Konzeptionen Der Islam und die ökologische Herausforderung (Teil 4) – Wie der Kapitalismus die Umwelt schädigt

In dieser 6-teiligen Serie befasst sich Dr. Abdul Wahid mit den ökologischen Herausforderungen und ihren Ursachen. Gleichzeitig beleuchtet er die zahlreichen Gipfeltreffen, die versucht haben, das Problem anzugehen. Darüber hinaus werden die ökologischen Herausforderungen in der muslimischen Welt untersucht und die einzigartige Perspektive des Islam auf die Umwelt aufgezeigt.

Der Kapitalismus besitzt mehrere inhärente Merkmale, die Umweltschäden verursachen oder verschlimmern. In diesem Abschnitt möchten wir diese Merkmale untersuchen, wobei wir einige von ihnen näher betrachten werden, um sie später mit dem islamischen System zu vergleichen.

Stichpunkte:

– Dem Kapitalismus sind bestimmte Faktoren immanent, die Umweltschäden verursachen oder zusätzlich verstärken. Dies geschieht durch Verschmutzung, rücksichtslose Ausbeutung von Ressourcen und Anhäufung von Abfallprodukten.

– Im Kapitalismus werden Volkswirtschaften entsprechend ihrem Streben nach Wachstum beurteilt. Dabei liegt die oberste Priorität jeder Wirtschaft darin, möglichst hohe Gewinne für die Unternehmen zu erzielen und nicht im Wohlergehen der Menschen.

– Das globale Finanzsystem, das auf Zins, Zinseszins (ribā) und Fiat-Währungen basiert, ermöglicht mancherorts ein exponentielles Wirtschaftswachstum. Dadurch nehmen allerdings auch die toxischen Auswirkungen exponentielle Dimensionen an.

– Der Kapitalismus stützt sich auf den Konsumismus, der die Nachfrage nach zusätzlichen Gütern anheizt. Durch gekonntes Marketing wird die Verschwendung gefördert. Auf diese Weise werden Menschen ständig zum Kauf neuer Produkte animiert, nur weil es das „neueste“ Telefon, die „modernste“ Kleidung, das „aktuellste“ Automodell usw. sein muss.

– Im kapitalistischen System gibt es einen inhärenten Widerspruch – ein unlösbares Dilemma: Einerseits muss sich alles dem Hauptziel unterordnen, um ewiges Wachstum und größtmögliche Gewinne zu erzielen – andererseits möchte man aber auch Umweltschutz betreiben und Schäden an Mensch und Natur vermeiden.

– Im Endeffekt ist die Wirtschaft im Kapitalismus jedoch immer darauf ausgerichtet, die künstlich aufgeblähte Nachfrage zu befriedigen – egal um welchen Preis. Daher ähneln „Lösungen“ für Umweltprobleme in diesem System eher dem Löschen von bereits lodernden Bränden und nicht der Bekämpfung der eigentlichen Brandursachen.

– Darüber hinaus fördert der Kapitalismus Krisenherde und schürt Konflikte bzw. Kriege, wodurch die Umwelt zusätzlich geschädigt wird. Vor allem der militärisch-industrielle Komplex trägt massiv zur Umweltzerstörung bei, da militärisches Gerät unverhältnismäßig viel Schaden an Mensch und Natur anrichtet. Bei den meisten internationalen Konflikten geht es nämlich darum, schwächere Staaten zu kolonisieren, weshalb mächtige Staaten oftmals nicht davor zurückschrecken, zu militärischen Mitteln zu greifen.

– Es ist ein System, das die Menschen entlang nationaler Grenzen trennt. Somit werden sie genötigt, sich um Wasserwege, Öl, Gas, Mineralien und vieles mehr zu streiten, anstatt zu kooperieren und die Schätze dieser Welt miteinander zu teilen.

– Solange Staaten untereinander um Ressourcen konkurrieren und materiell mächtiger sein möchten als ihre Nachbarn, wird ihre Zusammenarbeit zur Verringerung von Umweltschäden wahrscheinlich nicht aufrichtig sein. Vielmehr werden sie sich gegenseitig verdächtigen und Umweltschutzabkommen eher dazu zu missbrauchen, um die eigenen Rivalen zu knebeln.

– Diverse Staaten in der muslimischen Welt – wie beispielsweise die Golfstaaten – verfolgen dieselben kapitalistischen Ziele und ahmen den Stil des Westens nach. Ihre egoistischen und luxuriösen Bauvorhaben führen zu extremer Vergeudung von Ressourcen und bringen den einfachen Menschen nur wenig Nutzen.

– Infolgedessen wird offensichtlich, dass nicht nur der Kapitalismus als System versagt und die Menschheit im Stich gelassen hat, indem er ihre Beziehung zum Planeten vehement aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Vielmehr haben es auch die einflussreichen Staats- und Regierungschefs versäumt, eine echte, verantwortungsvolle Führungsrolle zu übernehmen und adäquate Lösungen anzubieten.

– Die vorgeschlagenen Lösungen sind weder angemessen noch zielführend, da sie so gesetzt wurden, um im Rahmen des bestehenden Systems umgesetzt zu werden. Dabei war es eben dieses System, das dazu geführt hat, dass viele der Probleme überhaupt erst entstanden sind.

Im nächsten Schritt möchten wir einige dieser Ursachen näher betrachten.

3.1 Der Wachstumszwang des Kapitalismus

Der Kapitalismus hat einen eingebauten Wachstumszwang und ist auf ein endloses Wirtschaftswachstum angewiesen. Das bedeutet, dass die Produktion von Waren und Dienstleistungen stetig steigen muss. Dadurch soll verhindert werden, dass das kapitalistische System implodiert. Gleichzeitig dient das exponentielle Wachstum der Aufrechterhaltung eines Geldsystems, das ursprünglich entwickelt wurde, um die Funktionsweise des Kapitalismus zu unterstützen. Dieses Fiat-Geldsystem basiert auf dem Prinzip der kreditbasierten Geldschöpfung. In anderen Worten: durch die Vergabe von Krediten, haben Banken die Möglichkeit, ständig neues Geld zu schaffen, was zu einer stetig wachsenden Geldmenge führt.

Eben dieses unnatürliche Streben nach ewigem Wachstum stellt die größte Belastung für die Umwelt dar. Da die kapitalistische Wirtschaft jedoch unfähig ist, ohne dieses unbegrenzte Wachstum zu überleben, erzeugt sie auf einem begrenzten Planeten ein unlösbares Dilemma. Dieses systembedingte Dilemma muss besser verstanden werden, wenn wir den derzeitigen Kurs ändern wollen. Mittlerweile ist es dringend notwendig, den eingeschlagenen Kurs zu ändern, da er zerstörerisch und keineswegs nachhaltig ist.

Das Gebot des ewigen Wachstums ist die unmittelbare Ursache für die immense Zunahme der industriellen Tätigkeit und der damit verbundenen Abfälle, die sich aus der bedenkenlosen Nutzung fossiler Brennstoffe ergeben. Infolgedessen leidet die gesamte Welt unter erhöhten Schadstoffbelastungen und der Unterbrechung natürlicher Kreisläufe wie des Kohlenstoff- und Stickstoffkreislaufs. Dabei sind diese Kreisläufe der Natur für die empfindliche Nahrungskette, von der das Leben selbst abhängt, unentbehrlich.

3.2 Das Geldsystem

Betrachten wir das Geldsystem des kapitalistischen Wirtschaftssystems, stellen wir fest, dass es sich um ein Fiat-System handelt. Im Gegensatz zu den Anforderungen des islamischen Wirtschaftssystems, in dem die Währungseinheit auf Gold und Silber basieren muss, hat das Geld im Fiat-System keinen intrinsischen Wert und ist nicht durch reale Güter gedeckt.

In kapitalistisch organisierten Gesellschaften existiert eine inhärente Tendenz zur Beeinflussung der Politikgestaltung durch diejenigen, die über Kapital und monetäre Macht im Allgemeinen verfügen. Infolgedessen steht die Politik heutzutage unter dem Einfluss kleiner Teile der Bevölkerung und wird entsprechend verzerrt. Solche Partikularinteressen können am besten mithilfe eines Geldsystems gedeihen, das die Geldmenge künstlich vermehren kann. Im Gegensatz dazu bietet ein Währungssystem, das durch Sachwerte wie Gold und Silber gedeckt ist, solchen Manipulationen keinen fruchtbaren Boden. Da Edelmetalle von Natur aus begrenzt sind und durch vorangehenden Einsatz erst abgebaut werden müssen, ist die beliebige Ausweitung ihrer Menge nicht möglich.

Dieses künstlich geschaffene Geld (Fiat-Geld) kann für Projekte ausgegeben werden, die lediglich den Interessen von Unternehmen dienen. Indem zahlungskräftige Konzerne gezielt Lobbyarbeit betreiben, können sie Einfluss auf die politischen Entscheidungen nehmen. Kriegsausgaben sind ein Paradebeispiel für derartige Praktiken, die nur den Interessen der Waffenhersteller dienen. Dabei müssen die Rüstungsschmieden nicht darauf warten, dass eine Regierung die Steuern erhöht. Stattdessen kann die Regierung über Banken, die genau mit diesem Fiat-System arbeiten, einfach Defizitausgaben tätigen, indem Schuldscheine an den Bankensektor ausgegeben werden. Im kapitalistischen System basiert die Funktionsweise der Banken auf dem Mindestreserve-Modell. Dadurch sind die Banken in der Lage, neue Kredite zu schaffen, auch wenn die Sparer vorher keine weiteren Einlagen getätigt haben. Diese gängige Praxis führt allerdings dazu, dass sich das Geld noch weiter von jeglichem greifbaren Vermögenswert entkoppelt.

Im Falle eines Kredits besteht die Ironie darin, dass die Zinspflicht eine weitere Geldschöpfung erforderlich macht, um die Zinsen bedienen zu können. Dadurch wird die Wechselwirkung zwischen beiden Kräften weiter hochgeschaukelt. Auf diese Weise entsteht ein Zwang zum immer größeren Wachstum, wobei die Gewinne aus diesen zusätzlichen Waren und Dienstleistungen zur Bedienung der Schulden verwendet werden.

Es liegt auf der Hand, dass das ungebremste und nicht nachhaltige Wachstum unzählige Umweltschäden verursacht hat. Gleichzeitig bildet der Glaube an das ewige Wachstum und das Fiat-Geld die Grundüberzeugung des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das Geflecht zwischen Schulden und Schuldendienst durch endlose Zinsen ist so mächtig geworden, dass selbst Menschenleben und Umwelt nicht länger unverletzbar sind. In einer kapitalistischen Weltsicht steht das beschriebene finanzielle Zusammenspiel über allem anderen, sogar über allem Lebendigen. Betrachtet man nur die Kriege, die um Ressourcen geführt werden, wird dieser Zusammenhang offensichtlich. Dass im Irakkrieg Bomben mit angereichertem Uran abgeworfen wurden, wodurch hunderttausende an Krebs gestorben sind, dürfte angesichts der finanziellen Interessen kaum eine Rolle gespielt haben.

3.3 Der Konsumismus

Wie könnte man jeden davon überzeugen, sich freiwillig an endlosen Ausgaben zu beteiligen, nur um die Räder der derzeitigen Ordnung am Laufen zu halten? Relativ einfach: durch das Phänomen des Konsumismus.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat die Geschäftswelt Wege gefunden, das Konsumverhalten der Verbraucher massiv zu beeinflussen. Als Vorreiter dieser Manipulation des Konsumverhaltens gilt Edward Bernays, der Neffe von Sigmund Freud. Gekonnt nutzte er die Erkenntnisse seines Onkels über die menschliche Psyche, um Verbraucher dazu zu bringen, Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchten, oftmals mit Geld, das sie nicht hatten. Diese Manipulationstechniken wurden über die Jahrzehnte weiterentwickelt und verfeinert. Mittlerweile werden dafür auch Algorithmen eingesetzt, sodass Tech-Giganten mithilfe von sozialen Medien das Konsumverhalten noch gezielter beeinflussen können.

Die Tatsache, dass die Reallöhne seit den 1970er Jahren stagnieren, hat allerdings zu einem neuen Phänomen geführt. Damit die Verbraucher ihre Gewohnheiten nicht ändern mussten und nach wie vor fröhlich weiter konsumieren konnten, ist die private Verschuldung seither signifikant angestiegen.

Dieses unnatürliche und uneingeschränkte Streben nach aggressivem Wachstum führt häufig dazu, dass im Produktionsprozess minderwertige Materialien verwendet werden müssen. Die Folgen dessen werden am Beispiel billig hergestellter Kleidung aus Fernost deutlich. Da aus Kostengründen allzu oft Acryl verwendet wird, gelangen beim Waschen mikroskopisch kleine Plastikfasern in den Wasserkreislauf, die von Fischen im Meer aufgenommen werden. Entweder sterben die Fische daran, oder das schädliche Mikroplastik landet schließlich auf unseren Tellern.

3.4 Der Geltungskonsum

Wenn beim Konsum nicht die Ware an sich entscheidend ist, sondern das Gefühl, das beim Käufer durch den Erwerb des begehrten Objektes ausgelöst wird, dann erfüllt der Konsum einen umfassenderen Zweck. In diesem Fall wird konsumiert, um die Gefühle der Mitmenschen zu formen und die Gefühle des Konsumenten bezüglich seines Kaufverhaltens zu beeinflussen. Dieses Konzept lässt sich am besten mit der Idee des „Geltungskonsums“ (Conspicuous Consumption) erklären.

Der amerikanische Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen prägte diesen Begriff in seinem Buch „Theorie der feinen Leute“ (1899).

Der Geltungskonsum basiert auf der Idee, dass Menschen bestimmte Waren oder Dienstleistungen nicht nur wegen ihrer eigenen Bedürfnisse konsumieren. Vielmehr dient der Konsum auch oder vor allem dazu, anderen Menschen im sozialen Umfeld den eigenen gehobenen Status zu demonstrieren. Diese Erkenntnis beruht darauf, dass Veblen in den Gütern zwei Haupttypen von Nutzen definierte. Er unterschied dabei zwischen der „Brauchbarkeit“ der Güter, d. h. ihrer Fähigkeit, „die Arbeit zu erledigen“, und der „prestigeerzeugenden Funktion“ der Güter. Der zweite Nutzen besteht somit in der Eignung eines Gutes, zur Demonstration des eigenen Status innerhalb der Gesellschaft.

Dieser Gedanke ist eng mit dem Konsumismus verknüpft. Laut Veblen besteht die Funktion der Werbung darin, bei den Verbrauchern ein Verlangen nach Gütern zu wecken, die dazu dienen, Status und Prestige zu demonstrieren.

Dieser Mechanismus treibt den Wachstumsimperativ in erheblichem Maße voran. Der somit geweckte Wunsch „mit den anderen mitzuhalten“ bildet dabei eine Hauptsäule, auf die sich das kapitalistische System stützt. Folglich misst man den eigenen Wohlstand und die eigene Zufriedenheit nicht länger an den eigenen Bedürfnissen, sondern am Konsum der anderen.

Dieser Maßstab steht eindeutig im Gegensatz zu den Werten des Islam. Wie wir später noch erörtern werden, begünstigt der Islam weder eine solche Einstellung noch ein solches Verhalten.

3.5 Die Unfähigkeit der Wirtschaft zu schrumpfen

Im Kapitalismus herrscht die Notwendigkeit, die Geldmenge fortwährend zu erhöhen, um den immer größer werdenden Schuldenberg und die immer höheren Konsumausgaben zu bedienen. Darüber hinaus gibt es allerdings auch weitere systemische Wachstumsfaktoren, die für den kapitalistischen Ansatz typisch sind. Offenkundig wurde dies insbesondere während der Großen Depression in den 1930er Jahren, aber auch die Stagnation der Reallöhne seit den 1970er Jahren verdeutlicht diese Probleme.

Eine dieser systemischen Triebkräfte ist die Unfähigkeit des kapitalistischen Wirtschaftsmodells, eine Stagnation des Wirtschaftswachstums zu überstehen. Somit ist auch sie eine wichtige Triebkraft für die Aufrechterhaltung eines unnatürlichen Wachstums, das die Umwelt weiter belastet. Denn wenn die Wirtschaft stagniert, droht eine Deflation oder ein allgemeiner Preisverfall. Diese Gefahr bereitet wiederum den wirtschaftlichen Entscheidungsträgern große Sorgen.

Wenn im kapitalistischen System die Preise zu sinken beginnen, werden die politischen Entscheidungsträger nervös und warnen vor vielen akuten Problemen. Beispielsweise wird befürchtet, dass sinkende Preise eine Abwärtsspirale auslösen würden, die zu einem immer geringeren Wachstum führt, weil die Verbraucher ihre Käufe aufschieben, in der Hoffnung, dass die Preise weiter sinken werden. Indem sich dadurch die Geschwindigkeit wirtschaftlicher Transaktionen verlangsamt, führt dies zu einer negativen Verstärkungsschleife. Da die politischen Entscheidungsträger oft nicht in der Lage sind, diesen Trend umzukehren, führt er für gewöhnlich zum Zusammenbruch der Wirtschaft. Ein derartiges Szenario konnte während der Großen Depression in Amerika in den 1930er Jahren beobachtet werden. Da dieser Trend auch globale Auswirkungen hatte, führte er neben einer Massenarbeitslosigkeit in den USA auch zum Aufstieg des Faschismus in Deutschland. Auch Japan erlebte ein ähnliches Schicksal als die Blasen-Wirtschaft im Jahr 1989 platzte und zu einem Einbruch der japanischen Wirtschaft führte. Die darauf folgende schwere und anhaltende Deflation wurde als das „verlorene Jahrzehnt“ bekannt.

Das Problem wurzelt jedoch tiefer und liegt nicht allein am Konsumverhalten. Hierbei handelt es sich um eine rein psychologische Zwangsjacke, die sich die Menschen teilweise freiwillig anlegen. Daher lässt sich dieses Phänomen nicht ausschließlich auf manipulatives Marketing zurückführen. An dieser Stelle muss man sich selbstverständlich die Frage stellen: Warum ist es möglich, dass sich die Massen zu dieser kulturellen Krankheit verleiten lassen? Um diese Frage beantworten zu können, reicht es nicht aus, nur das kapitalistische Wirtschaftssystem zu untersuchen. Zwar etablierte sich das kapitalistische Wirtschaftssystem im späten 18. Jahrhundert und basiert vermeintlich auf den einflussreichen Schriften des schottischen Aufklärers Adam Smith, sein Ursprung liegt jedoch in der materialistischen Weltanschauung. Diese hatte sich bereits zuvor herausgebildet und stellt die eigentliche Quelle des Kapitalismus dar. Daher muss die materialistische Weltanschauung näher untersucht werden, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Die Grundlage für den wirtschaftlichen Aspekt der modernen westlichen Zivilisation bilden jene Werte, die sich im Laufe der westeuropäischen Entwicklung durchgesetzt haben. Diese Werte sind aus den Kämpfen der Aufklärung gegen die vorherige Ordnung der Kirche und der Monarchien hervorgegangen. Da die Menschen in Westeuropa jahrhundertelang im Namen der Religion unterjocht wurden, war es unvermeidlich, dass sie schließlich rebellierten. Nach Jahrhunderten wollten die Massen den Status quo nicht länger ertragen und ersetzten die Unterwerfung unter die religiöse Autorität durch die Unterwerfung unter das eigene Ich. Materialismus und eine uneingeschränkte Befriedigung des eigenen Ichs waren die Folgen, die zu endlosen materiellen Bedürfnissen führten. Ab diesem Punkt wurde die Befriedigung der eigenen Wünsche zum ultimativen Ziel derer, die von dieser ideologischen Weltanschauung überzeugt waren.

3.6 Ein System, das Abfall fördert

Das kapitalistische System fördert die Verschwendung auf vielfältige Weise.

Im Februar 2021 wurde publiziert, dass britische Supermärkte jährlich Lebensmittel im Wert von 190 Millionen Mahlzeiten einfach wegwerfen.[1]

Ihre auf Zinsfinanzierung basierende Kaufkraft verschafft den großen Supermarktketten enorme Marktdominanz, wodurch sie die Erzeuger erpressen können, um Lebensmittel sehr billig und in Überschussmengen zu erhalten.[2]

Im Jahr 2018 wurde berichtet, dass sich das Bekleidungsunternehmen Burberry dazu entschloss, alte Bestände (Kleidung, Accessoires, Parfüm) im Wert von 32,3 Mio. Euro zu vernichten, da dies profitabler sei. Wider Erwarten stellt Burberry keinen Einzelfall dar, sondern eher die gängige Praxis. Viele Modeunternehmen sind der Meinung, dass das Vernichten alter Bestände profitabler sei, als den Markt mit billigen Produkten zu füllen. Ironischerweise behauptete das Unternehmen, dadurch einen positiven Beitrag für die Umwelt geleistet zu haben. Burberry hatte nämlich einen Weg gefunden, jene Wärmeenergie einzufangen, die bei der Verbrennung der kostbaren Produkte entsteht. Die immense Verschwendung von Ressourcen, die sich aus der Überproduktion ergibt, wurde gekonnt kleingeredet.[3]

3.7 Das Unvermögen der derzeitigen Lösungen

Die meisten der aktuell diskutierten Lösungen zielen darauf ab, den Klimawandel zu bekämpfen.

Sie haben nicht die Absicht, Konflikte zu beenden oder die korrupten Regierungen in der muslimischen Welt abzusetzen. Ebenso wenig befassen sie sich mit anderen akuten Problemen wie fortwährender Umweltverschmutzung, ungeregelter Abwasserentsorgung oder diversen anderen Bedrohungen, die bereits heute das Leben der Menschen beeinträchtigen.

Stattdessen zielen die Lösungen vor allem darauf ab:

– den Einsatz fossiler Brennstoffe bei der Energieerzeugung zu verringern,

– einen effizienteren Energieverbrauch der Technologie zu erreichen,

– Materialien in größerem Maße zu recyceln, um die Anhäufung biologisch nicht abbaubarer Kunststoffe zu verringern.

All die genannten Absichten sind durchaus willkommene Initiativen. Wenn man allerdings das Ausmaß des Problems erkannt hat, wie dies von den politischen Entscheidungsträger in den führenden Volkswirtschaften der Welt behauptet wird, dann sind die Lösungen völlig unzureichend. Sie ähneln einem Tropfen auf den heißen Stein, da sie sich nicht mit dem Konsumverhalten, dem militärisch-industriellen Komplex oder der Ausrichtung des Wirtschaftswachstums auf Kosten von praktisch allem anderen befassen. Sie richten den Fokus nicht auf die Nachfrageseite der Wirtschaft, sondern nur auf die Angebotsseite und ihre Folgeerscheinungen. Darüber hinaus bleiben die Vorteile, die durch derartige Initiativen erreicht werden können, in ihrer Wirkung begrenzt.

Bezüglich der Absichtserklärung zur Verringerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe, um international vereinbarte CO2-Ziele zu erreichen, sollte Folgendes erwähnt werden:

– Für viele Staaten spielt die Energiesicherheit eine ebenso wichtige Rolle wie der Wunsch, alternative Energiequellen zu nutzen. Dies gilt für die meisten Staaten Europas, die derzeit befürchten, aufgrund ihrer Abhängigkeit von russischem Gas erpressbar zu sein.

– In demokratischen Gesellschaften stehen Regierungen oft unter dem Einfluss der Lobbyarbeit von Konzernen und anderen Drehtür-Effekten. Daher sind sie nur selten dazu bereit, zu weniger umweltschädlichen Energiequellen überzugehen.

– Diese beiden Punkte erklären, warum einige politische Entscheidungsträger die Kernkraft als Alternative zur Verbrennung fossiler Brennstoffe vorschlagen, obwohl die Risiken nicht unbedenklich sind.

– Bei globalen Konferenzen und internationalen Klimazielen behaupten die führenden Staaten der Welt, dass sie nach Lösungen suchen würden, in Wirklichkeit konkurrieren sie jedoch um die geopolitische Führung. Zwar sind die kapitalistischen Staaten die am weitesten entwickelten Länder der Welt, aber gleichzeitig haben sie auch die bisher größten Umweltschäden verursacht. Daher können sie nicht als ehrliche Vermittler angesehen werden, wenn es darum geht, umweltverträgliche Lösungen zu finden. Auch China kann in dieser Angelegenheit nicht als ehrlicher Vermittler betrachtet werden. Zwar hat China ein beispielloses Wirtschaftswachstum erlebt, produziert derzeit aber auch mehr CO2-Emissionen als jedes andere Land der Welt. Daher sollten alle vorgeschlagenen Klimaziele und Reformen mit Skepsis betrachtet werden. Denn oftmals dienen sie in Wirklichkeit als nützliches Mittel, um das Wirtschaftswachstum der übrigen Welt zu hemmen.

In Bezug auf die Verbesserungen in der Technologie gilt:

– Jene Technologien, die eine echte Verbesserung der Energieeffizienz bewirken, sollten begrüßt werden. So sind weniger umweltschädliche Transportmittel oder effizientere Heiz- und Kühlsysteme äußerst willkommen.

– Die Technologie ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Einerseits könnte der technologische Fortschritt zu umweltfreundlicheren Autos oder Mikrochips führen, andererseits könnten Menschen in einer Konsumgesellschaft dazu verleitet werden, die Technologie nicht zweckgemäß zu nutzen. Somit haben effizientere Technologien nicht zwingend nur Vorteile für die Umwelt. Effizientere Automotoren bedeuten beispielsweise, dass weniger Kraftstoff verbraucht wird, wodurch das Autofahren billiger werden kann. Infolgedessen könnten die Menschen dazu verleitet werden, unnötig mehr zu fahren.

– Darüber hinaus existieren auch weitere Aspekte des technologischen Fortschritts, die den Energieverbrauch unverhofft in die Höhe treiben können. Ein solcher Aspekt lässt sich anhand eines modernen Phänomens veranschaulichen – den Kryptowährungen. So verbraucht allein „Bitcoin“ etwa 0,55 % der weltweiten Stromproduktion, was dem Energieverbrauch eines Landes wie Schweden oder Malaysia entspricht.[4]

– Der Wettlauf um technologische Überlegenheit hat einen neuen Kolonialismus angespornt. Mittlerweile existiert ein „Wettrüsten“ bei „grüner Technologie“. Auch im 21. Jahrhundert versuchen mächtige Staaten, Ressourcen zu plündern. Allerdings haben es die heutigen Kolonialisten unter anderem auf Lithium abgesehen, während sie im 19. und 20. Jahrhundert Kriege um Öl und Gas geführt haben. Obwohl sich zahlreiche Menschen anstrengen und mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie neue Lösungen zu finden hoffen, wird eine Tatsache allzu oft übersehen: Technologische Veränderungen innerhalb des bestehenden falschen und verdorbenen kapitalistischen Rahmens werden keine Lösung bringen.

Tatsächlich werden Umweltprobleme durch mehrere Faktoren verursacht; dazu zählen wirtschaftliche, politische und militärische Maßnahmen sowie individuelle Werte. Daher können Lösungen nur durch einen radikalen Wandel der gesellschaftlichen Werte und Systeme erreicht werden. Ein derartiger Wandel würde wiederum die Werte und Verhaltensweisen des Individuums prägen.

[1] Aufgedeckt: UK’s largest supermarkets throw away enough food for 190 million meals each year, Independent, 27 Feb 2021, https://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/supermarket-waste-food-poverty-b1807617.html

[2] Tesco fordert von seinen Lieferanten Preissenkungen bis zum 10. Juli, Reuters, 3. Juli 2020,https://www.reuters.com/article/uk-tesco-suppliers-idUKKBN24422F

[3] Burberry verbrennt Taschen, Kleidung und Parfüm im Wert von Millionen, BBC online, 19. Juli 2018, https://www.bbc.co.uk/news/business-44885983

[4] Siehe: https://cbeci.org