Konzeptionen Einfach nicht ignorieren

Könnten die Muslime als Minderheit einen Staat dazu bewegen, öffentliche Koranverbrennungen gesetzlich zu verbieten? Völlig unrealistisch, würden die meisten sicherlich antworten. Doch ausgerechnet in Dänemark scheinen die Reaktionen der Muslime auf die jüngsten Koranverbrennungen genau das bewirkt zu haben.

Es mag in den Ohren vieler Muslime wie eine Binsenweisheit klingen. Gegen Islamhasser gebe es nur ein wirkungsvolles Mittel: diese einfach zu ignorieren, um ihnen gar nicht erst jene Aufmerksamkeit zu schenken, die sich diese Personen so sehr wünschten. Auf den ersten Blick scheint dieser Gedanke plausibel. Schließlich können all die gegen den Islam gerichteten öffentlichen Schmähungen und Beleidigungen dem Islam selbst nichts anhaben. Genauso wenig sind derartige Aktionen imstande, die Überzeugung der Muslime ernsthaft zu erschüttern.

Doch bei genauerer Betrachtung lässt sich der Gedanke, die widerwärtigen Taten der Islamhasser einfach zu ignorieren, kaum als kluge Strategie verstehen. Vielmehr spiegelt sich darin die Schwäche und Ideenlosigkeit wider, welche die Muslime in eine politische Selbstblockade versetzt. Gerade bei symbolischen Aktionen wie den Prophetenkarikaturen führte diese Haltung in jene Passivität, die den Islamfeinden im Grunde signalisiert, dass sie in ihrer Hetze weitere Schritt gehen können, ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen. Gleichzeitig nehmen insbesondere im Westen immer noch viele Muslime an, dass sie trotz ihrer großen Zahl und ihren inzwischen gut vernetzten Verbänden sowohl auf globaler als auch auf regionaler Ebene keine Möglichkeit hätten, Verunglimpfungen gegen den Islam unterbinden zu können oder zumindest durch eine klare Positionierung ein Gegengewicht im Diskurs zu schaffen. Demonstrationen oder Online-Petitionen erfahren seitens einiger Akteure keine Unterstützung und werden eher als kontraproduktiv gesehen, ohne dabei aufzuzeigen, wie eine angemessene Reaktion aussehen könnte. Selbst die als alternativlos dargestellte politische Partizipation am bestehenden demokratischen System hat der muslimischen Gemeinschaft keinerlei Instrumente an die Hand geben können, um dieser öffentlichen Hetze politisch etwas entgegenzusetzen.

Nun stellt sich die Frage, ob diese Einschätzung stimmt und diverse öffentliche Kampagnen tatsächlich keinen Nutzen bringen. Sind also Demonstrationen oder die Schaffung neuer Diskursräume, in denen solche Themen aufgegriffen und diskutiert werden, reine Zeitverschwendung? Ein Blick nach Dänemark zeichnet hier ein ganz anderes Bild und sollte die Kritiker eines Besseren belehren. Seitdem Anfang dieses Jahres mehrere öffentliche Koranverbrennungen in Dänemark und Schweden für Furore sorgten, kam es als Reaktion darauf immer wieder zu Protesten sowohl in Europa als auch in der islamischen Welt. Ende Juli erreichten die Proteste eine neue Eskalationsstufe, als die schwedische Botschaft in Bagdad gestürmt wurde. Aus Sorge um die nationale Sicherheit reagierte die dänische Regierung darauf, indem sie kürzlich einen Gesetzesentwurf vorstellte, dass das Schänden religiöser Symbole zukünftig verbieten soll. Der dänische Justizminister Peter Hummelgaard erklärte, dass der Gesetzentwurf ein Verbot der unangemessenen Behandlung von Gegenständen von erheblicher religiöser Bedeutung für eine Religionsgemeinschaft vorsehe und diese unter Strafe stellt. Der Entwurf gelte auch für die Bibel oder die Thora sowie für religiöse Symbole wie das Kreuz. Die Koranverbrennungen bezeichnete Justizminister Hummelgaard als sinnlose Beleidigungen und Spotthandlungen, die der Sicherheit der Dänen sowohl im Ausland als auch im Inland schaden. Ihr einziger Zweck sei es, Zwietracht und Hass zu schüren. Um die Meinungsfreiheit als vermeintliches Aushängeschild Dänemarks den religiösen Gefühlen nicht gänzlich unterordnen zu müssen, unterstrich Hummelgaard während einer Pressekonferenz, dass es bei dem Gesetz nicht darum gehe, was man denken und sagen dürfe, sondern um zivilere Wege, sich auszudrücken. Und am 7.12.2023 war es dann soweit; das dänische Parlament hat nach einer fast vierstündigen Debatte die Gesetzesvorlage in dritter Lesung mit einer Mehrheit von 94 Ja-Stimmen und 77 Gegenstimmen angenommen. Die Entscheidung in Kopenhagen wurde in Schweden derweil aufmerksam verfolgt und setzte unter Schwedens Politikern eine Diskussion darüber in Gang, wie der korrekte Umgang mit der Schändung religiöser Symbole aussehen könne. Zwar stehen die politisch Verantwortlichen der dänischen Entscheidung eher skeptisch gegenüber. Dennoch sei die schwedische Regierung angesichts der scharfen Kritik und der eskalierenden Proteste besorgt über die innere Sicherheit, was schwedischen Medienberichten zufolge durchaus zu einem Umdenken führen könnte.

Die Reaktion Dänemarks sollte den hierlebenden Muslimen einerseits deutlich machen, dass es auch als weltanschaulich-religiöse Minderheit möglich ist, politischen Druck auf die Regierungen im Westen aufzubauen. Vor allen Dingen müssen die Muslime begreifen, dass sie als politischer Akteur in der Öffentlichkeit erst dann wahrgenommen werden, wenn sie geschlossen und kompromisslos für die islamischen Werte einstehen und ihre Standpunkte selbstbewusst nach außen hin kommunizieren. Dazu gehören unter anderem Demonstrationen und Kundgebungen, in denen Muslime ihre kategorische Ablehnung der Koranverbrennung oder anderer Schmähungen zum Ausdruck bringen. Denn diese Art der politischen Arbeit flankiert durch Diskussionen, öffentlichen Statements und weiteren meinungsbildenden Maßnahmen, lässt die muslimische Gemeinschaft zu einem einflussreichen Akteur werden, der wie im aktuellen Fall eine Regierung sogar zu einer entsprechenden Gesetzgebung bewegen kann. In ähnlicher Weise war es 2018 möglich, das in Nordrhein-Westfalen geplante Kopftuchverbot für Musliminnen unter 14 Jahren an den Schulen zu verhindern, nachdem von einigen islamischen Akteuren im deutschsprachigen Raum eine Online-Petition initiiert und binnen kürzester Zeit über 170.000 Unterschriften gesammelt wurden. Wohlgemerkt waren die Muslime in der Lage, diese Vorhaben zu stoppen, ohne dabei am bestehenden demokratischen System in irgendeiner Weise partizipiert zu haben.

Andererseits führt die Reaktion der dänischen Regierung exemplarisch vor Augen, dass die im Westen lebenden Muslime trotz ihres Status als weltanschaulich-religiöse Minderheit, ihre daraus resultierenden Probleme und Herausforderungen nicht ausschließlich aus dieser Minderheitenperspektive betrachten dürfen. Vielmehr müssen sie sich bei der Lösung soziopolitischer Probleme stets als eine globale Umma begreifen, selbst wenn es Anliegen sind, die in der Praxis nur Muslime in einem bestimmten westlichen Land betreffen. Am Beispiel der Koranverbrennungen waren es vor allem die Demonstrationen in der islamischen Welt, welche in Dänemark und Schweden die Diskussion über die nationale Sicherheit angestoßen haben. Obgleich es sich hierbei nicht um koordinierte Aktionen handelte, so zeigen sie dennoch auf, über welches Potenzial die Muslime ungeachtet ihrer geografischen Entfernung verfügen, wenn sie sich als Teil einer Umma verstehen und entsprechend handeln. Auf diese Weise lässt sich auch jedes andere politische Vorhaben gegen den Islam torpedieren; unter der Voraussetzung jedoch, dass die politischen Akteure hierzulande dies als ein islamisches Problem kommunizieren und mittels einer politisch-medialen Kampagne die Gefühle der Muslime weltweit aktivieren.  

An dieser Stelle sei noch anzumerken, dass all die beschriebenen Möglichkeiten der Einflussnahme als auch die Reaktion Dänemarks vor dem Hintergrund stattfinden, dass die Muslime ohne politische Rückendeckung der zahlreichen Regierungen in der islamischen Welt agieren. Es besteht somit kein Zweifel daran, dass die Muslime über einen viel größeren Gestaltungsrahmen und effektivere Instrumente verfügen würden, wenn die Umma wieder durch einen genuin islamischen Staat politisch handlungsfähig wäre, der ihren Din weltweit vor solchen Schmähungen schützt.

Entgegen also einiger kritischer Stimmen besitzt die muslimische Gemeinschaft hierzulande durchaus das erforderliche Potenzial, den Diskurs soweit zu beeinflussen, dass am Ende eine Aktion wie die öffentliche Koranverbrennung gar nicht erst stattfinden kann. Voraussetzung dafür ist jedoch, sich von Selbstzweifeln und der Illusion zu befreien, Muslime hätten als weltanschaulich-religiöse Minderheit keinerlei Werkzeuge zur Hand, um sich gesellschaftspolitischen Entwicklungen wirkungsvoll entgegenzustellen und in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dann werden auch die letzten Kritiker die vermeintliche Binsenweisheit ablegen, dass Islamhasser bestenfalls ignoriert werden sollten. Denn die Koranverbrennung darf die muslimische Gemeinschaft nicht einfach an sich abperlen lassen. Vielmehr müssen sie dagegen ihre Stimme öffentlich erheben.