Konzeptionen Die Tätigkeiten, denen die daʿwa-Träger nachgehen müssen (Teil 1)

Der nachfolgende Artikel ist der erste Teil der Übersetzung eines arabischen Flugblatts, welches im August 1975 veröffentlicht wurde. Sie beinhaltet hilfreiche Ratschläge für den daʿwa-Träger, und zwar hinsichtlich seiner Aktivitäten und hinsichtlich der Frage, auf welche Tätigkeiten der Fokus gelegt werden sollte.

Es existieren zahlreiche Angelegenheiten im Leben eines Menschen, die seine mentalen Kapazitäten und damit seine Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb verausgabt sich der Mensch ständig auf den verschiedensten Ebenen, um die Verpflichtungen, die diese Angelegenheiten mit sich bringen, zu erfüllen.

Betrachtet man besagte Angelegenheiten, denen ein Mensch sein Leben widmet, stellt man fest, dass diese verschiedene Formen annehmen und unterschiedliche Anreize haben. Die Sorgen der Menschen variieren von Person zu Person und von einem Bereich zum anderen.

Wenn man sich die Gesetze und Grundsätze der Scharia vor Augen führt, die die Beziehungen zwischen den Menschen regeln, kann es durchaus vorkommen, dass die Befriedigung eines Instinkts auf Kosten eines anderen erfolgt. Auch wenn dies den Erfordernissen des Lebens entspricht, muss es trotz allem eine Prioritätenordnung geben.

Gewiss hat Allah (t) dem fähigen Muslim anbefohlen zu arbeiten, um sich und die von ihm Abhängigen zu ernähren. Doch ebenso ist es wahr, dass Allah (t) dem daʿwa-Träger befohlen hat alles zu tun, was Er von ihm abverlangt. Das Tragen der daʿwa sollte dabei Vorrang vor allen anderen Verpflichtungen haben, denn Allah (t) hat das Tragen der daʿwa zur obersten Priorität erklärt. Dies geht unter anderem aus folgendem Bericht vom Gesandten hervor. So berichtet Ibn Kaṯīr in seinem Werk „As-Sīra An-Nabawīya“, dass der Gesandte Allahs (s) sprach: „O mein Onkel! Bei Gott, wenn sie mir die Sonne in meine rechte und den Mond in meine linke Hand gäben, dafür, dass ich diese Sache (die Botschaft des Islam zu verkünden) aufgebe, werde ich nicht davon ablassen, bis Allah (t) sie zum Sieg führt oder ich dabei untergehe.“

Die Handlungen, die von dem Muslim ausgehen, müssen ein Mittel zur Erfüllung eines Ziels sein. Die daʿwa zum Islam stellt ein solches Ziel dar. Der wichtigste und herausragendste Aspekt besteht hier darin, das Rechte (maʿrūf) zu gebieten und das Verwerfliche (munkar) zu verbieten.

Im Koran wird dies mehrfach in verschiedenen Suren betont, wobei Allah (t) es zum einen zur individuellen Pflicht eines jeden Muslims erklärt. Zum anderen hat Er (t) aber auch die Bildung von Gruppen zur Erfüllung dieser Pflicht angeordnet.

Aus dem bisher Dargelegten geht also hervor, dass das Gebieten des Rechten (maʿrūf), das Verbieten des Verwerflichen (munkar) und die daʿwa zum Islam eine Vielzahl von sorgfältig festgelegten Zielen umfassen, die sich aus dem Tragen der daʿwa ergeben. Deshalb ist es unerlässlich, eine Reihe von spezifischen Aufgaben zu übernehmen, um die genannten Ziele zu erreichen. Diese Aufgaben sind nicht weniger wichtig als die Resultate selbst, denn die Erfolge wären unerreichbar, würden diese Aufgaben nicht wahrgenommen werden.

Bei näherer Betrachtung dieser Aufgaben stellt man fest, dass sie zwar zahlreich sind, sich jedoch in mehreren Punkten zusammenfassen lassen:

1. Die islamischen Verpflichtungen

Die absolute Einhaltung aller islamischen Verpflichtungen muss für den daʿwa-Träger eine Selbstverständlichkeit sein. Es wäre sonderbar die daʿwa zu tragen, sich aber zeitgleich nicht genauestens an die Gebote und Verbote Allahs (t) zu halten oder den Islam nicht zur Grundlage seiner Disziplin, seiner Arbeit, seines Denkens und zur Grundlage seines gesamten Lebens zu machen. Dennoch wäre es ein Fehler, einfach davon auszugehen, dass der daʿwa-Träger nicht an diese Dinge erinnert werden muss.

Die wichtigste Verpflichtung des daʿwa-Trägers besteht nämlich nicht nur ausschließlich darin, ein reales Verlangen nach dem Paradies und eine reale Furcht vor dem Höllenfeuer zu hegen und so das Wohlgefallen Allahs (t) zu ersuchen, sondern vielmehr darin, dieses Gefühl in praktischer und intellektueller Form an die Menschen um ihn herum weiterzugeben. Die Vermittlung dieser realen Gefühle kann nur gelingen, wenn sie sich in seinen Handlungen und Äußerungen widerspiegeln und dadurch an die Menschen in dessen Umgebung übertragen werden.

Nur wenn es dem daʿwa-Träger gelingt, dieses reale Gefühl des Strebens nach dem Wohlgefallen Allahs (t) zu erlangen, wäre der erste Schritt zum Aufbau einer Umma, die von diesem realen Gefühl inspiriert ist, getan. Dies wiederum würde die Umma dazu motivieren, alles zu opfern um ihr Ziel zu erreichen und die Stellung zu erlangen, die von einer islamischen Umma erwartet wird – und zwar die der Verbreitung von Rechtleitung und Güte in der ganzen Welt.

2. Rezitation (tilāwa) des Koran

Es versteht sich von selbst, dass der Koran die Grundlage des dīn ist, den wir mit Stolz vertreten. Er ist das offenbarte Wort Allahs (t), mit dem wir Ihn (t) verehren sollen. Abgesehen von der großen Belohnung, die dessen Rezitation mit sich bringt, ist der Koran dazu fähig, die Menschen zu motivieren und zu bewegen, die mit Herz und Verstand darauf hinarbeiten, das Wort Allahs, das islamische Glaubensbekenntnis, zum Höchsten zu erheben.

Keine Bürde ist schwerer als das Tragen der daʿwa, weshalb der Träger dieser umso mehr den Koran rezitieren sollte. Er verleiht den Gläubigen eine erstaunliche Energie, die müßige Seelen belebt und ihr Gemüt so verändert, dass sie über jedwede Mühsal hinwegsehen und alle weltlichen Vergnügungen in den Hintergrund stellen, um das Wohlgefallen Allahs (t) und ewige Glückseligkeit im Paradiesgarten zu erlangen. Warum übertreten wir die Grenzen Allahs, des Erhabenen, wo wir doch fest davon überzeugt sind, dass der Sieg von Ihm (t) kommt und auf nichts und niemanden hoffen, außer auf Ihn (t)!? Warum sollten wir nicht darauf erpicht sein, aus der Quelle des Korans zu schöpfen, über seine Bedeutungen zu reflektieren und uns mit seinen Zielen vertraut zu machen? Für den daʿwa-Träger, dessen Seele geschwächt ist, gibt es kein besseres Heilmittel als wiederholte Lesen und Rezitieren der Verse des edlen Koran. Die Offenbarung Allahs (t) kann niemals überstrapaziert werden, ganz gleich wie viel daraus rezitiert wird, wie alt sie inzwischen ist oder wie viele Rezitatoren es bereits gegeben hat.

Da der Islam alle Aspekte des Konflikts und der Mühsal umfasst, wäre es verfehlt diese voneinander loszulösen. Es gibt keinen besseren Motivator als den Koran, um die Bürden des Konflikts und der Mühsal zu stemmen. Die islamische Umma entwickelte sich zu einer Umma des ǧihād und der Aufopferung für Allah (t), seit sie sich mit dem dīn auseinandergesetzt hat. Die Vernachlässigung der Koranrezitation stellt deshalb einen konzeptionellen Verfall dar, eine Degeneration, der eigentlich zu jeder Zeit mit einem Höchstmaß an Aufopferung und Einsatz entgegengewirkt werden sollte.

3. Menschen kontaktieren und ihnen die Inhalte vermitteln

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Kontaktaufnahme mit den Menschen den wesentlichen Bestandteil der daʿwa ausmacht. Eine Person kann nicht als daʿwa-Träger bezeichnet werden, wenn sie keine Beziehungen zu den Menschen aufbaut und sich nicht mit ihren aktuellen Angelegenheiten vertraut macht. Es wäre undenkbar das Rechte (maʿrūf) zu gebieten und das Verwerfliche (munkar) zu verbieten, ließe sich hierfür kein Mensch auffinden. Genauso wenig wäre es vorstellbar, dass wir dazu in der Lage wären den Menschen die Ideen und Gesetze des Islam zu erklären und zu vermitteln, wenn wir von ihnen fernblieben.

Man wird nicht allein deswegen würdig, sich als daʿwa-Träger zu bezeichnen, nur aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, denn die Zuordnung dient lediglich einem administrativen Zweck. Deshalb muss das Hauptaugenmerk des daʿwa-Trägers auf seinen Kontakten und seinen Beziehungen zu anderen Menschen liegen, sowie auf der Vertrautheit, die der daʿwa-Träger zu diesen aufbaut. Ferner gehört es zu seinen obersten Prioritäten, sich der Angelegenheiten der Menschen anzunehmen, sich mit ihren Empfindungen auseinanderzusetzen und ihre Ideen mit den Ideen und Gesetzen des Islam in Einklang zu bringen.

Wenn wir uns über irgendetwas wundern sollten, dann doch über jene, die sich ihrer Position im Kampf gegen den kufr und seiner Systeme genauestens bewusst waren und zeitgleich in einen tiefen Schlummer versanken oder so taten als hätten sie vergessen, dass sie an der vordersten Verteidigungsfront kämpfen. In der Geschichte der islamischen daʿwa ist uns noch nie eine Person bekannt geworden, die den Islam annahm und sich anschließend von anderen Menschen isolierte. Abū Ḏarr al-Ġifārī nahm den Islam an, woraufhin der Gesandte Allahs (s) ihm befahl zu seinem Volk zurückzukehren. Er aber weigerte sich Mekka zu verlassen, bevor er nicht die Schahada in Hörweite der Götzendiener (mušrikūn) Mekkas ausgerufen hatte. Daraufhin ertrug er Schläge, unter denen selbst der stärkste Mann zusammenbrechen würde, obwohl er zu dieser Zeit über den Islam nichts wusste, bis auf die Schahada!

Der Islam ist eine kollektive und universelle Lebensordnung (dīn), keine individuelle. Es handelt sich um einen dīn, dessen natürliches Umfeld innerhalb der Massen, als herrschende Autorität und auf der internationalen Bühne liegt. Diejenigen, die den Islam auf abgedunkelte Gebetsräume und Minarette beschränken wollen, unterstützen die Ungläubigen (kuffār) und ihre Agenten wissentlich oder unwissentlich in ihrem Bestreben, den Islam vom weltlichen Leben und vom Zeitgeschehen zu isolieren, um ihm der Vitalität und der Substanz zu berauben.