Konzeptionen Der Gaza-Krieg als Chance für die Umma?

Gewaltsame Konflikte und Kriege bergen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Denn sie können den Weg für tiefgreifende politische Veränderungen ebnen. So zumindest sieht es die Konfliktforschung. Welche Chancen bietet aber der aktuelle Gaza-Krieg der Umma? Könnte er als Türöffner fungieren für einen politischen Paradigmenwechsel?

Der aktuelle Krieg gegen die Muslime in Gaza dauert nun schon länger als ein halbes Jahr an und hat an Brutalität nichts eingebüßt. Vielen erscheint die prekäre Lage der Menschen inzwischen als aussichtslos. Die täglichen Bilder der Leichen lassen die meisten Muslime zwar nicht kalt. Dennoch ist eine gewisse Resignation zu spüren und die Frage tut sich auf, wann das Sterben ein Ende nehmen wird. Unter diesem Eindruck ist bei vielen muslimischen Akteuren zugleich ein bedenklicher Trend zu beobachten, der Ausdruck dieser Haltung ist: Wäre es aufgrund der festgefahrenen Situation nicht langsam an der Zeit, wieder zur Tagesordnung überzugehen?

Obgleich solch eine Reaktion angesichts der Dauer und Vielzahl gewaltsamer Konflikte in der islamischen Welt zunächst verständlich erscheinen mag, dürfen sich die Muslime davon politisch nicht lähmen lassen. Denn die große Gefahr besteht darin, dass die Umma durch Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Resignation schließlich in Apathie verfällt und sich in politischer Hinsicht immer mehr als Zuschauer denn als Akteur begreift. Die Folge ist, dass man die Lösung der politischen Konflikte externen Akteuren überlässt und eine von Muslimen ausgehende fundamentale Veränderung damit in weite Ferne rückt. Die Umma muss vielmehr erkennen, dass auch erschütternde Ereignisse wie Kriege trotz der hohen Opferzahl und den verheerenden Folgen formativ wirken können. Der Gelehrte Taqi ad-Din an-Nabhani beschrieb in seinem Werk at-Takattul al-Hizbi, dass solche Ereignisse gerade aufgrund ihrer Heftigkeit das Potenzial besitzen, ein kollektives Empfinden innerhalb einer von Konflikten und Umbrüchen gezeichneten Gesellschaft hervorzurufen und im Zuge dessen in einen Denkprozess zu münden. Mit Blick auf die gegenwärtige Situation müssen die Muslime dazu übergehen, den Gaza-Krieg als ein formatives Ereignis zu begreifen, das ein derartiges kollektives Empfinden in der Umma auslöst. Der daraus resultierende Denkprozess soll eine kritische Auseinandersetzung mit den Konfliktursachen bewirken und infolgedessen die Umma in die Lage versetzen, aus ihren weltanschaulichen Grundlagen heraus Lösungen zu entwickeln. Dabei soll es nicht darum gehen, dass Konflikte auf diese Weise über Nacht verschwinden. Vielmehr leiten formative Ereignisse Phasen ein, die neben Risiken und Verunsicherung ebenso Chancen bieten und damit neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen.

Dass diese Entwicklung bereits eingetreten ist, zeigt sich deutlich am derzeitigen Gaza-Krieg, von dem die Muslime emotional äußerst erschüttert sind. Erkennen lässt sich das unter anderem daran, dass die muslimische Gemeinschaft seitdem viel bewusster als zuvor eine islamische Sichtweise auf den Konflikt einnimmt, womit auch eine islamische Lösung innerhalb der Umma immer anschlussfähiger geworden ist. Gleichzeitig hat der Gaza-Krieg besonders im innerislamischen Spektrum die Diskussion über die koloniale Ordnung, deren Ursachen und Folgen für die islamische Welt sowie die Notwendigkeit ihrer Überwindung ins Zentrum gerückt. Eine Beobachtung, die Politikern und Medienschaffenden hierzulande nicht entgangen ist und als höchst alarmierend gewertet wird. Der Journalist Eren Güvercin beispielsweise beschreibt in der Talksendung Markus Lanz, dass der 07. Oktober die Muslime besonders getriggert und elektrisiert habe – und das unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund oder ihrer tatsächlichen Religiosität. Dieser Umstand habe zu massiven Verwerfungen geführt und gerade muslimische Jugendliche empfänglich gemacht für eine ideologische Perspektive auf den Nahost-Konflikt, die Güvercin als äußerst problematisch sieht.

An genau diesem Punkt aber liegt die Chance für die mulimischen Akteure, den Gaza-Krieg zum Anlass zu nehmen, um die Weichen für einen Paradigmenwechsel in der Umma zu stellen. Denn die katastrophalen Auswirkungen der kolonialen Ordnung lassen sich vor allem an diesem Konflikt anschaulich darlegen. So ist die Entstehung des zionistischen Gebildes Israel ein fester Bestandteil dieser kolonialen Ordnung und die anschließende Vertreibung und Tötung der palästinensischen Bevölkerung nur die logische Konsequenz nationalstaatlicher Politik. Alle Versuche, diesen Konflikt zu befrieden, scheiterten an diesem ordnungspolitischen Konzept. Selbst die sogenannte Zwei-Staaten-Lösung, auf die einige Muslime nach wie vor setzen, würde die vorherrschende koloniale Ordnung nur weiter zementieren. Ebenso offenbart dieser Konflikt, wie sehr das System der Nationalstaaten die Umma in eine politische Selbstblockade getrieben hat; weder ist eine islamische Veränderung unter diesen Voraussetzungen möglich, noch ist dieses System in der Lage, die Interessen der Muslime zu wahren. Das Versagen, als auch der fehlende Wille sämtlicher Staaten der islamischen Welt, sich dem zionistischen Vernichtungskrieg in Gaza politisch und militärisch entgegenzustellen, offenbart diese Tatsache.

Vor diesem Hintergrund liefert der aktuelle Gaza-Krieg den Muslimen die Möglichkeit, eine schonungslose Bestandsaufnahme über ihren politischen Zustand vorzunehmen, jene Faktoren zu benennen, die ursächlich dafür sind, dass die Umma heute de facto politisch handlungsunfähig ist, als auch sämtliche Folgeerscheinungen zu diskutieren. Es muss sich die grundlegende Erkenntnis durchsetzen, dass ihre vitalen Interessen – ob in Palästina, im Sudan oder im Jemen – sich erst durch die Beseitigung der kolonialen Ordnung in Form der Nationalstaaten schützen lassen werden. Ebenso eröffnet sich die Chance, die islamische Lösung der Umma zu präsentieren, ohne dabei von den üblichen Kritikern aus den eigenen Reihen vorgeworfen zu bekommen, fortwährend einer Utopie nachzulaufen. Utopisch ist vielmehr die Vorstellung, dass sich die Lage der Umma durch die Erhaltung der kolonialen Ordnung ändern wird, während die Muslime zur Tagesordnung übergehen und letztlich als Zuschauer das Geschehen in Gaza weiterverfolgen. Mit der Gründung des Kalifats hingegen ist eine entscheidende Basis geschaffen, welche der Umma ihre politische Handlungsfähigkeit wiedergibt und damit zu einem staatlichen Akteur werden lässt.

Insofern dürfen gerade die muslimischen Akteure nicht dem Trugschluss verfallen, sich jetzt auf andere Themen zu konzentrieren mit der Schutzbehauptung, man habe doch zu Beginn des Konflikts bereits darüber gesprochen. Genauso wenig dürfen die muslimischen Akteure angesichts der aktuellen medialen Hetzkampagne gegen das Kalifat als islamische Staatsform den Fehler begehen, sich aus taktischen Gründen zurückzuziehen, bis die aufgeheizte Stimmung abgeklungen ist. Vielmehr ist es an der Zeit, trotz oder gerade wegen der festgefahrenen Situation im Gazastreifen als politisch relevanter Akteur aufzutreten und den Diskurs entscheidend mit zu beeinflussen. Die aufgeheizte Stimmung müssen die Muslime als Türöffner begreifen, um die Umma von der islamischen Lösung des Kalifats zu überzeugen – also einen Paradigmenwechsel zu vollziehen.

Statt bei Trigger-Themen wie dem Kalifat aus der Schusslinie zu gehen und damit die Deutungshoheit den Hetzern und Islamfeinden aus Politik und Medien zu überlassen, sollten formative Ereignisse genutzt werden, um in der Umma ein dezidiert islamisches Problem- und Lösungsbewusstsein zu schaffen.