Islamische Kultur Die islamische Botschaft – Teil 8

Dies ist der achte Teil der Einleitung in die Exegese (tafsīr) der Sure al-Baqara, basierend auf dem Buch „at-Taysīr fī uṣūl at-tafsīr“ von Scheich ʿAṭāʾ ibn Ḫalīl Abū ar-Rašta.

Im Namen Allahs des Erbarmungsvollen des Barmherzigen

Wie bereits erwähnt wurde, behaupten einige Leute, dass Metaphern (mağāz) weder in der arabischen Sprache noch im Koran existierten. Ihre Behauptung versuchen sie mit folgenden Hypothesen zu untermauern:

1. Bei allen Bedeutungen arabischer Begriffe, die von den Arabern verwendet wurden, würde es sich gleichermaßen um eigentliche (sprachliche) Bedeutungen (aqīqa) handeln. Warum sollte denn angenommen werden, dass zuerst eine bestimmte Bedeutung festgelegt wurde – diese somit die eigentliche Bedeutung eines Begriffes (aqīqa) sei – wenn später dennoch eine andere Bedeutung verwendet wird, sodass diese die eigentliche Bedeutung (aqīqa) umgeht und stattdessen als Metapher (mağāz) fungiert? Warum sollte man nicht stattdessen davon ausgehen, dass alle Bedeutungen eines Begriffes bereits von Anfang an festgelegt worden seien, um den entsprechenden Begriff gleichermaßen für verschiedene Zwecke zu gebrauchen? Demzufolge würde es sich bei einem derartigen Begriff in Wirklichkeit um ein Homonym (laf muštarak) handeln, das zugleich mehrere Bedeutungen besitzt.

    Beispielsweise führen sie an, dass die Araber das Wort raʾs (Kopf) verwendeten, um damit Folgendes zu bezeichnen:

    a. den Kopf eines Menschen oder Tieres (raʾs al-insān, raʾs al-ayawān);

    b. den Gipfel eines Berges (raʾs al-ğabal);

    c. den Ursprung einer Quelle (raʾs an-nabʿ).

      Daher sei es für sie verwunderlich, dass dieser Begriff in Wirklichkeit den Kopf eines Menschen bzw. Tieres bezeichnen soll und nur metaphorisch für den Berg bzw. für die Quelle stünde.

      Wie kann überhaupt festgestellt werden, dass dieser Begriff ursprünglich für Menschen bzw. Tiere gedacht war und nur metaphorisch für einen Berg bzw. für eine Quelle verwendet wurde?

      Da sie nicht in der Lage sind, diese Frage zu beantworten, sagen sie, dass es sich bei allen Bedeutungen dieses Begriffes um eigentliche Bedeutungen handeln würde, und der Begriff raʾs (Kopf) ein Homonym (laf muštarak) sei.

      Demnach wären alle seine Bedeutungen gleichrangig. Wenn wir diesen Begriff in einem Text lesen, erwögen wir zunächst all seine Bedeutungen und entschieden uns sodann für jene Bedeutung, die im jeweiligen Kontext am geeignetsten erscheint.

      Deshalb sei es nicht richtig, davon auszugehen, dass damit prinzipiell der menschliche Kopf als seine eigentliche Bedeutung (aqīqa) gemeint ist, und nur wenn diese Bedeutung nicht brauchbar erscheint, man annehmen soll, dass es sich um eine Metapher (mağāz) handelt. Vielmehr sollten alle Bedeutungen gleichzeitig erwogen werden, und was auch immer dem Kontext am ehesten entspricht, sei auszuwählen. Entsprechend dieser Ansicht besäße ein Begriff keine eigentliche Bedeutung (aqīqa), sodass er nur situationsbedingt als Metapher (mağāz) zu verstehen ist. Vielmehr würde es sich bei all seinen Facetten stets um aqīqas (eigentliche Bedeutungen) handeln, sodass keine dieser gleichrangigen Bedeutungen vor einer anderen Vorrang hätte, es sei denn, ein Indiz (qarīna) würde dies erforderlich machen.

      2. Außerdem behaupten sie, es sei von den früheren Generationen der Araber nicht überliefert worden, dass sie die Sprache in eigentliche Bedeutungen (aqīqa) und Metaphern (mağāz) unterteilt hätten. Würde die arabische Sprache sowohl aqīqa als auch mağāz enthalten, dann wäre dieses Merkmal in den Erzählungen bzw. Aufzeichnungen der Araber überliefert worden.

      Diese beiden Annahmen veranlassen manche Leute zu behaupten, in der arabischen Sprache gebe es keine Unterteilung in eigentliche Bedeutungen (aqīqa) und Metaphern (mağāz). Stattdessen seien alle Bedeutungen der von den Arabern gebrauchten Begriffe als eigentliche Bedeutungen (aqīqa) anzusehen, wobei ihre jeweiligen Bedeutungen als gleichrangig gälten.

      Aus ihren Hypothesen wird Folgendes ersichtlich:

      1. Sie bestätigen, dass die Araber all die verschiedenen Bedeutungen ihrer Wörter sowohl in ihrer Sprache als auch in der Sprache des Koran gleichermaßen angewendet haben.

      2. Die fehlende Unterteilung dieser Bedeutungen in eigentliche Bedeutungen (aqīqa) und Metaphern (mağāz) sei darauf zurückzuführen, dass man nicht wissen könne, welche dieser Bedeutungen zuerst zugewiesen wurde. Und da diese Bedeutungen bezüglich ihrer Verwendung alle gleichrangig seien, betrachten sie mehrdeutige Begriffe als Homonyme (laf muštarak).

      3. Beim Verstehen eines Textes habe die Verwendung einer Bedeutung keinen Vorrang vor einer anderen, somit würde der Begriff nicht eine eigentliche Bedeutung (aqīqa) besitzen. Folglich wäre er nicht nur dann metaphorisch zu verstehen, wenn seine eigentliche Bedeutung unpassend erscheint. Vielmehr würde es sich bei allen Bedeutungen eines Begriffes um eigentliche Bedeutungen (aqīqa) handeln und keine Bedeutung wäre einer anderen vorzuziehen, außer aufgrund eines Indizes.

        Nun stellt sich die Frage, ob es sich tatsächlich so verhält. Ist es wirklich unmöglich zu unterscheiden, wann es sich um die eigentliche Bedeutung eines Begriffes (aqīqa) handelt und wann um eine Bedeutung, die erst später verwendet wurde, weil ein Indiz die Verwendung der ursprünglichen Bedeutung verhindert?

        Des Weiteren stellt sich die Frage, ob es sich bei allen Wortbedeutungen, die von den Arabern verwendet wurden, jeweils um gleichrangige Bedeutungen handelt. Mit anderen Worten: Befinden sich sämtlicheBedeutungen eines Begriffs auf gleicher Stufe, sodass der Verstand eine Wortbedeutung der anderen nicht vorziehen würde? Oder ist es in Wirklichkeit so, dass beim Hören eines Ausdrucks zuerst eine bestimmte Bedeutung verstanden wird und nicht alle übrigen?!

        Wenn wir über diese Problematik nachdenken und sie eingehend untersuchen, stellen wir Folgendes fest:

        Wäre ein mehrdeutiger Begriff in Bezug auf all seine Bedeutungen tatsächlich ein Homonym (laf muštarak), würden einige seiner Bedeutungen nicht eher in den Sinn kommen als andere. Dies wäre der Fall, wenn alle Bedeutungen eines Begriffes gleichrangig wären. Doch in Wirklichkeit ist dies nicht der Fall.

        Beispielsweise verwendeten die Araber das Wort raʾs (Kopf), um damit den Kopf eines Lebewesens, aber auch um die Spitze („Kopf“) eines Berges oder die hochliegende Quelle („Kopf“) eines Flusses zu bezeichnen. Wird dieses Wort jedoch ohne einen Indiz (qarīna) verwendet, fasst der Verstand sofort den Kopf eines Menschen bzw. Tieres auf und nicht etwa den „Kopf“ des Berges oder Flusses. Denn nur in Verbindung mit einem Indiz (qarīna) würde dieser Begriff etwas anderes als den Kopf eines Lebewesens bezeichnen.

        Ebenso benutzten die Araber den Begriff yad (Hand) metaphorisch für Macht, wie beispielsweise im Satz: Yadu l-amīri taṭālu kulla ʿābi (die Hand des Herrschers gelangt zu jedem Unfug Treibenden). Sie benutzten ihn aber auch, um Großzügigkeit und Freundlichkeit auszudrücken, wie zum Beispiel in der Aussage: Lahu ʿindī baiḍāʾu yad (er hat eine weiße Hand bei mir). Wird das Wort yad allerdings ohne Indiz (qarīna) verwendet, fasst der Verstand darunter sofort die wohlbekannte Hand des Menschen auf. Denn auch dieser Begriff bezeichnet nur mit einem Hinweis (qarīna) etwas anderes als die menschliche Hand.

        Zahlreiche weitere Beispiele könnten an dieser Stelle genannt werden. Daraus wird ersichtlich, dass die verschiedenen Bedeutungen eines mehrdeutigen Begriffes nicht gleichrangig sind. Vielmehr können wir erkennen, dass einige Bedeutungen ursprünglich sind, sodass sie dem Menschen unmittelbar in den Sinn kommen, es sei denn, sie werden durch ein Indiz (qarīna) verhindert, während die übrigen Bedeutungen ein Indiz benötigen, um überhaupt erwogen zu werden. Wenn jedoch ein derartiges Indiz existiert, werden mehrdeutige arabische Begriffe für etwas anderes und nicht für ihre ursprüngliche Bedeutung verwendet, wobei eine gewisse Beziehung zur ursprünglichen Bedeutung gegeben ist. Von den Arabern wird dies als mağāz (Metapher) bezeichnet. In diesem Falle wird die eigentliche Bedeutung eines Begriffes auf eine andere Bedeutung übertragen, was aufgrund eines Indizes (qarīna) und einer Beziehung zur ursprünglichen Bedeutung erfolgt.

        Somit steht fest, dass in der arabischen Sprache sowohl eigentliche Bedeutungen (aqīqa) als auch Metaphern (mağāz) existieren, wobei primär die eigentliche Bedeutung (aqīqa) verstanden wird. Nur wenn es unmöglich ist, einen Begriff gemäß seiner eigentlichen Bedeutung (aqīqa) zu verstehen, wird er als Metapher (mağāz) aufgefasst.

        Bezüglich ihrer Aussage: Wenn es in der Sprache der Araber sowohl eigentliche Bedeutungen (aqīqa) als auch Metaphern (mağāz) gegeben hätte, wäre dies von ihnen in Wort oder Schrift überliefert worden. Diese Aussage stellt an sich keinen gültigen Beweis dar. Betrachtet man nämlich die früheren Araber, sei es in der vorislamischen Zeit (ǧāhilīya) oder während der Blütezeit des Islam, erkennt man unweigerlich, dass sie in ihrer Sprache sowohl eigentliche Bedeutungen als auch Metaphern zu verwenden pflegten. Allesamt wussten sie, wann es sich um die eigentliche Bedeutung des Wortes und wann um eine Metapher handelte. So kannten sie den Unterschied zwischen der Hand, die ein Glied des menschlichen Körpers bildet, und jener „Hand“, die Macht oder Großzügigkeit bedeutet. Ebenso konnten die Araber mühelos zwischen dem Kopf des Menschen und dem „Kopf“ eines Berges oder Flusses unterscheiden. Sie wussten, dass es sich im ersten Fall um die eigentliche Bedeutung des Wortes handelt, weil dafür kein Indiz (qarīna) erforderlich ist, und im zweiten Fall um eine übertragene Bedeutung, weil dafür sehr wohl ein Indiz erforderlich ist. […] An dieser Stelle sollte auch angemerkt werden, dass sämtliche Terminologien der arabischen Sprachwissenschaften, ebenso wie der Koran-, Hadith-, fiqhund uṣūl-Wissenschaften erst nachträglich eingeführt wurden. Dies geschah zu einer Zeit, als die Araber in ihrer Sprachbeherrschung bereits Schwächen aufwiesen und das Arabische zu verkümmern drohte. Um diese Gefahr zu bannen, wurden die genannten Wissenschaften gegründet und mit den entsprechenden Fachbegriffen ausgestattet. Dadurch konnte ermittelt und festgehalten werden, wie die früheren Araber gesprochen haben, sodass seither eine Normierung der arabischen Sprache vorliegt.

        Im Zuge dessen wurden Fachbegriffe normativ festgelegt, um die Bedeutung von Wörtern zu klären und einzuteilen, wodurch wohlbekannte Terminologien wie manṭūq und mafhūm (Wortlaut und Sinngehalt), muštarak, murādif und mağāz (Metapher, Synonym und Homonym) und ähnliche entstanden. Nur weil in früherer Zeit keine wissenschaftliche Diskussion über Metaphern (mağāz) und eigentliche Bedeutungen (ḥaqīqa) stattgefunden hat, ist dies kein Beleg dafür, dass sie in der arabischen Sprache nicht existiert hätten.