Konzeptionen Der Islam und die ökologische Herausforderung (Teil 6) – Die einzigartige Architektur des Islam und seine Vision für die Menschheit

In dieser 6-teiligen Serie befasst sich Dr. Abdul Wahid mit den ökologischen Herausforderungen und ihren Ursachen. Gleichzeitig beleuchtet er die zahlreichen Gipfeltreffen, die versucht haben, das Problem anzugehen. Darüber hinaus werden hier die ökologischen Herausforderungen in der muslimischen Welt untersucht und die einzigartige Perspektive des Islam auf die Umwelt aufgezeigt.

Stichpunkte:

– Der Islam kam zu den Menschen als eine vollständige, göttlich verordnete Lebensweise, die alle Fragen aus einer umfassenden und integrierten Sichtweise heraus behandelt. Diese von Gott geoffenbarte Vorlage deckt alle Aspekte des menschlichen Lebens ab, sei es in politischer, wirtschaftlicher, sozialer, juristischer oder strafrechtlicher Hinsicht.

– Der Islam zeichnet sich dadurch aus, dass er die individuelle Verantwortung für das eigene Handeln fördert. Er stärkt die Gewissenhaftigkeit des Individuums indem er es an seine Rechenschaftspflicht erinnert. Gleichzeitig schafft er ein optimales Umfeld, das dazu beiträgt, das bestmögliche Verhalten der Menschen zu ermöglichen. Der Islam erlaubt es durchaus, die guten Dinge dieser Welt zu genießen, wobei er die Menschen nicht zum Konsumismus ermutigt.

– Infolgedessen ist im Wirtschaftssystem des Islam die Nachfrage nach materiellen Dingen grundsätzlich viel geringer als im Kapitalismus. Insofern gibt es automatisch auch weniger Verschwendung, Verschmutzung und Umweltschäden durch die Industrie.

– Und schließlich verfügt der Islam über einen politischen und rechtlichen Rahmen, der sich mit allen offensichtlichen Umweltschäden befassen würde. Folglich würden seine politischen Führer die islamische Sicht auf diese Probleme auf der Weltbühne vertreten.

– Zu den Überzeugungen und Ideen des Islam (seiner „fikra“), die sich in den Werten des Individuums und der Gesellschaft widerspiegeln, gehört:Dass die Erde Allah gehört und in Harmonie geschaffen wurde, um Leben zu erhalten.Dass der Mensch vor Allah für alle seine Handlungen verantwortlich ist.Dass der Mensch als Verwalter auf Erden die Verantwortung hat, für die Erde zu sorgen.Dass der Mensch seine individuellen Handlungen so ausführen sollte, dass sie dem Koran und der Sunna entsprechen. Somit darf er beispielsweise kein Verderben (fasād) auf Erden verbreiten und anderen keinen Schaden zufügen. Auch darf er weder das Wasser verschwenden noch die Umwelt verschmutzen. Gleichzeitig wird der Mensch dazu ermutigt, „sich zu begnügen“ und die Jagd nach überflüssigem materiellem Besitz nicht zu seinem Lebensziel zu machen.

– Der Islam verfügt über eine eigene Methode zur Umsetzung, zum Schutz und zur Verbreitung der islamischen Anordnungen. Dies geschieht durch die legitime politische Autorität – das Kalifat. Demzufolge hat der Kalif die Pflicht, sich mit etwaigen Umweltschäden zu befassen. Ob es sich um Wasser- oder Luftverschmutzung handelt, potenzielle Gefahren, die sich aus der Energiegewinnung ergeben, oder das Leid von Tieren in der Massentierhaltung betrifft – für all diese Probleme hat der Islam angemessene Lösung festgelegt.

– Das Kalifat verfügt über diverse Staatsorgane, die unterschiedliche Aufgaben haben. Zu den Organen, die für diese Diskussion relevant sind, gehören folgende:Der Kalif, die bevollmächtigten Assistenten und die Gouverneure (wulāt) sind die politischen Machthaber. Sie haben die Pflicht, sich um die Angelegenheiten der Menschen zu kümmern. Indem sie die Systeme des Islams – Rechtsprechung, Wirtschaft, Gesundheitswesen usw. – umsetzen, erfüllen sie ihre Pflicht. Dabei wenden sie Schaden ab und finden Lösungen für Probleme, wie z. B. die Bekämpfung der Luft- und Wasserverschmutzung.Die Umsetzung des islamischen Wirtschaftssystems fördert den Handel und trägt dazu bei, dass der Wohlstand innerhalb der Gesellschaft zirkuliert. Gleichzeitig kommt sie ohne dem bösartigen Wachstumszwang und dessen toxischen Folgen aus.Das islamische Justizwesen ist für die Überwachung und Durchsetzung von Normen in der gesamten Industriebranche zuständig. In diesem Zusammenhang wäre insbesondere der qāḍī al-ḥisba zuständig, der bei Verstößen gegen diese Normen die erforderlichen Sanktionen verhängen muss und dafür zu sorgen hat, dass der entstandene Schaden beseitigt wird.Das Kalifat verfügt über diverse Kontrollorgane, die die herrschende Autorität zur Rechenschaftspflicht ziehen, wenn sie sich nicht um die Angelegenheiten des Volkes kümmert. Zu diesen gehören der mağlis al-umma (eine Volksversammlung, die konsultiert wird und die Herrschenden zur Rechenschaft zieht), politische Parteien, unabhängige Medien und die Gelehrten (ʿulamāʾ).Die Außenpolitik des Kalifats hat die Aufgabe, die Ideen des Islam an die gesamte Menschheit zu tragen. Daher wird sie bei grenzüberschreitenden Angelegenheiten nach Bedarf auch mit anderen Staaten zusammenarbeiten.

– Ein künftiges Kalifat würde sich umfassend um die Angelegenheiten seines Volkes kümmern. Daher würde es sich folgenden Aufgaben widmen:Der Aufrechterhaltung der Sicherheit. Da dies eine wesentliche Voraussetzung zur Beseitigung der oben genannten Ursachen für konfliktbedingte Schäden ist.Einer guten Regierungsführung, die sich den mittlerweile überfälligen Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Hygiene widmet und sie schleunigst umsetzt.Der Festlegung, Überwachung und Durchsetzung von Normen in Bezug auf Umweltstandards und effektiven Umweltschutz.Der Förderung edler islamischer Werte in der Gesellschaft. Dadurch würde das Kalifat ein Gegengewicht zu den kapitalistischen Werten anbieten, die zum Konsumismus führen.Das Kalifat würde diejenigen Fragen, die zum Klimawandel beitragen könnten, auf internationaler Ebene behandeln. Dazu gehört, dass die Wissenschaft nach den besten Expertenmeinungen im Kalifat bewertet wird. Sodann würden sich die Muslime auf internationaler Ebene engagieren, um gegebenenfalls gemeinsame Lösungen zu finden, ohne jedoch zuzulassen, dass die dominierenden Mächte die Dinge zu ihren Gunsten entscheiden.

5.1 Der Islam als Lebensweise

Wir sind der Meinung, dass durch die Einführung des Islam als vollständige Lebensweise, viele der Schäden verhindert würden, die wir im Kapitalismus wuchern sehen.

Es besteht eine Synergie und Harmonie zwischen den einzigartigen Lösungen, die der Islam auf systemischer Ebene umsetzt, und den Wertesystemen, die durch die Überzeugungen der Menschen in der Bevölkerung geprägt sind. Somit würden die Bürger aufgrund ihrer persönlichen Überzeugungen eher so handeln, dass die Umwelt weniger geschädigt wird, während die Politik der Regierung ebenfalls dazu beitragen würde, dass Umweltschäden verringert werden.

Dies steht in direktem Gegensatz zu dem, was im Kapitalismus zu beobachten ist. Die kapitalistische Ideologie verführt die Bürger dazu, jede erdenkliche Freiheit auszuleben und drängt sie förmlich dazu, uneingeschränkt zu konsumieren. Daher wirkt im kapitalistischen System der Versuch, den Konsum einzuschränken und verantwortungsbewusst zu handeln, wie der Versuch, gegen die Strömung eines Tsunamis anzuschwimmen.

5.2 Der islamische Umgang mit der Umwelt ist vielschichtig – persönlich und politisch

Viele Gebote und Verbote, die sich aus den Scharia-Texten (Koran und Sunna) ableiten, sind so beschaffen, dass sie die Muslime individuell ansprechen. Daher werden sie von den Muslimen in ihrer Eigenschaft als Individuen befolgt, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen und dem Beispiel Seines Gesandten zu folgen.

Viele dieser Gebote und Verbote müssen jedoch auf politischer Ebene erlassen und auf juristischer Ebene durchgesetzt werden. Denn nur auf diese Weise können sie auch auf gesellschaftlicher Ebene umgesetzt werden.

Umweltprobleme sind nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern ein vielschichtiger Sachverhalt. Daher behandeln die islamischen Lösungen, die sich als Teil der islamischen Kultur und Geistesbildung aus der Offenbarung ableiten, sowohl Umweltprobleme als auch alle anderen Probleme, die aufkommen, als menschliche Probleme. So erfordern die islamischen Lösungen die Erfüllung sowohl persönlicher Werte und Verhaltensweisen als auch eine entsprechende Wirtschaftspolitik und Regulierungen durch die politische Autorität.

5.3 Die islamische Sicht auf die Beziehung des Menschen zur Erde – Verantwortung, Fürsorge und Rechenschaftspflicht

Der Planet ist nicht das Eigentum der Menschen – stattdessen ist er Allahs Eigentum:

﴿اللَّهُ لَا إِلَهَ إِلَّا هُوَ الْحَيُّ الْقَيُّومُ ۚ لَا تَأْخُذُهُ سِنَةٌ وَلَا نَوْمٌ ۚ لَهُ مَا فِي السَّمَاوَاتِ وَمَا فِي الْأَرْضِ

Allah – es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Lebendigen und Beständigen. Ihn überkommt weder Schlummer noch Schlaf. Ihm gehört, was in den Himmeln und was auf Erden ist.[2:255]

Der Islam sieht den Menschen als Verwalter auf Erden:

Der Erhabene sagt:

﴿وَهُوَ الَّذِي جَعَلَكُمْ خَلَائِفَ الْأَرْضِ وَرَفَعَ بَعْضَكُمْ فَوْقَ بَعْضٍ دَرَجَاتٍ لِيَبْلُوَكُمْ فِي مَا آتَاكُمْ ۗ إِنَّ رَبَّكَ سَرِيعُ الْعِقَابِ وَإِنَّهُ لَغَفُورٌ رَحِيمٌ

Und Er ist es, Der euch zu Nachfolgern auf der Erde machte und die einen von euch über die anderen um Rangstufen erhöhte, um euch durch das zu prüfen, was Er euch gegeben hat. Wahrlich, dein Herr ist schnell im Strafen; und wahrlich, Er ist Allvergebend, Barmherzig.[6:165]

Von Abū Saʿīd Ḫudrī (r) wird berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sprach:

«إِنَّ ‌الدُّنْيَا ‌حُلْوَةٌ خَضِرَةٌ، وَإِنَّ اللهَ مُسْتَخْلِفُكُمْ فِيهَا، فَيَنْظُرُ كَيْفَ تَعْمَلُونَ، فَاتَّقُوا الدُّنْيَا»

Die Welt ist süß und grün (verlockend). Und wahrlich, Allah wird euch als Statthalter in ihr einsetzen, um zu sehen, wie ihr handelt. So nehmt euch vor der Welt in acht.[Muslim]

Die Menschheit hat die Verantwortung, dieser Fürsorge nachzukommen und wird Rechenschaft darüber ablegen müssen:

Allah hat dem Menschen viele große Gaben zur Verfügung gestellt, damit er sie gebraucht und nicht missbraucht. Er wird uns dafür zur Rechenschaft ziehen, wie wir uns in Bezug auf die Dinge verhalten haben, für die wir verantwortlich waren.

﴿فَمَنْ يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ خَيْرًا يَرَهُ # وَمَنْ يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ شَرًّا يَرَهُ

Wenn dann einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Gutem getan hat, wird er es zu sehen bekommen. Und wenn einer (auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Bösem getan hat, wird er es (ebenfalls) zu sehen bekommen.[99:7-8]

Der Islam verbietet es, Dinge unnötig zu beschädigen oder anderen Schaden zuzufügen:

Weder Lebewesen noch leblose Dinge sollen geschädigt werden. Auch soll nicht zugelassen werden, dass von ihnen ein Schaden für andere ausgeht. Von ʿUbāda ibn aṣ-Ṣāmit (r) wird berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sprach:

«لا ضَررَ ولا ضِرارَ»

Man sollte weder Schaden (ḍarar) zufügen noch Schaden (ḍirār) erwidern.[Hadith 32 der Vierzig Hadithe von Imam an-Nawawī]

Dieser Hadith verbietet den Menschen, sowohl der Umwelt mutwillig Schaden zuzufügen, als auch so zu handeln, dass andere dadurch geschädigt werden könnten.

Der Islam betrachtet die Prävention von Schaden als die bessere Fürsorge:

Betrachtet man die Scharia als Ganzes, wird man feststellen, dass der allgemeine Ansatz des Islam darin besteht, Schaden und Verderben noch vor ihrem Aufkommen zu verhindern. Dieser Lösungsansatz ist aus islamischer Sicht besser als der Versuch, den Schaden zu einem späteren Zeitpunkt zu behandeln und im Nachgang zu beheben. Daher würde die Umsetzung der islamischen Systeme in der Gesellschaft diverse Umweltschäden bereits in ihrem Ursprung verhindern. Sollten Umweltschäden dennoch auftreten, würden sie beseitigt werden, sobald sie entstehen. Tatsächlich würde die Umsetzung der islamischen Systeme ein kollektives Umdenken bewirken. Somit würden Innovationen und neue Technologie entwickelt werden, um den Menschen zu nutzen und nicht, um ihnen zu schaden. Da die Scharia-Regeln immer als Ganzes zu betrachten sind, wird die Nutzung materieller Dinge erlaubt, wenn von ihnen kein Schaden ausgeht. Dies ist ein wichtiger Ansatz im Zusammenhang mit der Bewältigung globaler Herausforderungen. Im Gegensatz dazu konzentriert sich die derzeitige Umweltdebatte auf den Versuch, jene Umweltschäden, die durch den Kapitalismus verursacht worden sind, zu beheben – und nicht darauf, Schäden zu vermeiden.

5.4 Der Islam bietet eine umfassende Lebensweise – er wendet sich an die Menschen in ihrer Gesamtheit und nicht nur an den Einzelnen

Die umfassende Lebensweise des Islam deckt das gesamte Spektrum menschlicher Probleme ab und reicht vom persönlichen Verhalten des Individuums bis hin zu geopolitischen Fragen.

Der Islam spricht die Menschen durchaus als Individuen an, die für ihr eigenes Handeln zur Rechenschaft gezogen werden.

Aber er beschränkt seine Anweisungen nicht nur auf den Einzelnen. Vielmehr hat er auch Systeme vorgeschrieben, die in der Gesellschaft umgesetzt werden sollen. Dies trifft insbesondere auf Angelegenheiten wie Umweltfragen zu, da in diesem Fall sowohl die problembedingten Ursachen als auch die Auswirkungen kollektiv getragen werden. Der Islam verfügt über geeignete Systeme, die sich mit Bereichen wie Politik, Wirtschaft und Justiz befassen. Diese würden bei Fragen des Umweltschutzes eine entscheidende Rolle spielen. Da diese Systeme im Einklang mit jenen Geboten stehen, die sich an den Einzelnen richteten, ermöglichen sie den Menschen ein gutes Leben auf dieser Erde.

Doch jedes Mal, wenn sich Menschen von diesen islamischen Systemen abwenden, verursachen sie unweigerlich Zerstörung auf Erden.

Der Erhabene sagt:

﴿وَإِذَا تَوَلَّى سَعَى فِي الْأَرْضِ لِيُفْسِدَ فِيهَا وَيُهْلِكَ الْحَرْثَ وَالنَّسْلَ ۗ وَاللَّهُ لَا يُحِبُّ الْفَسَادَ

Und wenn er sich (von dir) abwendet, bemüht er sich eifrig darum, überall auf der Erde Unheil zu stiften, und vernichtet das Ackerland und die Nachkommenschaft. Doch Allah liebt nicht das Unheil.[2:205]

Die Methode des Islam beinhaltet eine politische Autorität, gesellschaftliche Systeme und ein globales Engagement zum Schutz der Umwelt, was wenig überraschen dürfte, denn die Realität der Umweltschäden ist, dass sie durch individuelle Handlungen niemals vollständig bekämpft werden können.

Darüber hinaus werden auch in anderen Hadithen die kollektiven Handlungen der Umma mit den kollektiven Konsequenzen verbunden. Dies trifft auch in Bezug auf die Umwelt zu.

Von ʿAbdullāh ibn ʿUmar (r) wird berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sprach:

«لَمْ يَمْنَعْ قَوْمٌ ‌زَكَاةَ أَمْوَالِهِمْ إِلَّا مُنِعُوا الْقَطْرَ مِنَ السَّمَاءِ، وَلَوْلَا الْبَهَائِمُ لَمْ يُمْطَرُوا»

Niemals halten die Menschen die zakāt auf ihr Vermögen zurück, außer dass ihnen deshalb der Regen vom Himmel verwehrt wird. Und wäre es nicht für die Tiere, würde kein Regen auf sie fallen.[al-Muʿğam al-Kabīr]

Abdullah ibn ʿUmar (r) sagte:

Der Gesandte Allahs (s) wandte sich an uns und sprach:

«يَا مَعْشَرَ الْمُهَاجِرِينَ، ‌خَمْسٌ إِذَا ابْتُلِيتُمْ بِهِنَّ، وَأَعُوذُ بِاللَّهِ أَنْ تُدْرِكُوهُنَّ: لَمْ تَظْهَرْ الْفَاحِشَةُ فِي قَوْمٍ قَطُّ حَتَّى يُعْلِنُوا بِهَا، إِلَّا فَشَا فِيهِمُ الطَّاعُونُ وَالْأَوْجَاعُ الَّتِي لَمْ تَكُنْ مَضَتْ فِي أَسْلَافِهِمْ الَّذِينَ مَضَوْا. وَلَمْ يَنْقُصُوا الْمِكْيَالَ وَالْمِيزَانَ، إِلَّا أُخِذُوا بِالسِّنِينَ وَشِدَّةِ الْمَؤونَةِ وَجَوْرِ السُّلْطَانِ عَلَيْهِمْ. وَلَمْ يَمْنَعُوا ‌زَكَاةَ أَمْوَالِهِمْ، إِلَّا مُنِعُوا الْقَطْرَ مِنْ السَّمَاءِ، وَلَوْلَا الْبَهَائِمُ لَمْ يُمْطَرُوا. وَلَمْ يَنْقُضُوا عَهْدَ اللَّهِ وَعَهْدَ رَسُولِهِ، إِلَّا سَلَّطَ اللَّهُ عَلَيْهِمْ عَدُوًّا مِنْ غَيْرِهِمْ، فَأَخَذُوا بَعْضَ مَا فِي أَيْدِيهِمْ وَمَا لَمْ تَحْكُمْ أَئِمَّتُهُمْ بِكِتَابِ اللَّهِ وَيَتَخَيَّرُوا مِمَّا أَنْزَلَ اللَّهُ، إِلَّا جَعَلَ اللَّهُ بَأْسَهُمْ بَيْنَهُمْ»

O muhāğirūn! Mit fünf Dingen könnt ihr geprüft werden, Allah bewahre, dass ihr sie erlebt: Unzucht tritt unter einem Volk nie in einem solchen Ausmaß auf, dass die Menschen sie offen begehen, ohne dass Seuchen und Krankheiten sich unter ihnen ausbreiten, die unter ihren Vorgängern nicht bekannt waren. Sie betrügen nicht mit Gewichten und Maßen, ohne dass sie von Hungersnöten, schwerem Unglück und der Unterdrückung durch ihre Herrscher heimgesucht werden. Sie halten nicht die zakāt von ihrem Vermögen zurück, ohne dass Regen vom Himmel zurückgehalten wird; und wenn die Tiere nicht wären, würde kein Regen auf sie fallen. Sie brechen nicht ihren Bund mit Allah und Seinem Gesandten, ohne dass Allah es ihren Feinden ermöglichen wird, sie zu überwältigen und ihnen etwas von dem zu nehmen, was in ihren Händen ist. Wenn ihre Anführer nicht nach dem Buch Allahs regieren und nicht das Gute von dem suchen, was Allah herabgesandt hat, wird Allah sie gegeneinander kämpfen lassen.[ibn Māğa]

Die Erhebung der zakāt, die in beiden Hadithen erwähnt wird, ist keine Aufgabe, die dem Einzelnen überlassen wird. Vielmehr handelt es sich um eine Angelegenheit, die mit den kollektiven Pflichten der Umma zusammenhängt, welche vom Kalifen anzuordnen sind. Ähnlich verhält es sich auch bezüglich des Aufkommens von Unzucht auf gesellschaftlicher Ebene, des Betrugs auf dem Markt, der Unterdrückung durch tyrannische Herrscher oder der Knechtung durch Feinde. All diese Angelegenheiten werden von Menschen kollektiv verursacht und haben allesamt kollektive Konsequenzen. Darum erfordern sie eine politische Autorität, die durch den Islam legitimiert ist, um sie in angemessener Weise behandeln zu können.

5.5 Das Individuum und die Gesellschaft

Bei näherer Betrachtung der Lösungen, die aus dem islamischen Umgang mit der Umwelt hervorgehen, kann man sie folgendermaßen unterteilen:

– Das islamische Wirtschaftssystem hat keinen eingebauten Wachstumszwang

– Der Islam beinhaltet Lösungen, die auch auf individueller Ebene umgesetzt werden:Ein übermäßiger Verbrauch von Ressourcen soll vermieden werdenDie Zerstörung der Biosphäre soll vermieden werdenDie Artenvielfalt soll man wertschätzen und schützenDurch das Pflanzen von Bäumen erhält das Individuum einen Lohn von seinem SchöpferDie Wasserverschmutzung gilt es zu vermeidenDer Einzelne wird aufgefordert, Schmutz und Abfälle von öffentlichen Wegen zu beseitigen, auch dafür wird er belohntDer Muslim sucht das Glück nicht im Konsumismus, sondern im Wohlgefallen seines SchöpfersDie Fürsorge für Tiere ist eine islamische Pflicht

– Die Luftqualität muss geschützt werden

– Darüber hinaus hat der Islam Lösungen, die auf gesellschaftlicher Ebene umgesetzt werden müssen:Trennung der Eigentumsarten in privates, öffentliches und staatliches EigentumRichter, die das öffentliche Interesse wahrenUmweltvorschriften

– Der Islam schreibt den Muslimen vor, eine Regierung einzusetzen, die sich um die Angelegenheiten der Menschen kümmert. Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem die Aufrechterhaltung der Sicherheit, die Verteilung des Reichtums, die Bewältigung menschlicher Probleme, die sich auf die Umwelt auswirken bzw. von ihr beeinflusst werden.

Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass dieser Abschnitt dazu dient, die allgemeinen Richtlinien des Islam in solchen Angelegenheiten aufzuzeigen. Dadurch soll ein Vergleich mit der zuvor erwähnten Analyse des kapitalistischen Systems ermöglicht werden.

Obwohl es im Islam Werte gibt, die sich an das Individuum richten, müssen sie dennoch in der Gesellschaft umgesetzt werden – und das ist die Aufgabe der politisch Verantwortlichen.

Auf einige dieser Werte wollen wir nun näher eingehen.

5.6 Diese Werte müssen durch Institutionen geschützt werden

Es ist festzuhalten, dass die Umsetzung der islamischen Regeln und Werte einen staatlichen Mechanismus erforderlich macht:

– um Sicherzustellen, dass die Gesellschaftsstandards mit diesen Werten übereinstimmen

– um die Kultivierung und Wertschätzung dieser Werte von Kindesbeinen an zu fördern – beispielsweise durch Medien, Bildung u. Ä.

Solange eine solche staatliche Ordnung nicht existiert, bleibt die Eihaltung dieser Werte den eigenen moralischen Maßstäben des Einzelnen überlassen.

Dies ist jedoch keine verlässliche Grundlage für die Einhaltung von Vorschriften, zumal die meisten Muslime auch im Umgang mit der Umwelt von kapitalistischen Gedanken und Standpunkten beeinflusst sind.

5.7 Der islamische Wert der Gottesfurcht (taqwā) kann kapitalistischen Werten wie dem Konsumismus oder dem Geltungskonsum entgegenwirken

Bis zu einem gewissen Grad ist der Wunsch nach Besitz verständlich. Anas ibn Mālik berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte,

«لَوْ أَنَّ ‌ابْنَ ‌آدَمَ أُعْطِيَ وَادِيًا مَلْئًا مِنْ ‌ذَهَبٍ أَحَبَّ إِلَيْهِ ثَانِيًا، وَلَوْ أُعْطِيَ ثَانِيًا أَحَبَّ إِلَيْهِ ثَالِثًا، وَلَا يَسُدُّ جَوْفَ ‌ابْنِ ‌آدَمَ إِلَّا التُّرَابُ، وَيَتُوبُ اللهُ عَلَى مَنْ تَابَ»

Würde dem Sohn Adams ein Tal voll Gold gehören, wünschte er zwei Täler zu haben. Nichts kann seinen Mund füllen, außer der Staub des Grabes; doch Allah wird Sich desjenigen erbarmen, der sich in Reue Ihm zuwendet.[Buḫārī, Muslim]

Doch indem dieses Verlangen auf systemischer Ebene geschürt und ein permanentes Bedürfnis nach Statussymbolen geschaffen wird, lässt sich im Kapitalismus die Wachstumsmaschinerie weiter befeuern. Allerdings belastet diese Taktik die Umwelt noch mehr, als es sonst der Fall wäre.

Anstatt dieses Verlangen zu schüren, bietet der Islam einen ganz anderen Maßstab dafür, was einem Menschen einen erhabenen Status verleiht. Der islamische Maßstab hat nichts mit Reichtum, Rasse, Abstammung oder dem sozialen Status in dieser Welt zu tun.

Dieser Maßstab ist die Gottesfurcht (taqwā). Der islamische Begriff steht für das ständige Bewusstsein um die Existenz Allahs, verbunden mit der Furcht, ihm ungehorsam zu sein. Der Erhabene sagt:

﴿يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَاكُمْ مِنْ ذَكَرٍ وَأُنْثَى وَجَعَلْنَاكُمْ شُعُوبًا وَقَبَائِلَ لِتَعَارَفُوا ۚ إِنَّ أَكْرَمَكُمْ عِنْدَ اللَّهِ أَتْقَاكُمْ ۚ إِنَّ اللَّهَ عَلِيمٌ خَبِيرٌ

Ihr Menschen! Wir haben euch ja aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Wahrlich, vor Allah ist von euch der angesehenste, welcher der gottesfürchtigste ist. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allkundig.[49:13]

Abu Nadrah (r) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sprach:

«يَا أَيُّهَا النَّاسُ أَلَا إِنَّ رَبَّكُمْ وَاحِدٌ وَإِنَّ أَبَاكُمْ وَاحِدٌ أَلَا لَا فَضْلَ لِعَرَبِيٍّ عَلَى أَعْجَمِيٍّ وَلَا لِعَجَمِيٍّ عَلَى عَرَبِيٍّ وَلَا لِأَحْمَرَ عَلَى أَسْوَدَ وَلَا أَسْوَدَ عَلَى أَحْمَرَ إِلَّا بِالتَّقْوَى»

Ihr Menschen! Euer Herr ist ein einziger und euer Urvater ist ein einziger. Ein Araber ist nicht besser als ein Nichtaraber, noch ist ein Nichtaraber besser als ein Araber. Ein Rothäutiger ist nicht besser als ein Schwarzhäutiger, noch ist ein Schwarzhäutiger besser als ein Rothäutiger, außer in Gottesfurcht.[Ahmad, 22978]

5.8 Materielle Dinge besitzen und genießen, ohne nach ihnen zu gieren

Der islamische Standpunkt bezüglich des Besitzes hilft dem Menschen, ein ausgeglichenes Leben zu führen. Während der Islam die Freude an den guten Dingen des Lebens und ihren Besitz erlaubt, verbietet er es, den Besitz dieser Dinge zum Sinn des Lebens zu erheben.

Der Islam ermutigt den Menschen dazu, Dinge zu besitzen und zu nutzen, da er sie als eine der Wohltaten betrachtet, die Allah seiner Schöpfung zuteilwerden ließ, wie aus den folgenden Belegen hervorgeht:

﴿وَسَخَّرَ لَكُمْ مَا فِي السَّمَاوَاتِ وَمَا فِي الْأَرْضِ جَمِيعًا مِنْهُ ۚ إِنَّ فِي ذَلِكَ لَآيَاتٍ لِقَوْمٍ يَتَفَكَّرُونَ

Und Er hat euch alles, was in den Himmeln und was auf Erden ist, dienstbar gemacht; alles ist von Ihm.[45:13]

Dennoch macht er das Streben nach materiellen Dingen nicht zum Ziel des Lebens. Vielmehr ermutigt der Islam den Menschen dazu, sich nicht von der Jagd nach weltlichen Dingen ergreifen zu lassen. Es sprach der Gesandte Allahs (s):

«مَنْ كَانَتْ ‌الدُّنْيَا ‌هَمَّهُ فَرَّقَ اللَّهُ عَلَيْهِ أَمْرَهُ، وَجَعَلَ فَقْرَهُ بَيْنَ عَيْنَيْهِ، وَلَمْ يَأْتِهِ مِنْ ‌الدُّنْيَا إِلَّا مَا كُتِبَ لَهُ، وَمَنْ كَانَتْ الْآخِرَةُ نِيَّتَهُ جَمَعَ اللَّهُ لَهُ أَمْرَهُ، وَجَعَلَ غِنَاهُ فِي قَلْبِهِ، وَأَتَتْهُ ‌الدُّنْيَا وَهِيَ رَاغِمَةٌ»

Wer sich nur auf das Diesseits konzentriert, dem wird Allah seine Angelegenheiten verwirren und ihn ständig Armut fürchten lassen, und er wird nichts von dieser Welt bekommen, außer dem, was für ihn bestimmt ist. Wer aber auf das Jenseits bedacht ist, für den wird Allah seine Angelegenheiten regeln und ihn mit seinem Los zufriedenstellen. Auch wird das Diesseits nicht anders können, als ihm dienstbar zu sein.[Sunan ibn Māğa, 4105]

In einer islamischen Gesellschaft würde ein solcher Ansatz dazu führen, dass den Menschen beigebracht wird, solche Bestrebungen in den richtigen Kontext zu setzen. Dadurch ließe sich jener verstärkende Effekt, der in der materialistischen Weltanschauung zu beobachten ist, vermeiden. Denn in Wirklichkeit erzeugt der vom Kapitalismus angespornte Wettlauf nichts als Neid und Zwietracht unter den Menschen. Obendrein verursacht er dadurch einen enormen Raubbau an den Ressourcen dieser Welt, was die Regenerationsfähigkeit der Umwelt an ihre Grenzen bringt.

Der Islam gestattet es allen, nach den (erlaubten) Luxusgütern auf der Erde zu streben. Diese Erlaubnis stellt einen notwendigen Aspekt dar, damit sich der Wohlstand unter allen Menschen verteilen kann. Deshalb schafft der Islam ein gesundes Konsumniveau und damit Möglichkeiten für Unternehmen, neue Märkte und Nischen zu erschließen. Auf diese Weise wird die Zirkulation und Verteilung des Wohlstandes innerhalb der Gesellschaft verbessert, was einen Eckpfeiler des islamischen Wirtschaftssystems ausmacht. Dies ist jedoch nicht dasselbe wie der kapitalistische Wachstumszwang, durch den die Gesellschaft wie besessen zum Konsum angestiftet wird.

Als Beleg dafür kann die Überlieferung von Zuhair ibn Abī ʿAlqama (r) herangezogen werden, der berichtete, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«فَإِنَّ اللهَ عَزَّ وَجَلَّ يُحِبُّ أَنْ يَرَى أَثَرَهُ عَلَى عَبْدِهِ حَسَنًا ‌وَلَا ‌يُحِبُّ الْبُؤْسَ وَالتَّبَاؤُسَ»

Wahrlich, Allah, der Allmächtige, liebt es, die Spur Seines Segens in schöner Weise an seinem Diener zu sehen. Er liebt kein Elend und keine Gedrücktheit. [Al-Muʿğam al-kabīr 5308]

Der Luxus dient also nicht dazu, ihn zur Schau zu stellen, um dadurch den Neid der Menschen zu provozieren; vielmehr soll dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass man die Gaben des Schöpfers zu schätzen weiß.

Indem Luxusgüter in diesen angemessenen Kontext gerückt werden, wird ein gesundes Gleichgewicht hergestellt. Nur dadurch kann sichergestellt werden, dass die endlichen Ressourcen dieser Erde wieder in ausreichender Mengen zur Verfügung stehen, um für Grundbedürfnisse wie Wohnen, Ernährung und Landwirtschaft verwendet zu werden. Viel zu lange wurden Unmengen an Ressourcen zweckentfremdet und für Luxusgüter verschwendet, nur um einen niemals endenden Wettlauf zwischen den Menschen auszulösen. Trotz dieser verheerenden Folgen für die Umwelt, waren diejenigen, die ihr Glück darin suchten, niemals wirklich zufrieden zu stellen.

5.9 Der Islam verbietet es, in wichtigen Angelegenheiten verschwenderisch zu sein

Ein anschauliches Beispiel hierfür ist, dass ein verschwenderischer Umgang mit Wasser verboten ist. Dieses Verbot gilt sowohl für die private als auch für die öffentliche Wasserverschwendung und unabhängig davon, ob das Wasser knapp oder reichlich vorhanden ist. Es wird berichtet, dass der Prophet Muhammad (s) zufällig an dem Gefährten Saʿd (r) vorbeikam, als dieser die Gebetswaschung an einem Fluss vollzog. Daraufhin fragte der Prophet:

«مَا هَذَا السَّرَفُ؟ “ فَقَالَ: أَفِي الْوُضُوءِ إِسْرَافٌ؟ قَالَ: „نَعَمْ، وَإِنْ كُنْتَ عَلَى ‌نَهَرٍ ‌جَارٍ»

„Was ist das für eine Verschwendung?“ Saʿd antwortete: „Kann es denn eine Verschwendung (isrāf) bei der Waschung geben?“ Der Prophet sagte: „Ja, selbst wenn du an einem fließenden Fluss bist.“[Sunan ibn Māğa 425 & Musnad Aḥmad 7065]

5.10 Der Islam ermutigt die Menschen, mit dem auszukommen, was sie haben.

Zur Gewohnheit des Gesandten Allahs (s) zählte, dass er seine Kleidung und Schuhe zu reparieren pflegte. Hišām ibn ʿUrwa (r) berichtet,

»سأل رجل عائشة هل كان النبي صلى الله عليه وسلم يعمل في بيته شيئا، قالت: نعم كان رسول الله صلى الله عليه وسلم يخصف نعله ويخيط ثوبه«

Ein Mann fragte ʿĀʾiša (r), die Mutter der Gläubigen: „Pflegte der Prophet (s) in seinem Hause etwas zu tun?“ Sie antwortete: „Ja, der Gesandte Allahs pflegte seine Schuhe zu reparieren und seine Kleidung zu flicken.[Musnad Aḥmad]

Dies ist ein Beispiel für die Sunna des Propheten (s), das nachahmenswert ist, jedoch nicht zwingend befolgt werden muss, da es die oben erwähnte Erlaubnis gibt, die Gnaden Allahs zu genießen.

5.11 Vermeidung von Schäden an der Biosphäre

Es wurde von Ubadah bin Samit (ra) überlieferte, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«لا ضرر ولا ضرار»

Weder soll man Schaden (ḍarar) zufügen noch Schaden erwidern (ḍirār).[Hadith 32 der Vierzig Hadithe von Imam an-Nawawī]

Die massive Abholzung des Regenwaldes im Amazonas, verstößt nicht nur gegen das globale öffentliche Gut, sondern hat auch erhebliche Auswirkungen auf das Ökosystem und die Fähigkeit des Planeten, Kohlendioxid zu absorbieren und Sauerstoff zu erzeugen. Berechtigterweise sorgt diese gewissenlose Rohdung für weltweite Empörung, da ganze Landstriche verwüstet werden und massives Artensterben verursacht wird. Der Islam verbietet das unnötige Fällen oder Zerstören von Pflanzen und Bäumen.

Abdullah ibn Habashi (ra) überlieferte, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«من قطع سدرة صوب الله رأسه في النار»

Wer einen Laubbaum (unberechtigt) fällt, den wird Allah ins Höllenfeuer werfen.[Abu Dawud 5239]

Das Verbot ist hier nicht auf die erwähnte Baumart (Laubbaum) beschränkt. Dieser Hadith ist ein gutes Beispiel, um zu veranschaulichen, dass ein Laubbaum ein dringend benötigter Baum in der Wüste ist, da es in diesem Gebiet kaum Vegetation gibt.

Göttliche Belohnung für das Pflanzen von Bäumen

Tatsächlich fördert der Islam ein Verhalten, das der Biosphäre nicht schadet. Zudem ermutigt er dazu, jene Handlungen zu unternehmen, die der Biosphäre helfen. Es wird berichtet, dass der Prophet (s) sagte:

«ما من مسلمٍ يغرسُ غرساً أو يَزْرَعُ زَرْعاً فيأكلُ منه طيرٌ أو إنسانٌ أو بهيمةٌ إلاَّ كان له به صدقة»

Es gibt niemanden unter den Muslimen, der einen Baum pflanzt oder Samen aussät, und dann ein Vogel, ein Mensch oder ein Tier davon isst, ohne dass es ihm als ein Almosen gutgeschrieben wird.[al-Buḫārī]

Das Verbot der Umweltverschmutzung

Muʿāḏ (r) berichtet, dass der Prophet (s) mahnte:

«اتَّقُوا الْمَلَاعِنَ الثَّلَاثَةَ: الْبَرَازَ فِي الْمَوَارِدِ وَقَارِعَةِ الطَّرِيقِ وَالظِّلِّ»

Hütet euch vor den drei Verfluchungen: Euch an den Wasserstellen, an den Gehwegen oder an den schattigen Plätzen zu erleichtern.[Abū Dāwūd und ibn Māğa – in Miškāt al-maṣābīḥ 355]

Die Tierrechte im Islam

Der Islam setzt sich dafür ein, dass das Recht der Tiere auf artgerechte Haltung ebenso eingehalten wird wie das Recht der Menschen auf ein würdevolles Leben. Vor Allah werden die Menschen dafür Rechenschaft ablegen müssen, wie sie mit Tieren umgegangen sind. Es sprach der Gesandte Allahs (s):

«نعم في كل ذات كبد حرى أجر»

Ja, für jedes Lebewesen mit durstiger Leber gibt es einen Lohn.[Sunan ibn Māğa 3686]

Abū Huraira (ra) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

»لتُؤَدُّنَّ الحقوقَ إلى أهلِها يومَ القِيامةِ ، حتَّى يُقَادُ للشَّاةِ الجَلحاءِ من الشَّاةِ القَرناءِ«

Die Rechte eines jeden werden am Tage der Auferstehung wiederhergestellt werden, bis die Gerechtigkeit erfüllt ist; auch zwischen den hornlosen und den gehörnten Schafen.[Muslim 2582]

Das bedeutet, dass alle Geschöpfe am Tage der Auferstehung versammelt werden – auch die Tiere, die Vögel und alle anderen. Allahs Gerechtigkeit ist so vollkommen, dass die hornlosen Schafe von den behornten Schafen Vergeltung erhalten werden.

Der Erhabene sagt:

﴿وَمَا مِنْ دَابَّةٍ فِي الْأَرْضِ وَلَا طَائِرٍ يَطِيرُ بِجَنَاحَيْهِ إِلَّا أُمَمٌ أَمْثَالُكُمْ

Es gibt kein Tier auf Erden und keinen Vogel, der mit seinen Flügeln fliegt, die nicht Gemeinschaften wären so wie ihr. [6:38]

Die Mutter der Gläubigen, Aisha (ra), berichtet:

«كُنْتُ عَلَى بَعِيرٍ صَعْبٍ فَجَعَلْتُ أَضْرِبُهُ فَقَالَ لِي رَسُولُ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ عَلَيْكِ بِالرِّفْقِ فَإِنَّ الرِّفْقَ لَا يَكُونُ فِي شَيْءٍ إِلَّا زَانَهُ وَلَا يُنْزَعُ مِنْ شَيْءٍ إِلَّا شَانَهُ»

Ich ritt auf einem bockigen Kamel und begann es zu schlagen. Da sagte der Gesandte Allahs (s) zu mir: „Du musst sanft sein. Denn jede Sache, in der Sanftheit wohnt, ist dadurch geschmückt. Und jede Sache, der sie entrissen wurde, hat dadurch einen Makel.“[Musnad Aḥmad 24417]

Tiere zu töten, um sich zu ernähren oder andere Bedürfnisse zu stillen, ist im Islam erlaubt. Jeder Mensch wird sich allerdings für jedes Tier verantworten müssen, das er qualvoll, unnötig oder leichtsinnig getötet hat. Šaddād ibn Aus (r) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«إن الله كتب الإحسان على كل شيء فإذا قتلتم فأحسنوا القتلة وإذا ذبحتم فأحسنوا الذبح وليحد أحدكم شفرته فليرح ذبيحته»

Wahrlich, Allah hat in allem Vorzüglichkeit vorgeschrieben. Wenn ihr töten müsst, dann tötet auf die beste Weise. Und wenn ihr schlachtet, dann schlachtet auf die beste Weise. Jeder soll seine Klinge schärfen und sein Schlachttier erlösen. [Ṣaḥīḥ Muslim 1955]

Šārid (r) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«من قتل عصفورا عبثا عج إلى الله عز وجل يوم القيامة يقول: يا رب، إن فلانا قتلني عبثا، ولم يقتلني لمنفعة»

Wer auch nur einen Sperling zum Spaß tötet, der wird ihn am Tage der Auferstehung sehen und hören, wie er Allah anfleht: „O Herr, er hat mich ohne Grund getötet; er hat es aus keinem nützlichen Zweck getan.“ [Sunan an-Nasāʾī 4446]

Ibn ʿUmar (r) überliefert, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«ما من إنسانٍ قتلَ عُصفورًا فما فوقَها بغيرِ حقِّها إلَّا سألَهُ اللَّهُ عزَّ وجلَّ عَنها قيلَ: يا رسولَ اللَّهِ! وما حقُّها؟ قالَ: يذبحُها فيأكُلُها ولا يقطعُ رأسَها يرمي بِها»

Es gibt keinen einzigen Menschen, der ein Tier widerrechtlich tötet, auch wenn es ein Vogel ist, ohne von Allah, dem Erhabenen, befragt zu werden.“ Sie fragten: „Welche Art zu töten ist rechtmäßig?“ Da antwortete er (s): „Schneidet die Kehle zum Verzehr durch und tötet nicht, um es wegzuwerfen.[Bei an-Nasāʾī und Ḥākim]

5.12 Es handelt sich um politische Fragen, nicht nur um individuelle Angelegenheiten

Einige der zuvor genannten Maßnahmen, wie das Beseitigen von Schmutz auf dem Weg oder die Genügsamkeit mit den erhaltenen Gaben, sind lobenswert, aber letztlich dem Einzelnen überlassen. Bei vielen dieser Maßnahmen handelt es sich jedoch nicht nur um individuelle Angelegenheiten. Vielmehr sind es politische Fragen, die als zwingende Maßnahmen vom Staat durchgesetzt werden müssen.

Der zweite Kalif ʿUmar (r) sagte: Wenn ein Maultier oder ein Esel stürzt, weil die Straßen uneben sind, wird ʿUmar am Tag des Jüngsten Gerichts von Gott befragt werden, warum er die Straßen für diese Tiere nicht gerichtet hat. Als Kalif war er sich seiner Verantwortung derart bewusst, dass er Straßen für Ziegen baute, damit sie auf gebirgigen Pfaden nicht abstürzten. Um sich in angemessener Weise um die Angelegenheiten der Bürger zu kümmern, muss einem das Wohlergehen der Menschen in all seinen Formen von größter Bedeutung sein.

Ebenso muss es staatliche Sanktionen für Menschen geben, die ihre Umwelt verschmutzen, beeinträchtigen oder zerstören. Gleiches gilt für die Misshandlung von Tieren. Auch um diese Maßnahmen durchsetzen zu können, ist eine politische Autorität erforderlich, die islamisch legitimiert sein muss.

5.13 Lösungen auf gesellschaftlicher Ebene

Jene Lösungen, die aus dem islamischen Regierungssystem hervorgehen und auf gesellschaftlicher Ebene umzusetzen sind, lassen sich zum besseren Verständnis in drei Gruppen einteilen:

– Gliederung des Eigentums in drei separate Kategorien: öffentliches, privates und staatliches Eigentum.

– Umweltvorschriften, die ausdrücklich in den Scharia-Texten definiert wurden (also nicht im Ermessen liegen und daher ausnahmslos befolgt werden müssen), sowie Verordnungen, die vom Kalifen (nach seinem Ermessen) erlassen werden. Bei Bedarf erlässt der Kalif Verordnungen, die dem Schutz der Umwelt dienen, da er die Aufgabe hat, sich um die Angelegenheiten aller Bürger zu kümmern, seien sie nun Muslime oder nicht. Auf diese Weise werden die zuvor erörterten „individuellen Angelegenheiten“ behandelt, weshalb Normen für die gesamte Gesellschaft festgelegt werden.

– Richter, die sich mit Angelegenheiten befassen, wo es um die Rechte der Allgemeinheit geht. Dabei werden beispielsweise Fragen der Wasser- oder Luftverschmutzung behandelt, aber auch Verstöße, die von einer Partei begangen werden und die kollektiven Rechte anderer verletzen. Die Zerstörung eines kollektiven Gemeinguts, sei es eines Flusses, der Luftqualität o. Ä., ist ein perfektes Beispiel für die Zuständigkeit dieses legislativen Arms des islamischen Regierungssystems.

Viele der islamischen Lösungen, z. B. die Abschaffung des Privateigentums von kollektiven Gemeingütern, wie Wasser und Energie, werden wahrscheinlich auf Widerstand stoßen. Ohne einen funktionierenden Staatsapparat kann dieser Widerstand nicht überwunden werden. Beispielsweise würde die saudische Königsfamilie niemals zulassen, dass einige Individuen das Erdöl zum öffentlichen Eigentum erklären, weil sie dadurch die Macht und die Privilegien der Familie Saud schmälern würden.

5.14 Das Wirtschaftssystem des Islam

Der Islam verfügt über ein einzigartiges Wirtschaftssystem, das sich auf den Koran und die Sunna stützt und das unter anderem folgende Merkmale aufweist:

– Es fördert den Handel
– Es verbietet jede Form von Zinsen (ribā)
– Es hat eine Währung, die durch Gold und Silber gedeckt ist
– Es verfügt über Einnahmen, die größtenteils aus überschüssigem Vermögen und nicht aus Einkommens- oder Mehrwertsteuer stammen
– Es hält Energieversorgungsunternehmen in öffentlichem Eigentum.

Einige der Auswirkungen dieses Wirtschaftssystems möchten wir näher betrachten.

Das islamische Wirtschaftssystem hat keinen eingebauten Wachstumszwang

Im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftssystems ist das Wachstum des BIP das grundlegende Ziel der politischen Entscheidungsträger. Zwar gibt es auch andere makroökonomische Ziele, wie z. B. ein gesundes Beschäftigungsniveau und die Kontrolle der Inflation (weshalb oft Kompromisse eingegangen werden müssen) – doch bleibt der langfristige Kurs auf eine Steigerung des BIP ausgerichtet.

Im Rahmen des islamischen Wirtschaftssystems besteht das Hauptziel darin, die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen so zu organisieren, dass die Grundbedürfnisse aller Bürger gedeckt sind. Dieses Ziel wird durch eine harmonische Mischung aus dem privaten und dem öffentlichen Sektor verwirklicht. Dadurch wird sichergestellt, dass die Grundbedürfnisse aller Bürger des Kalifats befriedigt werden. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, auch den Wunsch nach Luxusgütern zu stillen. Dies ist auf das einzigartige Wirtschaftssystem zurückzuführen, das die Chancengleichheit sicherstellt und ein robustes System ermöglicht, in dem der Wohlstand innerhalb der gesamten Gesellschaft zirkuliert.

Gliederung des Eigentums in öffentliches, privates und staatliches Eigentum

Im islamischen System können drei Formen von Eigentum existieren. Eigentum kann sich in Privatbesitz befinden, es sei denn, dessen Besitz wurde in den Offenbarungstexten ausdrücklich verboten – wie im Falle von Alkohol. Zudem existieren einige Sektoren, die sich nicht in Privatbesitz befinden dürfen, wie die Energiesektoren einschließlich Erdöl und Erdgas, Mineralien und Metalle sowie andere Erze wie zum Beispiel Uran. Sie alle zählen zum öffentlichen Eigentum.

Zudem zählt zum öffentlichen Eigentum alles, was der Gesellschaft kollektiv gehört und vom Staat im Namen der Öffentlichkeit verwaltet wird. Dazu gehören Örtlichkeiten wie Seen und Flüsse, die ein kollektives Gemeingut darstellen und sich aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht in Privatbesitz befinden können. Auch bestimmte Ressourcen wie Wasser und Energie sind Teil des öffentlichen Eigentums. Ibn ʿAbbās (r) berichtet, dass der Prophet (s) sagte:

«الناس شركاء في ثلاث، في الماء والكلأ والنار»

Die Menschen sind Partner in drei Dingen: Wasser, Feuer und Weideland. [Bei Abū Dāwūd tradiert]

In der Überlieferung von Anas (r) fügte ibn ʿAbbās (r) hinzu: Und ihr Preis ist haram. Ibn Māğa berichtet von Abū Huraira (r), dass der Prophet (s) sprach:

«ثلاثٌ لا يُمْنَعْنَ: الماء، والكلأ، والنار»

Drei, die nicht verwehrt werden dürfen: Wasser, Feuer und Weideland.

Diese Hadithe belegen, dass Wasser, Feuer und Weideland allen Menschen gleichermaßen gehören und dass nichts davon privat besessen werden darf. Die genannten Güter bilden lebenswichtige Ressourcen, ohne die sich eine Gemeinschaft in einem Gebiet nicht niederlassen könnte. „Feuer“ bedeutet Energie und umfasst somit beispielsweise Öl, Gas und Strom. Zur Zeit des Propheten waren Weiden für die Landwirte lebenswichtig, damit ihre Tiere grasen konnten. Im Zuge der zunehmenden Verstädterung sind Weideflächen nicht mehr so wichtig wie neue Formen lebenswichtiger Infrastruktur. Aus diesem Grund könnte die Telekommunikation- bzw. die Internet-Infrastruktur zu dieser Liste hinzugefügt werden. Auch andere Dinge, die als zu wichtig erachtet werden, um sie einer etwaigen Monopolisierung auszusetzen, würden ebenfalls zum öffentlichen Eigentum erklärt werden. At-Tirmiḏī berichtet von Abyaḍ ibn Ḥammāl (r):

«أنه وفد إلى رسول الله r، فاستقطعه الملح فقطع له، فلما أن ولّى، قال رجل من المجلس: أتدري ما قطعت له؟ إنما قطعت له الماء العِدّ، قال: فانتزعه منه«

Er (Abyaḍ) kam zum Propheten und bat darum, ihm ein Salzgebiet zuzuweisen, was er auch tat. Nachdem er gegangen war, sagte einer in der Sitzrunde zum Propheten (s): ,,Weißt du, was du ihm zugewiesen hast? Du hast ihm eine reichliche Quelle (al-māʾ al-ʿidd) zugewiesen.“ Und so nahm der Prophet sie ihm wieder weg.“

Unter „al-māʾ al-ʿidd“ wird eine kontinuierliche Quelle von Wasser verstanden. Der Mann aus der Sitzrunde zog die Analogie zwischen Salz und Wasser heran, da das Salzvorkommen in diesem Fall scheinbar unbegrenzt war. Dieser Hadith ist ein Beweis dafür, dass der Prophet (s) Abyaḍ ibn Ḥammāl (r) die Schürfrechte an einem Teil des Bergsalzes gegeben hatte. Als er (s) jedoch herausfand, dass die Menge des Minerals nicht zählbar war, nahm er die Schürfrechte von ihm zurück und verhinderte den privaten Besitz der Salzmine. Hierbei handelt es sich also um öffentliches Eigentum. Salz ist nur ein Beispiel für ein Mineral bzw. ein Erz – gemeint ist also das Mineral bzw. das Erz, nicht das Salz an sich. Aus diesem Hadith geht klar hervor, dass die Begründung (ʿilla), warum die Schürfrechte an einem Teil des Bergsalzes verhindert wurden, darin besteht, dass es ʿidd, d. h. nicht zählbar, ist.

Diese Regelung, dass unbegrenzte Mineralien als öffentliches Eigentum gelten, schließt alle Mineralien und Metallerze mit ein. Dabei ist es irrelevant, ob die Mineralien an der Erdoberfläche liegen, leicht zugänglich sind, und daher von jedem Menschen genutzt werden können, wie im Falle von Salz, Kohle, Smaragden und dergleichen, oder ob sie unter der Erdoberfläche liegen und mit größerem Aufwand abgebaut werden müssen, wie im Falle von Gold, Silber, Eisen, Bronze, Blei und dergleichen. Es spielt auch keine Rolle, ob sie fest sind wie Kristalle oder flüssig wie Öl. Sie gelten alle als „Erze“ und werden entsprechend dem Hadith behandelt. Erze sind somit öffentliches Eigentum und gehören daher allen Bürgern. Der Staat darf sie weder an Einzelpersonen oder Unternehmen abtreten noch Einzelpersonen oder Unternehmen erlauben, sie für sich allein zu fördern. Stattdessen muss der Staat sie selbst fördern, und zwar im Namen der Muslime, da er verpflichtet ist, sich um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Jeglicher Erlös aus ihrer Förderung stellt öffentliches Eigentum dar und gehört somit allen Bürgern. Da dieses Thema sehr umfangreich ist, werden wir uns in unserer Diskussion auf den Energiesektor konzentrieren.

Im kapitalistischen System ist die Energiewirtschaft ein sehr profitabler Sektor, da es sich bei den gelieferten Gütern, sei es Öl, Gas oder Strom, um lebenswichtige Ressourcen handelt. Der Energiesektor ist monopolähnlich aufgebaut und wird in der Regel von nur wenigen Marktteilnehmern beherrscht. Einerseits ist dies auf die hohen Investitionskosten zurückzuführen, andererseits auf den Umstand, dass Regierungen diverse Hindernisse für neue Marktteilnehmer aufstellen. Dies führt wiederum dazu, dass es nur wenige Energieanbieter gibt, die (aufgrund der unelastischen Nachfrage) hohe Energiepreise verlangen können, während sie sich ausschließlich am Gewinn und nicht am Umweltschutz orientieren. Dieses moralische Risiko ist im islamischen System von vornherein ausgeschlossen, da es im Energiesektor keinen finanziellen Anreiz gibt, die Umwelt zu verschmutzen. Denn die islamische Energiewirtschaft dient ausschließlich zur Deckung der Energienachfrage und nicht zur Bereicherung. Diese Haltung erklärt sich vielleicht aus der juristischen Regel im islamischen Recht, die besagt: „Die Abwendung von Schaden hat Vorrang vor der Erlangung von Nutzen.“ Solche Dienstleistungen werden folglich vom Staat erbracht. Sollte der Staat nicht in der Lage sein, die Energieversorgung unentgeltlich zu erbringen, wird eine nicht gewinnorientierte Abgabe erhoben. Ein diesbezügliches System der Einnahmen und Ausgaben ist klar definiert, und wenn staatliche Dienstleistungen nicht unentgeltlich erbracht werden können, werden sie zu den laufenden Staatskosten gezählt.

Darüber hinaus werden jene Technologien angestrebt, die auch bei der Energieversorgung eine Verschmutzung der Umwelt vermeiden, wenn sich dadurch Schäden für die Bevölkerung mindern lassen. Da nicht der Gewinn, sondern das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft im Vordergrund steht, trägt dies an sich schon zum Umweltschutz bei. Somit schützt das islamische System die Umwelt vor Ölteppichen im Meer, schädlichen Nebenprodukten des Frackings und etlichen weiteren von Menschenhand verursachten Umweltkatastrophen.

5.15 Das politische System des Islam – das Kalifat

Die Umsetzung des Wirtschaftssystems und die Aufrechterhaltung der zuvor genannten Werte ist die Aufgabe des Staates. Im Islam ist dieser Staat das Kalifat. Er setzt die Herrschaft des Islam um, bietet all seinen Bürgern Sicherheit und trägt die Botschaft des Islam in die Welt. Der Kalif ist das Staatsoberhaupt, das gemeinsam mit Assistenten (muʿāwinūn) und Gouverneuren (wulāt – Plural von wālī) und Kreisvorstehern (ʿummāl – Plural von ʿāmil) regiert, sich von einer gewählten Volksversammlung beraten lässt und eine Justiz ernennt, die nach ihrer Ernennung unabhängig vom Kalifen agiert. Der Gesandte Allahs (s) sagte:

»كلُّكم راعٍ وكلُّكم مسؤولٌ عن رعيتِهِ فالأميرُ الذي على الناسِ راعٍ عليهم وهو مسؤولٌ عنهم«

Jeder von euch ist ein Hüter und trägt die Verantwortung für seine Herde. Der Befehlshaber, der den Menschen vorsteht, ist ein Hüter und für sie verantwortlich.[Buḫārī & Muslim]

Die Aufgabe des Kalifen besteht also darin, sich um die Angelegenheiten der Menschen zu betreuen, was auch die Vermeidung von Schäden durch Umweltverschmutzung und andere Probleme einschließt. Der Kalif hat die Aufgabe, die Bürger zu schützen und Konflikte unter ihnen zu beseitigen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen, wie wir es bereits dargelegt haben. So sprach der Gesandte Allahs (s):

«وَاللهِ لَيَتِمَّنَّ هَذَا الْأَمْرُ، حَتَّى يَسِيرَ الرَّاكِبُ مِنْ صَنْعَاءَ إِلَى حَضْرَمَوْتَ، لَا يَخَافُ إِلَّا اللهَ، ‌وَالذِّئْبَ ‌عَلَى ‌غَنَمِهِ، وَلَكِنَّكُمْ تَسْتَعْجِلُونَ»

Bei Allah, diese Angelegenheit (der Islam) wird sich durchsetzen, bis der Reisende von Sanaa nach Ḥadramaut reitet und dabei niemanden fürchtet außer Allah und den Wolf wegen seiner Schafe, doch ihr seid ungeduldig. [al-Buḫārī]

Auch sagte er (s):

«إِنَّمَا ‌الْإِمَامُ ‌جُنَّةٌ، يُقَاتَلُ مِنْ وَرَائِهِ، وَيُتَّقَى بِهِ، فَإِنْ أَمَرَ بِتَقْوَى اللهِ عَزَّ وَجَلَّ وَعَدَلَ، كَانَ لَهُ بِذَلِكَ أَجْرٌ، وَإِنْ يَأْمُرْ بِغَيْرِهِ كَانَ عَلَيْهِ مِنْهُ»

Wahrlich, der Imam ist ein Schild, hinter dem man kämpft und durch den man sich schützt. Wenn er die Furcht vor Allah, dem Erhabenen, anbefiehlt und gerecht handelt, wird er dafür belohnt. Und wenn er etwas anderes befiehlt, so wird es gegen ihn sein.[Muslim]

Umweltvorschriften

Die im vorangegangenen Abschnitt vorgestellten Lösungen, die sich an das Individuum richten, sind im Allgemeinen auf einen staatlichen Apparat angewiesen, um ihre Umsetzung zu ermöglichen. Dies trifft auf die meisten Lösungen zu, obwohl einige von ihnen auch vom Individuum umsetzbar sind, wenn es im Einklang mit den richtigen Überzeugungen und Wertesystemen handelt. So müssen die genannten Regeln von allen Muslimen befolgt werden, unabhängig davon, ob sie unter islamischer Autorität leben oder nicht. Ihre wirksame Durchsetzung kann aber nur in einem Staat erfolgen, der sie tatsächlich zum Gesetz erklärt, das von allen Staatsbürgern als solches einzuhalten ist.

Das System stützt sich dabei allerdings nicht nur auf die Durchsetzung von Maßnahmen. Die Aufklärung der Muslime über die Rechtsbelege der Scharia (wie die im vorigen Abschnitt genannten) schafft in den Herzen und Köpfen der Bürger von klein auf ein Bewusstsein und eine Wertschätzung für die Umwelt und ihre Ressourcen. Auf diese Weise ließe sich die Mehrheit der Menschen – wenn auch nicht alle – zu bestem Verhalten ermutigen, ohne dass eine Durchsetzung von staatlicher Seite bei ihnen erforderlich wäre.

Der qāḍī al-ḥisba: zuständig bei Verletzung des Allgemeinwohls

Das Kalifat ernennt spezielle Richter, die dafür zuständig sind, über Streitigkeiten zu entscheiden, in denen die kollektiven Rechte der Allgemeinheit verletzt werden. Umweltverschmutzungen und Schäden an der Umwelt gehören im Wesentlichen zu ihrem Aufgabenbereich. Der dafür zuständige Richter (qāḍī) wird als qāḍī al-ḥisba bezeichnet. Er hat die Befugnis, Handlungen, die der Gesellschaft im weiteren Sinne schaden, ins Visier zu nehmen und zu unterbinden. Das betrifft beispielsweise wirtschaftliche Tätigkeiten, die negative Auswirkungen auf unschuldige Dritte haben und ihnen Leid zufügen.

Um die Menschen generell vor der Umweltverschmutzung zu schützen, müsste das Kalifat die folgenden allgemeinen Maßnahmen ergreifen:

– Risikobewertungen für Luft, Wasser und andere lebenswichtige Stoffe.
– Festlegung von Sicherheitsstandards auf der Grundlage von technischen Expertisen.
– Qualitätsprüfung der Luft in Stadtzentren, des Wassers in bewohnten Gebieten und des Bodens in der Nähe von Industrieanlagen. Dies würde vom Amt des qāḍī al-ḥisba – in einer eigenen Abteilung für Umweltschutz – durchgeführt. Der Richter hätte sogar die Befugnis, Fabriken oder Industrien, die Probleme verursachen, zu schließen (oder Abhilfemaßnahmen durchzusetzen).
– In dem Maße, in dem sich die Technologie weiterentwickelt, ändert sich auch die Art der Bedrohungen für die Umwelt. Dementsprechend wäre das Kalifat verpflichtet, kontinuierlich in die Forschung zu investieren, um diese Risiken messen, analysieren und verstehen zu können. Die zentralen Laboratorien müssten mit der Grundlagenforschung in diesen Bereichen betraut werden, während die regionalen Laboratorien mit der routinemäßigen Überwachung und Kontrolle der von den örtlichen Inspektoren eingebrachten Proben betraut werden.

Der Umgang mit ökologischen Prioritäten

Wie in der Einleitung erwähnt, müsste sich das Kalifat aktiv um die Umweltprioritäten kümmern, mit denen die Bevölkerung konfrontiert ist. Dazu gehören auch Luft- und Wasserverschmutzung, sowie Industrieabfälle, da das Mandat, die Angelegenheiten des Volkes zu betreuen, auch diese Bereiche umfasst.

Die Verwaltung ist im Kalifat dezentral organisiert. Da die verschiedenen Regionen unterschiedliche Bedürfnisse haben, müssen die lokalen Statthalter, also die wulāt und ʿummāl,auf jede Beeinträchtigung der lokalen Bevölkerung reagieren. Darüber hinaus würde die strategische Planung im künftigen Kalifat wahrscheinlich darauf abzielen, die Energiewirtschaft zu diversifizieren. Mehrere Ziele könnten dadurch erreicht werden, wie beispielsweise die Sicherung der Energieversorgung, eine Dezentralisierung der Energiegewinnung und die Nutzung unterschiedlicher Energiequellen. Denn sowohl die Solar- und Windenergie als auch die Geothermie, die fossilen Brennstoffe und sogar die Kernenergie, betrachtet der Islam als Segen Allahs, der dem Wohle der Menschheit dienen soll. So zahlreich die Energiequellen auch sein mögen, sollte Energie keineswegs verschwendet werden. Zudem müssen die Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden, um mögliche Umweltschäden zu vermeiden.

5.16 Das Wasser ist ein Beispiel dafür, wie diese drei Klassifizierungen in der Praxis funktionieren könnten:

Wasser ist laut dem Hadith ein öffentliches Gut im Islam:

«الناس شركاء في ثلاث، في الماء والكلأ والنار»

Die Menschen sind Partner in drei Dingen: Wasser, Weideland und Feuer.[Abū Dāwūd]

Die islamische Scharia überlässt das Wasser nicht ungeschützt der Verschmutzung. Der Gesandte Allahs (s) sagte:

«اتَّقُوا الْمَلَاعِنَ الثَّلَاثَةَ: الْبَرَازَ فِي الْمَوَارِدِ وَقَارِعَةِ الطَّرِيقِ وَالظِّلِّ»

Hütet euch vor den drei Verfluchungen: Euch an den Wasserstellen, an den Gehwegen oder an den schattigen Plätzen zu erleichtern.[Abū Dāwūd und ibn Māğa – in Miškāt al-maṣābīḥ 355]

Gegen dieses Verbot müsste der Staat zwangsläufig vorgehen, sollten einzelne Personen dagegen verstoßen. Darüber hinaus hätte das Kalifat die Pflicht, potenzielle Wasserquellen zu überwachen und deren Eignung als Trinkwasser, zur Bewässerung der Landwirtschaft und die Umweltverträglichkeit zu gewährleisten.

Abwässer – ob aus Privathaushalten oder Industrie – müssen behandelt werden, um eine Verunreinigung der Umwelt und eine mögliche Kontamination von sauberem Wasser zu vermeiden, damit Mensch und Umwelt nicht zu Schaden kommen.

Es ist die Pflicht des islamischen Staates, darauf zu achten, dass die Sauberkeit von Wasserquellen erhalten bleibt. Er muss die Qualität des Trinkwassers überwachen und es vor Verunreinigungen schützen. Zu diesem Zweck wird er spezielle Laboratorien und Prüfanstalten einrichten und Wasserstationen aufbauen.

Eine Abteilung aus dem Amt des qāḍī al-ḥisba sollte mit der Aufgabe betraut werden, diese Standards in der Industrie zu überwachen oder gegen Einzelpersonen vorzugehen, wenn die Grenzen der Scharia in diesen Fragen verletzt werden.

5.17 Die Rolle des Kalifats in internationalen Angelegenheiten

Das Kalifat wäre ein Staat, der sich an der Weltpolitik beteiligt. Sollte der Kalif z. B. zynische geopolitische Manöver sehen, bei denen zu Konferenzen für die Umwelt aufgerufen wird, um jedoch in Wirklichkeit nur die eigenen nationalen Interessen zu fördern, dann wird er diese Machenschaften aufdecken. Derartige Manöver sind leider Realität in der heutigen Welt. Auf der Tagesordnung steht eindeutig nicht die Rettung von Menschenleben – sonst wären die grundlegenden Probleme der Luft- und Wasserqualität bereits längst angegangen worden. Es geht vielmehr darum, dass die USA mit allen Mitteln versuchen, das Wachstum Chinas einzudämmen. Eine ihrer vielen Strategien ist es, das Umweltargument zu benutzen.

Das Kalifat kann und wird nicht zulassen, dass es selbst oder andere (vor allem schwache) Staaten dieser Welt ausgenutzt oder manipuliert werden, nur weil einige mächtige Staaten ihre eigene Vorherrschaft in globalen Angelegenheiten aufrechterhalten wollen. Tatsache ist, dass die westlichen Länder die bisher größten Umweltschäden verursacht haben. China und die Vereinigten Staaten gelten derzeit als die größten Umweltverschmutzer. Jeder hat bisher nur seine eigenen Interessen verfolgt, und das muss offengelegt werden.

Überall wo das Kalifat die Schäden durch den Kapitalismus sieht, wird es diese aufdecken. Alle oben erwähnten Erkenntnisse darüber, wie der Kapitalismus immense Umweltschäden verursacht hat, sollten der Welt vor Augen geführt werden, damit sie die wahren Ursachen erkennt. Sollte es jedoch notwendig sein, mit anderen Staaten in Kontakt zu treten, um echte Probleme zu lösen, die ganze Regionen betreffen, wird das Kalifat dies tun und dabei Argumente aus einer islamischen Perspektive vorbringen. Fragen im Zusammenhang mit Flüssen, Meeren, der Luftqualität und anderen Problemen sind eine Sache von Nachbarschaftsbeziehungen, haben aber sehr wohl eine ernsthafte geopolitische Dimension.

Daher würde das Kalifat – angesichts einer echten Besorgnis über den vom Menschen verursachten Klimawandel – ebenso die Wissenschaft heranziehen, sofern technische Fragen die Aufklärung durch Fachleute erfordern. Diesen Schritt würde das Kalifat unternehmen, um mögliche Schäden und Ursachen zu ermitteln – nicht aber, um unter dem Deckmantel des Klimaschutzes geopolitische Hegemonialkämpfe auszutragen und nur eigennützige nationale Interessen zu verfolgen, wie wir es heute erleben. Es sollte stets bedacht werden, dass politische Entscheidungen, die auf wissenschaftlichen Ansichten beruhen, stets den politischen Grundsätzen des Staates unterliegen. Die Wissenschaft hat, wie wir bereits gesagt haben, selten eine neutrale Position zu solch komplexen Fragen.

Welche zusätzlichen Maßnahmen zur Bewältigung dieses Problems erforderlich sein werden, wird sich in Zukunft herausstellen. Bereits heute kann und sollte allerdings erwähnt werden, dass die islamischen Grundsätze und das islamische System von vornherein schon viele der Bedenken, die einige Menschen mit diesem Problem verbinden, berücksichtigt haben. Alle übrigen Fragen müssten mit dem Ziel diskutiert und erörtert werden, das Wohlergehen aller Menschen zu verwirklichen – nicht um die Interessen einiger weniger zu bedienen, höherer Profite zu generieren oder nationale Vorteile zu sichern.

Echte geopolitische Führung besteht darin, ein Problem, das die gesamte Menschheit betrifft, im Interesse aller zu behandeln – sowohl auf intellektueller als auch auf politischer Ebene – und nicht zuzulassen, dass Kolonialstaaten ihre Interessen auf Kosten der übrigen Welt durchsetzen.

Und unser abschließender Bittruf lautet: Gelobt sei Allah, der Herr und Schöpfer und Erhalter der Himmel und der Erde und all dessen, was darin liegt!