Islamrechtliche F&A Die Arten des Denkens

Aus der Serie der Antworten von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta, des amīrs von Hizb-ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite / Rubrik fiqhī.

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Aus der Serie der Antworten von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta, des amīrs von Hizb-ut-Tahrir, auf die Fragen der Besucher seiner Facebook-Seite / Rubrik fiqhī.

Antwort auf eine Frage

Die Arten des Denkens

An Abu Abdullah Suleiman

(Übersetzt)

Frage:

As-salāmu ʿalaikum wa raḥmatullāhi wa barakātuh!

Im Buch „Die islamische Persönlichkeit – Teil 1“ heißt es im Kapitel „Der heutige Bedarf der Umma an Exegeten“: Deswegen ist es erforderlich, einen Stil zu entwickeln, der bei den Muslimen – erst recht bei den anderen – die Neigung und das Interesse weckt, Koranexegesen als ein intellektuelles, rational tiefgründiges und erleuchtendes Buch zu lesen. (S. 221, S. 302 im arabischen Original)

Ist das Wort „erleuchtendes” in diesem Kontext korrekt?

Antwort:

Wa ʿalaikum as-salām wa raḥmatullāhi wa barakātuh!

Das Wort „erleuchtend“ (mustanīra) ist in diesem Kontext richtig. Es gibt drei Denkarten: oberflächliches Denken, tiefgründiges Denken und erleuchtendes Denken. Ausführliche Informationen zu diesen drei Denkarten finden sich im Buch „Das Denken“ auf Seite 86-92 (S. 154 in der deutschen Übersetzung). Darin heißt es:

[Nun kann das Denken entweder oberflächlich, tiefgründig oder erleuchtend sein. Das oberflächliche Denken stellt das Denken der Allgemeinheit der Menschen dar. Tiefgründiges Denken ist bei Wissenschaftlern vorhanden. Und das erleuchtende Denken ist zumeist das Denken von Führern, von brillanten Wissenschaftlern und von hellen Köpfen aus dem gemeinen Volk. Oberflächliches Denken ist die bloße Übertragung der Realität ins Gehirn, ohne Anderes zu untersuchen und ohne den Versuch, das wahrzunehmen, was mit ihr verbunden ist. Die sinnliche Wahrnehmung wird mit den dazugehörigen Vorinformationen verknüpft, wobei man ebenso wenig versucht, andere, damit in Zusammenhang stehende Informationen zu finden. Schließlich wird daraus das oberflächliche Urteil gefolgert. Diese Art zu denken dominiert bei Gruppen, bei Menschen mit niedrigem Denkniveau und ebenso bei intelligenten Personen, die über keine Schulbildung verfügen und ungebildet sind. (…)

Tiefgründiges Denken bedeutet seinerseits, beim Denken in die Tiefe zu gehen. Anders ausgedrückt vertieft man sich in die Wahrnehmung der Realität und in die Informationen, die mit dieser Wahrnehmung verknüpft werden sollen, um die Realität (genau) zu begreifen. Der tiefgründige Denker begnügt sich also nicht mit der bloßen Wahrnehmung und dem bloßen Vorhandensein von Erstinformationen, um das Wahrgenommene – wie es beim oberflächlichen Denken der Fall ist – zu verknüpfen. Vielmehr wiederholt er die Realitätswahrnehmung und versucht, die Realität stärker und besser wahrzunehmen als zuvor – sei es durch den Vollzug eines Experiments oder durch die neuerliche sinnliche Empfindung. Auch sucht er nach weiteren Informationen, die er den Erstinformationen hinzufügt, und verknüpft diese erneut und besser mit der wahrgenommenen Realität – entweder mit zusätzlich gemachten Beobachtungen oder durch eine abermalige Durchführung des Verknüpfungsvorgangs. Durch diese Art wahrzunehmen und zu verknüpfen bzw. durch diese Art von Informationen gelangt er zu tiefgründigen Ideen, seien es unumstößliche Wahrheiten oder nicht. Wiederholt er diesen Vorgang und gewöhnt sich daran, dann ist bei ihm das tiefgründige Denken vorhanden. Tiefgründiges Denken bedeutet also, sich nicht mit der Erstwahrnehmung, nicht mit den Erstinformationen und nicht mit der Erstverknüpfung zu begnügen. Es stellt den zweiten Schritt dar, der auf das oberflächliche Denken folgt, und ist die Denkweise der Gelehrten und Intellektuellen, auch wenn es nicht notwendigerweise das Denken gebildeter Menschen ist. Somit bedeutet tiefgründiges Denken die Vertiefung der Wahrnehmung, der Informationen und der Verknüpfung.

Was das erleuchtende Denken anbelangt, so ist es das tiefgründige Denken selbst, ergänzt durch das Nachdenken über das, was sich in Umgebung der Realität befindet und mit ihr in Zusammenhang steht, um auf diese Weise zu wahren Resultaten zu gelangen. Anders ausgedrückt bedeutet tiefgründiges Denken, sich im Denkvorgang selbst zu vertiefen, während das erleuchtende Denken neben der Vertiefung im Denken auch das Nachdenken über das erfordert, was sich in seiner Umgebung befindet und damit zusammenhängt, und zwar mit dem beabsichtigten Zweck, wahre Resultate zu erlangen. Folglich handelt es sich bei jedem erleuchtenden Denken um tiefgründiges Denken, wobei sich erleuchtendes Denken niemals aus oberflächlichem Denken ergeben kann.

Allerdings ist nicht jedes tiefgründige Denken gleichzeitig erleuchtend. Der Atomphysiker zum Beispiel, der die Spaltung des Atoms untersucht, der Chemiker, der die Zusammensetzung der Moleküle analysiert, und der Rechtsgelehrte, der Rechtssprüche ableitet und Gesetze aufstellt – sie und ähnliche Personen wenden, wenn sie Dinge und Fragestellungen erforschen, das tiefgründige Denken an. Ohne Tiefgründigkeit hätten sie solch überwältigende Ergebnisse niemals erreichen können. Doch sind sie keine erleuchtenden Denker, auch kann ihr Denken nicht als erleuchtend erachtet werden. Daher darf es nicht verwundern, wenn man sieht, wie ein Atomphysiker ein Kreuz, also ein Stück Holz, anbetet, obwohl die einfachste Erleuchtung zeigt, dass dieses Holzstück weder nutzen noch schaden kann und nicht angebetet werden sollte. Auch darf man sich nicht wundern, wenn man sieht, dass ein rechtskundiger Jurist an Heilige glaubt und sich einem Menschen gleich ihm ausliefert, um ihm seine Sünden zu vergeben. Denn der Atomphysiker, der Jurist und ihresgleichen haben tiefgründig, aber nicht erleuchtend nachgedacht. Würden sie erleuchtend nachdenken, hätten sie nicht ein Stück Holz angebetet, nicht an die Existenz von Heiligen geglaubt und nicht die Vergebung von Menschen wie ihnen erbeten.

Zwar stimmt es, dass der tiefgründig Denkende tiefgründig in jener Sache ist, die er gerade erforscht und in nichts Anderem. So kann er tiefgründig beim Nachdenken über die Atomspaltung oder beim Entwerfen eines Gesetzestextes sein, aber einfältig, wenn es um andere Dinge geht. Das ist richtig. Wenn sich aber der Denkende an das tiefgründige Denken gewöhnt, dann wird ihn das veranlassen, bei den meisten Dingen, über die er nachdenkt, in die Tiefe zu gehen, insbesondere bei jenen Fragen, die mit dem fundamentalen Daseinsproblem, also mit der Lebensanschauung, zusammenhängen. Weil aber kein erleuchtendes Denken bei ihm vorhanden ist, wird er sich gleichzeitig an das tiefgründige, das oberflächliche und sogar an das einfältige Denken gewöhnen. Daher ist das tiefgründige Denken alleine nicht imstande, den Menschen zum Aufstieg zu führen und sein Denkniveau zu heben. Dafür wäre vielmehr eine Erleuchtung im Denken notwendig, damit das Denkniveau an sich angehoben wird.] (Ende des Zitats)

Bei Bedarf empfehle ich im Buch „Das Denken“ nachzulesen. Möge Allah mit dir sein!

Euer Bruder

ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta

05. Šaʿbān 1445 n. H.

15. Februar 2024 n. Chr.