Geschichte „Israel“ – Ein Konstrukt westlicher Kolonialpolitik (Teil 1)

Kein Ereignis nach der Zerstörung des Kalifats hat die Umma derart erschüttert wie die Errichtung „Israels“. Die mehrteilige Artikelreihe soll unterdessen Aufschluss über die historischen Wurzeln und die brutale Entstehungsgeschichte des Zionistenstaates geben. Der erste Teil widmet sich dem ideologischen Gedankengut des Zionismus, der eine Weiterführung europäischer Geistesgeschichte darstellt.

Wenn etwas Arthur Ruppin, dem Leiter des Palästina-Amts der Jewish Agency, in seinem Leben schwerfiel, dann war es die hebräische Sprache. 1903 aus Deutschland nach Palästina übergesiedelt, übernahm der Vater der israelischen Soziologie und bekennender Zionist die Aufgabe, den infrastrukturellen Unterbau für die koloniale Besiedlung des Heiligen Landes sicherzustellen. Obschon er hebräischen Privatunterricht beim Literaturnobelpreisträger Samuel Agnon nahm, blieben seine Hebräischkenntnisse dürftig. Dies ist selbst dem preußischen Regierungspräsidenten nicht entgangen, als er einer Ansprache Ruppins in einer zionistischen Siedlung in Palästina beiwohnte. Ruppin selbst erinnert sich kurz vor seinem Ableben im Jahre 1938: Aber als ich hebräisch zu reden begann, wurde er unruhig und erstaunt. Schließlich konnte er es nicht länger aushalten, wandte sich an seinen Nachbarn Dr. Hantke und sagte: „Na, was ist denn das? Das verstehe ich ja beinahe! Der Mann muss doch aus Magdeburg sein!“ Er hatte als Magdeburger den Magdeburgischen Dialekt aus meinem Hebräisch herausgehört.

Ein assimilierter Zionist, der seiner eigenen Sprache nicht mächtig war, die Jewish Agency, die ohne die Briten nicht möglich gewesen wäre und ein koloniales Mandatsgebiet in Palästina – mittendrin die deutsche Staatsvertretung, die alles billigte. Welches Ereignis könnte das Schicksal des besetzten Heiligen Landes besser verdeutlichen?

Mit dem Angriff am 7. Oktober 2023 auf „Israel“ wurde nicht nur das Märchen eines angeblich unbesiegbaren Staates entlarvt, sondern auch die geschichtsrevisionistische Erzählung der zionistischen Staatsgründung. Während westliche Staaten ihre bedingungslose Solidarität bekundeten und sich zu Mittätern beim Vernichtungskrieg in Gaza machten, sorgte die beispiellose Brutalität der Zionisten in weiten Teilen der Weltbevölkerung für Empörung und erschütterte die zeithistorische Lüge, „Israel“ sei stets nur das Opfer, welches sich notgedrungen gegen äußere Angriffe verteidige. Immer mehr Muslime und wahrheitsliebende Menschen auf der ganzen Welt erkennen den Zionistenstaat als Aggressor und Konstrukt westlicher Kolonialpolitik.

Der andauernde Genozid an der islamischen Zivilbevölkerung entlarvt zudem die Formel „ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ als reine Propaganda. Denn gegen wen richten sich die Angriffe der Besatzungsarmee, wenn im Heiligen Land doch kein anderes Volk existiert? Hinzu kommt die Mär, der Zionistenstaat sei lediglich der politische Ausdruck eines theologischen Imperativs. Wenn überhaupt religiöse Texte herangezogen werden, dann nur aus dem Grund, um die blutige Kolonialpolitik zu legitimieren und ihr eine gewisse Heroik zu verleihen.

Der Zionismus konnte derweil nur im Schatten westlicher Nationalbewegungen entstehen. Er ist im Kern also säkular und allen voran: kolonial. Denn wer waren plötzlich die Juden Europas? Was vereinte den preußischen Juden mit dem russischen Juden? Es war weder die Sprache noch die Kultur; zumal sich die europäischen Juden zuvor nahezu vollständig assimiliert hatten. Ihr Wille, die vorväterlichen Traditionen, Bräuche und Kultur abzulegen und eins mit dem europäischen Geist zu werden, haben sie bereits Generationen vorher unter Beweis gestellt. So sehr sie sich auch bemühten, mit dem Jüdischsein abzuschließen, so sehr wurden sie von den Europäern jedoch weiterhin als Juden gesehen und als Juden vernichtet. Es einte sie also nicht der religiöse Geist oder gar die jüdische Überzeugung. Es einte sie der feindlich gesinnte Europäer, der keine Gelegenheit ausließ, sie als Juden zu brandmarken. Der Zionismus ist nicht nur eine koloniale und europäische Idee, sondern wurzelt auch im Versagen der europäischen Integration jüdischen Lebens in Europa und der Unwilligkeit europäischer Mächte, die Juden als ebenbürtige Staatsbürger zu betrachten.

Die führenden Köpfe des Zionismus waren derweil keine religiösen Juden, sondern säkulare Europäer, die das Judentum für ihre nationalistischen Zwecke missbrauchten. Selbst die Unfähigkeit führender Zionisten, hebräisch zu sprechen, findet sich in vielen dokumentierten Aussagen wieder. Dies betraf sogar den russischen Juden Eliezer Ben-Jehuda selbst, der das erste moderne hebräische Wörterbuch verfasste, was offenbart, mit welcher Anstrengung die Zionisten Sprache und Kultur auf die Beine stellen mussten. So erinnerte sich Ben-Jehudas Sohn, Ben-Avi, dass sich die Verwendung der hebräischen Sprache in ihren eigenen vier Wänden als schwierig erwies. Im alltäglichen Leben fehlten die einfachsten Begriffe wie „Tasse“ oder „Löffel“, die erst mithilfe von Gestiken kommuniziert werden konnten. Bat Ben-Jehuda seine Frau um das Aufgießen von Kaffee, habe er, so erinnerte sich der Sohn, hilflos stammeln müssen: Nimm das und tu das und bring mir das, und ich werde trinken. Aus keinem anderen Grund verlautbarte selbst Theodor Herzl in seinen Schriften, dass für ihn die hebräische Sprache zur Gründung des Judenstaates nicht infrage käme. Schließlich, so Herzl, könne man nicht mal eine Bahnkarte auf Hebräisch bestellen!

Die Unfähigkeit der Urväter des Zionismus, ihre eigene Sprache zu sprechen, sowie der fehlende Wille, sich diese anzueignen, offenbart, wie fortgeschritten die Assimilation dieser Juden bereits war. Doch auch mit den Bräuchen und der Kultur ihrer jüdischen Vorväter hatten die Zionisten nur noch wenig Berührungspunkte. So erklärte der Historiker Michael Brenner bezüglich Theodor Herzl: Bereits seine Eltern hatten sich verweigert, zu seiner religiösen Volljährigkeit im Alter von 13 Jahren eine Bar-Mitzva-Zeremonie in der Synagoge zu veranstalten; er selbst ließ später seinen Sohn nicht beschneiden. Sein Tagebuch berichtet von seinen ursprünglichen Plänen der Lösung der Judenfrage durch die Massentaufe der jüngeren Generation aller Wiener Juden, und als er im Dezember 1895 seine zionistischen Grundgedanken dem Wiener Oberrabiner Moritz Güdemann schmackhaft machen wollte, schreckte dieser bereits an der Haustür zurück, als er den Weihnachtsbaum im Hause Herzl erblickte.

Nur schwer ertrug Herzl, der mit Leib und Seele bereit war, mit seinen jüdischen Ahnen zu brechen, dass der tiefsitzende Judenhass der Europäer letztlich verhinderte, seine Assimilationsbereitschaft zu akzeptieren. Wehleidig und unterwürfig verlautbarte er schließlich: Wie ein furchtbarer Alpdruck lastet die Aufhebung der Gleichberechtigung auf uns allen, besonders aber auf den Juden, die wie ich, sich im Traume der Assimilation hingegeben hatten. […] So schwer es mir auch wurde, ich bin aus dem Traume, den ich mein langes Leben geträumt habe, erwacht.

Herzl erweist sich auf diese Weise als tragische Figur des europäischen Judenhasses, dessen Schriften beinahe manisch-depressiv wirken. Einerseits der euphorische und begeisterte Herzl, der voller Hingabe die europäische Kultur und Ideologie lobpreiste; dann wiederum der mit der bitteren Erkenntnis konfrontierte Herzl, dass es gerade der von ihm bewunderte Nationalismus der Europäer war, der die geistige oder sogar physische Vernichtung jüdischen Lebens zur Folge haben musste.

Niedergeschlagen brachte Herzl seine Ernüchterung mit folgenden Worten zum Ausdruck: Man läßt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwengliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühen wir uns den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaften, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländern, in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge ausgeschrieen. […] Wenn man uns in Ruhe ließe. […] Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen.

So erging es nicht nur Herzl, sondern vielen europäischen und russischen Juden. Moses Heß beispielsweise, der als „Vater der Sozialdemokratie“ in die Geschichte einging und ein Weggefährte von Karl Marx war, brachte seine Ernüchterung mit folgenden Worten zum Ausdruck: Da steh’ ich wieder nach einer zwanzigjährigen Entfremdung in der Mitte meines Volkes und nehme Anteil an seinen Freuden- und Trauerfesten, an seinen Erinnerungen und Hoffnungen, an seinen geistigen Kämpfen im eigenen Hause und mit den Kulturvölkern, in deren Mitte es lebt, mit welchen es aber, trotz eines zweitausendjährigen Zusammenlebens und Strebens nicht organisch verwachsen kann. Ein Gedanke, den ich für immer in der Brust erstickt zu haben glaubte, steht wieder lebendig vor mir: Der Gedanke an meine Nationalität, unzertrennlich vom Erbteil meiner Väter. […] Die Deutschen hassen weniger die Religion der Juden, als ihre Rasse, weniger ihren eigentümlichen Glauben, als ihre eigentümlichen Nasen.

Es wäre nur folgerichtig, wenn sich die europäischen Juden von der zerstörerischen und hasserfüllten Ideologie des Westens losgesagt und sich von der europäischen Gedankenwelt abgewendet hätten. Die historische Tatsache, dass die Aufklärung und die damit einhergehenden Nationalismen den Judenhass in Europa nur weiter verstärkten, hätte einen radikalen Bruch mit der westlichen Ideologie zur Folge haben müssen. Doch die Paradoxie des Zionismus besteht gerade darin, dass dieser weder einen Bruch, noch eine aus den jüdischen Texten begründete Gegenbewegung darstellte. Herzl schien trotz der Repressalien und der Gewalt an die Juden dem Westen verziehen zu haben und wählte hierfür merkwürdige Worte: Ihr hängt an Eurer grausamen Heimat? Wir geben sie Euch verschönert wieder. […] Wir bauen uns Paris, Rom, Florenz, Genua, was wir wollen. Herrliche Städte mit Benutzung aller modernen Erfindungen. Aus keinem anderen Grund, so Brenner, war der Zionismus als ideologisch-politische Bewegung […] Teil des europäischen Nationalismus.

Doch wo, so möge sich manch einer die Fragen stellen, findet die jüdische Religion, die es doch vermeintlich zu schützen galt, in Herzls Zionistenstaat ihren Platz? Sein Roman „Altneuland“, der seine träumerische Vision eines Judenstaates Substanz verleihen sollte, verrät offenkundig, was mit der jüdischen Religion in „Eretz Israel“ geschehen soll: Sie gehört auf dem Tempelberg verbannt und soll sich weder in der Verfassung noch im alltäglichen Leben wiederfinden. Denn wie solle sich das Judentum zwischen italienischen Restaurants, französischen Lusthäusern und deutschen Opernhäusern, in denen die Werke eines offenen Antisemiten Wagner beklatscht werden, einreihen?

In Gesprächen mit religiösen Würdenträgern und jüdischen Gelehrten, die Herzl für die Idee des Zionismus begeistern wollte, offenbarte sich der antireligiöse Impetus Herzls, der nicht selten zur Folge hatte, als Ketzer und Übertreter geächtet zu werden. In einer Diskussion mit dem „Kulturzionisten“ Achad Ha’am, wurde deutlich, dass Herzl zwar einen Judenstaat, jedoch keinen jüdischen Staat anvisierte. Der Historiker Brenner führt hierzu aus: Beide stimmten überein, daß dies kein religiöser Staat werden sollte, aber während Achad Ha’am eine neubelebte hebräische Kultur als Zentrum der neuen jüdischen Gesellschaft anstrebte, schrieb Herzl: ‚Kein hebräischer Staat – ein Judenstaat, wo’s keine Schande, ein Jud zu sein.‘ Herzl ging es um die Rettung der Juden vor physischer Bedrohung: ‚Unsere Bewegung ist aus der Not geboren, aus der Not der Juden in der ganzen Welt‘, heißt es bei ihm. Wo Herzl die Juden retten wollte, versuchte Achad Ha’am das Judentum zu retten. Für ihn bedeutete Herzls Plan nichts anderes als eine Assimilation auf kollektiver Grundlage. Was, so fragte er immer wieder, ist das Jüdische an Herzls Judenstaat? Denn für Achad Ha’am lag im möglichen Erfolg der Assimilation und der dadurch bedingten Auflösungstendenzen des Judentums die entscheidende Gefahr. Für Herzl dagegen stellte das Scheitern der Assimilation die größte Enttäuschung dar.

Nationalismus, Liberalismus und Säkularismus bildeten den Kern des europäischen Zionismus und seiner Vordenker. Es scheint daher nur folgerichtig, dass sich der Zionismus für die praktische Umsetzung des Judenstaates kolonialistische Mittel zu eigen machte. Erste jüdische Einwanderungen in Palästina waren bereits im Gange und die Errichtung zionistischer Siedlungen im Heiligen Land ging schrittweise voran. Doch schnell merkten die Zionisten, dass die alleinige Besiedlung des Landes, nicht automatisch die Errichtung des Judenstaates zur Folge hatte. Es bedurfte eines kolonialen Schutzherren, um die Pläne umzusetzen. Brenner merkte hierzu an: Auch wiesen der Ankauf von Land, dessen Bearbeitung und Besiedlung zweifellos Parallelen zu kolonialen Bewegungen auf, doch fehlte im Falle des Zionismus ein wesentliches Element: die Kolonialmacht, in deren Namen und zu deren Nutzen ein fremdes Land ausgebeutet werden sollte. Ohne diese Besonderheiten ist der Zionismus als modernes politisches Phänomen nicht zu verstehen. Weiter sagte Brenner: Zu unwichtig erschienen dem im Zeitalter des Kolonialismus aufgewachsenen Herzl die Ansprüche der eingesessenen Bevölkerung.

Das zeigt sich auch in Herzls Aussage: Wir haben die Toleranz in Europa gelernt. Jene „Toleranz“ ist den Muslimen in ihren eigenen aber auch in den westlichen Ländern durchaus bekannt. Während sie in Europa fortwährender Diffamierungen und Kriminalisierung ausgesetzt sind, erlebt die Umma in den muslimischen Ländern die harte Gewalt westlicher „Toleranz“ – sowohl durch Besatzungstruppen als auch durch die oktroyierten Vasallenherrscher.

Festhalten lässt sich, dass der Zionismus keine aus dem Judentum entsprungene Geisteshaltung ist, sondern eine Fortführung westlichen und kolonialistischen Denkens. Die Behauptung, dass der islamische Widerstand gegen das Konstrukt „Israel“ eine aus dem Islam entspringende antisemitische Haltung widerspiegele, entbehrt jeglicher historischer Tatsachen. Letztere belegen viel mehr, dass Juden und Muslime im Kalifat in Frieden lebten. Es ist die von den Briten und Franzosen geschaffene koloniale Ordnung, die seit nunmehr 100 Jahren Korruption, Instabilität und Krieg über den Nahen Osten gebracht hat. Der Genozid in Gaza ist nur das jüngste Beispiel und Ausdruck einer kolonialen Gewaltherrschaft, an deren vollständiger Überwindung kein Weg vorbeiführt.