Konzeptionen Die Tätigkeiten, denen die daʿwa-Träger nachgehen müssen (Teil 2)

Der nachfolgende Artikel ist der zweite Teil der Übersetzung eines arabischen Flugblatts, welches im August 1975 veröffentlicht wurde. Sie beinhaltet hilfreiche Ratschläge für den daʿwa-Träger, und zwar hinsichtlich seiner Aktivitäten und hinsichtlich der Frage, auf welche Tätigkeiten der Fokus gelegt werden sollte.

4. Das Lesen

Damit ist hier sowohl das Lesen von Büchern gemeint, die der parteilichen Kultivierung dienen, als auch das Lesen von Büchern, die die allgemeine islamische Kultur umfassen. Sei es nun die intellektuelle, die politische oder aber auch die rechtswissenschaftliche (fiqhī) Kultur des Islam.

Bei demjenigen, der mit Hizb-ut-Tahrir zusammenarbeitet und die daʿwa trägt, mag die Frage aufkommen, worin der Nutzen im Lesen und Untersuchen anderer Bücher liegen soll – zumal die Partei ihre adoptierte oder veröffentlichte Kultur bereits in Büchern dargelegt hat und der daʿwa-Träger diese ohnehin adoptiert.

Die Antwort hierauf lautet wie folgt: Der daʿwa-Träger ist dazu verpflichtet, jene Ideen zu verbreiten, welche die Partei adoptiert hat. Die von der Partei adoptierte Lektüre umfasst jedoch – auch wenn sie tiefgründig ist – eine Vielzahl von Gesetzen, die sich auf bestimmte Realitäten beziehen. Folglich wäre es falsch, sich mit dem Lernen und Zitieren solcher Regeln zu begnügen, da diese nicht von den Realitäten getrennt werden können, auf die sie sich beziehen.

Zwar legt die Partei einige dieser Realitäten in ihren Büchern dar, doch handelt es sich dabei nur um komprimierte Darstellungen, die dem Zweck dienen sollen ihre Regelungen zu verdeutlichen. Diese Darlegungen genügen nicht, um das wahre Wesen und die Essenz dieser Realitäten zu verstehen. Da andere Werke besagte Realitäten genauer darstellen, ist es erforderlich, diese heranzuziehen und zu lesen, damit die Auffassung des daʿwa-Trägers von der adoptierten Kultur mit einem Bewusstsein verbunden ist und keiner Schwäche ausgesetzt wird. Ein daʿwa-Träger, der häufig liest und recherchiert, wird daher immer in einer besseren Ausgangslage sein, wenn es darum geht die Ideen und die Kultur der daʿwa besser zu verstehen und zu erfassen.

Darüber hinaus sollte derjenige, der andere Menschen beeinflussen will, sich ausreichend darüber informieren, welche Ideen, Meinungen und Denkschulen diese vertreten. Es liegt daher auf der Hand, dass der daʿwa-Träger, der ein größeres Maß an Wissen erworben und länger studiert hat, eher dazu in der Lage ist, die Ideen und Bindungen der Menschen zu beeinflussen.

So sagen wir beispielsweise, dass das Kalifat ein ausgezeichnetes, einzigartiges und das einzig zulässige System ist, um die Angelegenheiten der Menschen zu regeln. Schließlich handelt es sich hierbei um ein System, welches von Allah (t) offenbart wurde, Der die Menschen besser kennt als sie sich selbst. Zudem sagen wir zwar, dass das demokratische System der Menschheit keine wahre Zufriedenheit bieten kann, doch in Wirklichkeit handelt es sich dabei auch nur um ein weiteres von Menschen gemachtes System des Unglaubens, welches zwangsläufig Ängste und Instabilität unter den Menschen schürt. Darüber hinaus kann der Mensch kein System für sich selbst, geschweige denn ein System für andere Menschen errichten und es ihnen aufzwingen, außer er tut dies mit Gewalt. Wenn wir über diese Thematik sprechen und uns hierbei mit der uns bekannten Parteikultur begnügen, bleibt unser Verständnis eher theoretisch als praktisch.

Erst das Studium der fraglichen Systeme macht daraus ein einflussreiches und praktisches Verständnis, das mit dem Herzen und dem Verstand einhergeht. Dies würde es ermöglichen, sich praktisch mit dem Wesen und der Korruption dieser Systeme vertraut zu machen und ihre Unfähigkeit zu erkennen, den unter ihrer Herrschaft stehenden Menschen Glückseligkeit zu bringen.

Diese Erkenntnisse können aus Büchern gewonnen werden, die die verschiedenen politischen Systeme der Welt behandeln. Die Parteilektüre enthält zwar grundlegende Urteile über diese Systeme, sie erfasst aber nicht in ausreichendem Maße die Realität dieser Systeme in einer Weise, die es uns erlauben würde, ihre ausführlichen Details zu verstehen.

Das Gleiche gilt für die von der Partei adoptierten Rechtssprüche, über die es Meinungsverschiedenheiten unter den Rechtsauslegern (muǧtahidun) gibt. Das Studium der von diesen Gelehrten angeführten Rechtsbelege würde unser Vertrauen in die Beweiskraft der islamrechtlichen Belege, die den adoptierten Positionen der Partei zugrunde liegen, stärken.

Wir könnten Dutzende von Beispielen anführen, um zu beweisen, dass die Lektüre der Bücher der Partei sowie anderer politischer oder intellektueller Bücher für den daʿwa-Träger unverzichtbar ist. Weder wollen wir damit zum Ausdruck bringen, dass die Lektüre die Wahrnehmung erweitert und das Denken schärft, noch dass die Lektüre dem Leser die ersten Schritte zu einem politischen Bewusstsein ermöglicht. Es geht uns in erster Linie darum, dass das Tragen der daʿwa selbst nicht effizient und einflussreich sein kann, wenn man sich nicht mit dem Lesen und Studieren beschäftigt.

5. Verfolgung (der Geschehnisse)

Damit meinen wir das Verfolgen des Tagesgeschehens und der Tagesnachrichten, da sich dies vom Lesen unterscheidet, auch wenn es mit diesem verbunden ist.

Dies umfasst insbesondere das Lesen von politischen Zeitungen und Zeitschriften, das Ansehen bzw. Anhören von Nachrichten und Ähnlichem. Die Informationsbeschaffung stellt das Grundelement der Politik dar, denn ohne sie gäbe es keine Politik.

Wenn wir von Verfolgung bzw. Nachverfolgung sprechen bedeutet dies, dass wir beharrlich und unermüdlich weitermachen, ohne auch nur einen einzigen Tag auszulassen. Grund hierfür ist, dass die täglichen Ereignisse eine lange Kette von Ereignissen bilden, die miteinander verknüpft sind. Deshalb wäre es unerlässlich, diese Kette stetig weiterzuverfolgen, um uns ein Gesamtbild einer Situation zu verschaffen und ein zutreffendes Urteil über diese Nachrichten und Ereignisse zu fällen. In diesem Zusammenhang geht es uns nicht darum, die Bedeutung der politischen Arbeit und ihre Auswirkungen auf die Etablierung der islamischen Idee im Bereich der Implementierung und der Umsetzung hervorzuheben. Wir sollten nämlich inzwischen über das Stadium der Erkenntnis der Bedeutung der politischen Arbeit hinaus sein und überdies ein Stadium erreicht haben, in dem wir uns an der politischen Arbeit beteiligen und den verschiedenen Verpflichtungen, die mit dieser unseren Tätigkeit in Verbindung stehen, nachkommen.

In diesem Zusammenhang geht es vordergründig darum, sich der Bedeutung der Verfolgung von Meldungen und Ereignissen in der politischen Arbeit bewusst zu werden. Nachrichten zu analysieren ist zweifellos eine wichtige Angelegenheit, genauso wie die Äußerung der eigenen Ansicht zu diesen Meldungen, wobei die Verknüpfung des islamischen Standpunkts mit dieser Ansicht von zentraler Bedeutung ist. All dies hängt jedoch stark von der Verfolgung der täglichen Nachrichten und Ereignisse ab. Geschehnisse lassen nicht auf sich warten um von jemandem analysiert zu werden, sondern finden statt und hinterlassen ihre Spuren, selbst wenn niemand ihnen nachgegangen sein sollte.

Deshalb ist es für uns zwingend erforderlich, Nachrichten zu beschaffen sobald sie eintreten und sicherzustellen, dass kein Ereignis an uns vorbeizieht, ohne davon Kenntnis zu haben und eben jenes zu analysieren. Wie könnte jemand, der keinerlei Erfahrung mit der Verfolgung von Ereignissen aus erster Hand hat, jemals in der Lage dazu sein, (weltbewegende) Ereignisse in nicht allzu ferner Zukunft herbeizuführen?

Diese Beschäftigung ermöglicht es dem Nachverfolgenden, die Geschehnisse zu durchleben und macht ihn zu einer energiegeladenen Person, die im Herzen einer Gesellschaft lebt. Diese Person wird imstande sein, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu ziehen. Auf diese Weise gelingt es ihm oder ihr, die Menschen anzuziehen und sie zu führen. Es wäre hier verfehlt die Frage aufzuwerfen, ob die tägliche Lektüre einer Lokalzeitung oder das Hören von Nachrichten im Radio genügen, um die Ereignisse zu verfolgen. Schließlich besteht der springende Punkt darin, die Nachrichten über die betroffenen Orte zu beziehen, unabhängig davon ob es sich bei der Quelle um eine Zeitung oder ein Radio handelt. Man könnte nämlich jeden Tag damit verbringen eine Zeitung zu lesen, ohne den Zweck der Nachrichtenverfolgung zu erfüllen. So kompensiert das alleinige Lesen der Zeitung in den meisten Fällen nicht, was man durch das Versäumen der Radionachrichten verpasst und vice versa. Entscheidend ist jedoch, dass wir die Ereignisse nicht an uns vorbeiziehen lassen, ohne uns zumindest mit ihnen vertraut zu machen.

Diese fünf Punkte – die islamischen Verpflichtungen, das Rezitieren des Korans, die Kontaktaufnahme mit den Menschen, das Lesen und das Verfolgen von Nachrichten – müssen mit größter Sorgfalt und Aufmerksamkeit angegangen werden, um ihren Anforderungen nachzukommen. Nur so können die daʿwa-Träger ihre Verantwortung erfüllen und ihrem Titel gerecht werden.

Möge Allah (t) uns zu denen machen, die das Gut, welches Er (t) uns anvertraut hat, auf die beste Weise an die Menschen herantragen. Er ist wahrlich der Allhörende, der Erhörer der Gebete.