Geschichte Wie Ṣalāḥ ad-Dīn Palästina befreite – Teil 2

Während die islamische Welt schockiert zusah, konnten die Kreuzfahrer ihre Position in Jerusalem festigen.

Die Vasallenstaaten

Während die islamische Welt schockiert zusah, konnten die Kreuzfahrer ihre Position in Jerusalem festigen. Innerhalb von nur vier Jahren wurden auf islamischem Boden vier Kreuzfahrerstaaten gegründet: die Grafschaft Edessa, das Fürstentum Antiochia, die Grafschaft Tripolis und das Königreich Jerusalem.

Aufgrund interner Spaltungen und Uneinigkeit war die islamische Welt zersplittert und daher zu schwach, um sich der Besetzung islamischen Bodens entgegenzustellen. So waren selbst die traditionellen Machtzentren in Bagdad, Damaskus oder Kairo nicht in der Lage, angemessen zu reagieren. Obendrein ließen sich einige der umliegenden muslimischen Dörfer und Städte darauf ein, mit den Kreuzfahrerstaaten Handel zu treiben, wodurch die Invasoren ihre Präsenz in der Region festigen konnten.

Stärke durch Einheit

Nach dem Verlust von Jerusalem ließen die angrenzenden muslimischen Stadtstaaten ein halbes Jahrhundert verstreichen, ohne dieses gewaltige Unrecht zu beseitigen. Erst mit dem türkischen Emir ʿImād ad-Dīn Zankī, der über die Stadt Mossul im Nordirak herrschte, erfolgte endlich eine würdige Antwort der Muslime. Es gelang ihm, Mossul und Aleppo zu einem Staat zu vereinigen und eine ausreichend starke Streitmacht aufzustellen, um den Besatzern die Stirn zu bieten. Mit der geballten Stärke der beiden größten Städte der Region eroberte seine Armee im Jahr 1044 die Grafschaft Edessa. Auch wenn es sich dabei um den nördlichsten und schwächsten Kreuzfahrerstaat handelte, war damit der Grundstein zur Befreiung des gesegneten Landes gelegt worden. Die Kreuzfahrer sahen im Verlust von Edessa keinen Grund zur Besorgnis – ähnlich wie einst die naiven Emire den Verlust Antiochias als wenig bedeutend eingeschätzt hatten – was sich in beiden Fällen jedoch als großer Fehler herausstellen sollte.

Angesichts der anhaltenden Bedrohung durch die Kreuzfahrer bestand ʿImād ad-Dīns Strategie darin, auch Damaskus unter seine Kontrolle zu bringen, um ein geeintes Syrien zu bilden. Allerdings konnte er seinen Plan zunächst nicht verwirklichen, weil sich die alte Stadt nicht dazu überreden ließ. Der Emir von Damaskus blieb stur und weigerte sich, etwas von seiner eigenen Macht abzugeben – selbst im Namen der muslimischen Einheit war er dazu nicht bereit gewesen.

Nachdem ʿImād ad-Dīn 1146 starb, führte sein Sohn Nūr ad-Dīn den Kampf um die Wiedervereinigung der islamischen Welt energisch fort. Innerhalb von nur drei Jahren war es Nūr ad-Dīn Zankī gelungen, die meisten Gebiete um Antiochia zu erobern und 1154 den uneinsichtigen Emir von Damaskus abzusetzen. Unterstützt wurde er dabei durch die örtliche Bevölkerung, die das verräterische Bündnis des Emirs mit den Kreuzfahrerstaaten satt hatte.

Nachdem Syrien schließlich unter einem einzigen Herrscher vereint war, musste nur noch die Problematik Ägyptens geklärt werden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Kreuzfahrer nach Süden gewandt, um Ägypten zu erobern und ihre Position in dieser Region zu stärken. Inzwischen ahnten auch die Fatimiden, dass ihre Niederlage unausweichlich war, weshalb sie sich an Nūr ad-Dīn wandten. Im Namen der islamischen Einheit entsandte er schleunigst eine Armee und besiegte die Kreuzfahrer, noch bevor sie Ägypten einnehmen konnten. Doch kaum waren die Fatimiden vor einem Gemetzel gerettet worden, schlossen sie ein Bündnis mit den soeben besiegten Kreuzfahrern, um Nūr ad-Dīns Armee aus Ägypten zu vertreiben. Dieser Hochverrat zwang Nūr ad-Dīns Armee, sich aus Ägypten zurückzuziehen. Doch nur vier Jahre später wandten sich die Fatimiden wieder an Nūr ad-Dīn, da die Kreuzfahrer erneut in Ägypten einfielen. Nūr ad-Dīn Zankīs Armee zog ein zweites Mal nach Ägypten aus und besiegte sowohl die Kreuzfahrer als auch die Fatimiden. Zankīs oberster General Asad ad-Dīn Šīrkūh wurde mit der Verwaltung Ägyptens beauftragt. Als er 1169 an einer Krankheit starb, übernahm sein Neffe Yūsuf, den wir alle als Ṣalāḥ ad-Dīn al-Aiyūbī kennen, seine Nachfolge als Statthalter (Wālī) von Ägypten.

Die Umzingelung des Feindes

Kaum hatte Ṣalāḥ ad-Dīn dieses Amt übernommen, begann er damit, Ägypten zu konsolidieren und alle Überreste der Fatimiden auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen. Die heterodoxen Fatimiden, die der muslimischen Welt seit Jahrhunderten ein Stachel im Fleisch waren, wurden endlich ausgemerzt. Die al-Azhar-Universität, einst eine Bastion der ismailitischen Propaganda, wurde in eine traditionelle islamische Schule umgewandelt und ist dies auch heute noch.

Da der Grundstein zur Befreiung Jerusalems bereits gelegt worden war, machte sich Ṣalāḥ ad-Dīn schleunigst daran, die gesegnete Stadt von den Kreuzfahrern zu befreien. Er unterzeichnete zunächst Friedensverträge mit dem Königreich Jerusalem, um dadurch Zeit zu gewinnen und die muslimischen Gebiete um Jerusalem vereinigen zu können. Als Nūr ad-Dīn 1174 an einer Krankheit starb, marschierte Ṣalāḥ ad-Dīn als wālī in Syrien ein. Durch diesen strategisch sehr bedeutenden Schritt verhinderte er, dass ein Machtvakuum entsteht und seinen Plan zur Befreiung Jerusalems gefährdet. Anstatt auf Gegenwehr zu stoßen, erfuhr Ṣalāḥ ad-Dīn die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit, da es ihm soeben gelungen war, Ägypten und Syrien zu vereinigen. Zum ersten Mal seit dem Fatimidenaufstand bildeten diese beiden islamischen Provinzen endlich wieder eine Einheit. Ṣalāḥ ad-Dīn ruhte sich jedoch nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern unternahm sogleich Schritte, um auch den Irak anzugliedern. Als Folge davon war das Kreuzfahrer-Königreich Jerusalem schlagartig von einem großen und geeinten islamischen Staat umgeben. An der Spitze dieses mächtigen Staates stand ein entschlossener Herrscher, der es als seine islamische Pflicht ansah, Jerusalem zu befreien.

Im Jahr 1187 kam es zur entscheidenden Schlacht von Ḥiṭṭīn, in der Ṣalāḥ ad-Dīns Armee das Kreuzfahrerheer von Jerusalem vernichtend schlug. Die wenigen Kreuzritter, die in Jerusalem geblieben waren, kapitulierten, als Ṣalāḥ ad-Dīns Armee vor den Toren der Stadt stand. Und so konnte Ṣalāḥ ad-Dīn die gesegnete Stadt befreien. Im Gegensatz zu den Kreuzfahrern, die bei ihrem Einzug in Jerusalem die gesamte Bevölkerung massakriert hatten, verschonte Ṣalāḥ ad-Dīn alle Einwohner der Stadt. Obendrein gewährte er den Christen eine sichere Überfahrt nach Europa und erlaubte ihnen sogar, ihr Hab und Gut mitzunehmen. Die zahlreichen Kirchen in Jerusalem standen fortan unter dem Schutz der Muslime und den Christen wurden Pilgerfahrten zu ihnen erlaubt.

Siehe auch Teil 1: Wie Ṣalāḥ ad-Dīn Palästina befreite – Teil 1

Siehe auch Teil 3: Wie Ṣalāḥ ad-Dīn Palästina befreite – Teil 3