Islamische Kultur Die islamische Botschaft – Teil 5

Dies ist der fünfte Teil der Einleitung in die gekürzte Exegese von Koranversen (tafsīr) der Sure al-Baqara, basierend auf dem Buch „at-Taysīr fī uṣūl at-tafsīr“ von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta.

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Bei genauer Untersuchung der aufgezeichneten und überlieferten arabischen Sprache wird deutlich, dass die Araber die Bezeichnungen und Bedeutungen ihrer Wörter aus vier Quellen schöpften:

Erstens: Al-ḥaqīqadie eigentliche Bedeutung des Wortes. Diese teilt sich in drei Gruppen auf:

a) Al-ḥaqīqa l-luġawīya – die eigentliche Bedeutung des Wortes in der Sprache (sprachliche Bedeutung): Hierbei handelt es sich um jene Bedeutung, die man einem Ausdruck (lafẓ) gegeben hat, als dieser ursprünglich in der arabischen Sprache festgelegt wurde. So bezeichnet beispielsweise der Begriff raʾs den höchsten Teil des Körpers, also den Kopf einer Person oder eines Tieres.

b) Al-ḥaqīqa al-ʿurfīya – die Bedeutung des Wortes in der Konvention der Araber (konventionelle Bedeutung): Es ist die Bedeutung eines Ausdrucks, die sich aus dem konventionellen Sprachgebrauch der Araber ergibt und anstatt der ursprünglich gegebenen Bedeutung verwendet wird. So wird beispielsweise der Begriff dābba konventionell nur für Lebewesen verwendet, die sich auf allen Vieren fortbewegen, anstatt ihn entsprechend seiner sprachlichen Bedeutung für alles zu gebrauchen, was sich auf Erden bewegt. Aufgrund der konventionellen Bedeutung werden mit dem Ausdruck jedoch ausschließlich vierbeinige Lebewesen bezeichnet.

    Diese wird als „allgemeine konventionelle Bedeutung“ (ḥaqīqa ʿurfīya ʿāmma) bezeichnet, weil sie zu einer allgemeinen Konvention unter den Arabern geworden ist.

    Darüber hinaus existiert auch die spezifische konventionelle Bedeutung (ḥaqīqa ʿurfīya ḫāṣṣa), die sich in der Terminologie jedes Fachgebiets wiederfindet. So bezeichnet in der Fachsprache der arabischen Grammatiker der Begriff fāʿil (Subjekt) denjenigen, der eine bestimmte Handlung ausführt.

    c) Al-ḥaqīqa aš-šarʿīya – die islamrechtliche Bedeutung des Wortes: Hierbei handelt es sich um jene Bedeutung, die durch die islamische Rechtsordnung (šarʿ) festgelegt wurde. Beispielsweise wird unter dem Begriff ṣalāt (Gebet) eine spezifische Wort- und Handlungsabfolge verstanden, anstatt ihn entsprechend seiner linguistischen Bedeutung für das allgemeine Bittgebet zu gebrauchen, wie es in der Zeit vor der Offenbarung üblich war.

    Zweitens: Al-mağāz – die metaphorische Bedeutung:
    In diesem Fall geht die Verwendung eines Ausdrucks über seine eigentliche Bedeutung hinaus. Aufgrund eines Indizes (qarīna) wird der Ausdruck für eine andere Bedeutung verwendet als die, wofür die er eigentlich vorgesehen war:

    a) Ein solches Indiz kann einerseits verhindern, dass die eigentliche Bedeutung (al-ḥaqīqa) verwendet wird, wobei ein Bezug dazu bestehen bleibt.

      1. Dies wird als mağāz mursal bezeichnet, wenn nicht auf etwas Ähnliches Bezug genommen wird. Beispielsweise heißt es im Koran:

      ﴿يَجْعَلُونَ أَصَابِعَهُمْ فِي آذَانِهِمْ

      Sie stecken ihre Finger in ihre Ohren.[2:19]

      Hier wurde der Finger als Ganzes erwähnt, während im übertragenen Sinne nur die Fingerspitzen gemeint sind, also nur ein Teil der Finger. Der Bezug besteht hier zwischen dem Ganzen und einem Teil davon.


      2. Als mağāz ʿaqlī (rationale Metapher)bezeichnet man den Fall, wenn nicht auf die Realität einer Sache Bezug genommen wird. Beispielsweise bedeutet die Aussage Der Herrscher hat die Stadt gebaut im Wortlaut, dass der Herrscher selbst die Stadt errichtet hat, obwohl dies in Wirklichkeit durch die Baumeister und Arbeiter geschehen ist, also durch jemand anderes als den Herrscher.

      3. Der Begriff istiʿāra (Entlehnung) bezeichnet seinerseits den Fall, wenn ein Bezug in der Ähnlichkeit besteht, wie beispielsweise im Satz: Ṣaʿadtu ilā raʾs al-ğabal. (Ich stieg auf den „Kopf“ (raʾs) des Berges (al-ğabal))“. So wird der arabische Ausdruck raʾs (Kopf, Haupt) auch für den Gipfel eines Berges verwendet, weil eine gewisse Ähnlichkeit bezüglich seiner eigentlichen Verwendung gegeben ist, denn eigentlich bezeichnet das Wort raʾs den Kopf des menschlichen Körpers.

      In all diesen Fällen verhindert das Indiz (qarīna), dass die ursprüngliche Bedeutung des jeweiligen Ausdrucks verstanden wird. Somit werden nicht die ganzen Finger „in die Ohren gesteckt“, auch war es nicht der Herrscher, der die Stadt mit eigenen Händen erbaut hat, und der Berg besitzt in Wirklichkeit keinen Kopf.

      b) Andererseits kann es durchaus sein, dass ein solches Indiz (qarīna) die eigentliche Bedeutung nicht ausschließt.

      Dies ist bei einer sogenannten Metonymie (kināya) der Fall. Beispielsweise wird mit der Aussage: naʾūm aḍ-ḍuḥā (wörtlich: die vormittags Schlafende) auf ein verwöhntes Mädchen angespielt, das sich um nichts zu kümmern braucht. In diesem Fall verhindert das Indiz (qarīna) jedoch nicht, dass die übertragene Bedeutung mit der eigentlichen Bedeutung der Aussage übereinstimmt, denn das Mädchen könnte tatsächlich den Vormittag schlafend verbringen.

      Drittens: Al-ištiqāq – die Ableitung:

      Wenn die Araber die Wurzel eines bestimmten Wortes in einer spezifischen Bedeutung verwendet haben, dann können auch alle Ableitungen nach den Mustern der Sprache entsprechend der mit der Wurzel verbundenen Bedeutung verwendet werden. Dies gilt unabhängig davon, ob die Araber diese neuen Ableitungen tatsächlich verwendet haben oder nicht. Wenn die Araber beispielsweise den Begriff salima in seiner wohl bekannten Bedeutung verwendet haben, und sie dabei sālim und salīm anstatt salmān zu sagen pflegten, so ist es nach dem Muster faʿlān zulässig, salmān als eine übersteigerte Form von salima zu verwenden. Dieses neue Wort wird als ein arabisches Wort erachtet, auch wenn es von den Arabern in dieser Form nicht verwendet wurde. Ausschlaggebend ist nämlich, dass sie die Wurzel eines abgeleiteten Wortes verwendet haben und dass seine Ableitung im Einklang mit ihren Ableitungsmustern erfolgt ist.

      Das Kapitel über Ableitungen ist umfangreich und wichtig. Aufgrund der Tatsache, dass alle Ableitungen durch eine allgemeine Bedeutung miteinander verbunden sind, sollte diesem Kapitel besondere Beachtung geschenkt werden.

      Viertens: at-taʿrīb – die Arabisierung:

      Existiert in einem fremden Sprachraum ein Begriff für einen Gegenstand, der dort verwendet wird, können die Araber diesen Gegenstand samt seinem Namen übernehmen, wobei sie das Fremdwort den arabischen Wortmustern anpassen. Im Zuge dessen ändern sie gegebenenfalls einige Buchstaben oder das Wort wird verlängert bzw. verkürzt, damit es ihrem Sprachmuster entspricht.

      Dadurch wird das Wort zu einem arabischen Wort, das von nun an dasselbe bezeichnet, was das Fremdwort ursprünglich bezeichnet hat. Beispielsweise verwenden die Araber die Begriffe: istabraq und sundus für dicke bzw. dünne Seide. Als diese Begriffe arabisiert wurden, d. h. als die Araber sie in ihren Wortschatz aufnahmen, nachdem sie die Buchstaben entsprechend den arabischen Mustern verändert hatten, wurden diese Begriffe zu arabischen Begriffen. Auf diese Weise wurden sie in Struktur und Bedeutung genauso arabisch wie all jene Wörter, die im Arabischen als ursprüngliche Bedeutungen, Metaphern oder Ableitungen definiert und seit jeher verwendet wurden.

      Die Arabisierung erfolgt bekanntlich nur bei greifbaren Dingen und nicht bei Ideen (konzeptionellen Angelegenheiten), denn die Araber arabisierten nur die Namen von materiellen Dinge, die sie aus fremden Ländern in ihre Heimat importierten, nachdem sie die Buchstaben im Einklang mit den Mustern ihrer Sprache verändert hatten.