Islamische Kultur Die islamische Botschaft – Teil 4

Dies ist der vierte Teil der Einleitung in die gekürzte Exegese von Koranversen (tafsīr) der Sure al-Baqara, basierend auf dem Buch „at-Taysīr fī uṣūl at-tafsīr“ von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta.

Die Grenzen von Sprache und Verstand

Die Gefährten des Gesandten (r) und ihre Nachfolger wussten genau, welche Rolle die Überlieferung für den īmān an die unsichtbaren Welten – an das Übersinnliche – spielt. Tatsächlich kann der Koran nur in jener Sprache verstanden werden, in der er herabgesandt wurde. Gleichzeitig kann der Verstand nur das untersuchen, was eine wahrgenommene Realität besitzt. Daher können Informationen über die unsichtbaren Welten nur aus dem Buch Allahs (t) und aus der Sunna Seines Gesandten (s) gewonnen werden, wobei sie exakt so geglaubt werden müssen, wie sie übermittelt wurden. Die Wahrhaftigkeit dieser Informationen lässt sich mithilfe des Verstandes nicht direkt überprüfen, weil es sich um Übersinnliches handelt, allerdings lässt sich die Wahrhaftigkeit ihrer Quellen sehr wohl belegen und eindeutig ermitteln. Die Grenzen der Sprache dürfen beim Verständnis des Koran, mit dem Allah die Menschen gesegnet hat, nicht überschritten werden. Ebenso wenig dürfen dabei die Grenzen des Verstandes, mit dem Allah den Menschen ausgezeichnet hat, missachtet werden. Die Gefährten des Gesandten (r) und ihre Nachfolger hielten an diesen beiden Grundprinzipien konsequent fest. Denn sie wussten genau, was die Domäne der Sprache ist und respektierten deshalb ihre Grenzen. Ebenso waren sie sich der Domäne des Verstandes bewusst, weshalb sie auch seine Grenzen respektierten. Nur dadurch waren sie in der Lage, zu einer zuverlässigen und korrekten ʿaqīda (Glaubensüberzeugung) zu gelangen. Diese Herangehensweise ermöglichte es ihnen, die Regeln der šarīʿa optimal umzusetzen und ihre Ableitung zu perfektionieren.

So pflegten die Muslime zur Zeit des Gesandten Allahs (s) und seiner Gefährten (r) vorzugehen, ebenso wie diejenigen, die ihnen im Guten folgten. Um ihren dīn (islamische Glaubensordnung) zu verstehen, studierten sie den Koran tiefgründig und bedienten sich dessen, was an Erläuterungen und Aussagen des Gesandten Allahs (s) authentisch überliefert wurde. Und um das tun zu können, nutzten sie die profunden Kenntnisse ihrer Sprache, der arabischen Sprache, da der Koran in dieser Sprache herabgesandt worden ist und der Prophet (s) seine Aussagen in dieser Sprache getätigt hat. Dies waren ihre Instrumente. Dabei wussten die Gefährten und ihre Nachfolger um die Funktion und Kapazität des Verstandes und waren sich seiner Grenzen bewusst, weshalb der Verstand bezüglich aller nichtwahrnehmbaren Dinge, also des Übersinnlichen, keine Rolle spielen durfte. Denn dem Verstand ist das Übersinnliche nur insofern zugänglich, als er es dem Buch Allahs (t) und der authentischen Sunna des Gesandten Allahs (s) entnehmen kann.

Die ihnen nachfolgenden Generationen beherrschten die arabische Sprache allerdings nicht so gut, sodass es zu Missverständnissen und Verwirrungen kam. Sie begannen, die āyāt zu interpretieren, ohne ein tiefes Verständnis der Sprache zu haben, in der diese von Allah (swt) herabgesandt worden sind. Folglich gaben sie ihnen Bedeutungen, die den Versen nicht entsprechen. Da sie dem Offenbarungstext auch noch offensichtliche und versteckte Bedeutungen zusprachen, wurden die Interpretationsmöglichkeiten umso zahlreicher. Diverse Sekten entstanden, und diejenigen, die nur den eigenen Begierden folgten, trugen zum Aufkommen von Meinungsverschiedenheiten bei. Diese Praxis blieb allerdings nicht nur auf einzelne Bereiche beschränkt, sondern schwappte auch auf die Grundlagen über, bis sie schließlich auch das Überzeugungsfundament und Zweige davon erfasste.

Ihr Bewusstsein wurde zusätzlich durch die Tatsache getrübt, dass die späteren Generationen die Zulänglichkeit des Verstandes und seine natürlichen Grenzen nicht erkannten. So ließen sie dem Verstand in jenen Bereichen freien Lauf, die er nicht begreifen kann, da er dafür nicht geschaffen wurde. So unternahmen sie Versuche, das Wesen Allahs, Seine Eigenschaften und die Erschaffung des Koran intellektuell zu erforschen. Dabei stützten sie ihre Forschung mit Elementen, die sie weder dem Buch Allahs (swt) noch der Sunna Seines Gesandten (s) entnommen hatten. Und so beschäftigten sie sich mit Untersuchungen, für die sie von Allah (t) nicht autorisiert wurden, und verursachten in der Folge eine Spaltung der Muslime, anstatt sie um die Wahrheit zu vereinen und dem Pfad des Gesandten Allahs (s) und seiner Gefährten (r) zu folgen.

Nach diesen Generationen folgten andere, die sich von der Wahrheit noch weiter entfernten, sodass sie bezüglich der Rechtleitung ein noch tieferes Niveau aufwiesen.

Bereits ihre Vorgänger hatten einen verhängnisvollen Fehler begangen, der darin bestand, dass sie dem Verstand in jenen Bereichen freien Lauf ließen, die nicht zu seiner Domäne gehörten.

Doch auch die ihnen nachfolgenden Generationen schritten auf diesem unglücklichen Pfad voran. So behielten sie zunächst den eingeschlagenen Kurs bei und ließen dem Verstand in jenen Bereichen freien Lauf, die er nicht erfassen kann. In weiterer Folge verstärkten sie das geerbte Unheil zusätzlich, indem sie auch noch die Sprache vernachlässigten und ihr keinerlei Beachtung mehr schenkten. Diese fatale Entwicklung sollteihnenzum Verhängnis werden. Hätten sie nur gewusst, dass sie dadurch den Pfad der Unwissenheit beschreiten, hätten sie bestimmt nach Wissen gesucht und es sich angeeignet. Stattdessen erachteten sie sich selbst als wissend. Diese trügerische Selbsteinschätzung ließ sie wagemutig mit dem dīn Allahs umgehen. So erteilten sie leichtfertig fatwās (spezifische Rechtssprüche), wenn sie nach Lösungen gefragt wurden. Dabei lasen sie durchaus die Verse Allahs und die Sunna Seines Gesandten (s). Allerdings taten sie dies, ohne hinreichende Kenntnisse der arabischen Sprache zu besitzen. Somit war es ihnen weder möglich, den Koran angemessen zu ergründen und wirklich zu verstehen noch seine Regeln und Stile zu begreifen. Denn ohne ausreichende Kenntnisse jener Sprache, in der das Wort Allahs (t) offenbart wurde und in der Sein Gesandter (s) gesprochen hat, ist eine fruchtvolle Analyse des Koran nicht möglich.

Wenn man zu ihnen sagte: „Wie könnt ihr denn Regeln aus dem Buch und der Sunna aufstellen, obwohl ihr die Sprache des Koran und des Propheten nicht versteht?“, oder „Fürchtet ihr nicht Allah, wenn ihr Regeln ableitet, ohne dafür qualifiziert zu sein?“, und wenn man sie mit den Worten ermahnte: „Es ist verpflichtend, die Sprache zu berücksichtigen, bevor man Beschlüsse erlässt; ihr könntet doch fehlgeleitet werden und andere fehlleiten!“, reagierten sie darauf, indem sie die Bedeutung der Sprache für das Verständnis des Buches Allahs (t) und der Sunna Seines Gesandten (s) herabgewürdigten.

Diesen falschen Behauptungen fügten sie noch weitere hinzu, sodass sie die Umstände verschlimmerten und die bereits vorhandenen fatalen Missverständnisse zusätzlich verstärkten. Mit der Zeit wurden auch Teile der Bevölkerung von solchen Pseudogelehrten beeinflusst, sodass einige ihrer verdorbenen Konzeptionen und abwegigen Ideen in der Gesellschaft Einzug hielten. Dies führte zur Bildung von Sekten, die auf diesen fehlerhaften Grundlagen aufbauten, wobei sich einige von ihnen auf frühere Generationen stützten, während andere ihre eigenen Irrwege einschlugen.

Diese ausufernde Dekadenz hätte unumkehrbare Dimensionen angenommen, wenn Sich Allah (t) dieser Umma nicht erbarmt hätte. Doch Er (swt) stärkte sie immer und immer wieder mit großartigen Männern, die an Seinem dīn festhielten und sie dadurch vor dem endgültigen Zusammenbruch bewahren konnten. Allah (t) schützte Seinen dīn, sodass diese Sekten nicht in der Lage waren, die Umma in ihrer Gesamtheit auf Abwege zu führen oder die Ideen des Islam zugrunde zu richten.

Wissende Männer machten es sich zur Aufgabe, diesen dīn zu schützen. Mit großem Einsatz und Geschick gelang es diesen außergewöhnlichen Persönlichkeiten, die Sprache des Koran in ihren Grundlagen und Prinzipien originalgetreu zu übermitteln. Darauf aufbauend entwickelten sie auch andere Wissenschaften in den Grundlagen (al-uṣūl) und der Jurisprudenz (al-fiqh). Somit wurden die Sprachwissenschaften zu einem festen Begleiter der Koran- und Hadithwissenschaften und bildeten fortan ihre Grundlage.

Sie haben dieses unschätzbare Wissen gehütet und überliefert, sodass auch wir wissen können, wie die einstigen Araber zu sprechen pflegten und wie sie das Buch Allahs (t) und die Sunna Seines Gesandten (s) verstanden. Diese weisen und weitsichtigen Persönlichkeiten des Islam haben die Sprache, in der die Offenbarung von Allah (swt) herabgesandt wurde und in der Sein Gesandter (s) die Verse des Koran rezitierte und erläuterte, für uns und für die kommenden Generationen bewahrt.