Konzeptionen Die Macht der Information – Wie Social Media einen Diskurs lenken kann

Social Media ist kaum noch aus der modernen Welt wegzudenken und hat sich über den ursprünglichen Verwendungszweck hinaus längst als Schlachtfeld zur Stärkung verschiedener Narrative etabliert. Doch wie groß ist der Einfluss der geteilten Inhalte auf die Gesellschaft wirklich?

In Gaza entfaltet sich derzeit ein Genozid. Während die Herrscher in der islamischen Welt erwartungsgemäß ihrer Untätigkeit frönen, werden die Muslime nicht müde, für ihre Geschwister einzustehen und sich für sie einzusetzen. Auf der gesamten Welt wurden Demonstrationen veranstaltet, Boykottaufrufe gestartet und teilweise sogar diplomatische Vertretungen angegriffen. Besonders auf Social Media werden die Muslime und auch israelkritische Nichtmuslime immer engagierter darin, die Verbrechen des zionistischen Regimes anzuprangern. Doch wie wirksam sind solche Aktionen wirklich? Bringt es überhaupt etwas, in der virtuellen Welt aktiv zu sein oder degradiert man sich dadurch bloß zum sprichwörtlichen „Social-Media-Mujahid“ oder „Hobbyaktivisten“?

Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass sich der Umgang mit Informationen im Zuge der Etablierung von Social Media grundlegend geändert hat. Vorher waren nur große Medienkonzerne, Zeitungen oder einflussreiche Personen im Stande, Massen zu erreichen, da nur ihnen die entsprechenden Plattformen zur Verfügung standen. Wer eine ähnlich große Reichweite generieren wollte, musste viel Geld aufwenden, um etwa eine Zeitung oder einen Fernsehsender in Betrieb zu nehmen. Seit dem Aufkommen von Social Media gestaltet sich dies völlig anders. Es ist nun auch für kleinere Akteure oder sogar Einzelpersonen möglich, Millionen von Menschen zu erreichen. In den ersten Jahren ließ sich sogar beobachten, dass viele etablierte Medien, Unternehmen und sonstige Organisationen die neuen Möglichkeiten völlig unterschätzt haben, so dass anfangs vor allem Einzelpersonen große Reichweiten aufbauen konnten. Mit der zunehmenden Erkenntnis des großen Potenzials, begannen auch immer mehr Unternehmen und Organisationen ihre Präsenz in Social Media auszubauen und auch die klassischen Printmedien sprangen auf den Zug auf.

Durch die Dezentralisierung von Informationen verschob sich der Umgang mit ihnen dahingehend, dass es zunehmend zur Herausforderung wurde, den Wahrheitsgehalt entsprechender Inhalte zu filtern. Das Streuen falscher oder verzerrter Nachrichten entwickelte sich nach und nach zu organisierten Desinformationskampagnen zahlreicher Akteure mit unterschiedlichen Zielen, wie der Beeinflussung ausländischer Wahlkämpfe, Diffamierung bestimmter Bevölkerungsgruppen oder der Destabilisierung ganzer Gesellschaften. Darüber hinaus gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten – auch viel unterschwelligere – zur Verbreitung der eigenen Botschaften und Narrative.

Eine der herausragenden Eigenschaften von Social Media ist die Geschwindigkeit, mit der Informationen viral gehen können. Eine einzelne Botschaft kann sich exponentiell verbreiten und innerhalb kürzester Zeit Millionen von Menschen erreichen. Dies ermöglicht es Individuen, Gruppen und Organisationen, bestimmte Narrative zu etablieren und ihre Meinungen zu verstärken – auch in globalem Ausmaß.

Beim Genozid in Gaza lässt sich besonders eindrucksvoll beobachten, wie groß der Einfluss der Sozialen Medien ist. Während in den ersten Tagen nach dem 7. Oktober 2023 alle etablierten Medien in Deutschland – sowohl die staatlichen als auch die privaten – unisono die bedingungslose Solidarität mit Israel als deutsche Staatsräson propagierten und jegliche Kritik am Zionismus als Antisemitismus diffamierten, zeichnete sich auf Social Media ein gänzlich anderes Bild ab. Die von den klassischen Medien bewusst ausgeblendeten Bilder und Videos von zerbombten Gebäuden, getöteten Zivilisten und massakrierten Kindern machten schnell die Runde und entlarvten die Lüge vom sich verteidigenden Daueropfers namens „Israel“. Dies veranlasste beispielsweise den Generalsekretär der CDU, Carsten Linnemann, bei Markus Lanz, die Bevölkerung aufzufordern, sich diese Bilder nicht anzusehen, um ja keine Empathie mit den Opfern und Zweifel an der deutschen Staatsräson aufkommen zu lassen. Gewirkt hat dieser Aufruf wenig, denn die Zionisten intensivierten ihren Massenmord, indem sie Krankenhäuser, Schulen, Flüchtlingslager und jegliche zivile Infrastruktur auf bestialische Art und Weise zerbombten. Die Palästinenser erkannten, dass sie dieses Leid dokumentieren und der Welt davon berichten müssen. Da die meisten westlichen Medien sich konsequent auf die Seite des „isrealischen“ Besatzungsregimes stellten, nutzten sie die sozialen Medien, um ihre Bilder in die Welt zu transportieren.

Deutsche Nachrichtenportale versuchten ebenfalls Social Media zu nutzen, um das Narrativ der sich verteidigenden „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ zu verbreiten, doch sie wurden in den Kommentaren von zahllosen Nutzern der Einseitigkeit, Heuchelei und Doppelmoral überführt und heftig kritisiert, bis bei entsprechenden Posts die Kommentarspalten deaktiviert wurden. Die Bilder der Ereignisse gingen längst um die Welt und es wurde auch den etablierten Medien immer klarer, dass „Israel“ den Krieg der Bilder längt verloren hat – und das obwohl es den Großteil jener Medienmacht mit schier unbegrenzten Kapazitäten auf seiner Seite hat.

Durch den unermüdlichen Einsatz von Muslimen und israelkritischen Menschen auf der ganzen Welt, verschob sich der Diskurs selbst im deutschsprachigen Raum. Von der totalen Tabuisierung jeglicher Kritik an den Zionisten hin zur Diskussion darüber, ob es sich bei den Angriffen auf Gaza um Kriegsverbrechen handle und ob der Begriff Apartheid auf „Israel“ anwendbar sei – ebenfalls bei Markus Lanz. Ein absolutes Novum im öffentlichen Diskurs in Deutschland, das ohne die regelrechte Flut auf Social Media kaum möglich gewesen wäre. Die Standhaftigkeit der palästinensischen Muslime und die Niederträchtigkeit westlicher Regierungen ließen auch das Interesse am Islam und das Misstrauen gegenüber den eigenen Institutionen im Westen steigen. Diese Entwicklungen gehen soweit, dass sogar das einstige personifizierte Böse – Osama bin Laden – plötzlich breitflächig auf TikTok gefeiert wurde. Hintergrund waren mehrere Videos von amerikanischen Influencern, die bin Ladens Brief an die USA „entdeckt hatten“, was für die den sogenannten Krieg gegen den Terror in einem völlig neuen Licht erschienen ließ. TikTok musste kurz darauf den Hashtag #lettertoamerica in der Suchfunktion sperren, um der Entwicklung ein Ende zu setzen. Derartige Meinungsäußerungen wären auf herkömmlichen Medienplattformen wie im Fernsehen dennoch völlig undenkbar.

All diese Entwicklungen zeigen auf, wie wichtig Social Media für das Etablieren der eigenen Narrative und Botschaften ist. Obwohl diese Plattformen selbst von Akteuren mit eigener Agenda kontrolliert werden und für sie problematische Inhalte immer wieder gesperrt werden, wäre es ein strategischer Fehler, ihnen gänzlich und kampflos das Spielfeld zu überlassen. Der Cyberspace als Ganzes ist nämlich mitnichten eine von der realen Welt losgelöste Realität, sondern lediglich eine Erweiterung unserer „echten“ Welt und ebenso real. In den sozialen Medien kann jeder Einzelne eine hohe Reichweite aufbauen und selbst, wenn man selbst keine großen Massen erreichen kann, so können durch simples Liken, Teilen und Kommentieren andere dabei unterstützt und zumindest die eigenen Kontakte auf Social Media sensibilisiert werden. Ein Effekt, der kaum zu unterschätzen ist, wenn sich nur genügend Menschen organisieren und daran beteiligen.