des Konflikts erforderlich sein.

Es ist unbestreitbar, dass Uneinigkeit, konkurrierende Ansprüche und alternative Machtpositionen rund um das Kalifat bis in die ersten Jahrhunderte der islamischen Geschichte zurückreichen. Angesichts der umstrittenen Meinungen über Herrschaft und Autorität im Laufe der Geschichte und der Ausbreitung des Islams bis nach Spanien und Indien wurden solche Realitäten von allen Gelehrten, die sich zu diesem Thema äußerten, berücksichtigt. Ihre überwiegende Mehrheit vertrat dennoch die Auffassung, dass die islamische Herrschaft unabhängig vom jeweiligen Status quo darin bestand, dass ein einziger Herrscher eingesetzt werden musste.

In Bezug auf die Frage, was in einer Situation zu tun ist, in der es aufgrund von Defiziten innerhalb der muslimischen Gemeinschaft zu einer Spaltung kommt, schrieb Taqī ad-Dīn Aḥmad ibn Taimīya, dass es unerlässlich ist, dass jeder Regent den Islam, solange seine Autorität fortbesteht, weiterhin umsetzt. So schrieb er:

„Gemäß der Sunna sollten die Muslime einen einzigen Imam haben, und die anderen Führer sind seine Assistenten. Wenn es der Fall wäre, dass die muslimische Umma nicht mehr unter einem einzigen Herrscher vereint ist, aufgrund der Sündhaftigkeit einiger Muslime (indem sie sich von der Führung lossagen) und der Unfähigkeit der übrigen Muslime, dies zu verhindern, oder aus irgendeinem anderen Grund, und es infolgedessen zahlreiche Führer gäbe – dann ist es für jeden Führer verpflichtend, die ḥudūd einzuführen und sicherzustellen, dass die Rechte der Menschen gewahrt bleiben.“

Ein kurzer Rückblick auf die islamische Geschichte genügt um festzustellen, dass die islamische Umma in Zeiten großer Uneinigkeit von noch größerem Unheil heimgesucht wurde. So wie etwa im Fall von Al-Andalus, der langen Besetzung muslimischer Gebiete einschließlich Jerusalems durch die Kreuzzügler, der Plünderung von Bagdad und schließlich der Abschaffung des Kalifats selbst. Dies sind nur einige Beispiele für den Verlust von Autorität und Sicherheit, die der Ausbreitung der islamischen Autorität und Sicherheit in Zeiten relativer Einheit und Stabilität gegenübergestellt werden können.

Historische Präzedenzfälle sind kein Beweis der Zulässigkeit dieser. Dass diese keine Quelle islamischer Rechtsprechung darstellen, sollte offensichtlich sein. Zu Ende gedacht würde dies nämlich bedeuten, dass wir auf die fehlerhaften oder verbotenen Handlungen einiger historischer Herrscher verweisen und behaupten könnten, dass sie ebenfalls erlaubt waren, da sie schließlich stattfanden. Man könnte auf jene verweisen, die sich mit feindlich gesinnten Gruppen wie den Kreuzzüglern oder Mongolen verbündeten, den Muslimen ihre Erbherrschaft aufzwangen oder auch auf andere Fehltritte bestimmter Herrscher, die unkontrolliert blieben, ob persönlich oder anderweitig. Ein solches Argument ist unverantwortlich, falsch und widerspricht der islamischen Denkweise (ʿaqlīya).

Diese Lektion ist heute noch relevanter denn je, in einer Zeit, in der die Uneinigkeit so groß ist wie nie zuvor. Aus dieser Uneinigkeit resultieren Folgen wie der versuchte Völkermord an Muslimen in Bosnien, China, Burma und Palästina. Wegen dieser Uneinigkeit töten sich Muslime aufgrund von Nationalismus und Stammesdenken. So z.B. im Jemen, während des Irak-Iran-Krieges und im Sudan. Dieser Uneinigkeit haben wir zu verdanken, dass die Muslime vielerorts vertrieben werden, weil ihre Existenz nicht in die gegenwärtigen nationalstaatlichen Strukturen hereinpasst. So z.B. in Kaschmir, im Fall der Kurden, sowie im Falle der Enteigneten in Kuwait. Neben diesen resultieren noch zahlreiche andere Probleme aus der Uneinigkeit der Muslime. Es wären zu viele Probleme, als dass man sie an dieser Stelle aufzählen könnte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Islam eine einheitliche Herrschaft für die Muslime vorschreibt und es obligatorisch ist, ein solches Gemeinwesen anzustreben und dass historische Präzedenzfälle keine Entschuldigung für Untätigkeit oder Pessimismus sind.