Islamische Kultur Die islamische Botschaft – Teil 3

Dies ist der dritte Teil der Einleitung in die gekürzte Exegese von Koranversen (tafsīr) der Sure al-Baqara, basierend auf dem Buch „at-Taysīr fī uṣūl at-tafsīr“ von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta.

Islam und Arabisch sind untrennbar miteinander verbunden

Dieser tafsīr verdeutlicht, von welch zentraler Bedeutung die arabische Sprache für das Verständnis des Koran und für die Ableitung von islamischen Gesetzen und Vorschriften daraus ist. Aus diesem Grund pflegten die besten Generationen der Muslime die arabische Sprache gewissenhaft, wobei sie nicht versuchten, das Unsichtbare zu ergründen, da sie es nicht wahrnehmen konnten. Dieses Verständnis erfüllte ihre Herzen mit Freude und Zufriedenheit.

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Mit dem Islam entstand die beste Umma (Gemeinschaft) in der Geschichte der Menschheit:

﴿كُنْتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ

Ihr seid die beste Gemeinschaft, die den Menschen je hervorgebracht wurde. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah.[3:110]

Der Islam brachte einen Staat hervor, der ein Leuchtturm für die Welt war, sodass seine Gerechtigkeit in allen Ecken der Erde erstrahlte. Die Souveränität dieses Staates und dieser Umma war auf dem Buch Allahs (swt) und der Sunna Seines Gesandten (s) begründet. Sie beide wurden von den Offenbarungsquellen geleitet.

Die Muslime, die zur Zeit des Gesandten Allahs (s) und seiner Gefährten (r) lebten, hatten ein reines und klares Verständnis vom Buch Allahs (t) und der Sunna Seines Gesandten (s). Es war ein Verständnis, das ihre Herzen mit Freude und Zufriedenheit erfüllte. Wenn ein Vers oder ein Teil eines Verses eine Vorschrift beinhaltete und diese vom Gesandten Allahs (s) spezifisch erläutert wurde, d. h. wenn er (s) einem bestimmten Wort oder Vers eine islamrechtliche Bedeutung verlieh, hielten sich die Gefährten (r) an seine Erklärung und befolgten die Vorschrift dementsprechend. Wenn er (s) einem Vers keine islamrechtliche Bedeutung verlieh, suchten sie nach seiner Bedeutung in der arabischen Sprache, also in jener Sprache, in der er offenbart wurde:

﴿قُرْآنًا عَرَبِيًّا

ein arabischer Koran[12:2]

﴿بِلِسَانٍ عَرَبِيٍّ مُبِينٍ

in klarer arabischer Sprache[26:195]

Als der Gesandte Allahs (s) beispielsweise verkündete:

﴿وَأَقِيمُوا الصَّلَاةَ

Und verrichtet das Gebet.[2:43]

wobei er erläuterte, dass unter dem Begriff „Gebet“ (ṣalāt) spezifische Handlungen und Worte zu verstehen sind, befolgten seine Gefährten (r) beim Verständnis dieses Verses die islamrechtliche Terminologie und handelten dementsprechend. Dass dieser Begriff rein linguistisch betrachtet „das Bittgebet“ bezeichnet, war für sie irrelevant.

Als er (s) ihnen jedoch verkündete:

﴿حُرِّمَتْ عَلَيْكُمُ الْمَيْتَةُ

Verendetes ist euch verboten,[5:3]

verstanden sie diesen Koranvers im Sinne der arabischen Sprache als ein Verbot, Aas zu essen, da der Gesandte Allahs (s) dem Begriff „Verendetes“ (maita) keine islamrechtliche Bedeutung verliehen hat. In diesem Fall bezieht sich das Verbot (taḥrīm) auf den Verzehr von Aas, wie es aus der arabischen Sprache klar zu verstehen ist.

Auf diese Weise pflegten die Gefährten (r) und ihre Nachfolger vorzugehen. Wenn eine Erläuterung auf eine authentische Aussage des Gesandten Allahs (s) zurückgeführt werden konnte, hielten sie sich daran und folgten ihr. Wenn sie keine Erläuterung des Gesandten (s) fanden, suchten sie nach der Bedeutung in der arabischen Sprache, der Sprache des Koran. Diese Vorgehensweise ermöglichte es ihnen, ein gesundes Verständnis zu erlangen und auf dem geraden Pfad zu bleiben. Indem die Muslime dieser Methode folgten, waren sie eine segensreiche Umma und ihr Staat wurde immer stärker. Dadurch erlangten sie eine bedeutende Stellung in der Welt.

Folgender Umstand machte ihr Verständnis noch klarer und reiner. Denn über den Umstand hinaus, dass sie gediegene Kenntnisse in der Sprache des Koran besaßen, waren sie sich auch der Grenzen des menschlichen Verstandes bewusst.

﴿وَعَلَّمَ آدَمَ الْأَسْمَاءَ كُلَّهَا

Und Er lehrte Adam alle Namen.[2:31]

Die Gefährten (r) und ihre Nachfolger wussten, dass der menschliche Verstand in seiner Reichweite und seinen Fähigkeiten begrenzt ist, sodass er nur das untersuchen kann, was eine wahrgenommene Realität besitzt. Über jene Dinge, deren Realität nicht erfassbar ist, kann der menschliche Verstand keinen Gedanken hervorbringen. Somit ist jegliche Untersuchung dessen, was keine Realität besitzt, ausnahmslos dazu verurteilt, in Einbildung zu münden.

Die Gefährten (r) und ihre Nachfolger dachten über Allahs Schöpfung nach und betrachteten Seine (swt) Zeichen. Sie sahen, dass dieses Universum, der Mensch und das Leben von Natur aus begrenzt, unvermögend und bedürftig sind. Gleichzeitig erkannten sie aber auch, dass alles in ein äußerst präzises System eingebettet ist. Diese unübersehbare Ordnung war ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es einen mächtigen und ewigen Schöpfer geben muss, der die Existenz des Universums, des Menschen und des Lebens organisiert und dass dieser Schöpfer in der Lage ist, ihnen in ihrem Unvermögen beizustehen und ihre Bedürfnisse zu sichern. Indem sie Seine Zeichen betrachteten und über Seine Schöpfung nachdachten, gelangten die Gefährten (r) und ihre Nachfolger zu dieser Erkenntnis, und deswegen glaubten sie an Allah, den Schöpfer, den Einen (al-Aḥad). Als Grundlage dafür diente ihnen die Realität, die von ihnen wahrgenommen werden konnte und auch wahrgenommen wurde.

Darüber hinaus glaubten sie an den Koran und daran, dass er das Wort Allahs (swt) ist, denn sie waren an der Herausforderung gescheitert, auch nur eine Sure hervorzubringen, die an die Suren des Koran herankäme, obwohl sie das Volk der Sprache und Meister der Formulierungskunst waren und die Sprache des Koran ihre Muttersprache war. Durch die Unfähigkeit aller Araber, diese Herausforderung zu meistern, ist der ultimative Beweis erbracht worden, dass es sich beim Koran um das Wort Allahs handelt. Deswegen glaubten sie an den Koran, dessen Verse sie lasen oder hörten, denn dabei handelt es sich um etwas Greifbares. Für sie war der Koran nicht übersinnlich – er war real.

Auf diese Weise war zugleich auch der klare Beweis erbracht worden, dass Muḥammad (s) ein Gesandter Allahs ist, denn er (s) ist mit dem offenbarten Wort Allahs (t) zu ihnen gekommen. Daher glaubten sie auch an die Gesandtschaft Muḥammads. Auch er (s) war für sie real und keine übersinnliche Erscheinung.

Denn die Gefährten des Gesandten (r) und ihre Nachfolger befassten sich grundsätzlich nicht mit dem Übersinnlichen, da sie es nicht wahrnehmen konnten. Sie unterzogen das Übersinnliche auch keiner intellektuellen Untersuchung, da es nicht in der Domäne des Verstandes liegt. Vielmehr beruhte ihr Glaube an die unsichtbaren Welten ausschließlich auf die authentischen Offenbarungsberichte (an-naql), d. h. sie begnügten sich mit jenen Informationen, die ihnen dazu vom Buch Allahs (s) und von den ṣaḥīḥ-Hadithen des Gesandten (s) übermittelt wurden, d. h. von jenen Berichten des Propheten (s), die authentisch überliefert wurden.

Deshalb bemühten die Gefährten des Gesandten (r) und ihre Nachfolger auch nicht ihren Verstand, um die Eigenschaften Allahs (ṣifāt Allāh) zu erforschen. Sie fragten sich nicht, ob diese etwa erschaffen oder nicht erschaffen wurden. Auch philosophierten sie nicht darüber, ob sie Teil Seines Wesens (aḏ-ḏāt) seien oder von diesem getrennt sind. Denn es handelt sich bei den Eigenschaften Allahs um eine Sache, die von ihnen nicht wahrgenommen werden konnte. Der feste Glaube der Gefährten des Gesandten Allahs (r) und ihrer Nachfolger an die Eigenschaften Allahs beruhte allein auf der Tatsache, dass sie im Buch Allahs (t) und in der Sunna Seines Gesandten (s) erwähnt sind. Denn der Koran ist das Wort Allahs, davon waren die Gefährten (r) und ihre Nachfolger fest überzeugt und sie hatten die absolute Gewissheit, dass darin die Wahrheit geschrieben steht. Diesbezüglich existierten für sie keinerlei Zweifel oder Spekulationen.

Für sie war Allah der Hörende (as-Samīʿ), der Sehende (al-Baṣīr), der Wissende (al-ʿAlīm) und der Weise (al-Ḥakīm)-Ihm gebühren die besten Eigenschaften! Daran glaubten die Gefährten (r) und ihre Nachfolger unerschütterlich, wobei sie keinerlei Drang verspürten, zu ergründen, wie es dazu gekommen ist. Vielmehr akzeptierten sie die Eigenschaften Allahs in Ehrfurcht.

Ihr īmān (Überzeugung) an die unsichtbaren Welten war vollständig, und zwar genau so wie diese im Koran beschrieben wurden. Dabei blieb ihr īmān stets unverändert, also ohne sich zu vergrößern oder zu verkleinern und ohne Interpretation oder Verwirrung. Denn die Gefährten des Gesandten (r) und ihre Nachfolger waren mit jenem Wissen, das sie darüber erhalten hatten, vollkommen zufrieden und ihre Herzen damit glücklich.

Sie wussten, wie bedeutsam die Sprache für das Verständnis des Koran ist. Ihnen war allerdings auch bewusst, welche Funktion der Verstand hat und wie es um sein Auffassungsvermögen bezüglich des Übersinnlichen steht.