Konzeptionen Mit KI in das zweite Goldene Zeitalter!?

Der Muslim muss sich stets den Kern einer Angelegenheit vor Augen führen und sie aus einer islamischen Perspektive betrachten. Das gilt auch für neue technologische Entwicklungen und ihre Potenziale.

Der Einfluss von künstlicher Intelligenz (KI) wird immer größer und mit ChatGPT wurden erstmals die enormen Möglichkeiten auch für viele Menschen außerhalb der Tech-Industrie spürbar. Plötzlich waren die Potenziale und Gefahren von KI in aller Munde und viele waren durch den einfachen Zugang von ChatGPT gezwungen, sich damit zu beschäftigen. Lehrer, Arbeitgeber oder Universitäten, die befürchteten, dass es zu Betrugsfällen oder ähnlichem kommen könnte, ebenso wie Zukunftsforscher, welche die gesellschaftlichen Risiken beleuchteten. Doch wie betrachten Muslime diese Entwicklungen und vor allem, welchen Beitrag leisten sie in diesem Bereich?

Mit Blick auf die Entwicklung der bahnbrechenden Technologien der letzten Jahrhunderte fällt auf, dass sie allesamt nicht in der islamischen Welt hervorgebracht wurden – egal ob Strom, Telefon, Computer, Internet, Smartphones oder jetzt KI. Dabei war dies nicht immer der Fall. Im Gegenteil; im sogenannten Goldenen Zeitalter des Islam (8. bis 14. Jahrhundert nach Chr.) kamen alle großen Erfindungen aus der islamischen Welt, die für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt stand, während Europa im sprichwörtlichen Morast des dunklen Mittelalters feststeckte.

So wurde mit der al-Qarawiyyin Universität in Fès (Marokko) von Fatima al-Fihri im Jahre 859 die erste Universität der Welt gegründet. Ibn Sinas Kanon der Medizin wurde in Europa mehrere Jahrhunderte lang als Standardlehrbuch für Medizin verwendet. Al-Khwarizmi trug wesentlich zur Entwicklung der Algebra bei und verfasste „Al-Kitab al-Mukhtasar fi Hisab al-Jabr wal-Muqabala“, das als Grundlage für das Studium der Algebra diente. Weiterhin führten die Muslime mit den arabischen Zahlen, die bis heute verwendet werden, erstmals das Dezimal- und Stellenwertsystem ein. Auch die Nutzung von Windmühlen und die Papierherstellung geht auf die Muslime zurück. Darüber hinaus gab es unzählige Errungenschaften in weiteren Wissenschaften, wie Optik, Chemie, Astronomie, Architektur, Geografie und so weiter.

Doch woran lag es, dass sich die Verhältnisse dermaßen auf den Kopf stellten? Eine Entwicklung, welche die Lage der Muslime auch Jahrhunderte später noch beeinträchtigte, ist die Schließung der Tore des Idschtihad. Die Etablierung der vier großen Rechtschulen und die Annahme, die bisherigen Gelehrten hätten bereits alle relevanten islamrechtlichen Fragen beantwortet, führten dazu, dass sich unter den Muslimen die Meinung verbreitete, es herrsche kein Bedarf mehr für neuen Idschtihad. Ein Gedanke, der in Teilen zwar auf der guten Absicht beruhte, gesellschaftlichen Verwerfungen durch zu vielen Rechtsmeinungen vorzubeugen zu müssen; doch die Auswirkungen dessen hallen bis in die heutige Zeit nach. Abgesehen von der damit einhergehenden intellektuellen Stagnation kamen schon bald neue Fragen auf, deren Beantwortung die Muslime überforderte. So konnten durch die Vernachlässigung des Idschtihad neu aufkommende Sachverhalte nicht mehr richtig eingeordnet werden. Beispielsweise wussten die Muslime bei der Erfindung des Buchdrucks nicht, ob sie diese neue Technologie übernehmen durften, da die klassischen Gelehrten diese Frage ihrerzeit nicht beantwortet hatten. Dadurch wurden technologische Entwicklungen nicht mehr wie zur Blütezeit des Islam gefördert – mehr noch, sie wurden dadurch massiv erschwert. Die Vernachlässigung des Idschtihad war letztlich Ausdruck der mangelnden Fähigkeit, neue Phänomene aus der eigenen Weltanschauung heraus beurteilen und der normativen Bewertung folgend im eigenen Interesse nutzen und vorantreiben zu können.

All dies zeigt auf, dass die vom Westen vorgebrachte Behauptung, der Islam sorge für Rückständigkeit, nicht weiter von der Realität entfernt sein könnte. Gerade die Vernachlässigung wichtiger islamischer Konzeptionen führten zum Niedergang in diesen Bereichen und der Untergang des Islamischen Staates zementierte den Abstieg zusätzlich. Seit der Zerstörung des Kalifats ist der muslimische Forschergeist tot und aus der islamischen Welt kommen kaum nennenswerte wissenschaftliche Errungenschaften. Selbst das bloße Erkennen der strategischen Bedeutung ebensolcher Errungenschaften scheint bei den derzeitigen Regimen kaum vorhanden. Anstatt in Forschung und Entwicklung zu investieren, werden unsere Länder zu Urlaubsparadiesen zweckentfremdet. Anstatt erstklassige Universitäten und Technologieunternehmen werden erstklassige Hotels und Ferienanlagen gebaut. Anstatt auf künstliche Intelligenz zu setzen, werden künstliche Inseln für extravagante Badeurlaube aufgeschüttet. Anstatt in Wissenschaften zu wetteifern, wetteifern die sogenannten Eliten darin, immer höhere Wolkenkratzer und pompöse Bauwerke zu errichten. Anstatt eine eigene Rüstungsindustrie aufzubauen, werden Waffen mitsamt den damit einhergehenden Abhängigkeiten vom Westen eingekauft. Anstatt wissenschaftliche Erkenntnisse zu übernehmen und im Interesse der Muslime einzusetzen, werden westliche Werte und deren zersetzende Wirkung übernommen.

Sobald der Islamische Staat wiederaufersteht, wird er sich dieser nutzlosen Eliten entledigen und rasante Fortschritte in Wissenschaft, Forschung und Entwicklung anstreben. Besonders die Entwicklung strategischer Zukunftstechnologien wie Quantencomputer, Nanotechnologie, autonome Waffen und KI wird er umgehend forcieren. Denn diese Technologien stecken noch in den Kinderschuhen und weisen trotzdem bereits hohe Nutzenpotenziale auf. Um beim Beispiel von KI zu bleiben, so geben Anwendungen wie ChatGPT nur einen ersten Vorgeschmack auf die Möglichkeiten, die sich in Zukunft eröffnen werden. Abgesehen vom wirtschaftlichen Aspekt bedeutet eine frühe Vorreiterrolle in so einer wichtigen Technologie auch immer eine Dimension politischer Macht. So lässt sich beobachten, dass die Entwickler Sozialer Medien auch ihren politischen Fußabdruck bei den Nutzungsbedingungen hinterlassen. Während unzählige islamische Social Media Accounts gelöscht werden, können islamfeindliche Akteure dieses Medium ungehindert nutzen. Wären diese Plattformen in islamischer Hand, wäre dies undenkbar. Ebenso beispielsweise bei Satellitentechnologien wie GPS. Zu Zeiten des Kalten Krieges erkannten die Russen die Gefahr der Nutzung eines fremden Satellitennavigationssystems und entwickelten mit GLONASS (Global Navigation Satellite System) eine autonome Möglichkeit der Positionsbestimmung. Bei KI-Anwendungen lassen sich ebenfalls Einflüsse westlicher Anschauungen erkennen. Seien es liberale Antworten von Sprach-KIs wie ChatGPT, kontrafaktische – dafür aber dem postmodernen Diversitätsdogma entsprechende – Bilder von Google Gemini, oder auch die höhere Wahrscheinlichkeit, dass ein autonomes Fahrzeug einen Schwarzen überfährt als einen Weißen.

Aus islamischer Sicht ist also nicht nur wichtig, die strategische Bedeutung einer Technologie zu erkennen, sondern auch, ihr möglichst früh den eigenen Fußabdruck zu verpassen oder besser noch, sie vollständig autark zu entwickeln. Muslime dürfen nicht ständig im Windschatten des Westens fahren, sondern müssen die Zügel selbst in die Hand nehmen und ihn überholen. Auf dass die Umma erneut die Führung in der Welt übernimmt – sowohl auf politischer, wissenschaftlicher und technologischer Ebene. Auf dass wir ein zweites Goldenes Zeitalter des Islams einläuten.